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Wettlauf um Drittmittel - Gefahr für eine unparteiliche Wissenschaft?

von Michael Hartmann

Die veränderte Hochschulfinanzierung, in der der Anteil der staatlich erbrachten Grundmittel immer geringer und die Bedeutung der Drittmittel immer größer wird, hat Konsequenzen für die wissenschaftliche Arbeit an den Hochschulen. Ist durch den Wettlauf um Drittmittel das Ideal einer unparteilichen Wissenschaft in Gefahr?

Der "Hamsterrad"-Effekt© Ingrid Prats - iStockphoto.comDer "Hamsterrad"-Effekt beschreibt das Problem: Drittmittel sind nicht länger zusätzliches Geld für die Forschung, sondern vielmehr Grundbedingung zum Forschen
Im Sommer des letzten Jahres nutzte der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Wolfgang Marquardt, den Bericht zu "aktuellen Tendenzen im Wissenschaftssystem" dazu, auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die der Wissenschaft durch die veränderte Hochschulfinanzierung drohen. Die Forschung an den deutschen Hochschulen, d.h. in erster Linie an den Universitäten, gerate in eine immer größer werdende Abhängigkeit von externen Geldgebern. Nun war es auch früher nicht so, dass es in der Wissenschaft nur um die reine Wahrheit ging und um nichts anderes. Es gab auch in den vergangenen Jahrzehnten die direkt in den Unternehmen stattfindende sowie die von Unternehmen finanzierte anwendungsorientierte Forschung an den Hochschulen, die selbstverständlich von wirtschaftlichen Interessen bestimmt war. Außerdem machten gesamtgesellschaftliche Interessenkonflikte (wie etwa die um die Kernenergie oder die Deregulierung der Finanzmärkte) vor den Toren der Universitäten ebenfalls nicht halt. Insofern war die Unparteilichkeit der Wissenschaft immer eher ein Ideal als die Wirklichkeit.

Das magische Wort "Drittmittel"

Dennoch hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten unter dem Primat der Deregulierung und Ökonomisierung öffentlicher Aufgaben und Einrichtungen ein Wandel ereignet, der für die Zukunft vor allem der universitären Forschung gravierende Konsequenzen haben dürfte. Die entscheidenden Charakteristika dieses Wandels sind zum einen die Verschiebung der Hochschulfinanzierung weg von den staatlich erbrachten Grundmitteln zu den Drittmitteln, zum anderen die zunehmende Orientierung der Grundmittelvergabe an sogenannten Leistungsindikatoren, unter denen die Drittmittel stets einen der wichtigsten darstellen. Was den ersten Punkt betrifft, so weist Marquardt zu Recht darauf hin, dass zwischen 1995 und 2008 die Grundmittel nur um sechs Prozent gestiegen sind, die Drittmittel sich demgegenüber mehr als verdoppelt haben. Dadurch sind die Drittmittel von elf auf fast 20 Prozent des Budgets angewachsen. In den Jahren nach 2008 hat sich dieser Trend weiter verstärkt. Allein in 2009 wurden die Drittmitteleinnahmen nochmals um fast zehn Prozent gesteigert, die Grundmittel gerade mal um gut zwei Prozent. Mittlerweile dürfte der Anteil der Drittmittel die 20 Prozent Marke deutlich überschritten haben. Bei den universitären Forschungsausgaben dürfte sich das Verhältnis sogar umgekehrt haben, der Anteil der Drittmittel seit 1995 von einem auf zwei Drittel gestiegen sein. Gleichzeitig hat sich die sogenannte leistungsorientierte Mittelverteilung durchgesetzt. Je nach Bundesland wird ein (mehr oder minder großer) Teil der Hochschulgelder anhand von ein paar zentralen Kriterien vergeben. Zu ihnen gehört immer der Umfang der Drittmittel, der allein bis zu 40 Prozent der Bewertung ausmacht.

Der Wettlauf um die Gelder

Diese durchgreifende Veränderung hat Konsequenzen für die wissenschaftliche Arbeit an den Hochschulen, und das gleich auf mehreren Ebenen. Am gravierendsten dürften dabei der "Hamsterrad"-Effekt und die Auswirkungen auf die Einstellung des wissenschaftlichen Nachwuchses zur Forschung sein. Das Hamsterrad funktioniert so: die Grundmittel steigen real kaum noch, obwohl die Anforderungen durch die massiv wachsenden Studierendenzahlen erheblich zunehmen. Der Wettlauf um die Gelder des jeweiligen Bundeslandes wird allein dadurch schon intensiver. Dann greifen die Leistungskriterien. Deshalb muss jede Hochschule, will sie nicht Kürzungen riskieren, die Drittmitteleinwerbung steigern. Da alle das wissen und dementsprechend handeln, führt es zu dem (bei den Kassenärzten von früher her bekannten) Effekt, dass alle die entsprechenden Kennziffern immer umfangreicher und schneller erfüllen. Das bedeutet in der Konsequenz, dass selbst eine Steigerung bei den Drittmitteln (und den anderen Leistungsindikatoren) mit einer Senkung der Grundmittel Hand in Hand gehen kann. Das haben manche Hochschulen (selbst ausgesprochen erfolgreiche wie die TU Berlin) in den letzten Jahren schmerzlich erfahren müssen. Letztlich bedeutet das: die Einwerbung von Drittmitteln wird immer mehr zur zwingenden Notwendigkeit, will man überhaupt noch Forschung betreiben. Drittmittel sorgen nicht dafür, dass man zusätzliches Geld für die Forschung ausgeben kann, wie das früher einmal der Fall war, sie werden mehr und mehr zur Grundbedingung für Forschung überhaupt. Unter diesen Bedingungen muss sich jeder Wissenschaftler sehr überlegen, was er wo beantragt. Riskante Forschungsvorhaben, deren Förderung fraglich ist, werden noch stärker als zuvor schon gemieden, solche, die sich im Mainstream bewegen, noch stärker bevorzugt. Außerdem wächst die Neigung, den Vorgaben oder Wünschen der potenziellen Geldgeber entgegen zu kommen.

Konsequenzen für die Berufungspraxis

Der Einfluss, den diese Entwicklung auf das Denken und Handeln des wissenschaftlichen Nachwuchses ausübt, ist dauerhaft vielleicht noch bedenklicher. Junge Wissenschaftler lernen heute eines sehr schnell: die Bedeutung von Drittmitteln. Sie bekommen mit, dass die Verteilung der Gelder auf Hochschul-, Fachbereichs- oder sogar Institutsebene immer häufiger von denselben Indikatoren bestimmt wird, die für die leistungsorientierte Mittelvergabe auf Landesebene ausschlaggebend sind. Je mehr Drittmittel eine Einheit einwirbt, mit umso mehr Grundmitteln darf sie rechnen. Das hat auch Konsequenzen für die Berufungspraxis. Mitarbeiter, die in Berufungskommissionen sitzen, merken das mittlerweile fast regelmäßig. Bewerber und Bewerberinnen versuchen zu punkten, indem sie angeben, wie viele Drittmittel sie im Falle ihrer Berufung mitbringen würden. Sie machen das, weil sich herumgesprochen hat, dass die mitgebrachten Drittmittel immer häufiger ein zentrales Element der Berufungsentscheidung darstellen. Für Nachwuchswissenschaftler ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung. Wollen sie eine Chance im Rennen um die begehrten Professuren haben, müssen sie möglichst viele Drittmittel akquirieren. Das beinhaltet die Gefahr, dass nicht mehr die eigenen Forschungsinteressen maßgeblich sind für die wissenschaftliche Arbeit, sondern die Aussicht auf Drittmittel. Risikofreude und Unabhängigkeit werden dadurch sicherlich nicht gefördert. Die geschilderten Effekte sind in ihrer Wirkung auf die wissenschaftliche Forschung an den Hochschulen, besonders an den Universitäten, eindeutig. Innovative Forschungsprojekte werden immer schwerer durchzusetzen sein. Das dürfte die Qualität der Wissenschaft hierzulande auf Dauer spürbar negativ beeinflussen.


Über den Autor
Michael Hartmann ist Professor für Elite- und Organisationssoziologie an der TU Darmstadt. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört außerdem Management- und Hochschulforschung im internationalen Vergleich.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2012

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