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Charme und Risiko - Wie sollten Wissenschaftler in Interviews agieren?

VON JUTTA VON CAMPENHAUSEN

Wenn Journalisten Wissenschaftler um ein Gespräch bitten, haben Wissenschaftler schon mal ein ungutes Gefühl. Welche Regeln sollten beide Seiten beachten, und was sind die Kriterien für ein gelungenes professionelles Interview?

Charme und Risiko - Wie sollten Wissenschaftler in Interviews agieren?© Gajus - Fotolia.comWissenschaftler sollten Interviews nutzen, um ihre Forschung zu positionieren
Hätten Sie Zeit für ein kurzes Interview? Allein die Frage löst bei vielen Wissenschaftlern Unbehagen aus. Wer hat schon Zeit? Und was sagt man einem Journalisten, der möglicherweise voller Vorurteile und unwissend ist?

Der Jülicher Kommunikationswissenschaftler Hans-Peter Peters befragte mit Kollegen 1.600 Wissenschaftler nach ihrem Umgang mit Medien und Journalisten.

Ergebnis: Die Mehrheit der Geisteswissenschaftler hatte in den vergangenen drei Jahren mehr als fünf Medienkontakte, bei den Naturwissenschaftlern kommen 20 Prozent auf diese Zahl.

Schlechte Erfahrungen haben dabei nur drei Prozent der Forscher gemacht; 60 Prozent dagegen bewerteten die Gespräche als gut.

Fast alle Medienkontakte gelten im Volksmund als "Interview." Oft rufen Journalisten nur an, um Hintergrundinformationen vom Fachmann zu einem Thema zu bekommen.

Sie bitten um eine Einschätzung und zitieren möglicherweise nur ein paar Sätze. Interviews, die als gedruckte oder gesendete Frage-Antwort-Folge erscheinen, nennen Journalisten Wortlautinterviews.

Ob groß oder klein, prominent oder lokal - Interviews zu geben kostet meist wenig Mühe und bedient nicht nur den Anspruch der "Öffentlichkeit" auf Mitteilungen aus dem oft öffentlich finanzierten Wissenschaftsbetrieb.

Ein gut gemachtes Interview dient dem Verständnis für die Wissenschaften, positioniert die akademische Institution und zeigt Forscher als wortgewandte Experten. Medientrainings können helfen, schwierige Interviewsituationen souverän zu meistern.

Doch richtig schwierig wird es zum Glück selten. Natürlich sollte vorher klar sein, wozu das Gespräch dienen soll: Hintergrundinformation, ein Zitat oder ein Wortlautinterview? Wo soll der Schwerpunkt liegen? Möglicherweise geht es um ein Thema, das der Befragte gar nicht selbst bearbeitet, dann braucht es ein wenig inhaltliche Vorbereitung.

Niemals widersprechen

Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass es in Interviews vor allem um Fakten gehe. Nach einer Woche kann niemand im Detail reproduzieren, was ein Gegenüber bei einem Abendessen sagte. Aber ob das Gespräch angeregt und gut war und der Mensch klug, kompetent und vertrauenswürdig - das bleibt hängen. Die wichtigste Regel für Interviews in elektronischen Medien lautet deshalb: niemals widersprechen.

Das heißt aber nicht, dass man allem zustimmen muss. Aber auch abwegige Fragen und falsche Unterstellungen oder absurde Vorgaben sollte man nicht als abwegig, falsch und absurd zurückweisen, weil das den Interviewer angreift. Vielmehr nimmt ein kluger Gesprächspartner sie als Vorlage, um die Dinge gerade zu rücken. "Dass diese Ängste existieren, wissen wir und nehmen sie ernst, aber..."

"Sie haben Recht, das wäre schlimm. Aber in Wirklichkeit...." "Es überrascht mich, dass Sie das so fragen, denn..." Wer Fragen nicht beantwortet, wirkt verschlossen und unglaubwürdig, wer Fragen als zu dumm abtut, wirkt arrogant und abgehoben. Zwar gilt der Satz "Wer fragt, der führt." Doch kann ein gewieftes Gegenüber die Fragen freundlich in die gewünschte Richtung biegen.

Die Tatsache, dass ein Journalist tendenziös fragt, zeigt, dass hier Redebedarf herrscht. Wer darauf nicht eingeht, riskiert unterbrochen zu werden, und dann wird das Interview mühsam. Eine offene, sachliche Gesprächsatmosphäre schafft weniger der Journalist als sein Gegenüber, das sich nicht provozieren lässt, freundlich bleibt und sich nicht zu fein ist, auch scheinbar Einfaches bei Bedarf zu erklären und Vorurteile geduldig auszuräumen.

Autorisierung

Es gehört zum Charme, aber auch zum Risiko eines Fernsehinterviews, dass es zwar gekürzt, aber nicht mehr korrigiert werden kann. Das ist bei einem gedruckten Interview anders. Bevor es erscheint, darf der Befragte den Text autorisieren - das sehen die Richtlinien der Journalistenverbände vor. Sicherheitshalber sollte vor dem Gespräch geklärt sein, ob das fertige Interview autorisiert werden soll.

Dazu machen die Gesprächspartner am besten gleich aus, wann der Text geschickt und wann er freigegeben wird. Die Autorisierung muss sich allerdings auf sachliche und sprachliche Korrekturen beschränken. Sie ist weder eine Gelegenheit, jetzt noch all die guten Formulierungen unterzubringen, die einem regelmäßig zu spät einfallen, noch eine Chance, Fachtermini hineinzuquetschen oder Formulierungen durch Satzverlängerungen und Literaturhinweise aufzuhübschen. Es gehört zum Wesen eines Interviews, dass es gesprochen wurde.

Ein Interview ist keine Vorlesung und nicht der Ort, die Forschungsergebnisse der letzten 15 Jahre zu referieren. Auf die Frage, was ein Auto ausmacht, sollte man deshalb weder die Funktionsweise des Verbrennungsmotors noch die Erfindung des Fließbandes erklären, sondern das, was jeder Mensch unter Auto versteht: Ein Fahrzeug, mit dem man Menschen und Last schnell transportieren kann.

Wenn der Journalist es genauer wissen möchte, wird er gezielt nachfragen. Das dient dem Gesprächsfluss und ist wesentlich einfacher und eleganter als einen Wissenschaftler zu bremsen, der sich in irrelevanten Details verliert.

Einordnen und bewerten

Weniger als die Details eines komplexen molekularen Vorgangs interessiert den Laien die Frage, was er davon halten soll. Expertengespräche sind deshalb so wertvoll, weil sie Dinge einordnen und bewerten. Deshalb lohnt es sich, vorher zu überlegen, wie man zu politischen Entscheidungen oder Veröffentlichungen von Kollegen steht.

Dann wird man von entsprechenden Fragen nicht überrumpelt und läuft nicht Gefahr, undiplomatisch oder unentschlossen zu wirken. Ist das, worüber wir sprechen, ein Skandal oder ein Durchbruch, banal, gefährlich oder interessant? Und warum?

Schwierige Sachverhalte und komplizierte Vorgänge erklärt man am besten mit einem passenden Bild. Sicher, nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Aber auch ein noch so komplexes Forschungsobjekt hat Eigenschaften, die andere, Laien vertrautere Dinge auch haben. Gute Bilder drängen sich nicht auf, sie müssen gefunden werden. Es lohnt sich, in Gedanken mit Bildern zu spielen, um gute Analogien zu finden. Ist der Aspekt, um den es geht, nicht ein wenig wie dies oder vergleichbar jenem?

Beispiele gibt es genug: Der Euro im Portemonnaie ähnelt in nichts dem Mineralwasser im Glas - oder? Aber Geld versickert, Konten werden eingefroren und Geldquellen sprudeln - Geld hat offenbar Eigenschaften, die sich gut mit Wasserbildern verdeutlichen lassen.

Zum Glück muss nicht alles in Alltagssprache übersetzt werden. Wenn der Journalist gut fragt und ein Wissenschaftler besonnen antwortet, sind auch Fremdworte keine Verständnishindernisse - im Gegenteil.

Für eine Masterarbeit produzierte eine Medienwissenschaftlerin drei Radiobeiträge über ein medizinisches Thema. Der eine enthielt acht, der zweite vier Fachtermini, im letzten waren alle Fachworte übersetzt worden.

Die Testhörer, allesamt Medizinlaien, sollten das Gehörte schriftlich nacherzählen. Dabei schnitt die Gruppe am besten ab, die den Beitrag mit vier Fachbegriffen gehört hatte.

Offenbar helfen neue Worte, neue Sachverhalte richtig zu benennen und abzuspeichern. Wer sein Gegenüber und sein Publikum ernst nimmt und es weder über noch unterschätzt, kann seine Botschaft in einem Interview weit bringen.


Über die Autorin
Jutta von Campenhausen ist Biologin und Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Sie beschäftigt sich als freie Dozentin mit Wissensvermittlung und Wissenschaftskommunikation.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2015

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