Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Wie viel Hilfe braucht eine Promotion?

von Friederike Lübke

Beim Schreiben einer Doktorarbeit kann man sehr einsam sein. Graduiertenkollegs versprechen mehr Betreuung.

Wie viel Hilfe braucht eine Promotion?© jlokij - photocase.deVerschiedene Wege führen zur Promotion
Nichts haben sie ihr anhaben können, die Skandale der vergangenen Jahre: Die Promotion ist gefragt wie nie. An die 27.700 Doktoranden haben 2013 eine Arbeit abgeschlossen - viele von ihnen in einer Schule. Graduiertenschulen oder Graduate Schools bieten den Promovenden die Möglichkeit, ihre Doktorarbeit in einem strukturierten Programm zu schreiben, für das man sich bewerben muss. Die Doktoranden erhalten ein Vollstipendium, schließen eine offizielle Betreuungsvereinbarung ab und werden von mehreren Professoren begleitet. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit besuchen sie zusätzliche Seminare.

Gehört dieser strukturierten Promotion auch in den Geisteswissenschaften die Zukunft? Haben die Abschlussarbeiten eine höhere Qualität, sind die Doktoranden glücklicher? Das hatte man sich erhofft, als man die Graduiertenschulen vor 15 Jahren nach amerikanischem Vorbild auch in Deutschland einführte.

Die strukturierte Promotion ist das Gegenstück zur individuellen Promotion. Auf diesem traditionellen Weg zum begehrten Titel schreibt man seine Dissertation bei nur einem Professor. Der hilft, das Thema zu finden, berät und begleitet bei der Forschung. Häufig ist der Nachwuchswissenschaftler Mitarbeiter an seinem Lehrstuhl. Doch kann dieses Meister-Schüler-Verhältnis Abhängigkeit nähren, Erwartungen enttäuschen und falsche Einschätzungen fördern. Ohne einen festen Rahmen zieht sich das Schreiben der Dissertation oft sehr lange hin. Wie viele solcher individuellen Promotionen niemals zum Ende kommen, weiß keiner.

Schon im Jahr 2002 hatte der Wissenschaftsrat deshalb auf die Vorteile strukturierter Programme verwiesen. Die Kollegs versprächen den jungen Wissenschaftlern ein festes Gerüst und klar definierte Leistungen, hieß es. Als dann 2011 Karl-Theodor zu Guttenberg seinen in einer individuellen Promotion erworbenen Doktortitel verlor, wiederholte das Gremium diese Einschätzung.

Die Hochschulrektorenkonferenz stimmte zu und legte 2012 mit einem Papier zur Qualitätssicherung in Promotionsverfahren nach, in dem es heißt, dass jede Promotion von einer Strukturierung der Promotionsphase profitiere. »Besonders geeignet sind strukturierte Promotionsprogramme, die auch fachübergreifende Kompetenzen vermitteln.« Mittlerweile gibt es Graduiertenschulen an fast allen Universitäten.

Die Zahl der Kollegs wächst von Jahr zu Jahr. Dabei ist die Überlegenheit der strukturierten Promotion für die Geisteswissenschaften nicht bewiesen. Die Autoren des Bundesberichts für den wissenschaftlichen Nachwuchs haben die Aussagen dreier Doktorandengruppen ausgewertet: Promovenden, die frei schreiben, Promovenden, die als wissenschaftliche Mitarbeiter angestellt sind, und solche in strukturierten Programmen.

Zwar zeigen sich Unterschiede darin, wie oft die Doktoranden Kontakt zu ihrem Betreuer haben. In der Zufriedenheit jedoch ähneln sich die Gruppen. Bei inhaltlichen und methodischen Fragen und dem Ausbau beruflicher Kontakte waren die wissenschaftlichen Mitarbeiter sogar zufriedener als ihre Kollegen in strukturierten Programmen.

Spricht man mit Professoren an forschungsstarken Universitäten wie Heidelberg, Frankfurt am Main oder Mainz, ergibt sich dasselbe Bild. »Ich sehe keine Qualitätsunterschiede, die sich auf die Form zurückführen ließen«, sagt Professor Jan Kusber von der Universität Mainz. Der Professor für Osteuropäische Geschichte hält die Betreuung nach wie vor für ein Vertrauensverhältnis. Ob es mehr Regeln gebe oder weniger, würde daran nichts ändern.

Beatrix Busse, Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Heidelberg und Sprecherin der Graduiertenschulen ihrer Hochschule, ist zwar »eine Verfechterin der strukturierten Promotion«. Trotzdem sagt sie: »Die Individualpromotionen sind genauso gut und wichtig wie die Promotionen in den Kollegs.« Und Guido Pfeifer von der Universität Frankfurt plädiert dafür, »dass das System in seiner Breite erhalten bleibt«, also auch in Zukunft viele Wege zur Promotion führen.

Ganz so einfach ist das allerdings nicht, denn je mehr Studenten sich zur Doktorarbeit entschließen, desto lauter wird die Frage: Was soll die Promotion eigentlich? Die Hochschulrektorenkonferenz schreibt in ihrem Papier zur Qualitätssicherung: Die Promotion »verkörpert eine eigenständige Forschungsleistung«. Ähnlich steht es in allen Hochschulgesetzen der Bundesländer. In Deutschland soll die Promotion also keine dritte Phase des Studiums sein wie in anderen Staaten Europas, nicht bloß ein weiterer Schritt nach Bachelor und Master.

Die Praxis sehe freilich anders aus, sagen Kritiker. »Schizophren« sei die Situation in der Wissenschaftspolitik, findet Jürgen Mittelstraß, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker an der Universität Konstanz. »Es gibt keine Klarheit, ob Promovenden studieren oder ob sie junge Forscher sind.« Mehr Struktur habe nämlich auch Nachteile: Wenn die Doktoranden etwa durch die Pflichtseminare im Kolleg von ihrer Promotion abgelenkt werden. Wenn die Promotionsphase genauso durchgetaktet wird wie das Studium. »Können Sie sich Einstein in einem Graduiertenkolleg vorstellen?«, fragt Mittelstraß, »Verschulung verträgt sich nicht mit Forschung.«

Einen Mittelweg hat die Universität Frankfurt gefunden. 2009 wurde dort die Goethe Graduate Academy gegründet, kurz Grade. Sie bietet Seminare und Coachings an, vom Englischkurs bis zur Karriereplanung für Frauen. Promovierende aller Fachbereiche und Promotionsformen können Mitglied werden. Welche und wie viele Angebote sie besuchen, bleibt ihnen überlassen. »Doktoranden müssen frei bleiben, sonst erzieht man sie zur Unmündigkeit«, sagt die Grade-Geschäftsführerin Heike Zimmermann-Timm.

An der Universität Frankfurt promovieren aktuell mehr als 6.000 Doktoranden. Nur wenige werden in der Wissenschaft bleiben. Die Graduiertenschule soll ihnen helfen und zugleich die Professoren entlasten. Inhaltlich mischt sie sich nicht ein.

Aus DIE ZEIT :: 29.01.2015