Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Wie der Mittelverstand die neue Chemikalienverordnung umsetzt

von Rüdiger Herpich

Unterschiedliche Fristen zur Neueinstufung und Kennzeichnung für Stoffe und Gemische bedeuten für Unternehmen mit hoher Produktvielfalt und komplexen Kundenstrukturen viel Mehrarbeit. Dabei ist wichtig, die Umstellungen sowohl intern als auch extern frühzeitig zu kommunizieren. Dann wissen Mitarbeiter wie Kunden: Die neue Kennzeichnung macht das Produkt nicht gefährlicher.

Wie der Mittelverstand die neue Chemikalienverordnung umsetzt© T. Michel - Fotolia.comDie neue Chemikalienverordnung kann zu Missverständnissen führen
Die Industrie muss bis Ende Mai 2015 Gemische neu einstufen und kennzeichnen. Die Frist für Stoffe war bereits am 1. Dezember 2010 abgelaufen [Nachr. Chem. 2010, 58, 670]. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) verfügen selten über große Zentralbereiche, die Produkte schnell entsprechend der neuen Kennzeichnungsrichtlinien umstufen könnten.

KMU produzieren einen großen Teil der im Markt verfügbaren Stoffe und Zubereitungen. Die Produktkataloge sind geprägt von einer hohen Variantenvielfalt bei eher kleinen Verkaufsmengen. Technisch erklärungsbedürftige Produkte und in der Zusammenarbeit mit Kunden entwickelte Problemlösungen führen zu komplexen Portfolios. Unternehmen mit derartigen Strukturen, oft Formulierer, bedienen mit ihren Spezialprodukten Nischenmärkte außerhalb der Chemie.

Ist das Produkt giftig oder gesundheitsschädlich?

Um die neue Verordnung umzusetzen, ist ein straffes Projektmanagement bei der schrittweisen Neueinstufung der Produkte in den Abteilungen für Umweltmanagement, Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit (Environment, Health and Safety, EHS) notwendig. Hierfür sind ausreichend Ressourcen einzuplanen, um alle Produkte (Gemische) fristgerecht zu berücksichtigen.

Die Umstufung in den nächsten zweieinhalb Jahren birgt die Gefahr für unternehmensinterne und -externe Missverständnisse. Denn die Grenzwerte vieler Gefahrenmerkmale in den Abstufungen von sehr gefährlich, gefährlich bis zu weniger gefährlich decken sich nicht mit den Grenzwerten der bisher geltenden Stoffrichtlinie 67/548/EWG. So erscheinen Zubereitungen, die bis dato bei LD50-Werten für die "Akute Toxizität, Ratte" von 200 bis 299 mg·kg-1 als gesundheitsschädlich eingestuft werden, unter der neuen Verordnung als giftig (siehe Abb. 1).

Reach, CLP und GHS

Die EG-Verordnung Nr. 1907/2006 zur Registrierung, Bewertung und Zulassung von Chemikalien (Registration, Evaluation, Authorisation of Chemicals, Reach) gilt seit dem 1. Juni 2007 [Nachr. Chem. 2010, 58, 672]. Die EG-Verordnung Nr. 1272/2008 über die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen (Regulation on Classification, Labelling and Packaging of Substances and Mixtures, CLP) heißt auch GHS-Verordnung (wegen der Implementierung des Globally Harmonised System of Classification and Labelling of Chemicals der Vereinten Nationen in die EU) und gilt seit dem Jahr 2009 für Stoffe. Zubereitungen müssen nach CLP/GHS in Europa bis Mitte 2015 neu eingestuft und gekennzeichnet werden.
Ohne Änderungen der Zusammensetzungen, der Rezepturen oder intrinsischen Eigenschaften scheint das Produkt durch die Umstufung gefährlicher geworden zu sein. Dies erfordert eine intensive Kommunikation in der Produktion. Sowohl die Betriebe als auch die EHS-Abteilungen müssen die neuen Einstufungsgrenzwerte und dazu passende Maßnahmen im Arbeitsschutz erläutern. Ebenso sind die Betriebsanweisungen für Chemikalien nach §14 der Gefahrstoffverordnung rechtzeitig anzupassen. Viele KMU in der Spezialchemie beziehen aus Gründen der Versorgungssicherheit die gleichen Rohstoffe (Chemikaliengemische) von mehreren Lieferanten. Den Mitarbeitern in den chemikalienverarbeitenden Betrieben muss verständlich gemacht werden, dass in den nächsten Jahren Gebindeetiketten und Sicherheitsdatenblätter mit den alten Gefahrstoffsymbolen genauso gelten wie die mit den neuen CLP/GHS-Piktogrammen.

Es ist möglich, dass ein Rohstoff vom Hauptlieferanten bereits ein erweitertes Sicherheitsdatenblatt nach der Reach-Verordnung hat, während das Sicherheitsdatenblatt für den gleichen Rohstoff vom Zweitlieferanten noch das alte Format besitzt und damit weniger Informationen enthält.

So kann es sein, dass ein einziges Produkt, das als Gemisch auf dem Markt verfügbar ist, von vier Herstellern vier verschiedene legitime Sicherheitsdatenblätter mit unterschiedlicher Einstufung und Kennzeichnung hat, obwohl alle vier Produkte die gleiche chemische Zusammensetzung aufweisen.

Wie der Mittelverstand die neue Chemikalienverordnung umsetzt Abb. 1: Piktogramme und Gefährlichkeitseinstufungen. Rot schraffiert: Bereiche, in denen die neue Regelung zu einer Änderung der Gefährlichkeit führt

Der richtige Drucker für die Etiketten von Eigenprodukten

In der Übergangsphase bis zum Juni 2015 sind Gefahrstoffetiketten mit Gefahrstoffsymbolen nach der bisherigen Stoffrichtlinie oder solche mit GHS-Piktogrammen erlaubt. Bei der Wahl von Druckersystemen dafür ist zu berücksichtigen, dass die alten Gefahrstoffsymbole mit Schwarz-Weiß-Druckern auf farbigen Papiervorlagen erzeugt werden durften. Die GHS-Piktogramme weisen dagegen farbige Ränder auf, und die Etikettierung mit leeren Rauten ist nicht zulässig. So sind zumindest zweifarbige Druckersysteme notwendig.

Nicht zu vernachlässigen ist der erhöhte Platzbedarf für den Druck von Textphrasen der neuen H-Sätze zur Gefährdungsbeschreibung im Vergleich zu den alten R-Sätzen. Erste Erfahrungen bei neuen Etiketten zeigen, dass weniger Sprachen noch leserlich gemeinsam auf einem Etikett unterzubringen sind. Besonders bei Kleingebinde- und Musteretikettierungen muss ein Unternehmen von einer Universaletikettierung mit vielen Sprachen auf einem Etikett auf verschiedene Etiketten je nach Empfängerland umstellen.

In der Lieferkette frühzeitig informieren

Kleine und mittlere Unternehmen, die Nischenmärkte bedienen, bieten oft kundenspezifische Problemlösungen an. Mit der Neueinstufung wird die anwendungstechnische Beratung vor Fragen zur Einstufung und Kennzeichnung nicht Halt machen. Es ist daher erforderlich, frühzeitig die Kunden über die neue Einstufung und Kennzeichnung zu informieren.

Besonders bei chemiefernen Branchen fordern vermeintlich geänderte Produktinformationen ohne Erläuterung Missverständnisse geradezu heraus. Nur die rechtzeitige Kommunikation vermeidet Neuapprobationen, also ein erneutes Zulassungsverfahren als Lieferant dieser Substanz, und andere Probleme.

Die Marketing- und Vertriebsbereiche der Unternehmen müssen auch das Bewusstsein dafür schärfen, dass eine sehr frühzeitige oder aber eine sehr späte Umstufung innerhalb der Übergangsfrist zu Wettbewerbsvorteilen beziehungsweise -nachteilen führen kann. Letztlich entscheidet das Unternehmensportfolio durchaus von Fall zu Fall über den Zeitpunkt einer Umstufung vor dem gesetzlichen Termin im Jahr 2015 und so über die damit verbundenen Marktchancen und -risiken. Bei der Reihenfolge der Umstufungen sollte der GHS-Status der Exportländer ins Auge gefasst werden. Beispielsweise sollten Produkte mit dem Zielland China Vorrang haben, da GHS dort schon seit Dezember 2011 gilt.

Die Umstufung nach GHS/CLP ist mehr als ein Rechenalgorithmus. Aufgrund des erhöhten Rechercheaufwands bei der Umstufung und der Tendenz zur gefährlicheren Einstufung und Kennzeichnung von chemischen Produkten in der Zukunft ist die Produktsicherheit zu einem bedeutenden Baustein eines nachhaltigen Produktmanagements avanciert.


Über den Autor
Der promovierte Chemiker Rüdiger Herpich ist für das globale HSEQ-Management von Rhein Chemie Rheinau in Mannheim verantwortlich. Über CLP-Umsetzungsprobleme im Mittelstand spricht er während des 4. Forums zum Globally Harmonized System der Chem-Academy im September in Köln.
ruediger.herpich@rheinchemie.com

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: September 2012

Ausgewählte Artikel