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Wie der Wissenschaftsbetrieb Innovationen verhindert. Das Beispiel der Management- und Organisationsforschung

VON CHRISTIAN JULMI

Lässt der deutsche Wissenschaftsbetrieb innovative Forschung zu wenig zu, oder ist sie vorhanden; in den wissenschaftlichen Zeitschriften, den wissenschaftlichen Communities jedoch weniger sichtbar?

Wie der Wissenschaftsbetrieb Innovationen verhindert© micjan - photocase.deWirklich innovative Forschung findet hinter den Kulissen statt
Die Mehrzahl der in der Management- und Organisationsforschung verwendeten Theorien wurde in den 1960er und 1970er Jahren entwickelt und besteht seitdem in weitgehend unangetasteter Form weiter. Mittlerweile beschränkt sich die Entwicklung von Theorien hauptsächlich auf die Schließung marginaler Forschungslücken, die innerhalb der bestehenden Theoriegebäude identifiziert oder in diese hineinkonstruiert werden, ohne ihr Fundament infrage zu stellen. Die Dominanz lückenschließender Forschung führt zu einer Innovationsarmut, die zunehmend angeprangert wird. Viele fragen sich, wo sie sind, die neuen und bahnbrechenden Theorien. Die hier vertretene These lautet: Sie sind längst da - sie werden nur nicht wahrgenommen, weil sie im Wissenschaftsbetrieb durchs Raster fallen. Um diese These zu untermauern, soll gezeigt werden, wie die Institutionen der wissenschaftlichen Zeitschriften, Gemeinschaften und Gutachtertätigkeiten dazu beitragen, innovative Forschung zu verhindern.

Wissenschaftliche Zeitschriften

Einen großen Einfluss darauf, welche Forschung als relevant angesehen wird, haben zunächst die wissenschaftlichen Zeitschriften. Der Einfluss einer wissenschaftlichen Zeitschrift steigt mit ihrer Qualität, die meist über die Zitationshäufigkeit ihrer Artikel beurteilt wird, gemessen am sogenannten "Impact Factor". Die Qualität der Zeitschriften bemisst sich an der Qualität der Beiträge und die Qualität der Beiträge bemisst sich an der Qualität der Zeitschrift; die Zitationshäufigkeit dient letztlich als Qualitätsmaßstab für beides. Abgesehen davon, dass ein Zitat auch auf Mängel hinweisen kann, resultiert aus dieser Praxis, dass sich hochgerankte Zeitschriften insbesondere für diejenigen Artikel interessieren, die voraussichtlich häufig zitiert werden. Eine Zeitschrift, die dieser Praxis nicht folgt, setzt ihr Ranking und damit die ihr zugeschriebene Qualität aufs Spiel. Da die Höhe des Innovationsgrades in der Regel negativ mit der Anschlussfähigkeit an die bestehende Forschung - und damit an die bestehenden Forschungsgemeinschaften - verbunden ist, lassen innovative Artikel eher auf eine geringe Zitationshäufigkeit schließen. Demgegenüber versprechen Artikel, die den Mainstream bedienen, eine breite Rezeption. Obwohl wissenschaftliche Zeitschriften nach außen gerne die Forderung nach "major contributions" postulieren, suchen sie eigentlich nach "contributions for the majority".

Wissenschaftliche Gemeinschaften

Innovative Forschung verträgt sich des Weiteren nur bedingt mit existierenden wissenschaftlichen Gemeinschaften. Grundsätzlich gilt, dass wissenschaftliche Vielfalt eine wesentliche Voraussetzung für fundamentale wissenschaftliche Durchbrüche darstellt. Obwohl es sehr viele wissenschaftliche Gemeinschaften gibt, ist das Prinzip der wissenschaftlichen Vielfalt nur eingeschränkt mit der Institution wissenschaftlicher Gemeinschaften vereinbar, da diese sich dadurch auszeichnen, dass in ihnen eine spezifische Sicht auf die Wirklichkeit geteilt wird. Die Forschung innerhalb etablierter Forschungsgemeinschaften erleichtert die Kommunikation und das gegenseitige Verständnis der jeweiligen Forschungsaktivitäten, während gleichzeitig das Verständnis von alternativen Sichtweisen sinkt. Mit zunehmender Institutionalisierung einer Forschungsgemeinschaft wird die eigene Sichtweise als selbstverständlich (d. h. wissenschaftlich wahr) erachtet und es wird nur noch einer "Add-to-the-literature"-Logik gefolgt. Da innovative Forschung mit der bestehenden Literatur immer irgendwie bricht und nicht einfach in sie integriert werden kann, steht sie dieser institutionalisierten Forschungslogik entgegen. Innovative Forschung findet daher nicht umsonst häufig in den Randbereichen der Disziplinen und damit der Forschungsgemeinschaften oder interdisziplinär statt.

Gutachter

In Bezug auf etablierte Forschungsgemeinschaften nimmt innovative Forschung bestenfalls eine Außenseiterposition ein. Dies kommt auch bei Gutachtertätigkeiten zum Tragen, mit denen im Zuge von Peer-Review-Verfahren die wissenschaftliche Qualität von Forschungsarbeiten sichergestellt werden soll. In der Regel werden als Gutachter diejenigen ausgewählt, die - soweit dies möglich ist - mit dem relevanten Forschungsgebiet einer Arbeit vertraut sind. Gutachter gehören in der Regel einer bestimmten wissenschaftlichen Gemeinschaft an. Nicht selten stammen sie sogar aus derselben wissenschaftlichen Gemeinschaft wie der oder die Urheber der begutachteten Forschungsarbeiten. Die wissenschaftliche Gemeinschaft gibt durch die wissenschaftliche Sozialisation zumindest teilweise auch den Beurteilungsrahmen der Gutachtertätigkeit vor. Die eigenen blinden Flecken können hier zu Verzerrungen in der Bewertung zu Ungunsten innovativer Forschung führen.

In der Kognitionspsychologie stellt der sogenannte Bestätigungsfehler (engl. confirmation bias), nach dem nur das wahrgenommen wird, was in das eigene Weltbild passt und dieses bestätigt, nicht umsonst eine der bekanntesten kognitiven Verzerrungen dar. Neben diesen nicht intendierten Verzerrungen kommt verschärfend hinzu, dass Gutachter nicht nur Konkurrenten um Stellen im Wissenschaftsbetrieb sein können, sondern zueinander auch in einem Wettbewerb um wissenschaftliche Erkenntnis stehen. Da eine innovative Forschungsarbeit mit dominanten Annahmen bricht und diese infrage stellt, muss sich ein Gutachter vielleicht nicht nur mit einer Kritik an der eigenen Forschung auseinandersetzen, sondern ist auch der potenziellen Gefahr ausgesetzt, dass seine bisherigen Arbeiten ein Stück weit obsolet werden, worunter im Zweifel sein wissenschaftliches Renommee leidet. Ein gewisser Anreiz, innovative Arbeiten negativ zu bewerten, lässt sich daher nicht leugnen. Eine Ablehnung lässt sich meist gut begründen, da sich innovative Forschung ohnehin kaum in bestehende (Bewertungs-) Standards pressen lässt und diesen oft nicht genügt. Bahnbrechende Erkenntnisfortschritte treten gerne dann auf, wenn Methoden zur Anwendung kommen, die unter traditionellen Gesichtspunkten eigentlich nicht zulässig sind. Wie man es auch dreht und wendet, für wirklich Innovatives scheint wenig Platz. Das heißt aber wie gesagt nicht, dass wirklich innovative Forschung nicht stattfindet. Es heißt nur, dass wir es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mitbekommen.


Über den Autor
Dr. Christian Julmi ist Habilitand und akademischer Rat am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation und Planung, an der FernUniversität in Hagen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Organisation und Unternehmensführung.

Aus Forschung & Lehre :: April 2016

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