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Wie Elite wollen wir sein?

VON ANANT AGARWALA UND MARTIN SPIEWAK

Die Exzellenzinitiative, das Programm für Deutschlands Spitzenforschung, geht in die dritte Runde. Der Streit um ihre Zukunft ist voll entbrannt.

Wie Elite wollen wir sein?© jock+scott - photocase.deAb Ende Januar wird über die Zukunft Deutschlands Spitzenforschung diskutiert
Es geht um die wichtigste wissenschaftspolitische Entscheidung des Jahres - die Zukunft der Exzellenzinitiative. Doch seit Monaten lavieren die Beteiligten aus Politik und Wissenschaft und verweisen auf Ende Januar. Dann kommt der »Imboden-Bericht«, die Begutachtung der zurückliegenden Runden der Exzellenzinitiative. Bevor der Bericht erscheint, will sich niemand aus der Deckung wagen - obwohl längst jeder eine Meinung hat, wie es mit der Initiative weitergehen soll. Während die Kommission unter dem Vorsitz des Schweizer Wissenschaftlers Dieter Imboden im Verborgenen vor sich hin evaluiert, laufen die Verhandlungen bereits. Zwischen Bund und Ländern, zwischen SPD und Union, zwischen Hochschulvertretern und Forschungseinrichtungen. Von Ende Januar an wird dann auch in aller Öffentlichkeit um die Verteilung der Gelder, um die Ausgestaltung der Zukunft gestritten werden. Wie geht es weiter mit Deutschlands Spitzenforschung? Zeit, eine Prognose zu wagen.

Der Erfolg: spürbar, aber nicht spektakulär

Wie die nächste Exzellenzinitiative aussehen wird, hängt davon ab, wie man die vergangenen Runden bewertet. Das Fazit, und so wird es auch die Imboden-Kommission sehen, fällt positiv aus. Mit 4,6 Milliarden Euro - nur drei zusätzlichen Prozent zu der Summe, die den Hochschulen für Forschung und Entwicklung zur Verfügung steht - lässt sich überraschend viel ausrichten. Drei Ziele verbanden Bund und Länder mit dem Wettbewerb: die Spitzenforschung besser, die deutsche Wissenschaft international sichtbarer und die Strukturen der Universitäten innovationsfähiger zu machen. Man kann sagen: Alle Ziele wurden erreicht, jedoch unterschiedlich gut. Ob bei der Zahl der Frauen oder Ausländer unter den Professoren, den vielfach zitierten Publikationen oder den miteinander kooperierenden Universitäten: Sämtliche Kennziffern strategischer Hochschulziele sind in den vergangenen Jahren nach oben gegangen. In der Regel hat die Exzellenzinitiative Entwicklungen, die schon vorher begonnen hatten, noch einmal kräftig verstärkt. Stefan Hornbostel, der am Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) den Output und die Qualität der deutschen Forschung vor und nach Beginn des Wettbewerbs verglichen hat, sagt: »Der Qualitätsschub durch die Exzellenzinitiative ist spürbar, wenn auch nicht spektakulär.« Dem internationalen Ruf der deutschen Forschung hat der Wettbewerb sehr gutgetan. Maßgeblichen Anteil daran hatten die mehr als tausend ausländischen Wissenschaftler, die die Bewerbungen der Universitäten um die Forschungscluster begutachteten. »Das waren alles hochkarätige Kollegen, die gesehen haben, wie gut wir in vielen Disziplinen tatsächlich sind«, sagt Bernd Huber, Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität in München, einer der Universitäten, die sich mit dem Elite-Titel schmücken durften. Natürlich hat Deutschland noch immer kein Harvard oder Cambridge. Daran konnte auch die Exzellenzinitiative nichts ändern. Dennoch lässt sich auch an internationalen Ranglisten der Aufschwung im weltweiten Vergleich ablesen: Viele Unis mit Exzellenztitel sind aufgestiegen.

Etwas ganz Neues: Ein Wir-Gefühl

Professoren sind traditionell Einzelkämpfer. Ein scharfsinniger Beobachter brachte diese Haltung einmal auf die Formel, das Einzige, was eine deutsche Universität verbinde, sei die Zentralheizung. Davon kann heute keine Rede mehr sein - auch dank der Exzellenzinitiative. »Zum ersten Mal mussten Wissenschaftler aus der ganzen Universität für ein gemeinsames Ziel zusammenarbeiten«, sagt Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat, der die Exzellenz-Unis während ihrer Förderung beobachtet. Ohne den Willen zur Kooperation gab es im Wettbewerb nichts zu holen. Dieser Teamgeist hat Spuren hinterlassen. Heute forschen Wissenschaftler häufiger über Fakultätsgrenzen hinweg. »Die Universität funktioniert besser als Ganzes«, sagt Sabine Behrenbeck. Auch die Säulen des Wissenschaftssystems - Universitäten, Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen - haben sich dank der Exzellenzinitiative einander angenähert. Mittlerweile entsteht rund die Hälfte der Publikationen der Helmholtz-Gemeinschaft mit ihren großen Forschungszentren in Kooperation mit den Universitäten, bei der Max-Planck-Gesellschaft sind es mehr als ein Drittel. Neue Professoren werden heute häufiger gemeinsam berufen. Die bestehenden Grenzen sind poröser geworden.

Der grobe Rahmen steht fest

Was bedeutet das nun für die nächste Runde, die 2018 beginnt? Ein reines »Weiter wie bisher« wird es nicht geben. Allein schon, weil die Graduiertenkollegs wegfallen werden. Zwar gelten sie nun auch in Deutschland als Königsweg der Doktorandenausbildung. Zusätzliche Schulen zu eröffnen ist aber keine gute Idee. Schon heute ist ungewiss, was aus den Tausenden Doktoranden werden soll, die unter der Fahne der Forschungsexzellenz in die Universitäten eingezogen sind, dort aber mangels Stellen niemals eine Zukunft haben werden. Die bestehenden 45 Graduiertenschulen werden nach einer Begutachtung aller Voraussicht nach von der DFG weiterfinanziert. Das Herzstück der Exzellenzinitiative werden Forschungscluster bleiben, auch darin sind sich alle Experten einig. In ihnen versammeln sich Wissenschaftler aus verschiedenen Institutionen, um ein großes Thema zu bearbeiten (»Kraftstoffe aus Biomasse« etwa oder »Asien und Europa«). Daneben wird es eine Weiterentwicklung der »Zukunftskonzepte« geben, also jener Förderlinie, die wohl die größte Außenwirkung hatte: die Vergabe des Titels »Exzellenz-Universität«. Über die Details indes herrscht große Uneinigkeit. Mehr Elite - oder weniger? Und sollen einzelne Universitäten ausgezeichnet werden - oder ganze Forschungsregionen?

Um Breite oder Spitze wird gestritten

Die Exzellenzinitiative richtet sich an die Spitze, das ist klar. Aber was heißt das in Deutschland mit seinem Wissenschaftssystem, wo nur wenige Hochschulen in allen Fächern überragend sind, dafür aber an vielen Standorten einzelne Institute hervorstechen? Darüber streitet die große Koalition. Uneins sind die Koalitionspartner darüber, wie viele Forschungscluster es geben wird: »20 + x« möchte die Unionsfraktion fördern, »mindestens 40« die SPD (aktuell sind es 43). Peter Strohschneider, Präsident der DFG, die über die Graduiertenschule und Forschungscluster wacht, lehnt eine politische Vorgabe hingegen ab: »Das stünde dem Wettbewerb im Wege.« Auch ist noch unklar, wie lange die Cluster in Zukunft ihre Fördergelder bekommen. Die bisherige Förderphase von sechs Jahren gilt als zu kurz. Kaum haben die Forscher ihre ersten Studien veröffentlicht, müssen sie schon einen Folgeantrag schreiben. Eine originelle Lösung wäre es, wenn der Bund die besten Forschungszentren langfristig finanzierte. Anders als in den ersten Runden der Exzellenzinitiative ist ihm dies nach der Verfassungsänderung aus dem vergangenen Jahr nun nicht mehr verboten. Welche Ideen Bund und Länder in Zukunft prämieren wollen, darum geht der eigentliche Konflikt. Bis vor einem Jahr schien dieser Streit noch schwer vorstellbar. Es galt als ausgemacht, dass sich die sogenannte dritte Säule - die Vergabe des Exzellenztitels - überlebt habe. »Wir können uns ja nicht alle fünf Jahre ein neues Zukunftskonzept ausdenken«, sagt LMU-Chef Huber. Damit mache man sich unglaubwürdig. Doch allein aus Prestigegründen wird es die Exzellenz-Unis auch in Zukunft geben, das wird sich gerade der Bund nicht entgehen lassen wollen: Niemals hatte die Wissenschaftspolitik in den vergangenen Jahrzehnten mehr Aufmerksamkeit als bei der Kür der Elite-Unis. Zwei Ansätze stehen sich gegenüber: Sollen im neuen Wettbewerb wieder einzelne Universitäten gefördert werden oder der Verbund mehrerer Hochschulen in einer Region?

Hier verlaufen die Konfliktlinien nicht nur zwischen den Koalitionspartnern, sondern auch zwischen den Bundesländern. Es sei doch seltsam, heißt es, erst ein knappes Dutzend Universitäten als Eliteeinrichtungen zu küren, um sie dann mit einem neuen Konzept in eine Spitzenregion einzugemeinden. So lautet, grob gesagt, die konservative Linie. Und fast alle Bundesländer, die eine Spitzen-Uni haben, sind plötzlich sehr konservativ, auch wenn ihre politische Farbe sonst Rot oder Grün ist. Die - wenn man so will - egalitäre Linie, sucht die Spitze eher in der Breite und meint diese in »exzellenten Hochschulnetzwerken für Innovation« zu finden, wie es bei der SPD heißt. Man könnte diese Variante auch als Allianz der Zukurzgekommenen bezeichnen. Denn nicht nur kleinere Universitäten hätten so eine Chance auf den Exzellenztitel. Auch die Lehre (Studenten), die anwendungsorientierte Forschung (Fachhochschulen) oder der Wissenstransfer (Unternehmen), die bislang kaum von der Exzellenzinitiative profitiert haben, dürften in diesem Fall auf Gütesiegel und Geld hoffen. »Die SPD spricht von der Exzellenzinitiative, meint aber eine Gießkanneninitiative«, sagt Albert Rupprecht, Vorsitzender des Ausschusses Bildung und Forschung der Unionsfraktion. Ernst Dieter Rossmann, Rupprechts Pendant bei der SPD, erwidert, man setze sich dafür ein, den besonderen Wissenschaftsstandort Deutschland passgenau zu fördern. Ganz möchte die SPD aber nicht auf die Kür einzelner Super-Unis verzichten, sie will sozusagen beides: Breite und Spitze. Dafür wird das Geld allerdings kaum reichen.

Die Zeit wird knapp

»Alles nicht mehr zu schaffen«, »Alles viel zu knapp« - egal, mit welchem Uni-Präsidenten man in diesen Monaten spricht, immer ist die Klage dieselbe: Der Imboden-Bericht komme viel zu spät. Manch einer hegt den Verdacht, Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und der Bund hätten den Abgabetermin bewusst so spät festgelegt - dann könne Berlin den Ländern unter Zeitdruck seine Bedingungen diktieren. Wenn man da mal das taktische Geschick einiger Akteure nicht überschätzt. Richtig ist: Das Zeitkorsett ist eng geschnürt. Bis Juni müssen die Wissenschaftsminister in Bund und Ländern den Ministerpräsidenten ihren - einstimmig zu fassenden! - Vertragsentwurf zur neuen Exzellenzinitiative präsentieren. Von diesem Moment an brauchte es durch das mehrstufige Verfahren bislang stets anderthalb Jahre, bis die Sieger endlich feststanden. Im Herbst 2017 sind jedoch Bundestagswahlen. Um nicht zu sehr unter Zeitdruck zu geraten, möchten viele Wissenschaftler die Entscheidung gern um ein Jahr verschieben. Für die laufenden Projekte solle die Politik Übergangsgelder garantieren. Da muss man einwenden: Bloß nicht! Dann würde die Hängepartie ja fast drei Jahre dauern. Die Bundesbildungsministerin dürfte zudem die Letzte sein, die an einer Siegerehrung erst im Jahr 2018 interessiert ist. Denn dann heißt die Amtsinhaberin womöglich nicht mehr Johanna Wanka.

So wird die neue Exzellenzinitiative aussehen

Am Ende, so weit die Prophezeiung, wird die neue Exzellenzinitiative der alten ziemlich ähneln. Statt Ex-Ini 3.0 eher Ex-Ini 1.3. Ein Wettbewerb also, bei dem Wissenschaftler die Themen definieren und am Ende über die besten Konzepte entscheiden. Der die Spitzenforschung belohnt und die Universitäten in den Mittelpunkt stellt - mit eher zehn als fünf Exzellenz-Unis und eher 40 als 20 Clustern. »Da die neue Initiative einstimmig beschlossen werden muss, werden zahlreiche Kompromisse gefunden werden müssen«, sagt DFG-Chef Peter Strohschneider. Schon das spricht gegen ein echtes Elitekonzept, zumal nur in drei Bundesländern überhaupt Unionspolitiker den Wissenschaftsminister stellen. Die Fachhochschulen und die Lehre sollten auch gestärkt werden - doch bitte nicht in diesem Rahmen. Ohne einen klaren Fokus auf die Forschung verliert die Initiative an Wert. Wünschenswert wäre es, wenn der Bund seinen neuen verfassungsrechtlichen Spielraum füllte und die absoluten Spitzencluster langfristig förderte. Bildungsministerin Wanka, die bislang schweigt, hätte wohl nichts gegen solche international sichtbaren Bundesexzellenz-Cluster, auch der Vorschlag der SPD-Bundestagsfraktion erwähnt diese Möglichkeit. Zumindest auf einigen Forschungsfeldern könnte Deutschland damit in der internationalen Spitze mitmischen. Dennoch ist diese Variante unwahrscheinlich. Denn längst nicht alle Bundesländer würden ein solches vom Bund gesponsertes Zentrum bekommen; einige - besonders jene im Süden - hingegen womöglich gleich mehrere. So ist eben Wettbewerb, könnte man meinen. Doch im föderalen Bildungsdeutschland funktioniert das nicht. Hier muss es immer mehr Sieger als Verlierer geben.

Deshalb wird es auch keine Bundesuniversitäten geben, wie sie etwa die Schweiz mit der ETH Zürich kennt. Die Bundes-CDU liebäugelt durchaus mit dem Konzept, aus den heute bestehenden elf Exzellenz- Unis einige wenige noch einmal hervorzuheben: als nationale Leuchtturm-Elite-Weltklasse-Hochschulen sozusagen. »Die besten vier bis fünf Unis sollten vom Bund und den Ländern jährlich mit 20 Millionen Euro gefördert werden«, sagt Albert Rupprecht aus der Unionsfraktion. Innerhalb Deutschlands steht Rupprecht damit allerdings recht alleine da. Selbst die parteinahe Konrad-Adenauer-Stiftung fordert plus/minus zehn Exzellenz-Unis - so wie auch die SPD. Ernst Dieter Rossmann sagt: »Wir wollen mit der Exzellenzinitiative die Spitze der deutschen Forschung fördern - und die findet sich an mehr als nur fünf Unis.« Für einen echten Strategiewechsel mangelt es nicht nur an den Mehrheiten, sondern auch an der Notwendigkeit: Die ersten beiden Runden liefen schließlich ausgesprochen gut.

Aus DIE ZEIT :: 07.01.2016

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