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Wie exzellent ist die Exzellenz, und wie messbar ist die Lehre? - Wie ein britischer Regierungsentwurf Bildung neutralisiert

von rüdiger görner

Die Frage, wie gewinnt, ermittelt, fördert und erhält man "Exzellenz" in Forschung und Lehre - allein damit entfernt man sich in Deutschland und Großbritannien von humanistischen Bildungs idealen. Betrachtungen des britischen Evaluierungsverfahrens und des aktuell die Debatte bestimmenden "Green Paper".

Green Paper © margie - Photocase.de Das "Green Paper" bestimmt die aktuelle Exzellenz-Diskussion
Wenn in der angelsächsischen Welt Friedrich Nietzsche zitiert wird, dann zumeist um ihn als zweifelhaften Vorläufer faschistoiden Denkens in Erinnerung zu rufen. Doch nun reserviert nicht nur BBC 4 eine Fernsehstunde, um über diesen europäischen Migranten unter den Denkern einen Dokumentarfilm zu zeigen. In der Reihe New York Review Books sind erstmals in Übersetzung seine sechs in Basel 1872 gehaltenen Vorträge Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten erschienen und auf den Seiten des Times Literary Supplement werden engagierte Diskussionen darüber geführt, was uns diese Vorlesungen heute - im Zeichen der ,Krise der universitär institutionalisierten Geisteswissenschaften' zu sagen haben. Zwar lässt sie sich mit Nietzsche nicht beheben und mit diesen Vorträgen ohnedies nicht - darin ist man sich einig, aber was Nietzsche da 1872 aussprach, hat selbst in der amerikanischen Übersetzung noch unmittelbare Aussagekraft. Denn er betrieb eine fundamentale Kritik an Bildungsinstitutionen, die durch staatlichen Dirigismus zu bloßen Ausbildungsfabriken herabgewürdigt werden. Sein Kriterium für einen funktionierendes, am humanistischen Ideal orientiertes Bildungswesen lautete: Kann es Denkfreiräume schaffen? Lernt die Wissenschaft vom schöpferischen Impuls der Kunst? Sein Befund liest sich ernüchternd: "Wie [die] Universität zur Kunst sich verhält, ist ohne Scham gar nicht einzugestehen: sie verhält sich gar nicht. Von einem künstlerischen Denken, Lernen, Streben, vergleichen ist hier nicht einmal eine Andeutung zu finden [...]."

"Exzellenz" als gemeinsamer Nenner

Vergleicht man die gegenwärtigen Diskussionen über die Weiterentwicklung der Hochschulen in den deutschen Bundesländern und - sofern solche Diskussionen überhaupt stattfinden - in Britannien, dann findet sich ein gemeinsamer Nenner, nämlich in der Frage: Wie gewinnt, ermittelt, fördert und erhält man ,Exzellenz' in Forschung und Lehre? Dass man sich allein schon durch diese Fragestellung von humanistischen Bildungsidealen, wie sie Nietzsche in der Nachfolge Schillers und Humboldts noch im Auge hatte, verabschiedet oder diese entzaubert hat, liegt auf der Hand. In der Berliner Republik lautet die Alternative: Fortschreibung der Exzellenzinitiative mit fortschreitender Konzentration der Förderung von Spitzenforschung oder: Breitenförderung und damit eine erhoffte Hebung des Gesamtniveaus. Vertikale contra horizontale Mittelverteilung. Größere Spitzenforschungscluster oder eine größere Anzahl kleinerer Einheiten. Inzwischen hat sich noch ein ganz anderer Aufgabenbereich für deutsche Hochschulen aufgetan: Zuwandererintegration an den Universitäten. Hier zeigt sich, dass ostdeutsche Universitäten eine besondere Funktion zugewachsen ist. Vergleichbares lässt sich aus Britannien nicht berichten. Für den mittel- bis langfristigen Aufbau von Exzellenzzentren fehlt das Geld; genauer: die öffentliche Hand ist nicht bereit, Hochschulen auf diese Weise zu fördern. Entsprechende gemeinsame Initiativen zur Förderung von entsprechenden Clustern des Arts and Humanities Research Council (AHRC) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurden nach anfänglichen Erfolgen eingestellt. Dem AHRC gingen schlicht die Mittel dafür aus. ,Man' hat ja ohnehin Oxford und Cambridge, zudem die universitäre Russell Group, deren exklusive Mitglieder sich ,weltführend' nennen (das entsprechende Hilfsverb an dieser Stelle entspricht der jeweiligen Selbsteinschätzung der entsprechenden Institutionen).

"Harmlos statt Harvard"

In Deutschland wiederum gelangt man rasch zu der These, dass es keine deutsche Universität mit Harvard, Princeton, Stanford oder Oxbridge aufnehmen könne. Thomas Vitzthum brachte es auf die Formel: "Harmlos statt Harvard". Hinreichend bekannt ist, dass keine deutsche Universität auch nur annähernd über die Art von Stiftungskapital und Alumniaufkommen verfügt wie die genannten anglophonen Eliteinstitutionen. Umgekehrt gilt: Einrichtungen wie die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Forschungsinstitute wie Max Planck oder Fraunhofer, das Stiftungswesen großer Industriefirmen oder der Deutsche Akademische Austauschdienst sind außerhalb Deutschland ohne Beispiel. Was die Exzellenzinitiativen in den Bundesländern an Forschungszentren sowie mittel- und langfristigen Projekten - gerade auch im Bereich der Geisteswissenschaften (man denke allein an die Käte-Hamburger-Kollegs) - bewirkt haben, ist im internationalen Vergleich singulär.

In der deutschen Diskussion über diese Fragen fehlt zumeist ein Hinweis darauf, wie dürftig es um die Hochschullandschaft insgesamt in den Vereinigten Staaten bestellt ist, wie erodierend die Schatten der ,großen Fünf' (Harvard, Stanford, Princeton, Yale und MIT) wirken, wie begrenzt die Möglichkeiten der britischen Universitäten jenseits der Russell Group sind, wie es oft am Nötigsten im Bereich der akademischen Infrastruktur fehlt. Wenn es ein Beispiel gibt, das in Deutschland Schule machen sollte, dann ist es das der Schweiz, und das nicht nur mit Blick auf die ETH Zürich.

Britische Evaluierungsverfahren

Werfen wir einen neuerlichen Blick auf die britische Hochschulpolitik und auf einen Bereich, der erfreulicherweise in Deutschland nicht Schule machte: Den Modus der Evaluierungsverfahren. Denn das Perfid-Paradoxe an dieser Politik ist ja, dass sie sich einerseits von der Finanzierung der Lehre in den Geisteswissenschaften entkoppelt hat, andererseits aber vermittels der Evaluierungsmethode unmittelbar in die akademische Selbstverwaltung eingreift.

Wie stellt sich nun die neueste Variante dieser Politik dar? Nicht immer erwartet man, dass das Naheliegende auch wirklich eintritt. Seitdem die Forschung an englischen Universitäten, die nun schon seit gut zwei Jahrzehnten in der Hauptsache der institutionellen Profilierung durch das weltweit aufwändigste Evaluierungsverfahren dient, durch das Research Excellence Framework (REF) alle fünf bis sechs Jahre bewertet wird, lag nahe oder in der Luft, dieses Verfahren (vormals, bis 2008, das Research Assessment Exercise, kurz RAE genannt) ,irgendwie' auch auf die Lehre zu übertragen. Doch das wies man lange von sich; denn es galt selbst in England schlicht als wahnwitzig, die längst in die Brüche gegangene Einheit von Forschung und Lehre ausgerechnet dadurch unter Beweis stellen zu wollen, dass man auch der universitären Lehre ein vergleichbares Verfahren aufhalst. Nun ist das Naheliegende dabei, Wirklichkeit zu werden. (Was, nebenbei bemerkt, die ,Luft' angeht, so darf der Forschungsbefund der Luftmesser am King's College London beim nächsten REF - wohl 2020/21 - einen erheblichen impact-Faktor verbuchen: sie haben nämlich nachgewiesen, dass die Luftwerte in London so katastrophal sind, dass hier jährlich bis zu dreitausend Menschen an ihnen zugrunde gehen. Welche Konsequenzen man aus einem solchen impact dann zieht, bleibt offen. Zumindest eines ist unbestritten: Was in der Luft liegt, kann tödlich sein.)

Ende November 2015 bescherte der für die Universitäten zuständige, immer fröhlich und frisch bis unbedarft wirkende Unterstaatsekretär für Universitäten und Wissenschaften im Ministerium Business, Innovation and Skills (BIS), Jo Johnson, Bruder des mehr als umstrittenen Brexit-Managers und inzwischen wohl zu seiner eigenen Überraschung zum Außenminister ernannten Boris Johnson, ein anscheinend seiner höchst eigenen Feder entstammendes Green Paper, das den scheinvisionären Titel trägt Fulfilling Our Potential: Teaching Excellence, Social Mobility and Student Choice. Nach einem obligaten Konsultationsprozess (er war insgesamt durchaus ertragreich) unter den stakeholders, vulgo: Universitäten, relevanten Verbänden und der Studentengewerkschaft, ist daraus inzwischen ein White Paper und damit eine Gesetzesvorlage geworden. Aus "Fulfilling Our Potential" ist nun "Success as a Knowledge Economy" geworden: Shakespeare ist wirklich seit vierhundert Jahren tot. Die Botschaft ist entwaffnend: Was der Forschung angeblich so gut tut, nämlich Evaluierung bis in die letzten Windungen des Geistes, werde auch der ,Exzellenz' der Lehre nützen, nämlich Leistungsmessung im universitären Unterricht. Bekanntlich sind utilitaristische Philister in nichts mehr vernarrt als in die Aussagekraft einer Zahl oder Statistik. A propos: Inzwischen ist die Kostenziffer für REF 2014 bekannt geworden: 246 Mio Pfund Sterling im Vergleich zu bloßen 66 Mio Pfund beim letzten RAE in 2008. Für den Kostenaufwand eines TEF (Teaching Excellence Framework) gibt es noch nicht einmal vage Schätzungen.

So unausgegoren diese Vorlage auch sein mag, erkennbar ist die mit durchaus fester Hand skizzierte Grundarchitektur, woran der Konsultationsprozess auch wenig hat ändern können. Zu ihr gehört, dass jene Institutionen mit hohen Einstufungsziffern für die Lehre auch entsprechend höhere Studiengebühren erheben können. Zu den quantitativen Faktoren der Qualitätsmessung ,Lehre' sollen die Zahl der Studienabbrecher gelten, die Ergebnisse für einzelne Fächer im jährlichen gleichfalls höchst aufwändigen National Student Survey (NSS) - befragt werden hierbei nur die Studierenden in ihrem Abschlussjahr - sowie Erhebungen über die auf das Studium erfolgende Erwerbstätigkeit. Zudem werden die Institutionen zu genauesten Auskünften über die Art verpflichtet werden, wie sie die Qualität der Lehre gewährleisten, intern überprüfen - und das unter den längst gängigen Schlagworten wie The Learning Environment und Student Learning Outcomes und Learning Gains. Gefragt ist mithin eine Input-Output-Darstellung in der Lehre gekoppelt mit einer Gewinn-und- Verlust-Rechnung in Sachen Mehrwert beim Lernen. Völlig fraglich bleibt, ob es hier noch um fächerspezifische Abweichungen von einer postulierten Idealnorm geben kann oder ob das ,System' die Kategorie ,Erwerbstätigkeit nach dem Studium' gleichfalls über einen Kamm scheren will oder offensichtliche Varianten je nach Studienfach konzediert.

Kritik des Green Paper

In der einzigen bislang erschienenen, annähernd publikumswirksamen Kritik des Green Paper, die Stefan Collini in The London Review of Books veröffentlicht hat, findet sich der entscheidende Punkt: Jo Johnsons Entwurf weiß nicht, wie er mit dem Begriff "Qualität der Lehre" umgehen soll. In vieler Hinsicht nämlich versucht sich dieses Green Paper an einer Neuauflage des sogenannten Teaching Quality Assessment (TQA), das der universitäre Sektor in den neunziger Jahren über sich ergehen lassen musste und das dann irgendwann zum Auslaufmodell wurde und von der Begeisterung über die flächendeckende Forschungsevaluierung verdrängt wurde. (Ja, genau jenes Inspektionsverfahren, manche werden sich erinnern, bei dem vom Higher Funding Council for England (HFCE) ernannte und wohldotierte Lehre-Auswerter landauf landab durch die universitären Seminare streiften, mithörten und als Teil ihrer Visitationen sich durch Berge eigens für sie bereitgestellter Dokumentationen zur Lehre in den jeweiligen Instituten zu arbeiten hatten. Gogol ließ grüßen. Und - wieder erinnert man sich: es war jenes Verfahren, bei dem W. G. Sebald in einem Akt reiner Zivilcourage den an der University of East Anglia angekommenen Inspektoren die Tür wies, was dann aber zur Schließung seines German Departments führte.)

Doch vergessen wir nicht die beiden anderen Titelträger dieser Vorlage: Social Mobility and Student Choice. Man verstehe darunter alles, nur eines nicht: Studentische Mobilität im Sinne von Erleichterung des Studienortwechsels (,Bologna' versprach es, nichts davon wurde Praxis). Eher geht es um die Quadratur des Kreises: mehr Studenten aus benachteiligten sozialen Schichten an Eliteuniversitäten heranzuführen und das bei abnehmender Verfügbarkeit von Stipendien ohne Aussicht auf Lockerung der Studiengebühren (seit neuesten Erhebungen sind übrigens weiße, männliche Jugendliche aus diesen Schichten, die in England die größten Schwierigkeiten haben, eine universitäre Bildung zu genießen). Völlig unklar ist auch, wie das erklärte Ziel des Schatzkanzlers, die Zahl der chinesischen Studenten in England in den nächsten Jahren zu vervielfachen (zum dreifachen Gebührensatz versteht sich!) das ,System' verkraften soll - man denke allein an den immensen Betreuungsaufwand für diese Studenten, die des Englischen oft nur bedingt mächtig sind (wir wollen geflissentlich übergehen, dass das Innenministerium Ihrer Majestät dieser Tage in seinem Website-Aufruf an alle Einwanderer ins Vereinigte Königreich das Wort ,English Language' wie folgt schrieb: ,Languauge' - honi soit qui mal y pense!).

Man muss es ihm lassen, Jo Johnson wollte signalhaft der Studentenschaft (neudeutsch in einem Akt permanenter linguistischer Selbstverbiegung wohl: Studierendenschaft) etwas Gutes erweisen. Und so verfiel er auf die Idee, ein Office for Students oder kurz, aber unaussprechlich OfS, einzurichten. Das soll ein Unteramt des Unterstaatssekretärs im BIS (siehe oben) werden, das sich erstmals - so der ministeriale Jargon - ausschließlich den Interessen der Studierendenschaft widmen soll. Dass das OfS jedoch mit nennenswerten Mitteln ausgestattet werden wird, die über die Finanzierung von Hochglanzbroschüren hinausgeht, darf man getrost ausschließen. Das bisherige Higher Funding Council sowie andere Förderungseinrichtungen sollen im UK Research and Innovation (UKRI) aufgehen, das künftig auch für die Durchführung der landesweiten Forschungsevaluation (REF) verantwortlich sein soll. Im OfS und in UKRI sollte die Übersetzung von Nietzsches Basler Vorlesungen zur Pflichtlektüre werden.

Selbst bei Stefan Collini jedoch, dem wohl genauesten und kritischsten Beobachter der englischen Hochschulszene, hört man das Quietschen des Hamsterrades, in dem sich jeder Kritiker dieses Systems seit den Tagen des Thatcherismus gefangen sieht: so vieles wurde längst und immer wieder gesagt. Aber auch das geht unvermindert weiter: die Erosion des Vertrauens in die Fähigkeit jener, die sonst immer so gerne als "world leading" dargestellt werden: die englische Hochschullehrerschaft. Jedes Papier, jede Verordnung, jeder Erlass gleicht einem Misstrauensvotum gegen die an den Universitäten Lehrenden.

Artikel zum Thema Exzellenz Noch immer hat der insulare Wissenschaftsbetrieb mit den Auswirkungen der katastrophalen Entscheidung zu schaffen, die Fachhochschulen oder Polytechnics zu Universitäten zu erklären. Noch immer fehlt der Nachweis, dass gute REF-Ergebnisse sich spürbar niederschlagen in erhöhten Zuwendungen für die Forschung - namentlich in den Geisteswissenschaften. Nach der Entscheidung für den Brexit stellt sich nunmehr auch die Frage, ob und in welcher Form die ERASMUS-Vereinbarungen mit britischen Universitäten mittel- und langfristig zu halten sein werden. Ohne ERASMUS-Austauschstudenten jedoch würden die geisteswissenschaftlichen Seminare hierzulande noch mehr darben als sie dies ohnehin schon tun. Aber zu ERASMUS findet sich im Green Paper auch schon gar kein Hinweis mehr. Auch fällt kein Wort zu dem hierbei zugrunde gelegten Verständnis von Bildung, das im Englischen inzwischen zwar durchaus als Fremdwort erkannt worden ist, aber in regierungsoffiziellen ,Papieren' - welcher Couleurs auch immer - einstweilen weiter ein Fremdkörper bleibt. Bildungsziel ,Kritisches Denken' - bewahre! Dieses zum White Paper erblasste Green Paper hätte es verbriefen können, was hierzulande einer Revolution gleichgekommen wäre.

Nun, Erasmus selbst war einstmals Prinzenerzieher in diesem Land; sein Eleve hieß Heinrich, später der Achte. Man kennt leider das Ergebnis dieser Erziehung. Immerhin ging es damals ohne ein Green Paper ab; dafür soll seine königliche Hoheit in einer blauen Stunde Greensleeves komponiert haben. Grün war nämlich durchaus einmal die Farbe der Hoffnung - wenn auch für die mit dieser Musik Bedachte, Anne Boleyn, nur von kurzer Dauer. In jedem Fall aber: Student Choice - einmal anders.


Über den Autor
Rüdiger Görner ist Professor für Neuere Deutsche Literatur am Queen Mary College der University of London. Er ist dort Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations.

Aus Forschung & Lehre :: September 2016

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