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Wie genial muss es denn sein?

VON EVELYN FINGER

Fast alles, was wir sagen, ist ein Plagiat. Plädoyer für einen entspannteren Umgang mit dem vorhandenen Wissen.

Wie genial muss es denn sein?@ porcorex - iStockphoto.comWie viel Originalität benötigt eine Doktorarbeit? Genügen bereits neue Antworten auf alte Fragen oder muss es etwas vollständig Neues sein?
Genie ist, was wir alle wollen, aber nur die wenigsten besitzen. Der Satiriker Max Goldt hat einmal erzählt, wie er einen genialen Einfall zu haben glaubte und von sich ganz entzückt war. Alle Kopfarbeiter kennen dieses Gefühl: wenn ein Geistesblitz einschlägt, wenn eine fest verrammelte Tür sich auftut und ein neuer Horizont sichtbar wird. Ach, das Neue!

Dass es eine große Sehnsucht, aber auch eine Quelle der Täuschung ist, musste Max Goldt an sich selber lernen. Als nämlich sein Geniestreich gedruckt war, schrieb ihm ein entrüsteter Leser, das habe doch dort und dort schon genau so gestanden! Plagiat!!! Woraufhin der Autor aber nicht zurückblaffte, sondern sich bang fragte: War das vielleicht eine Idee, die jeder mal hat? Aus der kleinen Geschichte können wir zweierlei lernen: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Und etwas mehr heitere Gelassenheit täte auch in der jüngsten Plagiatsaufregung gut. Denn das zornige Fahnden nach Ideendieben hat als Kehrseite eine ebenso zornige Sehnsucht nach dem Neuen. Wenn es von Karl-Theodor zu Guttenberg verächtlich heißt, dass er in seiner Doktorarbeit nun überhaupt nichts »Eigenes« zustande gebracht habe, wenn Annette Schavan mit dem Argument verteidigt wird, dass ihre Arbeit im Kern eben doch »eigenständig« sei - dann soll anhand dieser beiden so unterschiedlichen Fälle dasselbe Kriterium stark gemacht werden: das Neue als Ausweis des Guten und Richtigen. Das Eigene, Originäre, Originelle und vielleicht sogar Geniale als Beweis für die Satisfaktionsfähigkeit einer promovierten Person.

Aber was ist das Neue? Und warum erscheint es uns selbst in den Geisteswissenschaften so wichtig? Haben nicht Denker wie Platon und Aristoteles zu einigen entscheidenden Menschheitsfragen längst das Wesentliche gesagt? Muss man es partout noch mal anders sagen? Spätestens seit der vorletzten Jahrhundertwende gehört zum abendländischen Denken der begründete Zweifel, ob nicht alles schon gedacht und gesagt sei: Können wir überhaupt noch etwas Eigenes sagen? Ist nicht alles, was wir sagen, Plagiat?

Über das Genie als eine Seuche unserer Tage hieß eine Streitschrift, die im aufklärungsseligen 18. Jahrhundert erschien und bereits damals nicht allein den Geniekult geißelte, sondern die Gier nach Neuem überhaupt. »Das Neue gefällt der Abwechslung wegen«, schrieb der spanische Jesuit Baltasar Gracián, »und eine funkelnagelneue Mittelmäßigkeit wird höher geschätzt als ein schon gewohntes Vortreffliches.« Um wirkliche Vortrefflichkeit aber geht es jetzt nicht, wenn die Doktorarbeiten der Politiker gewogen werden. Die Suche nach dem Plagiat ist letztlich die Suche nach dem Funkelnagelneuen. Sie hat etwas Naives und vielleicht sogar Verlogenes. Denn wie realistisch ist es, nach soundso vielen Jahrtausenden Geistesgeschichte zu fordern, dass jeder Doktorand die Welt neu denkt? Und was wäre dann eine gelungene Doktorarbeit?

Der Germanist Bernhard Spies findet, die Universitäten seien selber daran beteiligt, dass es das Plagiatsproblem gebe. Gerade die Geisteswissenschaften setzten die Doktoranden einer widersprüchlichen Anforderung aus: »Einerseits sollen sie alles aufbieten, was es schon an Wissen zu einem Thema gibt. Andererseits sollen sie etwas Eigenes formulieren. Das vollkommen Neue muss aber die Fortsetzung des Vorhandenen sein.« Ein Widerspruch in sich. Und so komme es, dass im sich verschärfenden akademischen Wettbewerb immer weniger Brüche gewagt würden.

Der Konformitätsdruck nehme zu - als paradoxe Folge des Innovationsanspruchs. Spies beobachtet, dass das Plagiatesuchen immer irrationaler wird. »Der wissenschaftliche Nachwuchs soll Formulierungen vermeiden, die gar nicht anders formulierbar sind, weil sie sich auf Fakten beziehen.« Und so komme es, dass Studenten in ihren Seminararbeiten die simpelsten Aussagen mit drei Fußnoten versehen. »Da geniere ich mich als Professor, weil mir ja unterstellt wird, einen generellen Betrugsverdacht zu hegen, dem der Student vorsorglich begegnen muss.« Der Anspruch, etwas Neues und Eigenes zu sagen, erzeugt bei den Studenten Angst, sich frei innerhalb ihres Wissensgebietes zu bewegen.

Der Soziologe Hans Joas verteidigt trotzdem die akademische Kategorie des Neuen. »Wenn Wissenschaft nichts Neues mehr bringen kann, dann interessiert sie mich auch nicht.« Jede Doktorarbeit müsse einen Wissenschaftsfortschritt bieten, entweder neue Tatsachen erschließen oder ein neues Verständnis bekannter Tatsachen geben. Wissenschaftliche Kreativität, sagt Joas, der selber ein Buch über die Kreativität des Handelns geschrieben hat, könne von Wissenschaftlern verlangt werden. Trotzdem ist auch ihm die Plagiatsdebatte nicht immer geheuer, wenn etwa gegen Annette Schavan der Vorwurf des »Selbstplagiats« erhoben wird: »Es gibt keinen Diebstahl von mir bei mir selbst. Wenn ich etwas, das mir gehört, von einem ins andere Zimmer trage, dann bleibt es mein Eigentum.« Im akademischen Alltag heißt das, dass Joas seinen Studenten nach einer gelungenen Magisterarbeit gern vorschlägt, diese zur Promotion zu erweitern.

Ja, es gebe auch einen falschen Innovationsanspruch. Joas sieht ihn dort, wo er nicht nur auf Forschungsergebnisse, sondern auch auf wissenschaftliche Methoden und akademische Organisationsformen übertragen wird. »Dass das Neue das per se Gute sei, ist ein Irrtum, der auch aus der Wirtschaft kommt, wo Produkte immer wieder den Anschein des Neuen erwecken müssen, damit es einen Bedarf gibt.« Was die Politiker betreffe, so dürfe man nicht fordern, dass sie auch glänzende Intellektuelle seien. »Aber wenn die Politiker Wert darauf legen, einen akademischen Titel zu tragen, dann müssen sie den akademischen Ansprüchen genügen.«

Der Philosoph Rainer Forst pflichtet dem bei: »Eine geisteswissenschaftliche Dissertation muss eine eigenständige und in diesem Sinne originelle wissenschaftliche Leistung darstellen. Originalität und Wissenschaftlichkeit sind nicht von einander zu trennen.« Wissenschaft generell entwickele sich nur durch den neuen, noch nicht vorhergesehenen Gedanken. Aber: Originalität heiße nicht Genialität. Auf die Frage nach dem Wert des Alten, bereits Bekannten antwortet Forst: »Eine Geistesgeschichte lebt nur fort, wenn sie sich in der Aneignung weiterentwickelt und auf alte Fragen neue Antworten gefunden werden oder alte durch neue Fragen abgelöst werden. Dies aber stets im Bewusstsein der bisherigen Erkenntnisse. Der Geist erlischt, wenn dieser Dialog zwischen Hergebrachtem und Innovation abbricht.«

Das Dialogische allen Wissens und Weiterforschens aber wird in der Plagiatsdebatte ausgeblendet. Die Germanistin Sandra Richter, Mitglied im Wissenschaftsrat, sagt: »Wir sind uns in Deutschland viel zu wenig bewusst, dass eine akademische Arbeit auch eine kollektive Leistung ist.« Anders in England, wo der Betreuer einer Arbeit nicht zugleich der Prüfer sei, wo der Betreuer also mitgeprüft werde. Deshalb habe der Wissenschaftsrat ein Papier entworfen, das »englische Verhältnisse« auch an deutschen Universitäten fordert.

Was darf man nun aber von Doktoranden fordern? Fünferlei, sagt Richter. Erstens ein neues Themenfeld, neue Quellen oder neue Interpretationen. Zweitens eine schlüssige Einordnung des Neuen ins bereits Vorhandene: »Die Ego-Plantage des Promovierenden muss im kultivierten Umfeld angelegt werden.« Drittens nachvollziehbare Argumente. Viertens begründete Ergebnisse. Und fünftens einen Ausblick auf noch Unerforschtes. Bei alledem sei das Neue jedoch relativ und mit Vorsicht zu genießen. »Der Originalitätsanspruch und die Kategorie des Schöpferischen kommen ja aus der Religion in die Wissenschaft. Trotzdem fällt das Neue nicht vom Himmel.« Während das schöpferische Genie von einst sich durch exklusives Wissen ausgezeichnet habe, sei heute das Kombinieren von Wissen wichtig: »Zusammendenken, was vorher nicht zusammengehörte!«

Der neuen Aufmerksamkeit für die akademia begegnet Richter mit Skepsis: Da sei der alte Wunsch aus der Geniezeit spürbar, einen Einzelnen nicht nur für seine Leistung, sondern für seine Außergewöhnlichkeit zu bewundern. Wenn Wörter wie Exzellenz in den letzten Jahren eine Konjunktur erlebten, dann äußere sich darin auch ein fragwürdiges Bedürfnis, einzelne Menschen oder Institutionen zu glorifizieren. Die Kehrseite der Glorifizierung aber ist die Verdammung. Beides hat etwas Unmäßiges. Im Fall Guttenberg war es als übertriebene Bewunderung wie als übertriebene Enttäuschung zu erleben. Wie kommen wir nun zu einem vernünftigen Umgang mit unseren Innovationsansprüchen? »Die Innovationsgesellschaft muss sich von ihrer Fixierung auf den Fortschritt befreien«, sagt der Historiker Dirk van Laak, der den Innovationsanspruch an die Geisteswissenschaften keineswegs abwehren will. »Aber die Aufgabe der Universität ist auch, Wissen auf hohem Niveau zu bewahren, bereits Gewusstes in eine gegenwärtige Sprache zu übersetzen.« In diesem Sinne habe die Universität die Funktion einer modernen Kirche, halte sie alte Glaubenssätze lebendig, sei nicht nur innovativ, sondern auch affirmativ, also bewahrend.

Die Sehnsucht nach dem Originellen bleibt in den Augen des Historikers ein legitimer Antrieb allen Forschens. Das Originelle sei aber ein windelweiches Kriterium - und werde zum Problem, wenn es etwa in aktuellen Berufungsverfahren die entscheidende Rolle spiele. »Eigentlich müsste das Neue beweisen, dass es gegenüber dem Alten einen Vorzug hat. In der akademischen Praxis ist es aber umgekehrt: Das Alte muss sich ständig rechtfertigen.« Warum eigentlich? Es gebe, sagt Dirk van Laak, in der modernen Gesellschaft ein irres Bedürfnis, überrascht zu werden. Dahinter würden sich Abgeklärtheit und Abgestumpftheit verbergen. Wenn das stimmt, dann soll also der geniale Wissenschaftler das abgestumpfte Publikum aus der Lethargie reißen. Er soll der Clown sein, der uns alle überrascht. Und wenn er das nicht selbst vermag, dann greift er zum peinlichen Mittel des Plagiats. Man könnte sagen: Selber schuld. Aber einen kleinen Anteil an der Plagiatsfarce hat das Publikum wohl auch.

Aus DIE ZEIT :: 18.10.2012

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