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Wie groß ist die Berufungschance?
Der Stellenmarkt für Hochschullehrer 2011


von ANGELIKA WIRTH

Berufswunsch Professor/in? Doch wie steht es um die Karriereperspektiven von Hochschullehrern? Der Deutsche Hochschulverband hat die über seinen Ausschreibungsdienst verbreiteten Stellenanzeigen analysiert und liefert damit eine gute Grundlage zur Einschätzung der aktuellen Berufungschancen von Hochschullehrern.

Wie groß ist die Berufungsschance?© Minerva Studio - Fotolia.comBerufschancen für Hochschullehrer sinken - Rückläufige Ausschreibungsraten von 2009 bis 2011
Nachwuchswissenschaftler wünschen sich in Anbetracht des riskanten und langen Weges zu einer Universitätsprofessur verlässliche Karriereperspektiven und eine bessere berufliche Planungssicherheit. Dabei geben Ausschreibungen freier Professuren wichtige Hinweise für den akademischen Arbeitsmarkt im engeren Sinne. Vor allem in der Langzeitbetrachtung spiegeln Ausschreibungszahlen und -quoten die strukturellen Veränderungen der Hochschullandschaft wider, denn Quantität und inhaltliche Ausrichtung von Ausschreibungen geben Fingerzeige auf die Situation in den einzelnen Fächern. Wo werden Stellen gestrichen? Wo werden neue Stellen geschaffen?

Bereits seit Jahrzehnten weist der Ausschreibungsdienst des Deutschen Hochschulverbandes lückenlos die ausgeschriebenen Professuren an den deutschen Universitäten nach, so dass die fächerspezifische Auswertung der veröffentlichten akademischen Stellenanzeigen Entwicklungstrends anzeigen kann.

Berufungsmarkt 2011

Wie sah der Berufungsmarkt 2011 aus? Im Vergleich zum Berichtsjahr 2009 (siehe "Forschung & Lehre" 2/2011) nahm die Gesamtzahl der Vakanzen deutlich ab: Sie schrumpfte von 1.856 Stellen auf 1.538 (Tabelle 1) - ein Rückgang um mehr als 300 Stellen bzw. 17 Prozent.

Der Abschwung in diesem Zeitraum war fächerübergreifend. Verluste von mehr als 40 Prozent mussten die Fächer(-gruppen) Geowissenschaften/Geographie, Veterinärmedizin und Geschichte hinnehmen. Chemie, Philosophie und Psychologie büßten bei den ausgeschriebenen Stellen etwa ein Drittel ein; die größte Fächergruppe Medizin nahm um 10 Prozent ab. Bei keinem Fach war 2011 eine Aufwärtstendenz festzustellen, die Ausschreibungszahlen blieben bestenfalls konstant, wie beispielsweise in Mathematik und Pädagogik. Das aufgezeigte Plus von 6,1 Prozent in der sehr kleinen Fächergruppe Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften machte in absoluten Zahlen lediglich zwei Stellen aus und war insofern von keiner Relevanz.

Tabelle 1: Ausschreibungen von Professuren © Forschung & Lehre - Angelika Wirth Tabelle 1: Ausschreibungen von Professuren
2009 war allerdings hinsichtlich der ausgeschriebenen Professuren ein Rekordjahr, dessen Boom sicherlich zu einem erheblichen Teil der Exzellenzinitiative geschuldet war. Seit Mitte der 90er Jahre waren nicht annähernd so viele freie Stellen ausgeschrieben worden wie im Jahr 2009. Vor diesem Hintergrund bedarf die Situation 2011 der Interpretation. Die Ausschreibungen korrigierten sich zwar nach unten, lagen damit aber im Rahmen der seit 2002 jährlich verzeichneten Gesamtzahlen (von im Schnitt 1.500 bis 1.600 Vakanzen).

Betrachtet man die Einzeldisziplinen über einen längeren Zeitraum, erlebten seit 1999 insbesondere die Bereiche Mathematik, Pädagogik, Sozialwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften einen Aufschwung. Dagegen wurden in Pharmazie, Theologie und Veterinärmedizin nahezu kontinuierlich weniger Professuren ausgeschrieben. In den anderen Disziplinen waren zu starke Schwankungen zu verzeichnen, um eine eindeutige Entwicklung zu erkennen. Beispielsweise zeigen die Fächer Biologie und Rechtswissenschaften für 1999 und 2011 ähnlich hohe Ausschreibungszahlen, während in den dazwischenliegenden Jahren sehr starke Abweichungen zu beiden Seiten zu beobachten waren.

Altersbedingte Neuausschreibungen

Wie korrelierten die Ausschreibungszahlen mit der Altersstruktur und der Anzahl der Professoren? In den Jahren 2000 bis 2008 schieden jährlich an den Universitäten und Kunsthochschulen in Deutschland mit durchschnittlich 1.000 Professoren überproportional viele Hochschullehrer aus Altersgründen aus (Tabelle 2). Die Altersausscheidensquoten lagen in diesen Jahren zwischen 4,0 Prozent und 4,9 Prozent. Seit 2010 sanken die Altersausscheidensquoten deutlich und erreichten im Jahr 2011 ihren Tiefpunkt: Es schieden nur noch 563 Professoren aus, so dass sich die Altersausscheidensquote auf 2,2 Prozent absenkte.

Tabelle 2: Ausscheiden von Professoren aus Altersgründen © Forschung & Lehre - Statistisches Bundesamt Tabelle 2: Ausscheiden von Professoren aus Altersgründen
In Jahren mit niedriger Altersausscheidensquote reduzieren sich die Chancen, auf eine Professur berufen zu werden, ganz erheblich. Die geringen Erneuerungsquoten führen auch in den Folgejahren zu engen Berufungsmärkten (Staueffekt).

Vor diesem Hintergrund wäre es nicht verwunderlich, wenn aufgrund der geringeren Wiederbesetzungsrate aus Altersgründen auch die Ausschreibungszahlen in den nächsten Jahren zurückgehen, wenn nicht andere hochschulstrukturelle Faktoren die Ausschreibungszahlen mobilisieren.

Positiv bleibt festzuhalten, dass die Gesamtzahl der Professoren an Universitäten und Kunsthochschulen nach einer längeren Schrumpfungsphase seit 2006 wieder einen Aufwärtstrend erlebte und 2011 mit 25.682 Hochschullehrern ihren bisherigen Höchststand erreichte. Andererseits muss darauf hingewiesen werden, dass eine weitere Pensionierungswelle erst erst einmal nicht in Sicht ist: Bis zum Jahr 2020 werden bei weitem nicht mehr so viele Professoren ausscheiden wie in der ersten Dekade dieses Jahrtausends (Tabelle 2).

2011 zeigten sich im Vergleich zum Berichtsjahr 2009 ausnahmslos in allen Fächern Zuwächse beim Hochschullehrerbestand (Tabelle 3); allerdings standen in vier von 22 beleuchteten Disziplinen keine oder nur unvollständige Professorenzahlen seitens des Statistischen Bundesamtes zur Verfügung. Ein Plus von acht Prozent konnten Medizin und Biologie verbuchen, Pädagogik kam in diesem Zeitraum sogar auf zehn Prozent mehr Professoren.

Tabelle 3: Hauptberufliche Professoren © Forschung & Lehre - Statistisches Bundesamt Tabelle 3: Hauptberufliche Professoren
Langfristig und über alle Fächer hinweg gesehen ist die Entwicklung gleichwohl nur mäßig positiv: Insbesondere die Fächer Informatik, Politikwissenschaften und Philosophie profitierten bei den Professorenzahlen zwar seit 1999 von einem Anstieg. Demgegenüber gingen vor allem in den Ingenieurwissenschaften, Theologie und den Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften die Professorenzahlen in diesem Zeitraum spürbar zurück.

Bei den Habilitationen (Tabelle 4), die neben den Professorenzahlen die Situation auf der Angebotsseite beleuchten, setzte sich auch 2011 ein bereits seit Jahren deutlicher Rückgang fort. Die Habilitationsmüdigkeit beruht unter anderem auf dem Anwachsen anderer Qualifikationswege zur Professur (Juniorprofessur, Nachwuchsgruppenleitung u.a.) und bedeutet insofern keineswegs, dass sich weniger qualifizierte Mitbewerber aus dem Nachwuchsbereich auf dem Markt tummeln.

So stieg nach den Daten des Statistischen Bundesamtes die Zahl der Juniorprofessoren an Universitäten und Kunsthochschulen von 617 (im Jahr 2005) auf 1.332 (2011). Im gleichen Zeitraum wuchs die Anzahl der jeweils am 31. Dezember vorhandenen selbständigen Nachwuchsgruppen (Max-Planck-Forschungsgruppen u.ä.) von 184 auf 426. Im Emmy Noether-Programm wurden 2005 insgesamt 250 Nachwuchsgruppenleiter gefördert, in 2011 lag die Zahl bei 357 (Quelle: Deutsche Forschungsgemeinschaft).

Tabelle 4: Habilitationen © Forschung & Lehre - Statistisches Bundesamt Tabelle 4: Habilitationen
Auffällig ist, dass sich in den letzten zehn Jahren die Anzahl der Habilitationen insgesamt um ein Drittel reduzierte (2002 wies das Statistische Bundesamt noch eine Gesamtzahl von 2.302 Habilitationen aus, 2011 waren es nur noch 1.563) und sowohl natur- als auch geisteswissenschaftliche Fächer vom Abwärtstrend betroffen waren. Ein Rückgang der Habilitationen um mehr als die Hälfte war in den Bereichen Rechtswissenschaften, Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, Informatik, Sozialwissenschaften/Sozialwesen, Chemie, Politikwissenschaften und Geschichte zu verzeichnen. Am stärksten betroffen war die Physik: Hier war die Anzahl der Habilitationen 2011 im Vergleich zum Jahr 2002 um fast drei Viertel zurückgegangen. Etwas gegen den Trend verlief die Entwicklung in der Medizin: Zwar gingen im Vergleich zum vorherigen Berichtsjahr auch hier die Zahlen zurück, dennoch konnten ausschließlich in dieser Fächergruppe 2011 mehr Habilitationen verzeichnet werden als in 1999.

Ausschreibungsquoten

Wie können Entwicklungstendenzen in den einzelnen Fächern unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Angebots- und Nachfragesituation sichtbar gemacht werden? Zu diesem Zweck werden Ausschreibungsquoten ermittelt, die das prozentuale Verhältnis von ausgeschriebenen Stellen und Hochschullehrerbestand im jeweiligen Fach beschreiben. Natürlich sind Schlussfolgerungen hinsichtlich eines über- oder unterdurchschnittlichen Bedarfs auf dem Arbeitsmarkt unter ausschließlicher Einbeziehung dieser beiden Parameter mit Vorsicht zu genießen und können nur Tendenzen anzeigen. Auf der Nachfrageseite ist die Zahl der Vakanzen ein eindeutiges Kriterium. Auf der Angebotsseite muss berücksichtigt werden, dass das Gros der potentiellen Bewerber noch nicht berufen ist. Auch die Tatsache, dass eine geringere Anzahl von Professuren das Verhältnis zu den Ausschreibungen mindert und dadurch zwangsläufig die Ausschreibungsquote erhöht, ist nicht automatisch ein positives Signal. Es kann zwar ein stärkerer Erneuerungsbedarf vorliegen, die Veränderung kann jedoch genauso gut auf Stellenumwidmungen oder -kürzungen beruhen.

2011 konnten in insgesamt vier Disziplinen (Geowissenschaften/Geographie, Pharmazie, Veterinärmedizin und Wirtschaftswissenschaften) keine Ausschreibungsquoten ermittelt werden, da die offiziellen Daten zu den Professorenzahlen fehlten (Tabelle 5). Die auf Basis der Gesamtprofessuren ermittelte durchschnittliche Ausschreibungsquote war mit 6,6 Prozent allerdings deutlich geringer als die Quoten der beiden vorherigen Berichtsjahre 2009 und 2005.

Tabelle 5: Ausschreibungsquoten Tabelle 5: Ausschreibungsquoten
Bei den ermittelbaren Ausschreibungsquoten zeigt das "Ranking" (Tabelle 6) fächerspezifisch ein höchst unterschiedliches Bild: Die Quoten lagen zwischen 11,8 Prozent (Pädagogik) und 4,2 Prozent (Theologie). Das Fach Pädagogik konnte - wenn auch mit einer abnehmenden Ausschreibungsquote - seinen Platz an der Spitze der Rangskala verteidigen. In diesem Fall kann insbesondere vor dem Hintergrund der seit 2004 gestiegenen Professorenzahlen von einem günstigen Verlauf gesprochen werden. Zwar stagnierten zuletzt die Ausschreibungszahlen, diese lagen jedoch in den letzten beiden Berichtsjahren auf vergleichsweise hohem Niveau.

Auf den Plätzen 2 und 3 rangierten die Medizin und die Sozialwissenschaften mit Ausschreibungsquoten um neun Prozent. Bei den Sozialwissenschaften sorgte der deutliche Anstieg der Ausschreibungszahlen (trotz eines Dämpfers in 2004) für einen Positiveffekt.

Auch der Aufwärtstrend bei den Professorenzahlen deutete auf eine für dieses Fach günstige Entwicklung hin. Andererseits war ein massiver Einbruch bei den Habilitationszahlen zu beobachten: 2011 habilitierten sich nur noch 12 Nachwuchswissenschaftler in diesem Bereich (2003 waren es noch 54). Die Informatik verbesserte sich im Ranking im Vergleich zum Jahr 2009 vom zweitletzten Platz ins Mittelfeld. Hier war die Quote mit 6,0 Prozent zwar nicht entscheidend niedriger als in 2009 (6,5 Prozent). Grund dafür waren jedoch die in den letzten Jahren deutlich erhöhten Zahlen beim Hochschullehrerbestand, die auf einen Fächerausbau hindeuteten. Zudem hatte das Fach zuvor jahrelang von einer hohen Ausschreibungsquote profitiert, so dass die in den letzten beiden Berichtsjahren geschrumpften Ausschreibungszahlen als mögliche Anzeichen für eine zwischenzeitliche Marktsättigung angesehen werden können.

Tabelle 6: Ermittelbare Ausschreibungsquoten 2011 Tabelle 6: Ermittelbare Ausschreibungsquoten
Mit unterdurchschnittlichen Quoten waren die naturwissenschaftlichen Fächer (Biologie, Chemie und Physik) vertreten. Vor allem die Chemie rutschte in den letzten Berichtsjahren stark ab. Hatte dieses Fach 2005 und 2009 noch einen der oberen Plätze in der Rangfolge belegt, fiel es 2011 auf den fünftletzten Rang. Eine perspektivische Aussage zu diesem Fach ist schwierig, da sowohl die Ausschreibungszahlen als auch die Professorendaten über die Jahre hinweg großen Schwankungen unterlagen. Allerdings fällt auf, dass die Anzahl der Habilitationen in diesem Fach zuletzt stark rückläufig war.

Auch bei den Rechtswissenschaften sind Aussagen über einen Entwicklungstrend offenkundig schwierig: Das Fach lag 2011 mit einer Ausschreibungsquote von 6,1 Prozent im Mittelfeld; ein ähnliches Bild wie in den Vorjahren, in denen die Quoten ebenfalls nicht allzu weit vom Durchschnitt entfernt waren (mit Ausnahme des Jahres 2002, wo das Fach an zweiter Stelle rangierte). Die Ausschreibungszahlen waren über die Jahre hinweg deutlichen Fluktuationen unterworfen, während die Professorenzahlen leicht zulegten und die Anzahl der Habilitationen massiv abnahm.

Das Schlusslicht in der Skala bildete - wie bereits in 2009 - das Fach Theologie mit einer deutlich abgesunkenen Ausschreibungsquote von 4,2 Prozent. Damit entfielen statistisch 24 Professoren auf eine offene Stelle. (Zum Vergleich: Bei der erstplatzierten Pädagogik kamen nur neun Professoren auf eine Vakanz.) Alle Zeichen weisen auf einen deutlichen Fächerabbau hin: Sinkende Zahlen sowohl bei Ausschreibungen als auch bei den Professoren- und Habilitationszahlen.

Ausblick

Welche Schlüsse sind aus den Entwicklungen zu ziehen? Wie bereits in den vergangenen Jahren zeigte sich auch 2011 der Stellenmarkt für Hochschullehrer fächerspezifisch heterogen, wobei die Ausschreibungszahlen für eine Bewertung der beruflichen Perspektiven nicht allein entscheidend sind, sondern stets zusammen mit quantifizierbaren Daten auf der Angebotsseite (Professorenzahlen und Habilitationsdaten) zu betrachten sind.

Allzu große Erwartungen für die statistische Chance, einen Ruf zu erhalten, sind nicht angebracht. Fakt ist, dass derzeit und auch in nächster Zukunft nicht mehr so viele Professoren aus Altersgründen ausscheiden wie zu Beginn dieses Jahrtausends. Die Ausscheidenszahlen werden sich vielmehr wieder denen Mitte der 90er Jahre angleichen, was wiederum die Vermutung nahelegt, dass die Zahl der Ausschreibungen aufgrund der geringeren Wiederbesetzungsraten in den nächsten Jahren bestenfalls konstant bleiben, wenn nicht sogar sinken wird.


Über die Autorin
Angelika Wirth, M.A., ist Mitglied der Geschäftsstelle des Deutschen Hochschulverbandes.

Aus Forschung & Lehre :: Dezember 2013