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Wie gut sind private Hochschulen wirklich?


VON JAN-MARTIN WIARDA

Nicht erst seit dem Skandal an der EBS haben es private Hochschulen schwer in Deutschland.

Wie gut sind sie wirklich?© Universität Witten/Herdecke Deutschlands erste Privat-Uni Witten/Herdecke sollte den Beginn eines neuen Bildungszeitalters markieren
Für einen Augenblick war es wie früher. Kanzlerin Merkel hole ihren neuen Chefberater von einer Privathochschule, bestätigte ihr Sprecher vergangene Woche, »international sehr erfahren« sei der, ein »exzellenter Kenner der EU« - und bislang Präsident einer Einrichtung, deren vielversprechender Name ganze Zeitungszeilen füllte: European School of Management and Technology. Da war er wieder, der Nimbus privater Elitehochschulen, und fast hätte man vergessen können, welchen Super-GAU die Branche hinter sich hat. Eine Imagekatastrophe, die sich mit drei Buchstaben verbindet: EBS, European Business School. Aber eben nur fast.

29 Jahre zuvor, in der westfälischen Provinz: Eine Truppe idealistischer Professoren macht sich daran, ihren Traum zu verwirklichen. Sie sind enttäuscht vom Stillstand an den Hochschulen, von der bürokratischen Verwaltung und hierarchischem Denken. Die Gründung von Deutschlands erster Privat-Uni Witten/Herdecke, hoffen sie, werde den Beginn eines neuen Bildungszeitalters markieren. Neue Formen universitärer Lehre und Forschung und des Miteinanders von Professoren und Studenten müssten auch hierzulande möglich sein. Sagen sie und finden solvente Unterstützer: den Verleger Gerd Bucerius etwa oder Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn. Der Mythos Witten/Herdecke ist geboren.

Seit 1982 ist er der Anspruch, an dem sich all jene Betreiber privater Hochschulbildung messen lassen müssen, die universitäres Niveau anstreben. Laut einer Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft sind das auch nach 29 Jahren nicht allzu viele: von den immerhin 90 privaten Hochschulen gerade einmal 13, wovon sich zehn jeweils auf ein einziges Fach spezialisiert haben - Wirtschaft zumeist. Nur drei Einrichtungen verfügen über eine Fächerbreite, die auch die Bezeichnung »Universität« rechtfertigt. Alle übrigen privaten Hochschulen, immerhin 77, betreiben Bildung vorrangig als Dienstleistungsgeschäft, bevorzugt über berufsbegleitende oder stark praxisorientierte Studienangebote, teilweise gewinnorientiert, meist erfolgreich. Und noch häufiger unbeobachtet von den Massenmedien. »Wenn Sie in der U-Bahn die Werbeposter anschauen, wird Ihnen erst mal klar, was es da für einen Markt gibt«, sagt Andrea Frank, die Autorin der Stifterverbandsstudie.

Mit dem Nimbus der privaten Elitehochschulen haben diese 77 so viel zu tun wie der Pizzabäcker von nebenan mit einem Sternekoch. Sie überleben aber auch so. Im Gegensatz zu den paar Mutigen, die sich auf das Abenteuer universitäre Exzellenz einlassen. »Universität heißt, Sie müssen auch ernst zu nehmende Forschung betreiben, und das kostet deutlich mehr, als Sie jemals über Studiengebühren oder Spendengelder einnehmen können«, sagt Markus Baumanns, der die Hamburger Bucerius Law School mitgegründet hat. Die Krux: In einem Land, das zu den staatsgläubigsten in Sachen Hochschulstudium überhaupt zählt, können die Privatuniversitäten, anders als etwa in den USA, nicht auf einen oft jahrhundertealten, milliardenschweren Kapitalstock zurückgreifen, um Defizite auszugleichen. Die Folge: Wer sich als Betreiber einer nicht staatlichen Hochschule dem teuren universitären Ideal verschreibt, tanzt schnell am finanziellen Abgrund. Da helfen auch Merchandising- Einfallsreichtum und beste Fundraising-Tricks wenig. Selbst Musterschüler Witten konnte die Pleite vor drei Jahren wieder einmal nur dank einer konzertierten Aktion privater Retter abwenden. Nordrhein-Westfalen gibt nach zwischenzeitlichem Zahlungsstopp wieder 4,5 Millionen Euro pro Jahr dazu - allerdings nur bis 2013.

Die Überlebensstrategie der Privaten ist so einfach wie riskant. Sie lautet: Geld gegen Versprechen - das öffentliche, gern über Hochglanzbroschüren transportierte Versprechen, nicht nur ihren Studenten, sondern der Gesellschaft insgesamt einen unverzichtbaren Mehrwert zu bieten: in Form didaktischer Innovationen und ungewöhnlicher Forschungsansätze, vor allem aber durch Absolventen, die Führungspersönlichkeiten von morgen verkörpern. Elite eben. In Maßen gehört das Trommeln zum Handwerk aller Privaten; der medienaffine Präsident der Zeppelin University (ZU), Stephan A. Jansen, etwa hat es so weit perfektioniert, dass er in seinen Interviews oft viel Zeit darauf verwendet, zu erklären, warum die ZU eben nicht elitär sei. Je größer die finanzielle Schieflage, desto größer, so scheint es, werden die Versprechungen, umso wichtiger wird die Imagepflege. Und hier kommt wieder die EBS ins Spiel.

Die European Business School, noch eine Hochschule, bei der schon der Name Weltläufigkeit signalisieren soll - allerdings mit einem Standort, der dazu nicht zu passen schien: Oestrich-Winkel. »Edel - und gut« wolle die EBS sein, so stand es auch in der ZEIT, noch Anfang 2011. Ihr Präsident Christopher Jahns halte das Bild des »ehrbaren Kaufmanns« hoch. Das Image war so gut, dass es der finanziell angeschlagenen Hochschule Entlastung brachte: Hessens Landesregierung bewilligte 25 Millionen Euro für eine Jura-Fakultät. Und die Uni-freie Landeshauptstadt Wiesbaden ließ sich den Zuzug der damit offiziell zur vierten deutschen Privat-»Universität« aufgewerteten EBS weitere Millionen kosten. Geld gegen Versprechen. Das Dumme ist, dass der gefeierte Präsident im April vorübergehend verhaftet wurde. Noch ist unklar, was er sich hat zuschulden kommen lassen. Von veruntreuten 180 000 Euro ist die Rede und von Mitarbeitern, die der Chef bedroht habe, damit sie schweigen. Fest steht, dass der Skandal die Selbstdarstellung angeblich so elitärer Business Schools infrage stellt. Zudem rüttelt er an der Glaubwürdigkeit privater Unis insgesamt und scheint jene zu bestätigen, die wie NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) sagen: »Ich kann keine grundsätzliche Vorreiterfunktion privater Hochschulen erkennen. Was ich sehe, sind hohe Gebühren, die viele Erstsemester von vornherein ausschließen.«

Das staatliche Misstrauen gegenüber den Nichtstaatlichen, sie wollten sich an Qualitätsstandards vorbeimogeln und nähmen es mit der Unabhängigkeit ihrer Forschung nicht so genau, grenzte schon vor der EBS-Krise gelegentlich an Obsession. Ob berechtigt oder nicht: Die Privaten müssen deutlich strengere Überprüfungen als ihre staatliche Konkurrenz über sich ergehen lassen. Selbst ZU-Chef Jansen seufzt: »Wir stehen unter Dauerbeobachtung.« Dabei hat der Wissenschaftsrat Jansens Uni gerade erst für ihre »klare Forschungsorientierung« gelobt. Die Zeppelin University kann sie sich leisten: Sie verfügt zwar über keinen Kapitalstock, hat aber eine solvente Stiftung im Rücken, deren Namen sie trägt. Genau wie die Jacobs University, die ihren jetzigen Namen erst erhielt, als die Jacobs Foundation sie mit einer 200-Millionen-Spende vor dem Aus bewahrte. Der EBS dagegen fehlt der treue Dauerstifter. Sie muss sich wie viele der universitären Ein-Fach-Hochschulen immer wieder neue Geldgeber zusammensuchen.

Witten war lange in der gleichen Situation. Immerhin hat die letzte Krise ein Stück Linderung in Gestalt der Software AG Stiftung gebracht, die nicht nur die Sanierung stützte, sondern auch einen Lehrstuhl für Humanmedizin finanziert. Allerdings: Einen nennenswerten Dauerbeitrag zum Haushalt wird sie nicht leisten. Entsprechend zweideutig klingt die Ansage von Wittens Wissenschaftlichem Geschäftsführer Martin Butzlaff: »Wir haben uns umstrukturiert und können bereits ab 2012 mit einem begrenzten leistungsorientierten Beitrag des Landes, der deutlich unter den Kosten für den Studienplatz an einer staatlichen Hochschule liegt, schwarze Zahlen schreiben. « Was im Umkehrschluss wohl heißt: Ohne dauerhaften Landeszuschuss dürfte es nach 2013 schwierig werden. Den aber hält Butzlaff ohnehin »für absolut gerechtfertigt. Schließlich übernehmen wir wichtige Bildungsaufgaben für das Gemeinwohl.«

Von Ministerin Schulze kommen trotz ihrer grundsätzlichen Skepsis gegenüber Privathochschulen bereits positive Signale. Witten sei ein Unikat, sagt sie. »Bis 2013 bestehen feste Landeszusagen. Danach werden wir uns neu mit der Hochschule an einen Tisch setzen.« Auch Schulze weiß: Wurde es brenzlig, hat der Staat in der Vergangenheit ohnehin immer noch gezahlt. Dann schon lieber eine saubere Lösung. Hessen hat ein ähnliches System übrigens längst installiert. Doch auch so droht die kleine Zahl privater Unis zusätzlich in eine Zweiklassengesellschaft zu zerfallen - die der Abgesicherten und die der Gefährdeten. Was Erstere über die Gründung eines Verbandes privater Stiftungshochschulen nachdenken lässt, damit die Krisen der armen Schlucker nicht mehr auf sie abfärben.

Nein, die EBS habe kein finanzielles Problem, versichert ihr neuer Präsident Rolf Cremer, ein alter Hase im Business-School-Business mit bestem Ruf. Zwar müssten ein paar Mitarbeiter gehen, aber es handle sich nur um eine Umstrukturierung. Mit einem beherzten Ausbau der lukrativen berufsbegleitenden Studiengänge (»Executive MBAs«) werde man sich vom Druck befreien, ständig Spenden für den laufenden Haushalt einwerben zu müssen. »Dann können wir an unser großes Ziel gehen und einen Kapitalstock aufbauen.« Tatsächlich war am Tag nach dem erstem Auftritt des neuen EBS-Chefs vor allem eine Schlagzeile zu lesen: Entlassungen an der Elite-Hochschule. Spätestens da war Merkels Chefberater vergessen.

Aus DIE ZEIT :: 16.06.2011

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