Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Wie läuft es mit der Generation Y?

Das Gespräch führte Madlen Ottenschläger

Unsere Bewerber sind keine Weichlinge, sagt der Unternehmensberater Carsten Baumgärtner - sie wollen nur eine größere Planbarkeit im Beruf.

Wie läuft es mit der Generation Y?© Alex- / photocase.deStellt die Generation Y die Arbeitswelt auf den Kopf?
DIE ZEIT: Der Generation Y, den nach 1980 Geborenen, wird nachgesagt, dass ihnen Zeit für Freunde und sich selbst alles bedeutet. Werden Sie in Bewerbungsgesprächen nach Überstunden gefragt?

Carsten Baumgärtner: So offensiv nicht. Aber die Bewerber wollen wissen, wie sie arbeiten werden, dazu gehört auch die Arbeitszeit. Nur ist es zu kurz gedacht, zu glauben, für die Generation Y bedeute eine gute Work-Life-Balance viel Freizeit. Die sind keine Weichlinge. Sie sind leistungsbereit und wollen erfolgreich sein.

ZEIT: Sie sagen also, die Bewerber haben sich in den vergangenen Jahren nicht verändert?

Baumgärtner: Es gibt schon deutliche Veränderungen. Aber andere als oft dargestellt.

ZEIT: Welche Veränderungen meinen Sie denn?

Baumgärtner: Wir beobachten, dass es der Generation Y darum geht, einen Sinn in der Arbeit zu erkennen. Ihre Arbeit soll sie weiterbringen und Spaß machen. Eine Arbeit zu machen, vielleicht über Monate oder Jahre hinweg, nur weil sie in ferner Zukunft die Karriere beflügeln könnte, dazu ist diese Generation nicht mehr einfach so bereit.

ZEIT: Wie passt sich die Boston Consulting Group diesen neuen Ansprüchen an?

Baumgärtner: Wir arbeiten noch stärker auf Augenhöhe. Das fordern vor allem unsere jungen Berater ein. Was bedeutet, dass man als Projektleiter beispielsweise nicht um 20 Uhr ins Büro eines Mitarbeiters kommen und ihn anweisen kann, eine Präsentation bis morgen früh zu überarbeiten. Ich muss dann sehr gute Gründe dafür nennen. Planbarkeit ist ein weiteres Stichwort.

ZEIT: Planbarkeit?

Baumgärtner: Wenn ich am Montag oder Dienstag ankündige, dass es am Donnerstag sehr lang werden wird und die Berater auch am Freitag noch beim Kunden bleiben müssen - normalerweise arbeiten sie an diesem Tag von unseren BCG-Büros aus -, ist das okay. Sage ich es am Donnerstagmorgen, wird es für mich unbequem. Die Generation Y ist selbstbewusst und auf ihre eigene Flexibilität bedacht.

ZEIT: Also ist sie doch freizeitorientiert?

Carsten Baumgärtner © Foto: Bosten Consulting Group Carsten Baumgärtner, Boston Consulting Group
Baumgärtner: Die Trennung zwischen Arbeit und Leben ist künstlich. Arbeit, Hobbys und Reisen, Freunde, Familie und Kollegen gehören unter einen Hut. Doch natürlich wird das mit dem Eintritt ins Berufsleben schwieriger...

ZEIT: ... trotzdem möchten heute die Bewerber nicht alles aufgeben, nur weil sie jetzt arbeiten?

Baumgärtner: Genau. Sie möchten Zeit für sich, was aber keinesfalls heißt, dass sie nicht karrierehungrig sind oder nur nine to five arbeiten wollen. Eher findet eine Verschiebung statt. Freizeit ist nicht an einem fixen Abend pro Woche, sondern wird flexibel integriert. Seit diesem Jahr können unsere Berater beispielsweise eine Auszeit von vier bis acht Wochen pro Jahr nehmen, um zu reisen oder eigene Projekte voranzutreiben.

ZEIT: Gibt es das nicht schon sehr lange?

Baumgärtner: Bisher war das einmal pro Karriereschritt möglich, also alle anderthalb bis zwei Jahre. Aber ein Jahr ist überschaubarer. Da sind wir wieder bei der Planbarkeit.

ZEIT: Haben sich auch die Ansprüche an die Bewerber verändert? Wen suchen Sie bei der Boston Consulting Group?

Baumgärtner: Unsere Ansprüche haben sich nicht verändert. Wir wollen weiterhin Bewerber, die sich von der Masse abheben. Dazu gehören exzellente Abschlussnoten, Auslandsaufenthalte und Praktika. Aber vor allem müssen sie gezeigt haben, dass sie etwas bewegen wollen: ob als Leistungssportler oder als Helfer bei einer NGO in Myanmar. Nichts ist abwegig - hier zählen Leidenschaft und Überzeugungskraft.

ZEIT: Sie stellen auch Bachelorabsolventen ein. Die müssen nach zwei Jahren allerdings ein Masterstudium beginnen - oder das Unternehmen verlassen. Ist der Bachelor so mies?

Baumgärtner: Absolut nicht, sonst würden wir die Bachelorabsolventen ja gar nicht erst einstellen. Inzwischen starten bei uns rund zehn Prozent der Einsteiger mit einem Bachelorabschluss.

ZEIT: Doch auf Dauer reicht Ihnen dieser Abschluss nicht.

Baumgärtner: Unser weltweiter Standard lautet: Masterabschluss. Das war auch vor Bologna so. Ein Masterstudium vertieft die analytischen Fähigkeiten und das Fachwissen. Diese Form der akademischen Intelligenz ist für unser Geschäft sehr wichtig.

ZEIT:: Warum beschäftigen Sie trotzdem Bachelorabsolventen?

Baumgärtner: Erstens, seit der Reform sammeln Absolventen früher Berufserfahrung, das unterstützen wir. Zweitens, wir suchen Bewerber, die zu den besten zehn, fünfzehn Prozent ihres Jahrgangs gehören. Mit dem Bachelor können wir sie früher zu uns holen. Drittens sind sie jung ...

ZEIT: Was man ihnen jetzt als Nachteil auslegt...?

Baumgärtner: ... und deshalb nah dran an der kommenden Generation. Sie zeigen uns als Arbeitgeber wichtige Trends auf.

ZEIT: Nehmen Ihre Kunden Bachelor-Berater ernst? Da soll ein 20-Jähriger gestandenen Managern Lösungen präsentieren!

Baumgärtner: Beratung heißt Teamarbeit. Unsere Berufseinsteiger arbeiten immer mit erfahrenen Beratern zusammen und lernen so extrem schnell. Und die Altersunterschiede sind nichts Neues für uns; viele unserer Berater sind jung. Beschwerden darüber gibt es eigentlich nicht, auch nicht seit der Bologna-Reform.


Über den Interviewten
Carsten Baumgärtner ist Partner und Managing Director bei der Boston Consulting Group.

Aus DIE ZEIT :: 21.05.2015

Ausgewählte Stellenangebote