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Wie sieht das in meinem Lebenslauf aus?

von Karin Wilcke

Wer sich heute für ein Studium interessiert, hat scheinbar unendliche Möglichkeiten. Doch ist das wirklich so? Wie reagieren Abiturienten und häufig auch deren Eltern auf diese Vielfalt? Erfahrungen einer Berufsberaterin, die seit 20 Jahren Abiturienten und Hochschulabsolventen berät.

Wie sieht das in meinem Lebenslauf aus?© Katja ThieleBerufsberaterin Dr. Karin Wilcke berät Studierende und Hochschulabsolventen im Hinblick auf deren Karriereplanung
Forschung & Lehre: Was hat sich in den letzten 20 Jahren verändert?

Karin Wilcke: Die Hochschullandschaft hat sich komplett verändert. Früher gab es eine sehr überschaubare Anzahl an Studiengängen und eine klare Trennung zwischen Universitäten und Fachhochschulen. Letztere ist durch die Bologna-Reform nahezu aufgehoben, und das Studienangebot hat sich explosionsartig vermehrt. Dazu sind private Hochschulen unterschiedlichster Qualität wie Pilze aus dem Boden geschossen. Das führt zu einer enormen Verunsicherung bei denen, die noch vor der Studienwahl stehen, zumal man aus dem Namen eines Studiengangs nicht immer auf den Inhalt schließen kann.

Die Abiturienten sind heute viel stärker sicherheitsorientiert, wollen ein Studium, das ihnen eine Jobgarantie gibt. So entscheiden sich manche gegen Geschichte und für BWL. Leider benachteiligt unser Studienplatzvergabesystem die Naturwissenschaften, denn beim Kampf um die gute Abiturnote werden Mathe und Physik eher abgewählt. In der Folge werden die technischen Studienfächer, die die guten Beschäftigungsaussichten böten, nicht belegt. Interessanterweise wünschen sich auch die Eltern, die selbst vor 30 Jahren ganz unbeschwert mit ihrer eigenen Berufswahl umgegangen sind, für ihre Kinder in erster Linie Sicherheit - bis hin zur Ausbildung im Öffentlichen Dienst.

Die Bachelor-Absolventen fühlen sich vielfach gar nicht richtig vorbereitet für den Berufsstart. Sie sind ja oft erst 21 oder 22 Jahre alt und empfinden sich selbst noch nicht als erwachsen. Viele streben den Master nicht aus Interesse am Fach an, sondern um die Studienzeit zu verlängern. Wenn sie die gewonnene Zeit dann auch noch für Praxiserfahrung nutzen, finde ich das gut.

F&L: Fällt Ihnen ein konkretes Beispiel aus der Beratung ein, das die heutige Situation der jungen Menschen auf den Punkt bringt?

Karin Wilcke: Ja, eine 22-jährige, die im falschen Studium gelandet war, sich aber zu alt für einen Neuanfang fand. Sie hatte schon ein Germanistikstudium erfolgreich abgeschlossen, obwohl ihr klar war, dass keines der möglichen Berufsfelder sie interessierte. Was man angefangen hat, führt man auch zu Ende, ist eine von den falschen Devisen. Zu mir kam sie wegen der Entscheidung für ein Masterstudium, was den falschen Weg nochmals fortgesetzt hätte. Ihre Begabung für Handwerkliches und ihr Interesse für Restaurierung standen für sie eigentlich fest, sie fand sich nur schon viel zu alt dafür, etwas ganz von vorn zu beginnen. Und diese Haltung ist weit verbreitet. Die Lockerheit ist verloren gegangen, das Gefühl, ich probiere etwas aus, und wenn es mir nicht gefällt, ist das kein Problem. Alles wird ausschließlich unter dem Aspekt betrachtet: Wie sieht das in meinem Lebenslauf aus?

F&L: Ehrgeizig, selbstbewusst, verwöhnt: Sind das nur Klischees, oder trifft es den Kern der jungen Generation?

Karin Wilcke: In der Kombination ist das ein Klischee. Ehrgeizig sollten Studierende idealerweise sein. Ich erlebe eher Abiturienten, die mit wenig Einsatz viel erreichen wollen. Selbstbewusster sind sie sicherlich, früher hätte keiner gewagt, mit einem Professor um die Note zu feilschen. Und verwöhnt sind einige in der Hinsicht, dass sie zuhause einen hohen Lebensstandard haben und ihnen nicht klar ist, dass ihre Eltern dafür auch eine hohe Leistung erbringen. Ich würde es eher weltfremd als verwöhnt nennen, wenn eine Chefarzttochter "irgendwas mit Mode oder Medien" machen will und damit das Einkommen ihres Vaters erwartet. Andrerseits erlebe ich auch sehr engagierte junge Leute, die unentgeltlich für Hilfsorganisationen arbeiten und im Ausland gerade den Kontrast zum behüteten Zuhause suchen. Und das große Heer der Studierenden, die keine reichen Eltern haben und kontinuierlich nebenher arbeiten, wird bei diesen plakativen Bezeichnungen auch immer vergessen.

F&L: Wie gehen Sie als Beraterin mit besorgten Eltern, die ihr inzwischen erwachsenes Kind in die Beratung begleiten, um?

Karin Wilcke: Die nehme ich ernst. Die haben ja selbst eine sehr andere Studien- oder auch Ausbildungszeit erlebt und fühlen sich angesichts der heutigen Vielfalt oftmals überfordert. Und gerade bei Informationsabenden in Gymnasien sind es die Eltern, die die guten Fragen stellen, weil sie ihre Erfahrungen mit einbringen. Als Abiturientin hab ich doch noch gar keine Anhaltspunkte, nach denen ich eine Uni auswähle.

F&L: Wäre es nicht besser, wenn die Abiturienten mehr eigenverantwortlich entscheiden müssten? Stehen die sog. "helicopter parents" dem Erwachsenwerden nicht entgegen?

Karin Wilcke: Ach ja, die Helikopter-Eltern, die geistern seit zwei, drei Jahren durch die Medien. Mir sind noch keine begegnet, die ihre Kinder zur Besprechung der Hausarbeiten begleitet haben, und ich unterrichte seit 28 Jahren an der Uni. Und die Mamis, die regelmäßig ihren Söhnen die Studentenbude putzen, die gab es früher auch schon. Sicher sind viele Studienanfänger heute behüteter, aber man darf die Effekte der verkürzten Gymnasialzeit auch nicht unterschätzen. Das Abitur hieß einmal "Reifezeugnis". Das trifft nicht mehr bei allen zu; viele Abiturienten sind noch sehr kindlich und dankbar für die elterliche Unterstützung zum Studienstart. Bedenklich ist das nur, wenn Eltern mit sanfter Gewalt ihre eigenen Pläne durchsetzen wollen. Letztlich funktioniert das nicht, früher oder später werden die Kinder selbstständig: Ich habe als Beraterin einen Jungen kennengelernt, der zwei Ausbildungen abgebrochen hat, die ihm sein Vater "besorgt" hatte. Den dann endlich selbst gewählten Beruf übt er heute aus. Eine Studentin hatte sogar ein komplettes Jurastudium unter Mühen durchgezogen, um ihren Eltern zu beweisen, dass sie es kann, und war dann frei, Theaterpädagogik zu studieren.

F&L: Wer zu Ihnen kommt, braucht Orientierungshilfe. Wo bzw. bei wem ist die Orientierungslosigkeit am größten?

Karin Wilcke: Unter den Gymnasiasten tun sich die am schwersten, die in allen Fächern gleiche Leistungen haben, bei denen sich nicht eine bestimmte Begabung abzeichnet. Auch die sehr guten Abiturienten können sich schlecht entscheiden, fühlen sich zum Beispiel zum Medizinstudium gedrängt, nur weil ihr Notendurchschnitt dafür reicht. Bei den G8-Abiturienten erlebe ich häufig, dass sie wegen der Schule auf viele Freizeitbeschäftigungen verzichten mussten, angefangen beim Musikunterricht bis hin zum Engagement in der Kirchengemeinde. Das ist doppelt schade, denn gerade diese freiwilligen Aktivitäten vermitteln Erfahrung, Selbstbewusstsein und Einblicke in außerschulische Bereiche. Und sie liefern nicht zuletzt wichtige Hinweise für die Studien- und Berufswahl. Unter den Hochschulabsolventen sind nach wie vor die Geisteswissenschaftler diejenigen, die den höchsten Beratungsbedarf haben. Das liegt natürlich an dem breitgefächerten Berufsspektrum, das sie erwartet. Ein Student der Zahnmedizin muss nicht mehr darüber nachdenken, was er denn beruflich machen will.

F&L: Wenn es um die Frage "Ausbildung oder Studium" geht: mit welchen Fragen und Einstellungen werden Sie konfrontiert?

Karin Wilcke: Seit es die dreijährigen Bachelor-Studiengänge gibt, ist die Ausbildung für die meisten Abiturienten uninteressant geworden, weil sie keinen Zeitvorteil mehr bedeutet und das Studium ein höheres Ansehen genießt. Das bedaure ich sehr. Es wird vielfach übersehen, dass der Beruf nach dem Studium auch zur Persönlichkeit eines Menschen passen muss, nicht nur zum intellektuellen Leistungsvermögen. Akademische Berufe bedeuten immer auch mehr Verantwortung, mehr Entscheidungsdruck. Dem ist nicht jeder gewachsen. Unentschiedenen rate ich in jedem Fall zu einer Ausbildung; ist die erfolgreich, kann man immer noch ein Studium anschließen. Gerade für die jetzt sehr jungen Abiturienten kann eine Ausbildung mit ihrem klaren Regelwerk ein sehr guter erster Schritt in die Unabhängigkeit sein.

F&L: Welche Fächer sind besonders begehrt und warum?

Karin Wilcke: Ganz oben auf der Hitliste steht nach wie vor die Betriebswirtschaftslehre, weil sich hartnäckig die Idee hält, damit würde man sich nicht festlegen. Die Angst, sich für das ganze Berufsleben festzulegen, ist nämlich sehr verbreitet. Zum anderen sind Studiengänge beliebt, die ein Abgrenzen von der Masse suggerieren, Sportökonomie oder Eventmanagement. Wenn Sie das Elektrotechnikstudium in Medientechnik umbenennen oder technische Chemie in "CSI"-Forensik, vervielfachen Sie Ihre Bewerberzahlen. Da ist es häufig meine Berateraufgabe, Studiengänge zu erklären und durchschaubar zu machen. Außerdem ist die Vorstellung weit verbreitet, dass zulassungsbeschränkte Studiengänge, für die man ein Einser-Abitur braucht, besonders gut sein müssten. Ich finde es schlimm, dass die Studienwahl heute viel eher vom Numerus Clausus bestimmt wird als von Interessen und Begabungen. Und so ist meine Arbeit oft auch die Ermutigung: Für sehr gute Abiturienten, "ihr" Fach zu studieren, auch wenn es nicht zulassungsbeschränkt ist, und für die schlechteren Abiturienten, an ihrem Traumfach festzuhalten und es über ein Studium im Ausland oder nach einer Ausbildung anzusteuern.


Über die Interviewte
Dr. Karin Wilcke ist Berufsberaterin in Düsseldorf. Ihre Arbeitsfelder sind Berufsberatung für Abiturienten im Hinblick auf Studienfach- und Hochschulwahl sowie Karriereplanung für Studierende und Hochschulabsolventen. Sie ist Dozentin für Germanistik an der Universität Düsseldorf.

Aus Forschung & Lehre :: September 2013

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