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Wie steht es um den Ingenieurnachwuchs?

von FRIEDERIKE LÜBKE

Das Studium ist nicht nah genug an der Praxis, zeigt eine neue Studie.

Wie steht es um den Ingenieurnachwuchs?© stokkete - Fotolia.comPositive und negative Entwicklungen des ingenieurwissenschaftlichen Studiums
Wie finden Studenten das Ingenieurstudium? Was denken ihre Dozenten? Was erwarten die Arbeitgeber von den Absolventen? Diese Fragen haben die zwei großen deutschen Ingenieurvertretungen rund 3.300 Ingenieuren gestellt, darunter Studenten, Absolventen, Mitarbeitern von Hochschulen und Fach- und Führungskräften. Ihre Studie »15 Jahre Bologna-Reform. Quo vadis Ingenieurausbildung?« haben der VDI und der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebauer jetzt zusammen mit der Stiftung Mercator veröffentlicht. Wichtigstes Ergebnis: Anders als befürchtet hat Bologna der Ausbildung nicht geschadet.

So zeigt die Studie, dass Führungskräfte lieber Bachelorabsolventen einer Fachhochschule als einer Universität einstellen. Beim Master hingegen ist es genau andersherum. Breit angelegte Studiengänge ziehen die Arbeitgeber spezialisierteren vor. Beachtet man, dass die Zahl der ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist, sehen die Verbände hier eine bedenkliche Entwicklung. Sie vermuten, dass sich die Hochschulen mit spezialisierten Studiengängen profilieren wollen und damit am Arbeitsmarkt vorbei ausbilden. Anders als die Arbeitgeber sind die Absolventen der Ansicht, dass sie mehr Grundlagenwissen haben, als sie im Beruf brauchen. Einig sind sie sich aber, dass im Studium nicht genug soziale Kenntnisse und Organisationsfähigkeiten vermittelt werden.

Die Praxiserfahrung ist eine der größten Schwachstellen der ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge: Nicht nur Studenten bemängeln zu wenig praktische Erfahrungen im Studium, sondern auch Absolventen und Führungskräfte. »Ich war erstaunt, dass das Ergebnis so eindeutig war«, sagt Hartmut Rauen, stellvertretender Geschäftsführer des VDMA. Bei den Bachelorabsolventen gaben 40 Prozent an, dass sie Praxiskenntnisse bei ihrem Berufseinstieg stark bis sehr stark vermissen, bei den Masterabsolventen sind es 32 Prozent.

Das Hochschulpersonal bewertet die Möglichkeiten, im und während des Studiums praktische Erfahrungen zu sammeln, positiver als die Studenten. Auffällig ist, dass Studenten mit Migrationshintergrund weniger praktische Erfahrungen sammeln als ihre Kommilitonen. Da Praktika und Arbeitserfahrung für die Arbeitgeber das zweitwichtigste Einstellungskriterium sind, sehen die Verbände hier ein Problem. Auslandsaufenthalte gelten sowohl unter den Arbeitgebern als auch unter den Studenten als nicht so wichtig. Der Grund: Studenten wollen ihr Studium nicht verlängern und scheuen die finanzielle Belastung, den Zeitaufwand oder die Trennung von Freunden und Familie. Die Arbeitgeber stört das offenbar nicht: Nur 13 Prozent der Fach- und Führungskräfte nennen Auslandserfahrung als ein Einstellungskriterium. Rauen hält das für keine gute Entwicklung: »Auslandserfahrung ist in meinen Augen sehr empfehlenswert.«

Insgesamt, so Rauen, sei die Qualität der Ingenieurausbildung dennoch sehr gut. Die Probleme müssten nun alle zusammen angehen. So sollten Unternehmen ihre Verbindung zu den Universitäten und Fachhochschulen vertiefen. An den Studenten sei es indessen, schon während des Studiums mehr Praxiserfahrung zu sammeln.

Aus DIE ZEIT :: 14.04.2016