Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Wie viel verdienst du so?

Das Gespräch führte VANESSA KLÜBER

Das ist die heikelste Frage im Berufsleben. Akademiker halten sich bedeckt, was ihre Einstiegsgehälter betrifft. Wie lassen sich die großen Unterschiede erklären? Und wäre es nicht sinnvoll, offen über Geld zu sprechen? Reinhard Bispinck vom Projekt Lohnspiegel im Interview.

Wie viel verdienst du so?© Naumann82 - Fotolia.comDie Höhe der Einstiegsgehälter für Akademiker varriert je nach Hochschulabschluss und Branche
DIE ZEIT: Herr Bispinck, wo verdiene ich als Berufsanfänger mit einem Studienabschluss besonders viel?

Reinhard Bispinck: Als promovierter Naturwissenschaftler in einem Großbetrieb. Am besten, Ihr Betrieb ist mit einem Betriebsrat versorgt und hat einen Tarifvertrag. Dann zahlt Ihnen ihr Arbeitgeber bis zu 20 Prozent mehr als in Firmen ohne Tarifvertrag.

ZEIT: Für junge Banker mit Akademikergrad sieht es noch rosiger aus, stellen Sie in Ihrer neu erschienenen Studie fest.

Bispinck: Banker verdienen top: 4.400 Euro brutto im Durchschnitt. Allerdings ist die öffentliche Debatte über Banker-Gehälter extrem verzerrt. Alle denken an die ganz großen Spitzenverdiener im Investmentbanking. Aber ein Großteil arbeitet in den verschiedenen, trotzdem noch sehr gut bezahlten Bankensparten.

ZEIT: Wie kommen die Einkommensunterschiede unter Akademikern zustande? Akademiker im Bereich Kultur, Sport und Unterhaltung verdienen im Monat durchschnittlich 2.600 Euro brutto.

Bispinck: Es gibt viele Gründe dafür. Westdeutsche verdienen meistens mehr als Ostdeutsche. Ihr Gehalt ist in der Regel höher, wenn ihr Betrieb die Ware oder Dienstleistung international verkauft und nicht nur regional. Es spielt eine Rolle, ob die Branche insgesamt eine hohe Wertschöpfung erzielt oder nicht. Auch ist wichtig, ob die Gesellschaft in Deutschland den Beruf wertschätzt oder eher nicht.

Lohnspiegel

Das Projekt Lohnspiegel wurde vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung ins Leben gerufen. Die Teilnehmer der Befragung füllten auf einer Internetseite freiwillig und anonym einen Onlinefragebogen aus; zwischen 2009 und 2012 haben mehr als 4.300 Akademiker mit bis zu drei Jahren Berufserfahrung teilgenommen.
Reinhard Bispinck ist einer der Leiter des Projekts und erhebt Daten zu Einkommen und Beschäftigungsverhältnissen in Deutschland, auch in Bezug auf die Geschlechter: Akademikerinnen mit einem Jahr Berufserfahrung verdienen beispielsweise 19 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, so eines der Ergebnisse. Weitere Informationen und Auswertungen finden sich unter www.absolventen-lohnspiegel.de
ZEIT: Was meinen Sie mit Wertschätzung?

Bispinck: Dass beispielsweise Ärzte heute meistens ein höheres Ansehen haben als Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst und sich das beim Gehalt niederschlägt. Das lässt sich aus unserer Statistik ablesen. Ich denke, dass die Wertschätzung etwa für technische und juristische Berufe höher ist als für soziale Berufe. Wie viel die Menschen leisten, also die tatsächliche Wertigkeit der Arbeit, bleibt meiner Meinung davon aber unberührt.

ZEIT: Ihre Studie legt nahe, dass die Arbeit mit Technologien höher bewertet wird als die Arbeit mit Menschen.

Bispinck: Unsere Daten bestätigen das. Wobei auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen. Wenn Sie das Gehalt eines Bauingenieurs in den ersten Berufsjahren anschauen: So richtig viel verdient der im Vergleich auch nicht. Das liegt wohl unter anderem daran, dass es der Bauwirtschaft gerade ökonomisch nicht sonderlich gut geht. Die jeweilige ökonomische Lage der Branche spielt natürlich eine extrem große Rolle bei der Höhe des Gehalts.

ZEIT: Frauen mit Universitätsabschluss kommen in den ersten Berufsjahren beim Gehalt schlechter weg als Männer. Woran liegt das? Wählen sie die falschen Berufe?

Bispinck: Nein, nicht unbedingt. In anderen Studien haben wir die einzelnen Branchen untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen: Diese Unterschiede gibt es innerhalb der Berufsgruppen. Weitere Studien haben gezeigt, dass wir die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen nicht vollständig erklären können. Damit meine ich geringere Qualifikation, häufige Berufsunterbrechung bei Frauen oder niedrigere berufliche Position. Das Gehalt von Frauen ist bei gleicher Position trotzdem oft niedriger. Das heißt: Frauen verdienen weniger, weil sie Frauen sind.

ZEIT: Auch bei den verschiedenen Universitätsabschlüssen gibt es große Unterschiede. Die Bachelor- und Magisterabsolventen der Universitäten verdienen durchschnittlich weniger als die Fachhochschulabgänger. Wie erklären Sie sich das?

Bispinck: Diese große Kluft hat mich auch überrascht. Diejenigen, die einen Master gemacht haben, verdienen durchschnittlich 1.000 Euro im Monat weniger als diejenigen mit Magister. Vermutlich liegt es daran, dass eher die geisteswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Fachrichtungen mit Magisterabschluss studiert wurden. Diese werden im Durchschnitt geringer vergütet, wie die Studie zeigt. Bachelorabsolventen von der Uni verdienen mit 2.890 Euro im Monat ebenfalls weniger, gerade im Verhältnis zu Bachelorabsolventen von Fachhochschulen, die immerhin 3.300 Euro im Monat bekommen. Das ist ärgerlich für die Uni-Absolventen, weil die Ausbildungszeit ja dieselbe ist.

Wie viel verdienst du so? © ZEIT-Grafik/Quelle: WSI
ZEIT: Woran könnte das liegen?

Bispinck: Ich kann nur spekulieren, dass dieser Abschluss nicht als vollwertig angesehen und weniger geschätzt wird. Das Fachhochschulstudium war schon immer kürzer, damit passt die Dauer des Bachelors eher zum klassischen Fachhochschulabschluss als zum Uni-Abschluss - aus Sicht der Unternehmer.

ZEIT: Wie wirkt sich das Gehalt auf die Zufriedenheit mit dem Beruf aus?

Bispinck: Für Zufriedenheit ist ein gutes Gehalt notwendig, das bestätigen unsere Daten. Die Akademiker mit ihrem höheren Gehalt sind zufriedener als die Nichtakademiker mit ihrem kleineren Gehalt. Natürlich spielt auch die inhaltliche Zufriedenheit mit der Arbeit und den Tätigkeiten eine wichtige Rolle.

ZEIT: Trotzdem sind die Akademiker nach getaner Arbeit viel häufiger »psychisch ausgelaugt« als die Nichtakademiker. Wie passt das denn zusammen?

Bispinck: Die Akademiker, die neu im Beruf sind, können das ganz gut trennen. Klar, sie sind nach der Arbeit manchmal ausgelaugt, was nicht heißt, dass ihnen ihre Arbeit keinen Spaß macht. Sie sind anfangs hoch motiviert, identifizieren sich mit ihrer Arbeit ...

ZEIT: ... und lassen sich viel eher ausbeuten als die Nichtakademiker: Sie machen mehr Überstunden, die ihr Arbeitgeber aber selten bezahlt. Und nur knapp 30 Prozent der Akademiker bekommen einen Freizeitausgleich für die Überstunden. Mehr als die Hälfte der Akademiker gibt an, dass ihre Überstunden nicht vergütet werden.

Bispinck: Das nehmen sie schon mal in Kauf. Nach ihrer langen Ausbildung haben sie das erste Mal die Gelegenheit, ihr Wissen einzusetzen. Dafür hängen sie sich oft in ihre Projekte rein. Auf der anderen Seite ist auch der Erwartungsdruck der Arbeitgeber hoch. Von einer gut bezahlten Arbeitskraft erwarten Arbeitgeber eine hohe Leistung. Nicht erheben konnten wir, wie lange junge Akademiker so viel Engagement durchhalten. Wenn die hoch motivierte Anfangsphase, in der man bereit ist, Opfer zu bringen, vorüber ist, kann das schnell in Belastung umschlagen.

ZEIT: Es ist viel die Rede von einem Fachkräftemangel, den es in Deutschland in absehbarer Zeit geben wird. Gerade junge, qualifizierte Arbeitskräfte sind dann gefragter denn je. Müssen Akademiker überhaupt noch hart ums Gehalt verhandeln?

Wie viel verdienst du so? © ZEIT-Grafik/Quelle: WSI
Bispinck: Aktuell auf jeden Fall. Außer vielleicht als Berufseinsteiger mit Wissen in einem speziellen Fachgebiet in den Ingenieurwissenschaften, wenn der Arbeitgeber händeringend nach jemandem mit genau diesen Fähigkeiten sucht. Ansonsten können Sie sich nicht einfach zurücklehnen und aus den Angeboten auswählen. Schauen Sie sich unsere Zahlen an: Ein knappes Drittel der Akademiker wurde vier- bis neunmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen, bevor es mit einem Job geklappt hat. Fast die Hälfte schreibt zwei bis neun Bewerbungen, manche schreiben mehr als 50. Viele Nichtakademiker haben es leichter: Die haben häufiger den Job schon in der Tasche, bevor sie fertig sind mit ihrer Ausbildung.

ZEIT: In Deutschland wird sehr wenig über Gehälter allgemein gesprochen. Warum ist das so?

Bispinck: Kaum jemand in Deutschland wird sagen: »Ich verdiene 45.000 Euro im Jahr.« Weil gute Verdiener denken, das gehört sich nicht. Oder nicht möchten, dass die anderen neidisch werden. Und die Leute mit einem geringeren Akademikergehalt wollen sich nicht blamieren. Die Nichtakademiker sehen das manchmal etwas entspannter, glaube ich. Außerdem legen Arbeitgeber großen Wert darauf, dass die Leute nicht über ihr Gehalt sprechen. Das ist ja auch oft vertraglich festgehalten.

ZEIT: Welchen Vorteil hat das für die Arbeitgeber?

Bispinck: Das eröffnet den Firmen die Möglichkeit, ohne großes Aufsehen betriebsintern zu unterscheiden, »leistungsbezogene Entgeltdifferenzierung« heißt das gelegentlich. Nasenprämie könnte man dazu sagen. Aber auch wenn niemand gerne drüber spricht, das Interesse am Gehalt der anderen ist riesengroß. Das sehe ich daran, dass im Monat etwa 100.000 Leute auf unsere Internetseite gehen und sich die Gehältervergleiche anschauen. Andere Anbieter haben diese Intransparenz in Deutschland als Marktlücke entdeckt und machen Geschäfte mit kostenpflichtigen Studien zu Gehältern.

ZEIT: Wäre es besser, wenn das Einkommen nicht so häufig verschwiegen würde?

Bispinck: Aus Sicht der Beschäftigten wäre es allemal besser, auch für diejenigen, die eine Beschäftigung suchen. Sie könnten bei der Entscheidung für einen Job besser abwägen, weil sie das Gehalt mit in die Entscheidung einbeziehen könnten. Auch hätten die Beschäftigten dann gute und substanzielle Argumente für ihre Gehaltsforderungen. Mehr Transparenz wäre wichtig.

Aus DIE ZEIT :: 08.11.2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote