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Wie vor 100 Jahren - Medizinstudium in Deutschland

Interview: Marike Frick

Kai Schnabel trainiert Ärzte für die Praxis. Er erklärt, woran das Medizinstudium in Deutschland krankt und was im Ausland besser läuft.

Wie vor 100 Jahren - Medizinstudium in Deutschland© CharitéDr. med. Kai Schnabel, MME
DIE ZEIT: Vor allem in Entwicklungsländern können Studenten weitaus mehr ausprobieren als in Deutschland - was halten Sie davon?

KAI SCHNABEL: Das sehe ich sehr kritisch. Da probieren sich junge Menschen an einer armen Bevölkerung aus, die froh ist, dass ihnen überhaupt jemand hilft. Man kommt dann zu schnell in Versuchung, etwas zu machen, das man nicht kann. Von diesem Learning by Doing halte ich nichts. Meist geht es zwar gut, wenn man eine Geburt leitet. Aber in weni gen Fällen kommt es eben doch zu Komplikationen. Und darauf sind die Studenten nicht vorbereitet. Sie sollten bis zu ihrer Facharztausbildung warten. Danach halte ich die Arbeit in einem Entwicklungsland für sehr sinnvoll.

ZEIT: Die Studenten gehen auch deshalb ins Ausland, weil sie in Deutschland praktische Erfahrungen vermissen. Können Sie das nachvollziehen?

SCHNABEL: Ja. Während meines Praktischen Jahres (PJ) war ich in Kanada, ich hatte eigene Patienten und habe jeden Tag eine Stunde lang mit meinem Ausbilder über deren Behandlung gesprochen. In Deutschland dagegen ist es für das PJ nicht einmal üblich, dass es einen Ausbildungsplan gibt.

ZEIT: Warum wird die Praxis derart vernachlässigt?

SCHNABEL: Wenn Sie sich hier habilitieren wollen, zählt nicht, ob Sie gut in der Lehre waren. Es ist oft noch nicht einmal festgelegt, wie viele Stunden Lehrerfahrung Sie brauchen. Stattdessen zählen Veröffentlichungen und eingeworbene Drittmittel. Lehre ist nicht karriereförderlich. Dabei waren wir mal Vorreiter in der medizinischen Ausbildung.

ZEIT: Wirklich?

SCHNABEL: Ja, vor hundert Jahren. Damals entwickelte sich in Deutschland die rationale Theorie in der Medizin. Das war ein großer Fortschritt gegenüber der Scharlatanerie. Alles richtete sich nun auf wissenschaftliche Vorlesungen aus. Aber wir sind an diesem Punkt leider stecken geblieben.

ZEIT: Und in anderen Ländern ist das anders?

SCHNABEL: Ja, in Bern etwa gibt es ein Institut für medizinische Lehre mit 70 Mitarbeitern. Auch in Maastricht und Chicago gibt es große Einrichtungen, die fragen: Was ist eigentlich gute Lehre in der Medizin? In Deutschland haben wir dafür einen einzigen Lehrstuhl. Dabei weiß man beispielsweise längst, dass man Prüfungsmethoden braucht, die nicht nur das Wissen abfragen. Denn ein Mediziner muss zwar vieles wissen, aber auch vieles beherrschen.

ZEIT: Wenn die Erkenntnis da ist - warum ändert sich dann nichts?

SCHNABEL: Es bewegt sich durchaus etwas. An der Charité haben wir seit 1999 den Reformstudiengang Medizin, der jährlich 63 neue Studenten aufnimmt. Sie lernen beispielsweise in einem Simulationspa tienten- Programm, wie man effektiv mit Patienten spricht. Sie müssen all das üben, was später ganz selbstverständlich von ihnen verlangt wird, wenn sie Assistenzärzte sind. Deshalb bilden wir vom ersten Semester an am Patienten aus.

ZEIT: Und die Studenten danken es Ihnen?

SCHNABEL: Sie sind deutlich zufriedener als die Studenten im normalen Studiengang. Bis zu zwei Drittel aller Studienanfänger würden gern in den Reformstudiengang aufgenommen werden. Wir planen jetzt einen Modellstudiengang, in dem wir Erkenntnisse aus dem Reformstudiengang übernehmen und weiterentwickeln wollen. Auch jetzt gibt es im Regelstudiengang schon mehr Praxis in den Prüfungen und Gespräche mit Simulationspatienten als früher. Der Kostendruck ist allerdings sehr hoch, und gute Lehre ist teuer.

ZEIT: Also bleibt es bei deutschlandweit 63 zufriedenen Studenten?

SCHNABEL: Nein, in ganz Deutschland geht die Entwicklung dahin, dass man Trainingszentren für die praktische Ausbildung einführt. Große Unis wie München haben das schon getan, und auch die kleineren Hochschulen ziehen nach. Dafür ist es auch höchste Zeit. Fahrrad fahren oder schwimmen lernt man schließlich auch nicht in einer Vorlesung.

Aus DIE ZEIT :: 16.04.2009

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