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Wikipedia und die Wissenschaft

Von Tobias Lutzi

Während es für Studierende das Normalste der Welt ist, sich in schriftlichen Arbeiten auf Wikipedia zu berufen, reagieren Hochschullehrer nicht selten kritisch bis ablehnend auf die Online-Enzyklopädie. Dies spiegelt sich auch in der geringen Beteiligung von Wissenschaftlern an der freien Enzyklopädie wider. Wo liegen die Gründe?

Wikipedia und die Wissenschaft© Ferran Traite Soler - iStockphoto.comNur wenige Wissenschaftler schreiben Artikel für Wikipedia
Als Alexander von Humboldt von seiner letzten großen Forschungsreise aus Russland nach Berlin zurückkam, begann er mit der Umsetzung eines fast 30 Jahre lang gehegten Traums: "die ganze materielle Welt, alles was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens (...) wissen, alles in einem Werke darzustellen." Fünf Bände des Kosmos verfasste der Universalgelehrte bis zu seinem Tode - und griff dabei auf ein bis heute einzigartiges Netz aus über 2.000 Wissenschaftlern und Gelehrten zurück, denen er am Ende seines Lebens gut 50.000 Briefe geschrieben hatte. Seinen Assistenten bat er, ein 1.100 Seiten starkes Register anzufertigen, das, so Humboldt, "dem Kosmos den eigentlichen Werth giebt."

Humboldt konnte das Werk bis zu seinem Tod nicht beenden. Vielleicht wäre es ihm aber ein Trost gewesen, zu wissen, dass fast 150 Jahre später die größte Wissenssammlung aller Zeiten auf ganz ähnliche Weise entstehen sollte. In nur einem Jahrzehnt haben tausende Autoren auf Wikipedia über 20 Millionen Artikel in über 250 Sprachen zusammengetragen. Zwar sind diese Artikel nicht mehr nur über ein Register, sondern unmittelbar durch Links verknüpft, zwar tauschen sich die Autoren nicht mehr per Post, sondern digital aus: Humboldts Ideal, "Wissen nicht als statische[n] Besitz eines einzelnen, sondern als dynamische[n] Prozess einer Gemeinschaft" zu verstehen (Ottmar Ette), ist dennoch lebendiger denn je. Humboldt würde sich indes im Grabe umdrehen, wüsste er um die geringe Beteiligung seiner heutigen Kollegen an dem Projekt. Gerade in Deutschland sind unter den Autoren der Online-Enzyklopädie zwar zahlreiche Akademiker, jedoch so gut wie keine Wissenschaftler, die ihren Lebensunterhalt mit Forschung und Lehre verdienen.

Hindernisse und fehlende Anreize

Für Wikipedia wird dieser Umstand zunehmend zum Problem. Denn während das Projekt in den ersten Jahren vor allem in die Breite gewachsen ist, besteht inzwischen primär Bedarf an einer qualitativen Verbesserung von Artikeln und Strukturen. Diese erfordert jedoch in immer größerem Maße Fachwissen und Übersicht eines Experten - der oft allein in der Lage ist, die Arbeit der vielen fachlich interessierten Autoren durch den Aufbau wissenschaftlich belastbarer Strukturen zu koordinieren. Wikimedia, der Verein hinter Wikipedia, buhlt denn auch intensiv um Unterstützung durch die Wissenschaft. Erfolge sind dabei vor allem im englischsprachigen Raum zu verzeichnen: So sind allein am WikiProject U.S. Public Policy 22 Universitäten beteiligt; Fachzeitschriften wie RNA verlangen von ihren Autoren zu jedem Beitrag eine Kurzfassung für Wikipedia. Deutsche Wissenschaftler tun sich dagegen noch immer schwer mit der freien Enzyklopädie.

Die Gründe sind mannigfaltig. Schon die Einstiegshürden sind heute höher denn je. Wer mit Namenskonventionen, Richtlinien und Relevanzkriterien nicht vertraut ist, riskiert, dass sein umfangreicher Beitrag zur Faunistik innerhalb weniger Minuten zur Löschung vorgeschlagen wird - von den technischen Anforderungen ganz zu schweigen. Ulrich Greiner, ehemaliger Feuilletonchef der ZEIT und Gastprofessor an mehreren Universitäten, schreibt über seinen ersten (und leider einzigen) Beitrag zu Wikipedia: "Es kostete mich Zeit und Mühe. Es folgten Anfragen aus dem Kreis der Mitarbeiter oder Moderatoren, warum ich dieses oder jenes gemacht habe. Ich habe nicht darauf geantwortet. Nicht aus Arroganz, sondern weil es mich schon erschöpft hatte, das Eingabesystem zu begreifen." Vielen Wissenschaftlern ist zudem die Arbeit an einer kollaborativ erstellten Enzyklopädie fremd. Einerseits, weil Wikipedia inhaltlich einer strengen und für Wissenschaftler oft wenig attraktiven Beschränkung auf durch Sekundärquellen belegbare Informationen unterliegt. Andererseits, weil die Autoren gleichberechtigt über deren Darstellung entscheiden. Gerne bleibt dabei nicht nur "offline" erworbene Autorität unberücksichtigt - auch der Ton ist gelegentlich unangenehm rau.

Nicht nur Wikipedia ist indes arm an Anreizen für Wissenschaftler. Auch der Wissenschaftsbetrieb als solcher bestraft die Mitarbeit an einer freien Enzyklopädie eher, als dass er sie belohnt: Weder auf dem Weg zum eigenen Lehrstuhl noch im anschließenden Kampf um Reputation und Forschungsgelder sind derartige Publikationen außerhalb des etablierten Kanons von Vorteil. Deutschen Wissenschaftlern bleibt so nur die Mitarbeit nach Feierabend. Und selbst diese ist nicht ohne Risiko. Wird Wikipedia inzwischen auch nur noch von wenigen pauschal abgelehnt, so bestehen an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen doch zahlreiche Ressentiments. Vielfach beruhen sie zwar auf erheblichen Fehlvorstellungen - so ist es entgegen einer verbreiteten Annahme etwa ein Leichtes, einen Wikipedia-Artikel exakt seinen Bearbeitern zuzuordnen -, Wissenschaftlern und, erst recht, deren Studenten machen sie es dennoch schwer, einen Einstieg in das Projekt zu suchen.

Verantwortung und Chance

Dieses Misstrauen gegenüber Wikipedia ist auch deshalb zu bedauern, weil gerade der Wissenschaft dringend daran gelegen sein sollte, den Weg vom Elfenbeinturm zur Enzyklopädie weniger steinig zu gestalten. Denn mit dem Aufstieg Wikipedias zur größten Wissenssammlung aller Zeiten geht für sie eine erhebliche Verantwortung einher. Schüler wie Lehrer, Politiker wie Journalisten informieren sich auf Wikipedia über Klimawandel und Kommunismus, über Homöopathie und Holocaust. So ist das Lexikon etwa der Ort geworden, an dem das "populäre Geschichtswissen von morgen" entsteht, wie es der Historiker Peter Haber formuliert.

Die Verantwortung der Wissenschaft, dies zu beachten, ist groß. In ihr liegt gleichwohl auch eine Chance. Wenn die DFG titelt: "Wir müssen uns den Luxus der Grundlagenforschung einfach leisten. Das unterscheidet den Menschen vom Tier. Das ist Kultur.", dann formuliert sie ein Anliegen, das viele Wissenschaftler und Wikipedia- Autoren teilen. Für letztere ist allerdings entscheidend, die Ergebnisse dieser Forschung demjenigen zugänglich zu machen, der diesen Luxus bezahlt: der Gesellschaft. Auf Wikipedia können Wissenschaftler und Forscher dazu einen Beitrag leisten - auf eine Art, die auch Humboldt gefallen hätte, der wusste: "Ideen können nur nützen, wenn sie in vielen Köpfen lebendig werden."

Eine ausführliche Version dieses Textes findet sich in dem gerade erschienen Buch "Alles über Wikipedia und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt" (Hoffmann und Campe, 2011).


Über den Autor
Tobias Lutzi arbeitet am Institut für internationales und ausländisches Privatrecht der Universität zu Köln. 2010 wurde er von Wikimedia Deutschland und der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur für einen Wikipedia-Artikel mit der Zedler-Medaille ausgezeichnet.


Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2011

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