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Wir lassen fördern

VON JAN-MARTIN WIARDA

Das Deutschland-Stipendium bringt seit einem Jahr private Spender und Studenten zusammen.

Wir lassen fördern© mocker_bat - iStockphoto.comZum Leid der Studierenden schöpfen nur wenige Universitäten das ihnen zur Verfügung stehende Stipendienkontingent aus
Wenn zwei Politiker über das Deutschland-Stipendium sprechen, kann es einem so vorkommen, als redeten sie von zwei grundverschiedenen Dingen. Angesichts von 5.400 unterstützten Studenten schon im ersten Jahr des Programms schwärmt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), es entwickle sich eine »neue Stipendienkultur«. SPD-Bildungspolitiker Klaus Hagemann hingegen verweist darauf, dass das von Schavan für diesen Zeitraum gesteckte Ziel von 10.000 Geförderten klar verfehlt worden sei. »Das ist kein Programm, es ist ein Progrämmchen.«

Die Grundidee des Deutschland-Stipendiums ist: Die Hochschulen sind für die Einwerbung der Spender und für die Auswahl der Stipendiaten zuständig, für jedes akquirierte Stipendium in Höhe von 150 Euro monatlich gibt der Staat noch einmal die gleiche Summe dazu. Zum Sommersemester 2011 ging das Programm an den Start, jetzt gibt eine Studie des Statistischen Bundesamtes erstmals Aufschluss über die exakte Zahl der Hochschulen, die mitgemacht haben, sowie über die Herkunft und die soziale Zusammensetzung der unterstützten Studenten. An diesen Zahlen wollen Gegner wie auch Befürworter des Stipendiums dessen Erfolg messen.

Die Zahlen belegten die soziale Ausgewogenheit der Stipendien vergabe, sagt Ministerin Schavan. So liegt die Quote der zugleich Bafögberechtigten Stipendiaten mit 23 Prozent nur knapp unter derjenigen aller Studenten (26 Prozent). Diesen Unterschied deutet SPD Politiker Hagemann hingegen als »leichte soziale Schieflage«. Die kommt für Hagemann auch darin zum Ausdruck, dass nur sieben Prozent der Deutschland-Stipendiaten einen ausländischen Pass haben (im Vergleich zu elf Prozent aller Studenten in Deutschland).

Differenzen in der Wahrnehmung gibt es auch, wenn man sich die Verteilung der Stipendien auf die einzelnen Fächergruppen anschaut. Durch das Deutschland-Stipendium würden Wirtschaftsinteressen an den Hochschulen zu stark berücksichtigt, hatten Gegner des Programms im vergangenen Jahr gewarnt. Sie befürchteten, dass bestimmte Fachbereiche, vor allem in den Geisteswissenschaften, leer ausgehen würden. »Grundlos« nennt Schavans Ministerium solche Befürchtungen jetzt. Der Anteil der Ingenieurstudenten unter den Stipendiaten ist mit 27 Prozent etwas höher als ihr Anteil an allen Studenten, während die Sprach- und Kulturwissenschaftler mit 15 Prozent um fünf Prozentpunkte unterrepräsentiert sind. Keine katastrophale Lücke, aber etwas, wie Klaus Hagemann sagt, »das man weiter beobachten muss«.

Alles in allem, könnte man sagen, herrscht so etwas wie Enttäuschung in den bildungspolitischen Lagern: Weder ermöglichen die neuen Statistiken, das Stipendienprogramm als grandios gescheitert hinzustellen, noch lassen sich mit ihrer Hilfe die Kritikpunkte eindrucksvoll vom Tisch wischen - mit einer Ausnahme. »Befürchtungen, strukturschwache Regionen könnten abgehängt werden, haben sich nicht bewahrheitet«, sagt Alexander Tiefenbacher vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der eine Art Stipendienatlas erstellt hat. Demnach erreichen ausgerechnet ärmere Länder wie Bremen, das Saarland, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern eine hohe Ausschöpfung des ihnen zur Verfügung stehenden Stipendienkontingents.

»Der Standort einer Hochschule ist für ihren Erfolg der Stipendieneinwerbung eigentlich egal, solange das persönliche Engagement der Leitung stimmt«, sagt Michael Beier, Chef der Marketingabteilung an der Universität Hildesheim. Beispiel Uni Hamburg: Weil sich deren Präsident Dieter Lenzen gegen die Teilnahme am Stipendium sperrt, schneidet die reiche Hansestadt am schlechtesten ab. In Berlin wiederum sticht die Universitätsmedizin Charité die wesentlich studentenreicheren, aber in Sachen Stipendienakquise nur mäßig engagierten Universitäten Humboldt und FU aus.

Michael Beier hat schon im vergangenen Jahr, als von offiziellen Zahlen noch lange nicht die Rede war, eine eigene, viel beachtete Umfrage unter den Hochschulen durchgeführt. Im Winter hat er sie wiederholt. Sein Fazit: »Fast alle wollen mitmachen - obwohl die meisten gleichzeitig die fehlende Unterstützung durch die Politik beklagen.« Besonders Schavans Ministerium wurde kritisiert: »Es gibt kaum Werbung, und ein Wettbewerb, der zum Beispiel die besten Fundraising-Konzepte prämieren könnte, fehlt auch.«

Trotzdem nahmen den Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge 2011 60 Prozent der Hochschulen teil, dieses Jahr sind es laut Schavans Ministerium bereits 75 Prozent. Offenbar sehen sie die Chance, sich zu profilieren und Studenten emotional an sich zu binden. Prominentestes Beispiel hierfür ist die Uni Duisburg-Essen, deren Rektor Ulrich Radtke unermüdlich für das Stipendium wirbt und vom Deutschen Fundraising-Verband zum besten Spendensammler des Jahres gekürt worden ist. Hinzu kommt, dass die private Spenderlandschaft in Deutschland laut Beiers Umfrage erstaunlich gut auf das Programm anspringt. »Vom Dax-Konzern bis zur Ein-Mann-Firma ist alles dabei«, sagt der Hildesheimer Fundraising-Experte. Und was mögliche inhaltliche Einflussnahmen seitens der Spender angehe: »Diese Gefahr sehe ich nicht, es gibt klare und strikte Vorgaben durch das Stipendiengesetz. Ich finde sogar, dass die Wirtschaft aus der Betreuung und dem Mentoring der Stipendiaten zu stark herausgenommen ist.«

An der TU Kaiserslautern ist das anders. Dort sitzen die Spender nicht nur - ohne Stimmrecht - in der universitären Auswahlkommission, sie treffen die Stipendiaten auch regelmäßig: das nächste Mal zu einer von der Uni organisierten Grillparty. Mit dabei ist ein ganzes Portfolio regionaler und überregionaler Firmen von den Stadtwerken über Sparkassen bis hin zu BASF oder dem Baukonzern Bilfinger-Berger. Die laden die Studenten zu Schnuppertagen ein, zu Unternehmensführungen oder zu Praktika. Alles freiwillig. »Aber das läuft sehr rege«, sagt Fundraiserin Carla Sievers, die den größten Teil ihrer Zeit in den Aufbau solcher Netzwerke steckt.

Zu den unter rund 280 Bewerbern ausgewählten 54 Stipendiaten gehört Friederike Schendel, 20, die Architektur studiert. Zu Unternehmen hat sie bislang wenig Kontakt, was auch damit zusammenhängt, dass ihr Stipendium von der Stiftung der Uni bezahlt wird. »Wir bekommen Informationen zu aktuellen Seminaren und Vorträgen, das finde ich gut«, sagt Schendel. Für sie ist die Vernetzung mit Studenten anderer Fächer der größte persönliche Gewinn. »Wir haben schon eine gemeinsame Facebook-Gruppe gegründet.« So wird das Deutschland-Stipendium zu einem Stück Zuhause an der Uni.


Aus DIE ZEIT :: 31.05.2012

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