Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Wir müssen Leuchttürme bauen


Das Gespräch führten JUTTA HOFFRITZ und ANDREAS SENTKER

BASF-Vorstand Stefan Marcinowski über Forscher in der Industrie, die Zukunft der Gentechnik und die Suche nach jungen Talenten.

Wir müssen Leuchttürme bauen© Gewetz - http://commons.wikimedia.orgSeit 1997 investierte BASF rund 1,3 Milliarden Euro in die grüne Gentechnik und steht, trotz fehlender Umsätze, weiterhin hinter diesem Forschungsgebiet

DIE ZEIT:

Herr Marcinowski, Sie waren im Vorstand der BASF lange für die Forschung zuständig und insgesamt 33 Jahre lang für den Chemiekonzern tätig. Was hat sich in dieser Zeit für Wissenschaftler in der Wirtschaft geändert?

Stefan Marcinowski:

Forschung ist noch wichtiger geworden - und kundenorientierter. Die Menschen haben inzwischen fast alles. Nur wer ihre Bedürfnisse besser zu erfüllen weiß, hat die Chance, Geld zu verdienen. So haben wir sogar Kollegen von Henkel auf dem Werksgelände, mit denen wir Spülmaschinentabs entwickeln, die Geschirr auch mit lauwarmem Wasser sauber kriegen.

ZEIT:

Das klingt, als wäre der Erkenntnisdrang heute ziemlich zweckgebunden?

Marcinowski:

Innovation ist nur begrenzt planbar. Deshalb muss sich jede Volkswirtschaft Grundlagenforschung leisten, um Erkenntnisse zu gewinnen und Nachwuchs auszubilden. Die Industrie arbeitet notgedrungen zweckgebundener, wenn sie das Wissen zu Produkten verarbeitet. Das war immer so. Allerdings sind die beiden Sphären näher zusammengerückt. Und die Welt ist auch insgesamt kleiner geworden: In Ludwigshafen etwa arbeiten wir heute nicht nur mit der Uni Heidelberg zusammen sondern genauso gut mit Universitäten in Shanghai und Boston.

ZEIT:

Globalisierung bis ins Werkslabor?

Marcinowski:

Zwangsläufig - das gilt übrigens auch für die staatlichen Forschungsstätten selbst. Deutschland bildet junge Leute praktisch zum Nulltarif aus, die in der Welt sehr begehrt sind. Um die Abwanderung heller Köpfe auszugleichen, müssen wir umgekehrt auch attraktiv für ausländische Forscher sein. Da geht es um die Exzellenz unserer Universitäten, aber auch ganz schlicht darum, ob wir als Gesellschaft die nötige Weltoffenheit aufbringen, um im Wettbewerb um Talente mithalten zu können. Fühlt sich ein dunkelhäutiger indischer Forscher an der Universität in Jena wohl, oder muss er dort Angst um seine Familie haben? Die Frage ist auch, ob wir nicht inzwischen als so fortschrittsfeindlich wahrgenommen werden, dass der Mann aus Indien lieber gleich nach Amerika aufbricht. Nach den Debatten über Kernkraft, Nano- und Gentechnik habe ich da meine Bedenken.

ZEIT:

Ein Volk der Zweifler und Zauderer?

Marcinowski:

Wir Deutschen sind echte Technikfreaks, wenn es um schnelle Autos oder schlaue Handys geht. Aber sobald neue Technologien ins Spiel kommen, deren Nutzen dem Verbraucher nicht so unmittelbar einleuchtet - wie etwa bei der grünen Gentechnik -, haben wir eine völlig andere Gefühlswelt. Da gibt es massiven Widerstand.

ZEIT:

Zu Beginn des Jahres hat die BASF angekündigt, ihre Pflanzenbiotechnologie nach Amerika zu verlegen. Haben Sie mit diesem Geschäft eigentlich jemals Geld verdient?

Marcinowski:

Bisher nicht. Wir haben ja noch gar keinen Umsatz gemacht, außer mit der Stärkekartoffel Amflora.

ZEIT:

Und wie viel hat die BASF investiert?

Marcinowski:

Seit 1997 sind rund 1,3 Milliarden Euro in die grüne Gentechnik geflossen.

ZEIT:

Da muss man sich wundern, dass Sie überhaupt noch weiter darauf setzen.

Marcinowski:

Im Gegenteil. Wir stehen alle hinter diesem Forschungsgebiet - wissend, dass sich unsere finanziellen Erwartungen wohl erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts erfüllen. Dann kommt das trockentolerante Saatgut auf den Markt, das wir mit dem amerikanischen Monsanto-Konzern zusammen entwickeln. Die Bauern in den USA und Lateinamerika warten sehnlich darauf. Und bei Mais, Soja und Baumwolle, die Schadinsekten widerstehen, erreichen die Züchter dort schon heute eine Marktdurchdringung von fast 100 Prozent.

ZEIT:

Baumwolle und Soja werden in Europa so gut wie nicht angebaut, und über Trockenheit können wir auch nicht klagen - was fehlt Europa eigentlich, wenn Sie jetzt abwandern?

Marcinowski:

Wir haben Produkte speziell für Europa entwickelt, stärkereiche Industriekartoffeln oder Speisekartoffeln, die resistent gegen die Kraut- und Knollenfäule sind - das werden wir künftig sein lassen. Einzig die laufenden Anträge auf Zulassung in Europa verfolgen wir weiter und werden dazu auch noch einige Freisetzungsversuche in Europa durchführen. Fakt aber ist: Die europäische Landwirtschaft nimmt am Fortschritt nicht mehr teil. Es ist bitter, wenn eine Technologie, die vor 25 Jahren in Europa erfunden wurde, hier keine Anerkennung findet.

ZEIT:

Das war doch schon seit Langem absehbar!

Marcinowski:

Ich muss zugeben, dass wir bei der BASF schon vor zwei Jahren kurz davor waren, uns mit der grünen Biotechnologie aus Europa zurückzuziehen. Dann endlich - nach 13 Jahren - bekamen wir die EU-Zulassung für unsere Amflora und schöpften wieder Hoffnung. Die hat vorher erst eine einzige andere Pflanze erhalten, der schädlingsresistente Mais Mon810 von Monsanto. Den mag allerdings kaum einer anbauen, seit das Bundesverfassungsgericht 2010 bestätigte, dass Bauern haften, wenn der Maispollen sich in Nachbarfelder verbreitet. Und dann hat der Europäische Gerichtshof 2011 auch noch entschieden, dass Honig als verunreinigt gilt, wenn er ein paar Pollen enthält. Unzumutbar!

ZEIT:

Wie viele Forscher betrifft der Abzug denn?

Marcinowski:

In Europa, ganz überwiegend in Deutschland werden wir 140 Stellen abbauen. Und wir sind ja nicht die Einzigen: Bayer hat diesen Schritt lange vor uns vollzogen. Für Wissenschaftler in diesem Bereich bedeutet das, dass sie auswandern oder sich ein anderes Fachgebiet suchen müssen. Wir reden hier von hoch qualifizierten Arbeitsplätzen. Als Volkswirtschaft, die weder von Rohstoffen noch von der Billigfertigung lebt, sondern von Intelligenz und In no vation, dürfen wir uns so etwas nicht leisten.

ZEIT:

Dummerweise klappt das ja mit der Innovationskraft insgesamt nicht so gut, wie es sich Europas Staatsmänner vorgenommen hatten.

Marcinowski:

Stimmt, mit dem 2000 in Lissabon gefassten Vorsatz, durch mehr Forschung bis 2010 der dynamischste Wirtschaftsraum der Welt zu werden, hat sich die Politik leider ziemlich verhoben. Statt der geforderten drei Prozent haben die 27 Staaten der Europäischen Union 2010 im Schnitt gerade mal zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für solche Investitionen ausgegeben. Selbst Deutschland schaffte nur 2,8 Prozent.

ZEIT:

Wie erklären Sie den Misserfolg?

Marcinowski:

Bürokratie! Die Antragsbedingungen für die in Lissabon beschlossene Forschungsförderung sind so kompliziert, dass es keinen Spaß macht, sich um das Geld zu bewerben. Start-ups und selbst Mittelständler sind damit total überfordert. Das schaffen allenfalls große Unternehmen mit eigens darauf spezialisierten Abteilungen. Und denen würde es im Zweifel mehr helfen, wenn sie ihre Forschungsausgaben von der Steuer absetzen könnten, was in vielen Ländern erfolgreich gehandhabt wird, in Deutschland aber ...

ZEIT:

... etwa nicht durchzusetzen ist, trotz aller Lobbyarbeit der Chemieindustrie?

Marcinowski:

Wir haben die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Es ist einfach nicht einzusehen, warum man nicht da ansetzt, wo der Hebel am größten ist. Nur ein Drittel der Forschung findet in staatlichen Labors statt, zwei Drittel finanzieren Unternehmen. Mit der steuerlichen Förderung würde Deutschland als Forschungsstandort für Unternehmen deutlich attraktiver. Das käme der gesamten Volkswirtschaft zugute.

ZEIT:

Mal grundsätzlich gefragt: Warum sollte der Staat Steuern erlassen für Investitionen, die letztlich den Umsatz der Unternehmen erhöhen?

Marcinowski:

Wenn man ein Stimulans für Innovation sucht, wie wir das ja seit Jahren tun, wären Steuergutschriften in jedem Fall besser als Subventionen. Davon, dass wir der Photovoltaik über 20 Jahre Mindestpreise garantieren, hat die Wissensgesellschaft nämlich gar nichts.

ZEIT:

Was ist mit der Elektromobilitäts-Initiative der Bundesregierung, an der auch die BASF teilnimmt? Soll man die auch zugunsten der Steuergutschriften abschaffen?

Marcinowski:

Es geht nicht darum, das eine durch das andere zu ersetzen. Natürlich muss man den Mut haben, auf neue Großtechnologien zu setzen. Man muss Leuchttürme schaffen, wie es bei der E-Mobility geschieht, und zwar mit staatlicher und privater Hilfe. Die Finanzierung der Grundlagenforschung durch die öffentliche Hand und Abschreibungsmöglichkeiten für die F&E-Ausgaben der Wirtschaft - das wäre der ideale Mix.

ZEIT:

Das ist Ihre Forderung an die Politik. Und was muss die Wirtschaft tun?

Marcinowski:

Die Kette von der Grundlagenforschung bis in die Anwendung stark machen. In der Geschichte der Chemie finden sich viele Beispiele gelungener Transfers: Den künstlichen Indigo-Farbstoff hat die BASF gemeinsam mit Universitätsforschern entwickelt. Beim Haber- Bosch-Verfahren zur Herstellung von Kunstdünger sagt es schon der Name: Fritz Haber forschte damals bei der Technischen Hochschule Karlsruhe und Carl Bosch in Ludwigshafen. Und auch bei den modernen Kunststoffen arbeiten wir bis heute erfolgreich mit Unis zusammen.

ZEIT:

Weniger Erfolg als der Chemie war der Pharmaindustrie beschieden. Dabei nannte man Deutschland einst die Apotheke der Welt ...

Marcinowski:

Als ich 1979 ins Berufsleben einstieg, war der Frankfurter Hoechst-Konzern der weltgrößte Arzneihersteller. Das weiß ich noch so gut, weil ich damals das Angebot hatte, dort als Pharmavertreter anzufangen.

ZEIT:

Hoechst ist verschwunden, genau wie Schering, Altana ... Wie kann eine Branche so auf den Hund kommen?

Marcinowski:

Entschuldigen Sie, dass ich jetzt wieder mit Politik anfange. Aber Hoechst war Weltmarktführer bei Insulin und hatte in Frankfurt eine hochmoderne Anlage gebaut, die zum Technikmuseum wurde, weil ihr die Landesregierung die Genehmigung verweigerte. Der zuständige Minister hieß Joschka Fischer und hielt Biotechnologie für Teufelszeug. Als der Wettbewerber die deutschen Apotheken dann aus dem Elsass mit ganz ähnlichem Kunstinsulin belieferte, waren zwar die Diabetiker glücklich, aber Hoechst war seinen Vorsprung los.

ZEIT:

Und das soll die gesamte deutsche Pharmaindustrie zu Fall gebracht haben?

Marcinowski:

Die Forschung in Amerika und anderswo hat aufgeholt. Biotech etwa hat dort einen gewaltigen Vorteil, auch weil der Begriff nie so negativ besetzt war, wie er das bei uns lange Zeit war. Das ist wichtig beim Wettbewerb um kluge Köpfe. Junge Leute wählen ihren Arbeitgeber nicht nur nach dem Gehalt, sondern auch nach dem Image. Die wollen sich nicht für ihren Job entschuldigen müssen.

ZEIT:

Wenn man nach den Umfragen geht, träumen Hochschulabsolventen doch sowieso von einem Job in der Autoindustrie. Wie kämpft der weltgrößte Chemiekonzern um die Köpfe?

Marcinowski:

Wir können zwar keine schicken Autos zu Vorzugspreisen bieten. Aber wir kommen trotzdem gut an. Schon weil wir konsequent Nachwuchsarbeit betreiben: vom Experimentier- Kit für den Kindergarten bis zum Stipendium für Studenten. Und nicht zu vergessen der Jugendforscht- Wettbewerb. Den unterstützen wir seit 46 Jahren. Man muss einfach frühzeitig klarmachen, wie wahnsinnig spannend Forschung ist.


Aus DIE ZEIT :: 26.04.2012

Ausgewählte Artikel