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Wir sind bereit! - Studentenansturm an der Uni Münster

Von Marion Schmidt

Stadt und Universität Münster erwarten so viele Studienanfänger wie noch nie. Wie läuft die Vorbereitung? Sieben Beteiligte geben Auskunft.

Wir sind bereit!© WWU Münster/Peter GrewerDie Uni Münster hat sich gegen den Studentenansturm der doppelten Abiturjahrgänge gewappnet
Natürlich hat er gefürchtet, keinen Studienplatz zu bekommen. Und ein Jahr irgendwie mit Praktika, Jobs oder Reisen überbrücken zu müssen. Max Julian Stöckmann ist kein Rumhänger, er spielt Handball in der Oberliga, ist leistungsbereit, zielstrebig. Am Städtischen Gymnasium Löhne hat der 19-Jährige das Abitur mit einer Eins vor dem Komma abgelegt, und er weiß genau, was er will: Betriebswirtschaftslehre studieren, erst den Bachelor machen, dann den Master und später einen gut bezahlten Arbeitsplatz in einem Unternehmen ergattern. Doch erst einmal muss der Studienplatz her.

Das ist in diesem Wintersemester aber gar nicht so einfach: Im einwohnerstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen haben erstmals zwei Jahrgänge gleichzeitig Abitur gemacht: diejenigen, die wie Stöckmann noch 13 Jahren zur Schule gegangen sind, und diejenigen, die wegen der verkürzten Schulzeit das nur achtjährige Gymnasium durchlaufen haben. Nicht alle werden sofort ein Studium beginnen. Viele, die das G 8 absolviert haben, nehmen sich wohl erst einmal eine Auszeit.

Dennoch rechnet das Wissenschaftsministerium damit, dass jetzt etwa 123.000 junge Menschen im Land studieren wollen - so viele wie noch nie. 2008 waren es nur 87.600. Die Konkurrenz ist also in diesem Jahrgang gewaltig. »Ich dachte mir schon, dass es eng wird und dass die Unis extrem selektieren werden«, sagt Max Julian Stöckmann, »da habe ich beim Lernen noch ein Schüppchen oben draufgelegt.« 1,7 steht nun auf seinem Abschlusszeugnis. Das ist ziemlich gut, reicht aber nicht für die Universität Mannheim, an die er gern wollte. Vorsichtshalber hat Stöckmann sich an einem Dutzend Hochschulen in ganz Deutschland beworben. Von zehn erhielt er schließlich Zusagen. Am 5. August kam von der Uni Münster eine E-Mail: Er ist drin.

Der Leiter des Studierendensekretariats

Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster ist eine der größten Hochschulen Deutschlands mit über 40.000 Studenten in etwa 250 Studiengängen. Die Uni ist es gewohnt, mit großen Menschenmengen fertigzuwerden. Trotzdem stößt sie, wie viele andere Hochschulen, mit dem doppelten Abiturjahrgang an ihre Grenzen, auch deshalb, weil die Stadt im Vergleich zur Größe der Uni eher klein ist. Es ist daher ein unglaublicher Kraftakt, den die Hochschulen und die Stadt Münster in diesem Herbst stemmen müssen, um möglichst alle Studenten aufnehmen zu können.

Bis Mitte Juli hatten sich 53.515 Abiturienten an der Uni für einen jener Studiengänge beworben, die einen Numerus clausus haben und damit zulassungsbeschränkt sind. Das sind 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Im August wurden die Zulassungsbescheide verschickt. Seitdem haben sich 7.882 Studienanfänger neu eingeschrieben, bis Semesterbeginn werden aber noch mehrere Hundert hinzukommen. Die stammen aus den zulassungsfreien Fächern und der Kohorte der »Nachrücker«, die jene Plätze einnehmen, die in der ersten Zulassungsrunde unbesetzt geblieben sind. Die Uni rechnet damit, dass Anfang Oktober insgesamt rund 10.000 Erstsemester starten werden - die höchste Zahl in der 233-jährigen Geschichte der Universität, aber nicht so hoch wie befürchtet.

So sieht es Andreas Zirkel, Leiter des Studierendensekretariats, und man merkt ihm an, wie erleichtert er ist. In Zirkels Computer sind in den vergangenen Wochen sämtliche Onlinebewerbungen gelandet. Um den digitalen Ansturm bewältigen zu können, durfte er zusätzlich zwei Sachbearbeiter und fünf studentische Hilfskräfte einstellen. Die Vergabe von Studienplätzen ist komplex, zumal nach wie vor ein bundesweit einheitliches System fehlt und die Hochschulen untereinander immer noch nicht abgleichen können, wie viele Plätze wo an wen vergeben sind. Deshalb überbucht Zirkel die Studiengänge regelmäßig. Fluggesellschaften machen das auch, um ihre Flugzeuge besser auszulasten.

Das ist ein bisschen tricky, das weiß Zirkel, deshalb erzählt er es auch etwas zögerlich. Aber er hat einen guten Grund: Aus Erfahrung und Statistikauswertungen weiß er, wie viele Erstsemester in welchen Fächern bald wieder abspringen werden. Und am Ende, das ist Zirkel ganz wichtig, sollen »alle Kapazitäten aufs Äußerste ausgeschöpft sein«. Kein Platz soll frei bleiben. »Das ist auch ein Signal an die Abiturienten, dass wir möglichst nicht selektieren, sondern alles tun, um ihnen ein Studium zu ermöglichen.«

Die Rektorin

Seit drei Jahren bereitet sich die Universität auf die Welle der Studienanfänger vor: im Rektorat, in der Verwaltung, in den Fakultäten, Bibliotheken, ja sogar beim Hochschulsport. »Wir wussten lange genug Bescheid und konnten uns darauf einstellen«, sagt Ursula Nelles fröhlich. Sie ist seit 2006 Rektorin der Uni Münster, eine der ganz wenigen Frauen an der Spitze einer deutschen Hochschule. Nelles glaubt, dass Frauen für die Organisation solcher Mammutaufgaben besonders geeignet sind, denn sie seien exzellente Planerinnen. Sie wüssten halt schon im August, dass im Dezember Weihnachten sei, und kauften rechtzeitig die Geschenke, während Männer am Morgen des 24. in den Parfümerien anrückten.

So etwas passiert Nelles nicht. Das Projekt »doppelter Abiturjahrgang«, sagt sie, sei ihr eine Herausforderung. Bis 2016 entstehen, bezahlt von Bund und dem Land, etwa 5.200 zusätzliche Studienplätze. Für mehr Studenten werden mehr Räume benötigt, mehr Personal, mehr Bücher, mehr Wohnungen, mehr Essen - die ganze Uni muss aufgestockt werden. Eigentlich die ganze Stadt. Und dafür hat sich Nelles einiges einfallen lassen. Neue Lehrkräfte werden eingestellt, wissenschaftliche Mitarbeiter, Tutoren. Sechs in den kommenden Jahren frei werdende Professuren wurden vorzeitig neu besetzt, sodass für eine Übergangszeit zwei Professoren doppelt so viele Lehrveranstaltungen abhalten können. Ruhestandsfähige Hochschullehrer, die nicht aufhören möchten, können als sogenannte Seniorprofessoren weiter unterrichten. Im Schloss, dem Hauptgebäude der Hochschule, wurde ein Hörsaal für zwei Millionen Euro renoviert. Ein Seminargebäude wird für zehn Millionen Euro neu gebaut. Eine sogenannte Raumpatrouille aus dem Rektorat hat alle 217 Gebäude der Universität nach freien Kapazitäten abgeschritten und dabei mehr als 100 fast ungenutzte Räume gefunden. Auch sie werden fortan von 8 bis 20 Uhr im Zweistundenrhythmus belegt.

»Alles generalstabsmäßig geplant und umgesetzt«, triumphiert Ursula Nelles. Die Last dieser Aufgabe ruht sicher nicht allein auf den Schultern dieser Rektorin, aber wer sie trifft, kann sich lebhaft vorstellen, wie sie ihre Mitarbeiter durch die Räume scheucht. In ihrem weitläufigen Büro im Schloss steht ein Schreibtisch mit einer lilafarbenen Arbeitsplatte, eine Feministin ist die 63-Jährige aber ganz sicher nicht. Sie ist bloß eine ziemlich resolute Dame, intelligent, furchtlos und durchsetzungsstark. Wenn ihr etwas nicht schnell genug geht, wird sie grantig - und macht die Angelegenheit zur Chefsache. So auch die mit den Wohnheimen. Weil ihr das zuständige Studentenwerk zu langsam war, hat sie kurzerhand selbst über einen Verein 200 Zimmer angemietet, in Häusern, die zuvor von den Familien britischer Streitkräfte bewohnt waren. Darin werden nun vor allem ausländische Studenten in Wohngemeinschaften untergebracht. Die Uni-Rektorin als Vermieterin, das gibt's wohl nur in Münster.

Der Geschäftsführer des Studentenwerks

Beim Studentenwerk schüttelt Achim Wiese über so viel Aktionismus nur den Kopf. »Das wäre gar nicht nötig gewesen«, wiegelt der kommissarische Geschäftsführer ab und lehnt sich breitbeinig in seinem Sessel zurück. Das Studentenwerk habe selber über 60 Häuser von den Briten angemietet mit fast 200 Zimmern und baue obendrein noch kräftig dazu. Zum Wintersemester werden 260 zusätzliche Plätze angeboten, im nächsten Jahr noch weitere 270. Den Vorwurf, er habe getrödelt, lässt Wiese nicht auf sich sitzen: »Wir sind die Einzigen, die für den doppelten Abi-Jahrgang keinen zusätzlichen Euro bekommen haben - und wir investieren trotzdem.«

Zum Beweis steigt er in sein Auto und chauffiert die Reporterin in die Boeselagerstraße. Hier stand bis vor wenigen Jahren ein Waschbetonmonstrum aus den siebziger Jahren mit über 700 winzigen Apartments, hässlich, marode und verschmiert. Das haben sie abgerissen. In Knallfarben entsteht dort jetzt für 40 Millionen Euro eine neue Wohnheimanlage mit vier Gebäuden, die größte Passivhaussiedlung Europas mit Platz für 533 Studenten. Ein 25-Quadratmeter-Apartment mit Küchenzeile, Bad und bodentiefen, dreifach verglasten Fensterfronten kostet 285 Euro, alles inklusive. In das gelb gestrichene Gebäude sollen Anfang Oktober die ersten 130 jungen Mieter einziehen, die Nachfrage sei enorm, sagt Wiese. Die Bauarbeiten wurden beschleunigt, um rechtzeitig zu Semesterbeginn fertig zu sein. Drei Kräne drehen sich über der Baustelle, die Bäder werden fertig angeliefert. Wieses Ziel: kein Student ohne Dach über dem Kopf zu Semesterbeginn. Vorsichtshalber hält er aber 50 Notschlafplätze bereit.

Der Stadtdirektor

Münster ist eine typische Studentenstadt, von 300.000 Einwohnern sind 50.000 Studenten und 15.000 Hochschulmitarbeiter, inklusive des Klinikums. Die Stadt lebt mit und von ihren Studenten. Sie sind ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor: 700 Millionen Euro lassen sie jährlich in der Stadt. Kein Wunder, dass sie sich um jeden jungen Menschen bemüht. »Wir wollen Studenten nicht abschrecken, sondern unterstützen«, sagt der Stadtdirektor Hartwig Schultheiß. Und er meint damit: vor allem bei der Wohnungssuche.

Die Stadt hat viele Aktionen gestartet, um private Vermieter zu mobilisieren: Gastgeber können einen Studenten unverbindlich 30 Tage lang als Mieter testen und bei Nichtgefallen wieder auf die Straße setzen - so hartherzig ist aber kaum einer. Ein verzweifelt obdachloser Student hat sich sogar eine Nacht lang in das Schaufenster eines Kaufhauses gelegt, daraufhin bekam er 50 Wohnungsangebote. Auch wenn die Not groß ist - die Studenten sind heute trotzdem anspruchsvoller und bequemer geworden.

Auch das hat Schultheiß beobachten müssen. In seinem Büro hängen keine Familienfotos an der Wand, sondern Stadtpläne, Luftaufnahmen, Katasterkarten. Er zeigt auf ein Areal in Gremmendorf, einem Stadtteil im Südosten, mit dem Rad 15 Minuten bis zur Innenstadt. Auch dort wurden Wohnhäuser britischer Soldaten frei und zu WGs umgebaut. »Das ist manchen Studenten schon zu weit«, rügt Schultheiß. Will heißen, ganz so schlimm kann die Lage nicht sein.

Die Professorin

An der Uni allerdings wird der Platz knapp. Wer etwa zu Bettina Heiderhoff will, passiert erst die Suchtberatung für Hochschulangehörige und erklimmt dann die Treppe. Für die Professorin für Bürgerliches Recht war im Juridicum, dem Stammsitz der rechtswissenschaftlichen Fakultät, kein Platz mehr. Heiderhoff ist eine Zusatzkraft: Ohne den doppelten Abiturjahrgang hätte sie noch gar keine Professur. Ihre Berufung wurde wegen des erwarteten Studentenansturms vorgezogen. In drei Jahren rückt sie auf einen dann frei werdenden Lehrstuhl auf und in das dazugehörige Büro ein. Bis dahin baut sie ihr Institut in einem Nebengebäude auf, bittet Gäste, den Seiteneingang zu nehmen, um peinliche Zusammentreffen mit den Süchtigen zu vermeiden, und teilt sich die Professur mit dem bisherigen Stelleninhaber. »Ich wollte gern nach Münster«, sagt die 47-Jährige, »die juristische Ausbildung hat hier eine besondere Tradition.«

Der Kanzler

90 Millionen Euro. So viel wird es die Uni Münster kosten, die zusätzlichen Studenten über mehrere Jahre zu finanzieren. Zunächst hatte der Kanzler Matthias Schwarte bloß mit 37 Millionen gerechnet, aber die Prognosen für die Anzahl der Erstsemester wurden von den Kultusministern ständig nach oben korrigiert. Immerhin wurden auch die finanziellen Mittel nach oben korrigiert. Aus dem Hochschulpakt von Bund und Ländern hat die Uni Münster bislang 10 Millionen Euro abbekommen, weitere Millionen fließen bis 2015. Im Wettbewerb um eine bessere Lehre konnte die Uni obendrein 27 Millionen Euro einwerben. Das Geld ist knapp berechnet, aber es wird reichen, es muss reichen. Doch wenn die Pakte auslaufen, wird es keine zusätzlichen Mittel mehr geben, dann wird die Uni wieder auf Normalmaß zurückschrumpfen.

Doch jetzt braucht Schwarte das Geld erst einmal für den Aufbau. Bei dem früheren Wirtschaftsprüfer laufen alle Fäden zusammen. Jeder, der Raum oder Personal braucht, landet letztlich bei ihm. Als Kanzler führt er die Berufungsverhandlungen mit neuen Professoren und entscheidet, welches Gebäude wie genutzt wird. Schwarte ist ein großer, kräftiger Mann, den so leicht nichts aus der Ruhe bringt, auch wenn er, wie jetzt, »ganz schön viele Bälle in der Luft hat«. Als vor ein, zwei Jahren »Horrorszenarien« kursierten, die von Massenvorlesungen in der Münsterland-Halle handelten, von Seminaren in Schulen und Vorlesungen in Kinos, blieb Schwarte entspannt: »Ich kannte ja den Bestand.« Zusätzliche Seminarräume werden gerade auf dem Campus der Naturwissenschaften gebaut. Rechtzeitig zum Vorlesungsbeginn Mitte Oktober wird das Gebäude bezugsfertig sein.

Noch einmal: Der Student

Gleich nach seiner Einschreibung hat Max Julian Stöckmann sich aufgemacht, ein Zimmer in einer WG zu ergattern. Der Wohnungsmarkt in Münster ist angespannt, nicht nur wegen der vielen Studenten. Die Stadt ist beliebt, die Mieten sind mittlerweile so hoch wie die in Düsseldorf. Stöckmann hat ungezählte WG-Castings hinter sich gebracht, erfolglos. Er ist im doppelten Nachteil: Er ist Mann und Erstsemester ohne WG-Erfahrung. Erst als er sich mit einem anderen Abiturienten zusammentut und sie zu zweit eine Wohnung suchen, klappt es endlich. Allerdings wohnen sie 15 Fahrradminuten außerhalb, und einen Makler müssen die Jungs auch bezahlen. Immerhin, sie haben ihre erste eigene Wohnung, 43 Quadratmeter, 560 Euro warm. Das Studentenleben kann losgehen.

Aus DIE ZEIT :: 19.09.2013

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