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Wir sind "privat" geworden, um die Freiheit zu erreichen

Die Universität Witten/Herdecke, die erste private Universität in Deutschland, hat wechselvolle Zeiten hinter sich. Ein Gespräch mit dem Gründungspräsidenten der Universität Konrad Schily über das Konzept des "Studium fundamentale", Freiheit und Verantwortung, die Bologna-Reform und die Universität als "wirkmächtiger Kulturort".

Wir sind "privat" geworden, um die Freiheit zu erreichen© LeiferDr. Konrad Schily
Forschung & Lehre: Die Universität Witten/Herdecke (UWH) setzt statt auf billig und schnell auf ein "ganzheitliches Bildungsideal", Eigenverantwortung und Freiheit werden groß geschrieben. Angesichts von Ökonomisierungstendenzen und Massenuniversitäten ein elitäres Konzept?

Konrad Schily: "Die Töchter der Freiheit sind Bildung und Wohlstand" formulierte der große Arzt Virchow vor über 100 Jahren. Wir könnten fortfahren, dass Freiheit und Eigenverantwortung die Voraussetzungen für Kreativität sind. Wir sind "privat" geworden, um die Freiheit zu erreichen. Im Prinzip war die UWH immer eine öffentliche Universität in nicht-staatlicher Trägerschaft. Sie hatte die Freiheit erstritten, ein Studium zu entwickeln, das in allen Fächern die Praxis, die Theorie und den Gesamtzusammenhang (Studium fundamentale) vermittelt; und: Um Lehrenden und Lernenden die eigene Verantwortung zurückzugeben. Es zeigt sich, dass bei den Examen, in denen Vergleiche zu den staatlichen Universitäten möglich sind, die UWH bis heute weit überdurchschnittlich abschneidet. Die Aufwendungen der UWH im Bereich Medizin z.B. lagen aber nur bei etwa einem Drittel der vergleichbaren Kosten der staatlichen Universitäten. Die UWH ist in ihren Aufwendungen also wesentlich günstiger - bei hervorragenden Studienergebnissen. Das hat nur nie jemanden interessiert. Man sah sie als "elitär" - was immer das heißen soll. Aber dass sie besser und billiger war, wurde nicht hervorgehoben. Dies vielleicht deshalb, weil man sich dann eingestehen müsste, dass unabhängige, freie Universitäten besser und billiger wären als die von der Wirtschaft abgekupferten "Effizienz- und Rationalisierungs- Pogramme".

F&L: An den staatlichen Hochschulen scheint ein "ganzheitliches Bildungsideal" im Zeitalter von Bologna - trotz gegenteiliger Rhetorik - kaum mehr umsetzbar. Was läuft da falsch?

Konrad Schily: Es war auch vorher kaum umsetzbar. Eine wirkliche Gestaltungsfreiheit hatten weder die Lehrenden noch die Studierenden. Auch der so genannte Bologna-Prozess wurde den Universitäten von den Regierungen aufgezwungen. In einem nicht-staatlich administrierten Hochschulwesen hätte sich etwas Ähnliches wahrscheinlich auch entwickelt, vielleicht langsamer, sicher jedoch sachgerechter. Viele Hochschulen hätten trotzdem ihren "Dipl.-Ing." oder andere Abschlüsse nicht freiwillig aufgegeben, weil sie Weltmarken waren. Trotzdem muss man sehen, was sich ergibt. Das Hochschulfreiheitsgesetz z.B. in NRW hat den Universitäten mehr Spielraum gegeben, den viele bereits zu sehr kreativen Lösungen genutzt haben.

F&L: Ende letzten Jahres drohte der Privatuniversität die Pleite. Warum ist es nie so recht gelungen, die UWH auf eine solide finanzielle Basis zu stellen?

Konrad Schily: Die Pleitenähe der UWH 2008/2009 hat ihre Ursache unmittelbar in den völlig unsinnigen Auflagen des Wissenschaftsrates, der bei der Akkreditierung der medizinischen Fakultät die nachweislich gute Ausbildung nicht angreifen konnte und deshalb auf einer Ausweitung um neun wissenschaftliche Lehrstühle (= 3 Mio. Euro pro Jahr) bestand. Wäre ich noch im Amt gewesen, wäre das dem Wissenschaftsrat nicht gelungen Zur Finanzbasis: Die UWH hat vom ersten Tage an gegen erhebliche Vorbehalte kämpfen müssen. Die staatliche Anerkennung erfolgte mit der Auflage, keine Studiengebühren zu erheben, eine öffentliche Förderung wurde ausgeschlossen. Das konnten wir erst 1995 ändern, und das hat die Universität in den ersten 13 Jahren ihres Bestehens Millionen an Einnahmen gekostet und bei den Spendern immer wieder das Gefühl "Die sind nicht gewollt" hervorgerufen.
F&L: Kann nicht gerade die Finanzierung durch den Staat die Freiheit von Forschung und Lehre an den Universitäten am ehesten gewährleisten?

Konrad Schily: Die durchgeregelten Universitäten als Orte der Freiheit zu bezeichnen, das hat schon was! Das heißt nicht, dass es dort nicht freie Menschen geben kann. Freie Forschungsmittel finden sich in den Haushalten der staatlichen Universitäten nur noch als Erinnerungsposten. Die Forschung finanziert sich zum kleineren Teil über die DFG, Volkswagen-Stiftung und andere Stiftungen und zu einem erheblichen, überwiegenden Teil aus Industriemitteln. An staatlichen Universitäten werden Professoren inzwischen mit Boni belohnt, wenn sie diese einwerben, an der UWH nicht. Der Professor, der für die Industrie vorträgt, ist keine Erscheinung privater Universitäten.

F&L: Sie bezeichneten die staatlichen Hochschulen einmal als "wirkmächtige Kulturorte". Es sei an der Zeit zu begreifen, dass "Wissenschaft und Bildung immer wichtiger werdende Güter des kulturellen Lebens" seien. Wem wollten Sie das ins Stammbuch schreiben?

Konrad Schily: Das gilt auch heute noch in zwei Richtungen. Frei nach W. von Humboldt: Je einsinniger das Wirkende, desto uniformer das Gewirkte. Oder anders: Je unfreier die Universitäten durch staatliche Auflagen, je mehr Anpassung durch Rankings, Akkreditierung, ökonomische Optimierung (die nie eine ist), desto flacher und einheitlicher die Ergebnisse. Je freier die Universitäten aber, desto ungleicher, vielgestaltiger und vielfarbiger werden sie und desto mehr überraschendes und neues Kulturgut können sie produzieren. Wirkmächtig sind die Universitäten immer, fragt sich nur, in welche Richtung.

F&L: Sie konnten seinerzeit Unternehmer wie Berthold Beitz, Alfred Herrhausen oder Reinhard Mohn als Fürsprecher und Geldgeber für Ihr Universitätsprojekt gewinnen. Würde so etwas heute, 27 Jahre später, nochmals gelingen?

Konrad Schily: Man steigt nicht zweimal in den gleichen Fluss. Es war eine einmalige Konstellation, die mit der Ermordung Herrhausens im November 1989 bereits Geschichte geworden war. Heute müsste man - und würde ich - ganz anders beginnen.

F&L: Wenn Sie auf die vergangenen 27 Jahre zurückschauen: Was ist insgesamt gelungen und was nicht?

Konrad Schily: Nicht gelungen ist meine Nachfolge. Nicht gelungen ist der Aufbau eines Stiftungsvermögens; wir haben darüber gesprochen. Und ebenfalls leider nicht gelungen ist es mir, das Abitur abzuschaffen - was sozial endlich sehr viel bewegen würde - und durch eine Hochschulaufnahmeprüfung zu ersetzen. Die UWH belegt seit ihrem ersten Examen vor 25 Jahren Spitzenplätze in der Medizin, Studienabbrecher kennt sie nicht. Der "umgekehrte Generationenvertrag", also das Modell tatsächlich sozialverträglicher Studienbeiträge, ist einmalig und führend. Über 20 studentische Generationen in den verschiedenen Fächern und Fakultäten haben die Universität fruchtbar erlebt und mitgestaltet und sich Biografien erschlossen, die sich sehen lassen können.

Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2009

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