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»Wir verteidigen die freie Rede«

von Drew G. Faust

Drew G. Faust, Historikerin und Harvard-Präsidentin, über die Studentenproteste an amerikanischen Unis und die Bedeutung von Wissenschaft.

»Wir verteidigen die freie Rede« © kallejipp - photocase.de Um Redefreiheit zu garantieren, reicht es nicht, einfach jede Rede zu erlauben
DIE ZEIT: Frau Faust, in den USA, Europa, Südafrika, Indien diskutieren Studierende über die Kolonialgeschichte akademischer Institutionen, über Sexismus und Rassismus im Hörsaal. Erleben wir eine neue Ära der Studentenproteste?

Drew G. Faust: Die neuen Studentenproteste in den USA nahmen ihren Anfang in der Occupy- Bewegung (die 2011 die Wall Street blockierte, Anm. d. Red.). Sie hat Themen angestoßen, die im US-Wahlkampf und der US-Politik eine wichtige Rolle spielen: eine wachsende Ungleichheit und fehlende Chancen eines großen Teils der Bevölkerung. Außerdem geht es um die Umwelt und darum, Gelder aus Firmen abzuziehen, die mit fossilen Brennstoffen handeln, um so den Ausstoß an Treibhausgasen zu begrenzen. Die Studierenden fragen sich: Was hinterlässt uns die ältere Generation? Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung? Oder schaffen wir Studenten es, diese Probleme anzugehen oder sogar zu lösen?

ZEIT: Sind die Debatten an den Unis mit gesamtgesellschaftlichen Debatten verwoben?

Faust: Davon bin ich absolut überzeugt. Wenn Sie an die Black-Lives- Matter-Bewegung denken und an unsere Bemühungen in Harvard, der versklavten Menschen zu gedenken, die auf dem Campus gearbeitet haben. All das sind Puzzlestücke einer größeren Rassendebatte in den USA, die in den letzten Jahren an Fahrt gewonnen hat, weil es nun Technologien gibt, mit denen man jede Ungerechtigkeit filmisch dokumentieren kann. Diese Unmittelbarkeit von Polizeigewalt und anderen Konflikten außerhalb der Universitäten hatte dadurch einen Widerhall, der auch auf dem Campus ankam.

ZEIT: Wie groß ist das Rassismusproblem der USA?

Faust: Nach der Wahl von Barack Obama wurde viel darüber geredet, dass wir jetzt eine postrassistische Gesellschaft seien. Eine ungeheure Fehleinschätzung! Heute würde das so niemand mehr sagen. Während die USA langsam anfingen zu begreifen, dass wir weit von einer postrassistischen Gesellschaft entfernt sind, wurden unsere Universitäten zu Stätten, an denen junge Menschen ihre Sorgen, manchmal sogar ihre Verzweiflung artikulierten - über diese Rassenungleichheiten, die sie auf dem Campus oder in der Gesellschaft erleben mussten.

ZEIT: Haben wir es mit einem Kampf um Redefreiheit zu tun, wie manche Kritiker glauben?

Faust: Auf jeden Fall. Und wir werden die freie Rede auf unserem Campus verteidigen. Intellektuelle Verunsicherung stellt einen der wichtigsten Aspekte akademischer Bildung dar. Man wächst, indem man seine Weltsicht und sicher geglaubten Annahmen anderen Überzeugungen gegenüberstellt, die man selbst eher als schwierig empfindet. Daher ist die Redefreiheit für uns essenziell. Es reicht allerdings nicht, einfach jede Rede zu erlauben. Für einen freien Austausch muss eine Umgebung geschaffen werden, in der die Leute das Gefühl haben, sich ausdrücken zu dürfen. Und wenn jemand fürchten muss, dass er für seine Überzeugungen beschimpft, gedemütigt oder in den sozialen Medien lächerlich gemacht wird, ist das keine Umgebung, in der ein freier Gedankenaustausch möglich ist. Kurzum: Es gibt Voraussetzungen für die Redefreiheit, die darüber hinausgehen, dass der eine über den anderen verletzende Sachen sagt.

ZEIT: Hat sich die intellektuelle Klasse zu lange in den Universitäten verschanzt?

Faust: Universitäten scheinen sich von der Gesellschaft entfernt zu haben. Das liegt teilweise daran, dass ihre Aufgabe ist, den Status quo zu kritisieren und alle nur denkbaren Gedanken auszuprobieren. Da erscheint es sehr leicht, einige dieser Ideen von außen zu dämonisieren. Wir müssen uns ernsthaft anstrengen, Erkenntnisse zu verteidigen. Dafür müssen wir die Menschen daran erinnern, wie viel die Wissenschaft ermöglicht hat. Technologischer Fortschritt, Veränderungen in den medizinischen Behandlungen, unsere gestiegene Lebenserwartung - all das verdanken wir Fakten, der Forschung, der Wissenschaft. Ich war so bewegt, als ich gestern die Topografie des Terrors besucht habe und dort sah, wie Deutschland durch seine Traditionen und seine Kultur, aber auch durch seine Repräsentanten die deutsche Verantwortung für den Holocaust und den Aufstieg des Nationalsozialismus übernommen hat. Das sind ja die Fakten aus der Geschichte. Und Deutschland sagt, dass wir diese Vergangenheit verstehen müssen, um das Land in der Zukunft zu gestalten. Wir in den USA müssen sicherstellen, dass die historischen Fakten unserer Geschichte, die von Rasse, Sklaverei und vielen anderen Dingen handeln, stärker in den Mittelpunkt gerückt werden.

ZEIT: Hochschulen stehen heute in globaler Konkurrenz. Wie beobachten Sie diesen Wettbewerb?

Faust: Die USA fahren ihre Forschungsgelder seit Beginn der 2000er Jahre kontinuierlich zurück. Darüber führe ich viele Gespräche mit Regierungsvertretern. Ich weise darauf hin, dass diese Ausgaben in Deutschland, China und einer Reihe anderer Länder dramatisch gestiegen sind. Die Max- Planck-Institute - mit denen wir im Bereich Physik sehr gut zusammenarbeiten - sind für Wissenschaftler sehr attraktiv, weil sie großzügig ausgestattet sind. Wir beobachten das sehr aufmerksam.

ZEIT: Harvard gilt unter den Unis als Nummer eins. Wie bleibt man die beste Hochschule der Welt?

Faust: Ich glaube, es geht dabei um die Frage, wie man talentierten Menschen attraktiv erscheint. Wie schaffen wir eine Umgebung, die Kreativität fördert und von der sich Menschen angezogen fühlen? Wenn ich Universitäten außerhalb der USA besuche, fällt mir ein Unterschied immer wieder auf - dass das Bachelorstudium dort anders verstanden wird. Und zwar hinsichtlich der Geisteswissenschaften und der Bandbreite der Bildung. Auf jeder meiner Reisen nach China werde ich mit einem ungeheuren Interesse konfrontiert, wie wir Geisteswissenschaften lehren. Dasselbe beobachte ich bei den deutschen und britischen Studierenden, die nach Harvard kommen, um bei uns einen Bachelor zu machen. Oft haben sie sich für uns entschieden, weil sie hier weder Jura noch Geschichte studieren müssen, sondern stattdessen zunächst eine riesige Auswahl an geisteswissenschaftlichen Kursen haben und sich erst dann für eine Studienrichtung entscheiden müssen. Diese Herangehensweise unterscheidet uns doch sehr von anderen Universitäten in aller Welt, und es ist etwas, auf das wir stolz sind.

ZEIT: Können deutsche Unis von Harvard lernen, eine Ausstrahlung zu entwickeln, die auf Menschen aus aller Welt anziehend wirkt?

Faust: Ein Schlüssel, um so ein Gemeinschaftsgefühl wie in Harvard zu erzeugen, ist, dass die Studenten zu Beginn ihres Studiums zusammen auf dem Campus wohnen. Bei uns gehen die Leute nicht einfach gemeinsam ins Seminar - sie sind Teil einer Gemeinschaft, in der Wissen und Lernen auch durch glückliche Zufälle entsteht. Man läuft sich nachts auf dem Flur über den Weg, man gerät über dem Abendessen in eine weitreichende philosophische Diskussion. Das ist ein wirklich wichtiger Aspekt unseres Uni-Lebens.

Das Gespräch führte Anna-Lena Scholz.

Aus DIE ZEIT :: 03.11.2016

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