Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Wir Weltgärtner

Das Gespräch führte ULRICH SCHNABEL

In dieser Woche wird in Berlin eine neue erdgeschichtliche Epoche eingeläutet: Das Anthropozän. Der Begriff soll unser Denken verändern. Ein Gespräch mit dem Geobiologen Reinhold Leinfelder.

Wir Weltgärtner© Reinhold LeinfelderProf. Dr. Reinhold Leinfelder forscht an der FU Berlin und der LMU München zum Thema "Anthropozän"
DIE ZEIT: Sie sind einer der Initiatoren des Anthropozän-Projektes, das an diesem Donnerstag in Berlin startet. Worum geht es?

Reinhold Leinfelder: Der Begriff Anthropozän - Menschenzeit - soll zum Ausdruck bringen, dass wir die erdgeschichtlich relativ stabile Epoche des Holozäns hinter uns gelassen haben und etwa seit dem Jahr 1800 in eine neue Epoche eingetreten sind, in der der Mensch zum dominierenden geologischen Faktor geworden ist. Das kann man an vielen Punkten festmachen: Mehr als 90 Prozent allen Pflanzenwachstums findet in Systemen statt, die der Mensch beeinflusst, 90 Prozent der Biomasse aller lebenden Säugetiere werden vom Menschen und seinen Haustieren gestellt, und mehr als drei Viertel der eisfreien Landoberfläche sind nicht mehr im ursprünglichen Zustand.

ZEIT: Dass der Mensch die Umwelt formt, wissen wir ja schon lange. Was ist neu am Anthropozän außer dem Begriff an sich?

Leinfelder: Neu ist die Erkenntnis, dass wir ein untrennbarer Teil des Systems sind. Noch denken wir in Gegensätzen: Auf der einen Seite die »gute« Natur, die man bewahren muss; auf der anderen der Mensch und die »böse« Technik, deren Einfluss man zurückdrängen muss. Doch dieser Dualismus ist überholt. Natur und Kultur sind Teile eines Gesamtsystems geworden. Das eine lässt sich nicht ohne das andere begreifen.

ZEIT: Bei der Berliner Eröffnungsveranstaltung wird - neben Philosophen, Forschern, Musikern und Filmemachern - auch der Architekt Rem Koolhaas sprechen. Sein programmatischer Vortragstitel: »Die Natur ist vorbei.« Dabei erleben wir gerade in der Architektur eine Gegenbewegung, die sich die Natur zum Vorbild nimmt - etwa beim ökologischen Bauen.

Leinfelder: Für mich ist das kein Gegensatz. Klar, vom Konzept der unberührten Natur müssen wir uns verabschieden, aber zugleich geht es ja darum, das Gesamtsystem so zu gestalten, dass es nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Und dazu zählen für mich selbstverständlich naturnahes Bauen und ein Energiemanagement mit möglichst geringem ökologischen Fußabdruck.

ZEIT: Fördert die Sichtweise vom Anthropozän nicht eine neue Hybris? Es ist ja kein Zufall, dass der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen, der als Erster den Begriff Anthropozän prägte, auch das sogenannte Geoengineering nicht ausschloss. Es gibt etwa den Vorschlag, mit Aerosolen künstlich die Sonneneinstrahlung zu bremsen und so den Klimawandel aufzuhalten. Dabei können wir die Folgen solcher großtechnologischer Eingriffe derzeit weder übersehen noch vollständig beherrschen.

Leinfelder: Diese Gefahr sehe ich auch. Hinter solchen Ideen steckt oft der Glaube an monokausale Klempnerlösungen, also die Vorstellung, man könne Probleme dadurch abstellen, dass man an einer einzigen Stellschraube dreht. Davon müssen wir wegkommen. Das ist zwar oft gut gemeint, doch solche technokratischen Lösungen sind systemisch meist nicht durchgedacht. Das war auch bei den Biofuels zu beobachten, den Kraftstoffen aus Pflanzen: Die ganzen Nebenwirkungen - steigende Lebensmittelpreise, Transport- und Effizienzverluste, fatale Auswirkungen auf die Landwirtschaft et cetera - wurden nicht bedacht. Was wir brauchen, ist so etwas wie ein gärtnerisches Gestalten, das ein Verständnis für die Komplexität des Gesamtsystems entwickelt.

ZEIT: Sind wir dazu klug genug? Werden wir diese Komplexität je überblicken?

Leinfelder: Auch der Wissenschaft ist natürlich klar, dass wir noch längst nicht alles wissen. Um ein solches Gesamtverständnis zu erreichen, brauchen wir sicher noch eine sehr viel bessere Verschränkung von Natur- und Geisteswissenschaften; dasselbe gilt aber auch für Technik und Gesellschaft. Die Wissenschaft kann nicht alleine die Antwort geben. Wir brauchen mehr Partizipation auf allen Ebenen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), dem ich angehöre, hat dazu einen »Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation« vorgeschlagen. Das heißt: Um Veränderungen zu erzeugen, müssen die gesellschaftlichen Kräfte von vornherein mit einbezogen werden. Und wir brauchen mehr systemisch arbeitende, interdisziplinär kooperierende Wissenschaftler.

ZEIT: Genau daran hapert es heute aber. Unser Wissenschaftssystem fördert doch immer noch das Spezialistenwissen und diejenigen, die sich innerhalb einer Disziplin profilieren. Zudem stehen die einzelnen Fächer oft auch untereinander in Konkurrenz um Drittmittel. All das steht der Interdisziplinarität entgegen.

Leinfelder: Sie sprechen mir aus der Seele. Da muss sich einiges ändern. Natürlich brauchen wir die spezialisierte, hochkonzentrierte Wissenschaft in einzelnen Bereichen. Aber zugleich brauchen wir auch die Verschränkung und das, was ich transformative Ergänzung nenne. Wir brauchen also Leute, die zum Beispiel neuartige Batterien entwickeln, und zugleich jene, die sich über deren gesellschaftliche Verwendung und Akzeptanz Gedanken machen.

ZEIT: Wird der Nachwuchs dafür richtig ausgebildet?

Leinfelder: Wir brauchen sicher mehr Karrierewege, die von vornherein die systemische Perspektive eröffnen. Das fängt schon in den Schulen an: Dort wird ja auch meist noch sektoral gedacht - Physik, Chemie, Biologie - und nicht themenbezogen. Um das zu ändern, braucht es entsprechend ausgebildete Leute und Anreizsysteme in den Hochschulen. Das dauert. Aber da bewegt sich schon etwas.

ZEIT: Was erhoffen Sie sich jetzt vom Berliner Auftakt zum »Anthropozän-Projekt« konkret?

Leinfelder: Wir erhoffen uns eine kritische Reflexion und eine Aufbruchstimmung. Besonders gespannt bin ich auf die Reaktion des Publikums. Springt der Funke über? Das Projekt ist offen angelegt, und das Ziel können wir alle nur zusammen bestimmen. Wichtig ist vor allem die geistige Vernetztheit - sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch über diese hinaus. Die muss viel besser werden. Die Technik dazu haben wir - das Internet, Datenbanken, extrem rasche Austauschmöglichkeiten. Also: Wenn wir es jetzt nicht schaffen, wann dann?

Aus DIE ZEIT :: 10.01.2013

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote