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Wissenschaft als riskante Berufskarriere

Von Vera Müller

Dieser Bundesbericht ist ein Novum. Erstmals hat die Bundesregierung fast alle relevanten Informationen zum Thema wissenschaftlicher Nachwuchs zusammengefasst. Was sind die wesentlichen Ergebnisse?

Wissenschaft als riskante Berufskarriere© nighthawk7 - stock.xchng
Schwerpunkte sind das System der Nachwuchsförderung in Deutschland, empirische Befunde, die Förderung von Bund und Ländern sowie die Programme der Förderorganisationen. Auch die Nachwuchsförderung im internationalen Vergleich und gleichstellungspolitische Aspekte werden behandelt. Im Vergleich zu Großbritannien, Frankreich und den USA haben Promovierte in Deutschland die geringste Chance, auf eine selbständige und unbefristete Hochschullehrerstelle zu gelangen. Trotzdem waren die Nachwuchswissenschaftler nach eigenen Angaben im Jahr 2007 deutlich zufriedener als noch 15 Jahre zuvor. Damals hatte sich der wissenschaftliche Nachwuchs im internationalen Vergleich "als besonders unzufrieden" gezeigt.

Das geht aus dem ersten Bundesbericht zur Förderung des Wissenschaftlichen Nachwuchses (BuWiN) hervor, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veröffentlicht hat und der auf Studien und Umfragen von Hochschulforschern aus Halle, Kassel und München basiert.

Insgesamt hat sich die Arbeitssituation des wissenschaftlichen Nachwuchses in den vergangenen 15 Jahren nicht wesentlich verändert. Nach wie vor spiele das Beschäftigungsverhältnis an der Hochschule eine entscheidende Rolle bei der Promotionsförderung, und zwar für etwa 40 Prozent aller Doktoranden, erklärte das Institut für Hochschulforschung (HoF) Halle. Doch hätten die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in den vergangenen Jahren spürbar aufgeholt. Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland eine Spitzenposition bei der Zahl der Promotionen ein. Doktoranden sind meist als befristete wissenschaftliche Mitarbeiter an einer Universität beschäftigt. 2005 galt dies für drei Viertel (74,8 Prozent). Etwa drei Fünftel der befristet Beschäftigten wurde aus Haushaltsmitteln bezahlt, weitere zwei Fünftel aus Drittmitteln (s. Tabelle 1, unten).

Bemerkenswert ist dem Bericht zufolge die unterschiedliche Bezahlung des wissenschaftlichen Nachwuchses: So erhielten im naturwissenschaftlich- technischen Bereich an Universitäten sowohl die Promovierten als auch die Nicht-Promovierten im Durchschnitt eine um mehr als ein Viertel höhere Vergütung als ihre Kollegen in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Beratung und Betreuung findet die Mehrheit der Promovierenden in Deutschland "nicht nur als angemessen, sondern insgesamt auch als zufriedenstellend", wenngleich Unterschiede nach Fächergruppen und Finanzierungsarten bestünden. Etwa ein Drittel wünschte sich eine deutlich bessere Beratungs- und Betreuungsqualität.


Wissenschaft als riskante Berufskarriere: Ergebnisse des ersten Bundesberichts zur Lage

Die in dem Bericht analysierten repräsentativen Befragungen zum Hochschullehrerberuf aus den Jahren 1992 und 2007 ergaben, dass die Forschungskooperation, d.h. Projekte mit anderen Wissenschaftlern vor Ort, während der Promotionszeit gestiegen sind und beim wissenschaftlichen Nachwuchs insgesamt der Anteil der Lehraufgaben ein wenig zugenommen hat. Bei den Universitätsprofessoren hingegen fand eine deutliche Verschiebung in Richtung Forschung statt. 13 Prozent der in 2007 befragten Hochschullehrer sahen ihre Präferenz eindeutig in der Forschung (statt 7 Prozent 15 Jahre zuvor) und 65 Prozent in Forschung und Lehre mit stärkerem Akzent in der Forschung (statt 59 Prozent). Inzwischen sei der Anteil der ganz oder überwiegend Lehrorientierten beim wissenschaftlichen Nachwuchs höher als unter der Professorenschaft (29 im Vergleich zu 23 Prozent, 1992 hatten die entsprechenden Werte 28 und 35 Prozent betragen).

Die Chancengerechtigkeit der Geschlechter bildet einen weiteren Eckpfeiler des Berichts. Wenn auch der Anteil der Frauen an den Habilitationen kontinuierlich gestiegen ist, und zwar von 13,8 Prozent (1995) auf 23 Prozent (2005), sind sie bei den Habilitationen noch deutlicher unterrepräsentiert als bei den Promotionen (40 Prozent). Erst wenn Promotions- und Habilitationsphase einmal durchschritten sind, fällt für beide Geschlechter die Chance auf eine Neuberufung annähernd gleich hoch aus (s. Tabelle 2, unten). Auch bei den Juniorprofessuren sind Frauen unterrepräsentiert, wenngleich ihr Anteil im Vergleich zu den übrigen Professuren größer ist (29 Prozent). Einen "unter gleichstellungspolitischen Aspekten sehr bedenklichen Befund" liefert dem Bericht zufolge die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vorgelegte Studie über "Antragsaktivität und -erfolg von Juniorprofessoren bei der DFG", die den Zeitraum von 2002 bis 2005 umfasst und sich auf die Vergabe von Drittmitteln für Forschungszwecke konzentriert. So habe sich beim Vergleich der Antragsbeteiligung in den Geistes- und Sozialwissenschaften gezeigt, dass von den 330 Anträgen auf Einzelförderung, die von Juniorprofessoren als Hauptantragsteller eingereicht wurden, nur 67 von Frauen stammten.

Wissenschaft als riskante Berufskarriere: Ergebnisse des ersten Bundesberichts zur Lage

In Deutschland gibt es zwar im Vergleich mit Frankreich, Großbritannien und den USA den größten Anteil an Qualifikationsstellen, jedoch die wenigsten unbefristeten Hochschullehrerstellen, und die wurden sogar reduziert: Während die Habilitationen an deutschen Universitäten in der Dekade 1995 bis 2005 um 30,6 Prozent gestiegen sind, wurden in demselben Zeitraum nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 1 500 Professuren an den Universitäten gestrichen. Beispielsweise für die Fächergruppe Humanmedizin/ Gesundheitswissenschaften hat sich dem Bericht zufolge die Zahl der Habilitationen bei stagnierender Professorenzahl deutlich erhöht. Kamen im Zeitraum 1993 bis 1995 16,9 Habilitationen auf 100 Universitätsprofessoren, waren es 2003 bis 2005 27,6. Wie sich die Habilitierenden in Deutschland finanzieren, darüber existierten keine verlässlichen Informationen. Es sei allerdings davon auszugehen, dass dies bei einem Großteil über Stellen an den Hochschulen geschehe. Das Gleiche gelte für die meisten Juniorprofessoren für die Zeit zwischen Promotion und Berufung; je nach Fächerkultur finanzierten sie sich aber auch durch Tätigkeiten außerhalb der Wissenschaft.

Zu Recht beschreibt der Bericht den Weg zur Hochschulprofessur in Deutschland als "riskante Habilitationskarriere", denn die Alternativen sind begrenzt: es bleibe nur eine unselbständige Dauerposition innerhalb der Universität, die Option der Forschungstätigkeit in einem außeruniversitären Institut, wo allerdings der Anteil der befristeten Stellen überall zunehme, oder eine Fachhochschulprofessur. Deshalb sei es notwendig, den Nachwuchswissenschaftlern bereits früher verlässliche Perspektiven und die Möglichkeit des selbständigen Forschens und Lehrens zu bieten.

Der Vergleich mit Frankreich, Großbritannien und den USA zeigt, dass der Anteil der unbefristet auf C2/C3/C4- bzw. W2/W3-Professuren beschäftigten hauptberuflichen Wissenschaftler an deutschen Universitäten im Jahr 2005 lediglich 15,3 Prozent betrug.

Die Universitäten halten damit für Hochschullehrer in Dauerstellung nur etwa ein Fünftel ihrer Wissenschaftlerstellen bereit. Dem stehen in Großbritannien rund zwei Drittel unbefristeter Hochschullehrerstellen, in Frankreich sogar fast drei Viertel gegenüber. An den US-Universitäten befinden sich deutlich mehr als fünfzig Prozent des wissenschaftlichen Personals in selbständigen Hochschullehrerpositionen mit Tenure. Es sei in den letzten Jahren jedoch die Tendenz zu beobachten, dass der Anteil der befristeten Hochschullehrerpositionen und der Teilzeitbeschäftigungen kontinuierlich wachse.

Auch an britischen Universitäten nehmen befristete Drittmittelstellen stärker zu als die Zahl der regulären Hochschullehrerstellen. Insgesamt sei der Bestand an unbefristeten Hochschullehrerstellen, auf die sich Nachwuchswissenschaftler mit Aussicht auf Erfolg bewerben könnten, in Großbritannien jedoch relativ groß.

In Frankreich waren im Jahr 2005 an den Universitäten 73,6 Prozent des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals als Hochschullehrer mit unbefristeter Stelle tätig. Es sei in Deutschland zwar einfacher, auf befristete Nachwuchsstellen zu gelangen als in Frankreich, "der Flaschenhals zu einer dauerhaften akademischen Karriere ist allerdings in Deutschland sehr viel enger", heißt es im Bericht.

Es ist das Verdienst dieses Bundesberichts, die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland ausführlich beschrieben und analysiert zu haben. Nun wird es darum gehen, wie die von ihm identifizierten Reformfelder wie beispielsweise der Ausbau des "Tenure track", die Gleichstellung der Geschlechter oder die verstärkte Rekrutierung von jungen ausländischen Forschern, aber vor allem die Schaffung zusätzlicher Professorenstellen, vorangetrieben werden.

Parallel zu diesem Bundesbericht wurde das Kommunikations- und Informationssystem "Wissenschaftlicher Nachwuchs (KISSWiN)" eingerichtet. Im Zentrum steht ein Internetportal, das unter anderem mit einem Beratungsservice für junge Wissenschaftler verknüpft wird. Es soll ab Oktober 2008 zur Verfügung stehen.

Vera Müller
Vera Müller, M.A., ist Redakteurin von Forschung & Lehre.

Aus Forschung & Lehre :: April 2008

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