Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Wissenschaft braucht Sammlungen

VON WOLFGANG MARQUARDT

Zur Situation und Bedeutung von wissenschaftlichen Sammlungen hat der Wissenschaftsrat im Jahr 2011 Empfehlungen veröffentlicht. Was sind die Kernpunkte und was ist seither politisch und finanziell geschehen? Ein Beitrag des Vorsitzenden des Wissenschaftsrates.

Wissenschaft braucht Sammlungen© Nancy Nehring - iStockphoto.comDer Wissenschaftsrat unterstreicht in seinen Empfehlungen die Bedeutung der wissenschaftlichen Sammlungen als essentielle Grundlage für die Forschung
Sammlungen von Objekten haben einen besonderen Wert, der vor allem auf ihrer Gegenständlichkeit basiert: Man kann Objekte betrachten und anfassen, sie können faszinieren. Jedoch war nicht diese vor allem in Ausstellungen erfahrbare Faszinationskraft ausschlaggebend dafür, dass der Wissenschaftsrat sich mit objektbasierten Sammlungen befasst hat. Ihn interessierte vielmehr ihr Wert für die Wissenschaft, der häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar ist: Objekte, die in Sammlungen nach bestimmten Kriterien des Ein- und Ausschlusses zusammengeführt werden, können als wissenschaftliche Quellen dienen und neue Erkenntnisse generieren. Sie können von unterschiedlichen Disziplinen mit unterschiedlichen, sich stetig neu entwickelnden Fragestellungen und Methoden untersucht werden. Oder, wie es der Wissenschaftsrat in seinen "Empfehlungen zu wissenschaftlichen Sammlungen als Forschungsinfrastrukturen" im Jahr 2011 formuliert hat: Wissenschaftliche Sammlungen sind in vielen Fachgebieten eine essentielle Grundlage für die Forschung. Als Forschungsinfrastrukturen haben objektbasierte Sammlungen einen Stellenwert vergleichbar dem von Bibliotheken, Archiven und Datenbanken, und ihre Pflege und Erhaltung gehört als Infrastrukturleistung zu den Kernaufgaben wissenschaftlicher Einrichtungen, vor allem Hochschulen, die neben außeruniversitären Museen wichtige Träger von Sammlungen sind.

Nicht selten jedoch bleibt der Wert einer Sammlung für die Forschung jahre- und unter Umständen sogar jahrzehntelang verborgen, bis sie plötzlich, sei es durch neue Forschungsmethoden wie die DNA-Analyse oder durch neue Fragestellungen wie die der Biodiversitätsforschung oder der Erforschung des Klimawandels, gleichsam "wach geküsst" wird und eine ganz neue Bedeutung erlangt. Der Wert einer Sammlung ist also oftmals kein aktueller, sondern ein latenter und damit entsprechend schwer abzuschätzen. Dieser Umstand dürfte mit dazu beitragen, dass es viele brachliegende Sammlungen gibt, die teilweise gar nicht für die Forschung zugänglich sind und deren Erhalt aus verschiedenen Gründen kurz- und mittelfristig gefährdet ist - mit zum Teil irreversiblen Konsequenzen. Jedoch: Eine Sammlung für die Forschung dauerhaft zu pflegen und verfügbar zu machen ist ebenso dauerhaft ressourcenintensiv. Und es bedarf angesichts der knappen finanziellen Ausstattung der Hochschulen einer überzeugenden Begründung, um im internen Ressourcenwettbewerb zu reüssieren. Zugleich ist klar, dass Sammlungen an sich noch keinen Wert haben, sondern dass ihr Wert vielmehr vor dem Hintergrund eines erwartbaren Nutzungskontexts eingeschätzt werden muss. Das setzt, bei aller Heterogenität und Individualität der Sammlungen, gewisse gemeinsame Standards voraus. Der mit einer Bewertung einhergehende Nachweis der Brauchbarkeit einer Sammlung darf kein Tabu sein, ebenso wenig die Idee, Sammlungen auf der Basis von Sammlungskonzepten zu "entrümpeln" oder zumindest dem weiteren Sammeln klare Grenzen zu setzen.

Mit seinen Empfehlungen möchte der Wissenschaftsrat sowohl denjenigen Akteuren, denen der Wert von Sammlungen erst nahe gebracht werden muss - etwa Hochschulleitungen oder Vertretern der Länder - , als auch denjenigen, die Sammlungen als nicht weiter begründungsbedürftigen Wert an sich betrachten - das sind naturgemäß vor allem die mit Sammlungen direkt befassten Personen -, perspektivische Hinweise geben. Leitgedanke ist es, Sammlungen als zentrale Forschungsinfrastrukturen zu betrachten und ihren damit einhergehenden wissenschaftlichen Wert zu verdeutlichen. Gleichzeitig sollen aber auch, in Anerkennung der gegebenen finanziellen Rahmenbedingungen, Wege aufgezeigt werden, wie dieser Wert besser zur Geltung gebracht und zudem institutionell gesichert werden kann, wie Sammlungen also mittel- und langfristig besser für die Forschung nutzbar gemacht werden können. Empfohlen wurde vor allem den Hochschulen, sich zunächst einen Überblick über ihre Sammlungsbestände und deren aktuelle und latente Relevanz zu verschaffen und auf dieser Basis eine Sammlungskonzeption zu erarbeiten, die für die Weiterentwicklung einer Sammlung klare Leitlinien aufzeigt, auch mit Blick auf die erforderlichen Ressourcen. Der Überblick über die Bestände sollte schließlich in eine (möglichst digitale) Erfassung münden, die auch für externe Nutzer einen leichteren Zugang zu den Sammlungen ermöglichen würde. Damit Sammlungen nicht ausschließlich von dem nicht überall und nicht kontinuierlich gewährleisteten Engagement einzelner Personen abhängen, sind gewisse institutionelle Vorkehrungen zu treffen. Gedacht hat der Wissenschaftsrat dabei an beratend und koordinierend tätige "Sammlungsbeauftragte" an Hochschulen sowie an die Etablierung einer bundesweiten Koordinierungsstelle. Vor allem letztgenannte sollte neben einer Beratungsauch eine Sicherungsfunktion übernehmen und mittelfristig eine "rote Liste" gefährdeter Sammlungen und Objekte einführen. Alle diese Aktivitäten setzen aus Sicht des Wissenschaftsrates ein hohes Maß an Selbstorganisation der mit Sammlungen befassten Personen voraus. Daher der Appell an diese, sich untereinander stärker zu vernetzen und ihre Belange gegenüber ihren Trägern und Förderorganisationen nachvollziehbar zu artikulieren.

Erfreulicherweise wurden die im Januar 2011 veröffentlichten Empfehlungen des Wissenschaftsrates bereits kurz darauf auf zwei großen "Sammlungstagungen" in Jena und Erlangen von der Gemeinschaft der mit Sammlungen befassten Personen ausführlich diskutiert und erste konkrete Umsetzungsschritte beraten. Deutlich zu spüren war auf beiden Veranstaltungen eine durch Zuversicht und die wissenschaftspolitische Aufwertung von Sammlungen getragene Aufbruchstimmung. Die Entwicklung innerhalb des einen Jahres nach der Veröffentlichung der Empfehlungen zeigt, dass dieses "Gefühl" trägt: Die Vernetzung und der Austausch zwischen den Sammlungsverantwortlichen haben zugenommen; innerhalb der Hochschulen wurden Initiativen zur stärkeren Sichtbarmachung der Sammlungen gestartet. Parallel haben die Förderorganisationen Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und VolkswagenStiftung reagiert und ihre bestehenden Förderprogramme für Sammlungen fortgesetzt. Weitere Förderer haben neue Initiativen angekündigt. Die Gründung einer bundesweiten Koordinierungsstelle steht kurz bevor, überdies kümmert sich eine Arbeitsgruppe um die Frage der Standards wissenschaftlicher Sammlungen, die es erleichtern sollten, ihren Wert auch gegenüber den Geldgebern künftig besser dokumentieren zu können.

Was in dieser kurzen Zeit bereits erreicht wurde, ist eindrucksvoll, zumal es großenteils auf die Initiative einzelner Personen zurückgeht. Diese Entwicklungen werden weiter zu beobachten sein. Der Wissenschaftsrat ist zuversichtlich, dass die sich formierende Gemeinschaft nicht nur in Bewegung geraten ist, sondern dass sie sich auch in die richtige Richtung bewegt.


Über den Autor
Professor Dr.-Ing. Wolfgang Marquardt ist Vorsitzender des Wissenschaftsrates und Professor für Prozesstechnik an der RWTH Aachen.

Aus Forschung & Lehre :: April 2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote