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Wissenschaft ist keine Ich-AG

Von Roland Kipke

Neben den primären Tugenden, die für das allgemein menschliche Zusammenleben relevant sind, gibt es auch solche, die zu einem eigenen Berufsethos gehören. Dies gilt gerade für den Wissenschaftler, ob in den Natur-, Ingenieur- oder Geisteswissenschaften. Welche Tugenden gehören unabdingbar zur wissenschaftlichen Lebensform?

Wissenschaft ist keine Ich-AG© Mella - Photocase.comOhne Fleiß kein Preis - das gilt auch in der Wissenschaft
Wissenschaftliche Tugenden - das hört sich altmodisch an. Brauchen wir so etwas? Müssen Wissenschaftler über besondere Eigenschaften verfügen? Aber ja! Man kann Wissenschaft oder man kann sie nicht. Und man kann sie mehr oder weniger gut. Dieses Können nennen wir Tugend. Anders und etwas genauer gesagt: Wissenschaft verfolgt ein Ziel, nämlich gesicherte Erkenntnis. Um zu Erkenntnis zu gelangen, bedarf es bereits bestimmter Fähigkeiten. Die Erlangung neuer Erkenntnisse verlangt besondere Fähigkeiten. Damit Erkenntnisse als gesichert oder zumindest gut begründet gelten können, muss Wissenschaft bestimmten Regeln folgen. Diese stellen weitere Anforderungen an die Beteiligten. Schließlich ist Wissenschaft eine gemeinsame Angelegenheit, man kann sie nicht allein betreiben. Das erfordert zusätzliche Kompetenzen. Und weil Wissenschaft etwas intrinsisch Gutes ist, dürfen wir die dafür erforderlichen Fähigkeiten als Tugenden bezeichnen. Um welche Fähigkeiten handelt es sich? Über welche Tugenden muss ein Wissenschaftler verfügen?

Der Fleiß

Zum Beispiel der Fleiß. Erkenntnisse fallen nicht vom Himmel. Wer sich nicht anstrengt, das vorhandene Wissen aufzunehmen, die neuesten Forschungsergebnisse zu rezipieren, Berge von Literatur zu lesen, Ideen zu entwickeln, Projekte zu konzipieren und durchzuführen, wird kaum etwas Bedeutsames in der Wissenschaft hervorbringen. Ohne Fleiß kein Preis.

Die Ausdauer

Zum Fleiß muss sich die Ausdauer gesellen. Wer Substanzielles herausfinden will, braucht einen langen Atem, muss eine Idee reifen lassen, auf Ergebnisse warten, eine Theorie durchdenken, eine Hypothese langfristig verfolgen, Rückschläge verkraften. Ertragreiche Forschung dauert. Und wer forscht, muss diese Dauer aushalten können. Von diesen Tugenden gibt es einige weitere, wie die Genauigkeit, die Gründlichkeit, die Disziplin. Keine Frage, man braucht sie, um erfolgreich wissenschaftlich zu arbeiten. Aber sie sind nicht spezifisch für die Wissenschaft. Wir benötigen sie für eine Vielzahl von Professionen. Auch eine Ärztin muss genau sein, auch eine Schriftstellerin braucht Ausdauer, auch ein Richter kommt ohne Fleiß nicht aus. Einige Tugenden jedoch sind für wissenschaftliche Arbeit in besonderem Maße erforderlich. Das Spezifikum von Wissenschaft verlangt sie. Ohne sie funktioniert Wissenschaft gar nicht, kommt nicht voran, bleibt unvollständig oder wird beschädigt.

Spezifische Wissenschaftstugenden

Ehrlichkeit: Wissenschaft strebt nach gesichertem Wissen. Damit es als gesichert gelten kann, hat Wissenschaft transparent zu sein. Die Wege, auf denen sie zu ihren Ergebnissen kommt, müssen offen liegen. Behauptungen müssen belegt werden, Argumentationen nachvollziehbar sein, Ergebnisse reproduzierbar sein, Aussagen anderer korrekt zitiert werden. Die Ächtung von Fälschung und Plagiat begründet sich nur in zweiter Linie mit Ehre und dem Schutz geistigen Eigentums. In erster Linie dient sie der Transparenz. Die Tugend, die diesem Vorgehen entspricht, ist die Ehrlichkeit. Man könnte auch sagen: Redlichkeit oder - nur scheinbar altmodisch - Wahrheitsliebe. Dazu gehört, dass man die Grenzen seines Wissens benennt, dass man nur das sagt, was man berechtigterweise sagen kann.

Zweifel: Jedes vermeintliche Wissen kann sich irgendwann als Irrtum herausstellen. Oder als einseitig. Deshalb müssen wir das vorhandene Wissen anzweifeln. Wissenschaft ist ein Prozess der Korrektur und Selbstkorrektur. Der Fortschritt dieses Prozesses hängt maßgeblich von der Bereitschaft zum Zweifel ab, zur Kritik am Vorhandenen, an bestehenden Überzeugungen, Lehrmeinungen, Voraussetzungen, Methoden. Ohne den Mut, das für sicher Geglaubte in Frage zu stellen, droht Wissenschaft statisch zu werden. Eine statische Wissenschaft aber ist keine Wissenschaft. Der Zweifel ist auch auf die eigenen Überzeugungen und Forschungen zu richten. Die Tugend der Selbstkritik ist stets in Gefahr. Insbesondere etablierte und anerkannte Wissenschaftler sollten sich beizeiten an sie erinnern. Neugier: Beim Zweifel können wir nicht stehen bleiben. Er ist zunächst bloß negativ. Es bedarf der positiven Kraft, die stets das Neue schafft. Das ist die Neugier. Wenn Wissenschaft vorankommen soll, brauchen wir Wissenschaftler, die voranschreiten wollen, die Anderes und Neues wissen wollen, die den Dingen auf den Grund gehen wollen. Die Tugend der wissenschaftlichen Neugier ist nicht bloßer Lerneifer, auch nicht Schnüffelei und Sensationslust, sondern Wissensdurst, die Offenheit für das Unerwartete und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Neugier ist das Vehikel für Entdeckung und Innovation. Wer sich zufrieden gibt mit dem, was er weiß, hat sich aus dem Prozess der Wissenschaft verabschiedet.

Vermittlungsfähigkeit: Wissenschaft ist keine Ich-AG. Sie lebt auch von der Weitergabe des Erreichten, Entdeckten, Entwickelten, auf dem die nächste wissenschaftliche Generation aufbauen kann. Und nicht nur die, auch die Gesellschaft will und soll erfahren, was Wissenschaft tut, wie sie es tut, warum sie es tut und was sie dabei herausgefunden hat. Das müssen Wissenschaftler erklären können, und zwar so einfach wie nötig und so ansprechend wie möglich. Ein "Kompliziertologe" kann vielleicht ein guter Forscher sein, aber kein guter Wissenschaftler. Umsicht: Zur Einsicht gehört Umsicht. Denn Wissenschaft steht nicht für sich allein, sondern in einem praktischen Kontext. Wissenschaft ist ein Handeln, und jedes menschliche Handeln ist rechtfertigungsbedürftig. Das gilt für wissenschaftliche Arbeit in besonderem Maße: Sie hat weit reichende Folgen, sie bringt neue Handlungsmöglichkeiten hervor, sie verändert unsere Weltsicht, sie hat Motive, und - trotz des Wertfreiheitspostulats - sie folgt normativen Annahmen und wertet. Umsicht heißt also vor allem ethische Umsicht. Ein guter Wissenschaftler bedenkt die ethische Dimension seines Tuns und kann darüber reflektiert Auskunft geben.

Diese Eigenschaften sind für jede Wissenschaft erforderlich. Das heißt nicht, dass ein Einzelner nicht auch ohne diese Tugenden zu passablen Ergebnissen kommen kann, vielleicht sogar eine bedeutende Entdeckung macht. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Generell aber und für die Wissenschaft als Ganzes sind diese Tugenden unabdingbar. Im Übrigen schadet es nicht, wenn Wissenschaftler über weitere Tugenden verfügen, die wir auch an anderen Menschen schätzen: z.B. Freundlichkeit, Fairness, Gelassenheit, Bescheidenheit. Die sind nicht notwendig für wissenschaftliche Arbeit, aber sie machen sie lebenswert.


Über den Autor
Dr. Roland Kipke ist Philosoph und Wissenschaftlicher Koordinator des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universität Tübingen.


Aus Forschung und Lehre :: Juni 2011

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