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Wissenschaftler fürs Große und Ganze

VON BASTIAN BERBNER

Je komplexer die Nachrichtenlage wird, desto wichtiger sind jene, die sie erklären können: Politologen.

CHE Hochschul-Ranking 2011 - Politikwissenschaft
In Zeiten wie diesen droht die Politikwissenschaft von ihrem eigenen Gegenstand abgehängt zu werden: Innerhalb weniger Monate stürzen in der arabischen Welt stabil geglaubte Regierungen - und mit ihnen allerlei Gewissheiten. Eine Atomkatastrophe in Japan wirft die deutsche Energiepolitik über den Haufen. Im CDU-Stammland Baden-Württemberg wird der erste grüne Ministerpräsident vereidigt. Dänemark führt wieder Grenzkontrollen ein. Nichts scheint mehr sicher in der Politik, nichts vorhersehbar. Das stellt die Politikwissenschaft vor eine Herausforderung: Schritt zu halten. Von ihr wird erwartet, dass sie Unübersichtliches ordnet, Unverständliches erklärt und in Zeiten der Unsicherheit Prognosen liefert, an denen man sich festhalten kann. Warum interveniert die Nato in Libyen, aber nicht in Syrien? Werden die Grünen zur neuen Volkspartei? Was ist der Unterschied zwischen dem Euro-Stabilitätspakt und dem Europäischen Stabilitätsmechanismus?

Lange war klar: Der Kern des Faches besteht aus den vier Teilbereichen Politische Systeme, Politische Theorie, Internationale Beziehungen und Methoden. Wer alles beherrschte, durfte sich Politologe nennen. Heute ist das nicht mehr so einfach. Politik ist komplex geworden und mit ihr die Politikwissenschaft. Die Studiengänge heißen häufig nicht mehr Politikwissenschaft, sondern European Studies, Gender Studies, Public Management and Governance. Der Lehrplan umfasst nicht mehr alle klassischen Teilbereiche, sondern nur noch einen; diesen aber besonders intensiv. Wer Internationale Beziehungen studiert, kann erklären, warum Pakistan nicht dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten ist, aber nicht unbedingt, wie der deutsche Föderalismus funktioniert.

Einige Politikwissenschaftler sehen das Fach wegen seiner Fragmentierung schon in einer Identitätskrise. Michael Greven von der Universität Hamburg geht sogar so weit, dass er die Existenz des Faches an Universitäten infrage stellt, sollte sich die Fragmentierung fortsetzen. Deswegen fordert er eine Kanonisierung der Lehre, eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich alle Teildisziplinen einigen können und der dann an den Universitäten als politikwissenschaftliche Basis gelehrt werden soll. Politikwissenschaft ist beliebt. In mehr als 200 Studiengängen unterrichten in Deutschland derzeit 324 Professoren etwa 31 400 Studenten. Die Bewerberzahl ist deutlich höher. Aufgrund der starken Nachfrage haben viele Institute seit Jahren einen hohen Numerus clausus. 2200 Nachwuchswissenschaftler schreiben gerade ihre Doktorarbeit. Politikwissenschaft beziehungsweise ihre spezialisierten Kinder und Enkelkinder sind Kernfächer der Volluniversität.

Wozu aber braucht eine Gesellschaft so viele Politologen? Eine Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) kommt zu dem Ergebnis, dass der Arbeitsmarkt für Politologen alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst: von der Deutschen Bank über das Auswärtige Amt bis zu McKinsey. Ein knappes Viertel aller Absolventen bleibt an der Uni, 15 Prozent kommen in der öffentlichen Verwaltung, von Rathäusern bis zu den Vereinten Nationen, unter, zwölf Prozent finden in Parteien und Verbänden einen Job, acht Prozent gehen in den Journalismus. Einige wenige wagen auch den Sprung auf die andere Seite, in die Politik. 55 der aktuell 621 Bundestagsabgeordneten sind Politologen; hinter den Rechts- und den Wirtschaftswissenschaften ist die Politikwissenschaft damit drittstärkstes Fach im Parlament.

Das Politikstudium allein ist keine Berufsqualifikation. Für Studenten ist es deswegen wichtig, sich neben dem Studium beruflich zu orientieren. Das geht durch Praktika, freiberufliche Arbeit, Nebenjobs. Auslandserfahrung ist für Politologen mittlerweile fast ein Muss. Viele wissen am Anfang ihres Studiums noch nicht, was sie später machen wollen. Um es herauszufinden, benötigen sie eine Studienstruktur, die ihnen dafür die nötigen Freiheiten lässt. Den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen wird von Studenten häufig vorgeworfen, dass sie dies nicht mehr tun. Ein verschulter Lehrplan, Anwesenheitspflicht und regelmäßige Prüfungen raubten Zeit und Flexibilität, klagen die Kritiker. Einige Hochschulen wie die Universität Konstanz preschen deswegen vor und machen ein Praktikum oder ein Auslandssemester zur Pflicht, mit festem Platz im Studienplan. Mehr als 80 Prozent der Bachelorstudenten in Konstanz gehen ins Ausland, alle machen mindestens ein Praktikum. Auch inhaltlich gibt es Unzufriedenheit mit der Umstellung auf Bachelor und Master.

Albrecht Söllner, Professor an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) sagt, in den drei Bachelorjahren fehle der Tiefgang. »Es gibt oft nur noch eine Veranstaltung zur politischen Theorie, in der dann alles von Platon bis Max Weber durchgeprügelt wird. Auf dem Papier bestehen die Bachelorstudiengänge aus den klassischen politikwissenschaftlichen Säulen. In Wirklichkeit sind es nur Streichhölzer.« Werner Patzelt von der Uni Dresden pflichtet bei: »Wenn man vielen Vögeln die Flügel ausrupft und sie dann zusammenbindet, entsteht noch kein flugfähiges Objekt.« Ulrich von Aleman, Professor in Düsseldorf, findet es dagegen nicht wichtig, dass Studenten nach dem Bachelorabschluss bereits die Vertragstheorie von Thomas Hobbes im Detail wiedergeben können. Viel entscheidender seien analytische und methodische Fähigkeiten - und dass Studenten Urteilskraft in komplexen Fragen entwickelten. Das leiste der Bachelor, auch wenn er inhaltlich auf Streichhölzern stehe. Von Aleman sieht im Bologna-Prozess eine notwendige Anpassung an den Personalbedarf der Wirtschaft. Und an internationale Standards.

Die Politikwissenschaft hat sich in den vergangenen Jahren so stark internationalisiert wie wenige andere Fächer. Als Lingua franca ist Englisch in der Forschung unumstritten. Viele Studenten reichen schon Hausarbeiten in Englisch ein, Master- und Doktorarbeiten sowieso. Die deutsche Forschung orientiert sich an den Spitzeninstituten in den Vereinigten Staaten. In einer Zeit, in der Politik längst nicht mehr an nationalstaatlichen Grenzen haltmacht, können das erst recht nicht jene, die sie erforschen. Die Forschungsthemen werden folglich ebenso internationaler wie die Teams, die an ihnen arbeiten. Für Beate Kohler, emeritierte Professorin der Universität Mannheim, ist das eine zwar unumkehrbare, aber zugleich auch ambivalente Entwicklung. »Wir laufen Gefahr, wie Lemminge den amerikanischen Moden hinterherzulaufen, sowohl methodisch als auch thematisch.« Auch wenn man teilweise an der Spitze renne, entstehe dadurch ein »Mainstreaming«, inhaltlich dominiert von den führenden Universitäten in den USA.

Die Internationalisierung hat aber umgekehrt dazu geführt, dass die deutsche Forschung im internationalen Vergleich sehr gut dasteht. Was die Präsenz auf internationalen Kongressen und die Veröffentlichungen in bedeutenden Fachzeitschriften angeht, rangieren deutsche Forscher gemeinsam mit skandinavischen Kollegen unmittelbar hinter den USA. So ist die internationale Ausrichtung der deutschen Universitäten in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Indikatoren für die Qualität der Lehre geworden. Im jüngsten Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) belegt die Universität Konstanz zusammen mit der Universität Mannheim und der privaten Jacobs University Bremen in Politik die Spitzenplätze der deutschen Hochschulen. Alle drei Universitäten bekommen von ihren Studenten die Bestnote in den Bereichen »Studiensituation insgesamt« und »Studierbarkeit«. Bei den Forschungsgeldern, der Forschungsreputation und der internationalen Ausrichtung gehören sie ebenfalls zu den Besten. In Konstanz gibt es allein zwei hauptamtliche Mitarbeiter, die für die Anerkennungspolitik im Ausland erworbener Scheine zuständig sind. Das soll eine optimale Verzahnung der im In- und Ausland belegten Kurse gewährleisten.

So sind sich denn die Fachvertreter bei allen Differenzen doch in ihren grundlegenden Befunden einig: Die Politikwissenschaft hat ihr Gesicht verändert in dem Versuch, mit der komplexer gewordenen Politik Schritt zu halten. Sie ist vielfältiger und internationaler geworden. Sie ist, kann man sagen, in diesem Sinne eine lebendige Wissenschaft - und eine gefragte dazu: Denn je komplexer die politischen Zusammenhänge werden, desto stärker wächst die Nachfrage von Politik und Öffentlichkeit nach Erklärung und Einordnung. Michael Zürn, Professor am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin, sieht eine große Herausforderung auf die Politikwissenschaft zukommen: »Die deutsche Politikwissenschaft ist ursprünglich eine Demokratiewissenschaft. Die Demokratie ist als beste Staatsform nicht infrage gestellt worden. Das chinesische Modell, das erfolgreich, aber nicht demokratisch ist, wird diese Prämisse herausfordern.« Die entscheidende Zukunftsfrage der Politikwissenschaft wird seiner Meinung nach also zugleich die älteste sein: die nach der besten Herrschaftsform.

Aus DIE ZEIT :: 01.06.2011

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