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Wissenschaftler willkommen daheim: Programme locken Rückkehrwillige

Von Bärbel Broer

Sie sind jung, hochqualifiziert und motiviert - aber weg: Viele deutsche Top-Wissenschaftler zieht es ins Ausland. Im EU-weiten Wettbewerb um die besten Köpfe spielt Deutschland nur noch im Mittelfeld. Doch Deutschland erwacht. Der sogenannte Braindrain gerät ins Stocken, hochkarätige Forscher kehren zurück.

Wissenschaftler willkommen daheim: Programme locken Rückkehrwillige© una.knipsolina / photocase.deGSO-Programme versuchen rückkehrwilligen Wissenschaftlern die Heimkehr zu erleichtern
Dass der intellektuelle Aderlass gestoppt wird, ist Institutionen wie der German Scholars Organization (GSO) e.V. zu verdanken. Ihr zentrales Anliegen ist es, deutsche Akademiker, die im Ausland arbeiten, für eine Tätigkeit in Deutschland zurückzugewinnen. "Wir unterstützen es sehr, dass Wissenschaftler ins Ausland gehen", erklärt GSO-Projektleiter Daniel H. Wagner. Bessere Karriere- oder Forschungsmöglichkeiten, ein bestimmter Professor oder das i-Tüpfelchen auf einer ohnehin schon starken wissenschaftlichen Karriere seien häufig die Gründe. "Aber unser Ziel ist es auch, dass hochqualifizierte und in Deutschland kostenintensiv ausgebildete Spitzenkräfte wieder zurückkommen."

52 Professoren kehrten heim

Dass dies gelingen kann, hat die GSO mit ihrem vor kurzem ausgelaufenen Programm "Rückkehr deutscher Wissenschaftler aus dem Ausland" unter Beweis gestellt. Sechs Jahre lang wurde es von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung mit 5,8 Millionen Euro seit 2006 gefördert - mit Erfolg: 52 Professoren sind dadurch an deutsche Universitäten zurückgekehrt. Bis zu 100.000 Euro pro Forscher erhielten jene Universitäten, die bereits in Berufungsverhandlungen mit deutschen Hochschullehrern im Ausland standen. Denn gerade in Verhandlungen mit deutschen Wissenschaftlern, die im Ausland leben, ist die jeweilige Hochschule gefordert, attraktive und konkurrenzfähige Angebote zu unterbreiten. Doch daran hapert es oft. Die Wünsche nach zusätzlichen Mitarbeiterstellen oder besonderer Labor- und Technikausstattung kann manche Uni im Rahmen ihrer regulären Haushaltsmittel häufig nicht erfüllen. Hinzukommen teilweise erhebliche Gehaltsunterschiede im Vergleich zu ausländischen Spitzenuniversitäten. Und manchmal ist es viel banaler: Das Reisekostenrecht vieler deutscher Universitäten sieht nur die Kostenübernahme für Reisen innerhalb Deutschlands vor. Welcher hochkarätige Forscher will schon auf eigene Kosten zu Berufungsverhandlungen nach Deutschland fliegen?

Rückkehrern entgegen kommen

Genau hier setzte das GSO-Programm an. Denn mittlerweile gibt es Forscher, die zurück nach Deutschland wollen. Die Gründe sind unterschiedlich: Die Mehrheit der 52 geförderten Wissenschaftler gab in einer Befragung an, dass ihnen in Deutschland das attraktivste Angebot vorlag. Zwar hatten 90 Prozent von ihnen ein Bleibeangebot erhalten, sich aber dennoch für Deutschland entschieden. "Persönliche Gründe spielen auch eine Rolle", so Wagner. Manche möchten nahe ihrer alternden Eltern sein, andere wollen die Kinder lieber in Deutschland großziehen und wieder andere haben das Problem, dass ihr deutscher Partner kein Arbeitsvisum im Ausland erhält. Daran muss aber auch Deutschland arbeiten. So gaben viele der 52 zurückgekehrten Wissenschaftler an, dass es zu wenig Unterstützungsangebote für "dual career couples" gäbe. Kehrt beispielsweise ein deutscher Wissenschaftler mit seiner amerikanischen Partnerin zurück, heißt dies nicht, dass sie einen Job in Deutschland bekommt. "Man muss den Rückkehrwilligen nur ein Stück des Weges entgegen gehen", so Projektleiter Wagner. Das habe das GSO-Programm gezeigt: "Die Rate der Rufe, die angenommen wurden im Rahmen des Krupp-Programms, war jedenfalls höher als ohne diese finanzielle Unterstützung." Eicke R. Weber, Vorsitzender des GSO-Vorstands, fordert in der Bilanz-Publikation "zurück", dass neben privat geförderten Programmen auch öffentliche Mittel bereitgestellt würden, um den Wissenschaftsstandort Deutschland zu stärken.

Bundesländer werden aktiv im Kampf um die besten Köpfe

Sein Appell scheint Gehör zu finden: So wird der nächste Workshop "Fit for Germany", den die GSO am 11. September 2012 für rückkehrwillige deutsche Wissenschaftler im kanadischen Vancouver ausrichtet, von den drei Bundesländern Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt finanziert. Workshops dieser Art bietet die GSO seit 2008 an. Zweimal im Jahr können sich bis zu 35 Teilnehmer bei diesem eintägigen Intensivkurs coachen lassen. "Sie erfahren dabei, wie die Arbeitsmarktsituation aussieht, wie Bewerbungsverfahren in Wissenschaft und Wirtschaft ablaufen, welche Förderprogramme es gibt", so Wagner. Die bisherigen Workshops waren immer ausgebucht. Beleg dafür, dass die Zahl der Rückkehrinteressierten steigt.

Mehr Vernetzung im Ausland

Sie steigt wohl auch, weil sich Deutschland um mehr Vernetzung unter den eigenen Wissenschaftlern bemüht. Bestes Beispiel dafür ist das German House im New Yorker Stadtteil Manhattan. Verbindungsbüros deutscher Hochschulen, das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der Deutsche Akademische Austauschdienst und das Generalkonsulat sind in diesem Hochhaus untergebracht. Mittendrin das German Academic International Network (GAIN). Die 2003 gegründete Organisation ist das Netzwerk deutscher Wissenschaftler in Nordamerika. "Wir sind Schnittstelle zwischen Wissenschaftlern, Politik und Institutionen", erklärt Leiter Gerrit Rößler.

Deutschland eine "Top-Alternative"

Denkt ein Wissenschaftler über eine Rückkehr nach Deutschland nach, zählt GAIN zu den ersten Adressen. Den vielbeschworenen intellektuellen Aderlass sieht Rößler nicht so dramatisch. "Natürlich ist es schmerzhaft, wenn wir um den Fachkräftemangel in der Heimat wissen und mancher Top-Wissenschaftler die Arbeit im Silicon Valley einer Tätigkeit in Deutschland vorzieht", räumt er ein. "Aber Deutschland ist mittlerweile durchaus eine Top-Alternative." Grund: Tausende von Stellen wurden durch die Exzellenzinitiative geschaffen, unterschiedlichste Programme locken Rückkehrer mit Stipendien, Reisekostenzuschüssen, Förderprogrammen. "Deutschland hat das Problem erkannt, dass zu viele Topleute gingen und zu wenige zurückkehren", so Rößler. Was jetzt noch fehlt sind langfristige Karriereoptionen. "Denn mancher Deutsche in den USA fragt sich: Bewerbe ich mich auf eine dauerhafte, weniger beliebte Stelle in den USA oder auf eine attraktivere, aber befristete Stelle in Deutschland?" Und an einem weiteren Punkt müsse Deutschland justieren: Die Universitäten müssten verstärkt Kontaktstellen für Rückkehrwillige einrichten, um sie auch privat zu unterstützen. Dazu zählt die Hilfe beim Umzug über den Atlantik, das Vermitteln von Kita-Plätzen sowie die Unterstützung der jobsuchenden Partner. Rößler: "Für Studenten gibt es bereits an den meisten Hochschulen 'Welcome Center'. Für hochkarätige Wissenschaftler brauchen wir aber auch eine Willkommenskultur."


academics.de :: Juni 2012

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