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Wissenschaftliche Exzellenz von morgen

Von Richard Münch

Die Forschungspolitik will ihre Finanzmittel nicht mehr "mit der Gießkanne" verteilen, sondern gezielt dort investieren, wo sie in exzellente Forschung umgesetzt werden. So lässt sich zwar besser voraussagen, wo exzellente Forschung betrieben wird - doch welchen Preis hat diese Konzentration auf bestimmte Standorte?

Im einfachsten Fall lässt sich Exzellenz in der Forschung so sicher voraussagen, wie der Sieg in der Champions League des Europäischen Fußballverbandes. Für diesen Titel kommen nur vier bis sechs Fußballklubs in Frage. Das ergibt sich allerdings nicht daraus, dass diese Klubs ein Geheimnis des Fußballs hüten würden, das den anderen Klubs verborgen bleibt, z.B. Exzellenz in der Jugendarbeit, im Training, in der Strategie und der Taktik. Die erfolgreichsten Klubs unterscheiden sich von den mittelmäßigen und den mäßigen auch nicht darin, dass sie Rohlinge zu Diamanten schleifen würden, sondern ganz einfach darin, dass sie über mehr Finanzmittel verfügen, um in der ganzen Welt Fußballer einzukaufen, die an anderen, weniger exzellenten Orten schon zu Diamanten gereift sind. Sie können es sich auch leisten, etliche solcher Diamanten auf der Ersatzbank oder auf der Tribüne sitzen zu lassen, so dass sie gar nicht zur Entfaltung kommen können und der Fußballwelt verloren gehen. Die sichere Voraussagbarkeit von Titeln muss allerdings mit einer erheblichen Verzerrung des Wettbewerbs durch die extrem ungleiche Verteilung von Finanzmitteln erkauft werden. Damit fehlt es dem Fußball an Überraschung, Abwechslung und Spannung. Umso mehr muss das Produkt durch Showelemente angereichert werden, um es für die Zuschauer interessant zu halten.

Wissenschaftliche Exzellenz von morgen© Olivier Le Moal - iStockphoto.com

Ein verzerrter Wettbewerb mit Folgen

In der Wissenschaft sind ähnliche Tendenzen zu beobachten. Die dominant gewordene Rhetorik des Standortwettbewerbs unterwirft die Forschung einer ähnlichen Logik der ungleichen Mittelverteilung, aus der sich relativ leicht voraussagen lässt, an welchen Standorten die größten Erfolge verbucht werden können. In der herrschenden Sprache liegt das an den "exzellenten" Forschungsbedingungen, die diese Standorte bieten. Auch dabei entsteht der Eindruck, dass sie ein Geheimrezept hätten, das sie in die Lage versetzt, Rohlinge zu Diamanten zu veredeln. Der viel profanere Erfolgsgrund liegt allerdings auch in der Wissenschaft darin, dass die reichsten Institutionen weltweit Diamanten einkaufen, um mit ihnen in einem durch die ungleiche Verteilung von Finanzmitteln verzerrten Wettbewerb zu glänzen.

In der Wissenschaft ist die Folge dieser Wettbewerbsverzerrung die Einschränkung ihres Erneuerungspotentials. Dieses Potential ist umso größer, je mehr die Bedingungen der idealen Sprechsituation gegeben sind, das heißt jeder bzw. jede mit gleichem Recht und Gewicht am Diskurs teilnehmen kann und nur das bessere Argument zählt. Programme der Exzellenzförderung, die auf die Konzentration von Finanzmitteln auf wenige "exzellente" Standorte hinauslaufen, beseitigen die Bedingungen einer idealen Sprechsituation. Sie befördern die länger andauernde Dominanz bestimmter Paradigmen, behindern alternative Forschungsprogramme und verlangsamen den Erkenntnisfortschritt. Zwei aktuelle Trends bestärken sich darin gegenseitig: erstens die gezielte Förderung "exzellenter" Standorte durch umfangreiche Finanzmittel, zweitens die systematische Evaluation der Forschung nach den herrschenden Standards. Finanzielle Förderung, Evaluation und Ranking führen dann in einer zirkulären Selbstverstärkung zwar zu einer sicheren Voraussagbarkeit der Standorte exzellenter Forschung, beschränken aber paradoxerweise die Evolution des Wissens. Internationale und nationale Rankings, wie das Shanghai-Ranking der 500 "sichtbarsten" Universitäten der Welt oder das Forschungs-Ranking deutscher Universitäten des Centrums für Hochschulentwicklung der Bertelsmann-Stiftung, wirken durch die Erzeugung erheblicher öffentlicher Aufmerksamkeit maßgeblich darauf hin, dass sich die Forschungspolitik zunehmend in dieses Dilemma verstrickt.

Tieferliegende Ursachen

Eine Exzellenzförderung, die dem paradoxen Effekt der Schließung der Wissensevolution entgehen will, müsste tiefer greifen und gezielt gegen erneuerungsfeindliche Strukturen arbeiten, weil sich Exzellenz in der Wissenschaft nur in der ständigen Erneuerung des Wissens zeigt und weil der offene Wettbewerb die entscheidende Voraussetzung dafür ist. Insbesondere gälte es, genügend Wettbewerb zwischen einer ausreichenden Zahl von Standorten eines jeweils enger oder breiter gefassten Fächerspektrums zu erhalten. Das war bisher ein Standortvorteil der Forschung in Deutschland.

Die 2007 bzw. 2008 veröffentlichten Pilotstudien des Wissenschaftsrates zum Forschungsrating der Chemie und der Soziologie haben das jüngst bestätigt. Nicht weniger als 35 von 57 (Chemie) bzw. 32 von 54 (Soziologie) der universitären Standorte weisen mindestens eine als sehr gut oder exzellent bewertete Forschungseinheit auf. Eine nachhaltige Forschungspolitik würde auf die Erhaltung und nicht auf den Abbau dieser wettbewerbsintensiven Situation zielen. Durch die im Rahmen der Exzellenzinitiative eingeleiteten Konzentrationsprozesse droht dieser Standortvorteil der Forschung in Deutschland jedoch verloren zu gehen. An zwei gravierenden Standortnachteilen hat sich dagegen bis heute wenig geändert. Das sind die oligarchischen Personalstrukturen sowie die Auslagerung eines Großteils der Forschung aus den Universitäten. Diese beiden strukturellen Eigenarten behindern die Ausbreitung neuer Forschungsfelder in Forschung und Lehre. Sie bleiben die Sache einzelner Forscher und Forschergruppen.

Schon Joseph Ben-David hat in seiner 1971 erschienenen vergleichenden Studie "The Scientist's Role in Society" in den oligarchischen Lehrstuhlstrukturen wie auch in der Expansion der außeruniversitären Forschung die tieferen Ursachen dafür identifiziert, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in der Dynamik der wissenschaftlichen Entwicklung nicht mehr mit den USA mithalten konnte. Das gilt mit Einschränkungen auch im Vergleich zu Großbritannien. Deshalb gibt es in Großbritannien wie in den USA in den Geistes- und Sozialwissenschaften viel Platz für Disziplinen wie Political Economy oder Cultural Studies, Institutional Economics, Behavioral Economics und Neuroeconomics oder für disziplinenübergreifende Angebote wie European Studies, die in Deutschland nicht in ähnlichem Umfang Fuß fassen. In den Natur- und Lebenswissenschaften sieht das nicht anders aus. Eine nachhaltige Exzellenzförderung wird an der Veränderung der erneuerungsfeindlichen Strukturen der Forschung in Deutschland ansetzen, wenn sie über kurzfristige Publicity-Erfolge hinausgelangen will. Es lässt sich dann zwar weniger zuverlässig voraussagen, wo exzellente Forschung stattfindet, dafür gibt es aber mehr davon.

Über den Autor
Richard Münch lehrt Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Nach "Die akademische Elite" (Frankfurt a.M. 2007) hat er jetzt zum Thema des Beitrages die Studie "Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime vom PISA, McKinsey & Co." (Frankfurt a.M. 2009) veröffentlicht.

Aus Forschung und Lehre :: April 2009

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