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Wissenschaftskultur - zur Vernunft wissenschaftlicher Institutionen

Von Jürgen Mittelstraß

Auch in der Gegenwart wird Wissenschaft und Technik als der Kultur fremd, ja oft feindlich betrachtet. Versucht man, den Antagonismus aufzulösen, müssen alle voneinander lernen: die Kultur von der Wissenschaft, die Wirtschaft von der Technik. Ein Entwurf für eine Einheit der Systeme.

Wissenschaftskultur - zur Vernunft wissenschaftlicher Institutionen© janaka Dharmasena - Fotolia.com Die Einheit alles Wissenschaftlichen, Technischen und Kulturellen - die Leonardo-Welt
Wo Wissenschaft und Technik sind, so ein verbreitetes Vorurteil, schweigt die Kultur, und wo Kultur ist, schweigen Wissenschaft und Technik. Den Hintergrund bildet eine Kultur- und Geistesgeschichte, die vornehmlich das Künstlerische und Literarische und alles ihnen Benachbarte liebt und sich in einer Zwei-Kulturen-Vorstellung, die eigentlich gegen alles Kulturelle erfunden wurde, noch heute geborgen fühlt, ferner eine Auffassung von Wissenschaft und Technik, nach der diesen vermeintlich schon in der Wiege alles Geistige, und somit auch alles Kulturelle, ausgetrieben wurde.

Diese Vorstellung ist falsch, und sie war immer schon falsch. Kultur - das ist eben nicht nur Abendland, Hellas, deutsche Klassik, sondern auch Himmel und Erde noch einmal geschaffen, Verwandlung der Welt in die Welt des Menschen. Dazu gehören auch Wissenschaft und Technik. Weder lässt sich das Kulturelle gegenüber dem Wissenschaftlichen und dem Technischen isolieren, noch umgekehrt das Wissenschaftliche und das Technische gegenüber dem Kulturellen. Neben homo sapiens wohnten immer schon homo investigans und homo faber, neben dem kontemplativen Verstand immer schon der forschende und der konstruierende Verstand. Ihrem Zusammengehen verdankt sich die moderne Welt. Eine solche Welt nenne ich die Leonardo-Welt, nach Leonardo da Vinci, dem großen Renaissancewissenschaftler, Ingenieur und Künstler, in dessen Werk nicht nur die moderne Welt, eine Welt des wissenschaftlichen und des technischen Verstandes, erwacht, sondern auch die Einheit alles Wissenschaftlichen, Technischen und Kulturellen auf eine großartige Weise zum Ausdruck kommt.

Die Leonardo-Welt ist eine artifizielle Welt - sie wird erfunden, nicht wie die Natur entdeckt. Das bedeutet aber auch, dass Wissenschaft und Technik, d.h. die eigentlichen Konstrukteure dieser Welt, immer tiefer in ihre eigene Welt hineingezogen werden. Wissenschaft ist nicht länger ein nur beobachtendes und analysierendes Tun, zur selbstverliebten Freude der Vernunft oder des Geistes mit Sitz in Elfenbeintürmen, sondern ein weltgestaltendes und weltveränderndes Tun; das gleiche gilt von der Technik. Dabei bedeutet die Verwissenschaftlichung der Welt auch die Verweltlichung der Wissenschaft, womit sich auch die Zuständigkeiten und die Erwartungen an Wissenschaft ändern. Pointiert formuliert: Während es bisher so scheinen mochte, dass zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, die alleinige Aufgabe der Wissenschaft war, ist es in einer Leonardo-Welt mehr und mehr die Notwendigkeit, die Welt (wissenschaftlich und technisch) zusammenzuhalten. Die Vorstellung, dass Wissenschaft nützlich ist bzw. nützlich sein soll, hat nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftstheoretisch gewaltig an Aktualität gewonnen. Das gleiche gilt von der Kultur, die Wissenschaft und Technik schafft. Insofern kommt aber auch, wenn wir über Wissenschaft und ihre Rolle in der modernen Welt nachdenken, alles auf die Betonung einer, möglicherweise auch erst wiederherzustellenden, Einheit alles Wissenschaftlichen, Technischen und Kulturellen an.

Dabei muss die Wissenschaft lernen, dass ihr - bei allem berechtigten Anspruch, zunächst ihre eigenen Erkenntniszwecke zu verfolgen - nicht in die Wiege gelegt wurde, anwendungsfern zu sein. Die Wirtschaft muss in technologischen Dingen lernen, dass die Wissenschaft auf ihrer Suche nach dem Neuen anders tickt als ein Produktionsbetrieb. Und das, was wir als das Kulturelle bezeichnen, muss wieder begreifen, dass die Welt der Wissenschaft und der Wirtschaft auch seine Welt ist. Nur was Köpfe nicht mehr zusammenzuhalten vermögen, zerlegt sich in eigene Welten, in denen sich dann auch die Köpfe nicht mehr auskennen. Das hat nichts mit der Sehnsucht nach einfachen Verhältnissen zu tun. Einfach sind nur mythische Verhältnisse, in denen Verstand und Vernunft schlafen. Oder anders ausgedrückt: Man muss die Leonardo-Welt wollen und an ihrer Weiterentwicklung arbeiten, um nicht unter ihr zu leiden oder wieder in unvernünftige Verhältnisse zu geraten.

Noch einmal zur Rolle der Wissenschaft in diesem Zusammenhang. Nirgendwo ist das Neue, das die Leonardo- Welt in Gang hält, so nah wie in der Wissenschaft - in Form neuer Einsichten, erwarteter oder unerwarteter Entdeckungen, in Form von Konstruktionen oder Erfindungen, wenn nämlich die Wissenschaft, z.B. die Mathematik, das, was sie entdeckt, selbst noch erfindet. Wissenschaft ist stets auf das Neue aus, und sie hat das Neue im Blut. Wo es fehlt oder auf Dauer ausbleibt, verliert sich Wissenschaft selbst aus dem Auge, stirbt Wissenschaft ab.


Das bedeutet nicht, dass das Neue, das die Wissenschaft in die Welt bringt, stets auch das Neue ist, das die Gesellschaft von ihr erwartet. Viele wissenschaftliche Theorien bleiben unter sich und sterben - manchmal schneller, manchmal langsamer - aus, ohne Spuren in den Lehrbüchern oder gar in der Welt zu hinterlassen. Viele Experimente bleiben l'art pour l'art, bewegen Generationen von Forschern, aber nicht die Welt. Wissenschaft also als nutzlose Wolkenschieberei?

Was gelegentlich so erscheinen mag, gehört tatsächlich zum 'Spiel Wissenschaft', wie das Karl Popper einmal genannt hat, macht ihre besondere Neugierde und ihre besondere Freiheit aus, ohne die sie nicht zu existieren vermag. Wäre Wissenschaft - was sich manche wünschen mögen - nur der verlängerte Arm der Werkbänke, verlöre sie gerade ihre produktive Kraft, die allemal darin besteht, das Neue in die Welt zu bringen, nicht das Gewohnte oder das Begehrte, selbst ohne Einsichten und Einfälle, zu fördern. Außerdem gibt es kein Maß und kein Kriterium, das in der Wissenschaft, bezogen auf erwartete Anwendungen, von vornherein zwischen dem Fruchtbaren und dem Unfruchtbaren unterscheiden ließe.

Mit anderen Worten, Forschung geht, wohin sie will, getrieben von ihren eigenen Fragen und Einfällen, und mit ihr die Wissenschaft, die stets dort am fruchtbarsten ist, wo sie ihrer eigenen Witterung vertraut, die immer wieder Aufbruch ins Unbekannte, auf der ständigen Suche nach dem Neuen, bedeutet. Wer von der Wissenschaft viel erwartet, auch in Anwendungsdingen, sollte ihr daher auch auf diesen Wegen folgen und nicht versuchen, auf kurzfristigen Vorteil bedacht, sie in die eigenen gesellschaftlichen Wege zu zwingen. Das bedeutet auch, dass Wissenschaft nicht - und wenn doch, dann nur in wenigen Bereichen - wirklich planbar ist. Zwar ist ihr Weg mit Forschungsprogrammen, Projekten und Entdeckungsstrategien gepflastert, zwar besteht jede Wissenschaftsförderung auf konkreten und in ihren Versprechungen realistischen Arbeitsabläufen, doch weiß im Grunde jeder, jeder Wissenschaftler und jeder Wissenschaftsförderer, dass sich wissenschaftliche Ergebnisse nicht erzwingen lassen, dass Wissenschaft der verqueren Logik von Fünfjahresplänen ebensowenig folgt wie eine erfolgreiche Volkswirtschaft, dass gerade in ihrer mangelnden Determiniertheit ihre ungeheure Kraft liegt.

Drei Bedeutungen von Wissenschaft

Der Zusammenhang mit Kultur, der Kultur einer Leonardo-Welt, stellt sich hier in folgender Weise, in der Unterscheidung zwischen drei Bedeutungen von Wissenschaft, dar. So ist Wissenschaft erstens eine besondere Form der Wissensbildung, nämlich die durch besondere (theoretische und praktische) Normen und Standards bestimmte Wissensbildung. Diese Normen und Standards sichern auch das, was wissenschaftliche Objektivität besagt. Sie ist zweitens eine Institution, nämlich eine gesellschaftliche Veranstaltung zur Stabilisierung der wissenschaftlichen Form der Wissensbildung. Ihre institutionelle Form ist es auch, die Wissenschaft in einer Gesellschaft auf Dauer stellt. Und Wissenschaft ist drittens eine Idee und eine Lebensform, die auf (der Suche nach der) Wahrheit beruht und allein die immer wieder eingeklagte Autonomie der Wissenschaft und ihrer Institutionen begründet.

Eben das ist auch mit der Vernunft wissenschaftlicher Institutionen gemeint, nicht etwas im Sinne eines staatsbürgerlichen Bekenntnisses oder einer Hegelschen Reminiszenz. Vernunft hat stets etwas mit Wahrheit und mit begründeter Selbstbestimmung zu tun, und mit wissenschaftlichen Institutionen dann, wenn diese in ihren Zwecken nicht primär von den wechselnden Bedürfnislagen der Gesellschaft abhängig sind, sondern diese Zwecke in der (an Wahrheit orientierten) Wissensbildung selbst sehen und in dieser Form verfolgen. Das heißt auch, dass sie in dieser Weise der Gesellschaft bzw. einer Leonardo-Welt auf längere Sicht besser dienen als in einer von vornherein verwertungsorientierten Weise. Die wahren Innovationen resultieren allemal aus Durchbrüchen theoretischer Art, wenn Wissenschaft das Neue auf ihre Weise findet, also in der Grundlagenforschung, nicht aus der kurzatmigen Auftragsforschung, deren Bedienung auch die Wissenschaft kurzatmig macht.

Die Rolle der Akademien

Zu den wissenschaftlichen Institutionen, um deren Vernunft es geht, gehören auch die Akademien. Diese wurden ursprünglich gegen die Universitäten gegründet, in denen sich die Wissenschaft in Form autoritätsverhafteter wissenschaftlicher Reproduktionsprozesse ihrer eigentlichen Kraft beraubt und in ihrer angeborenen intellektuellen Neugierde stillgelegt sah, und sie sollten auch heute wieder, mit Blick auf eine gebeutelte Universität, mit der der ökonomische Verstand (Stichwort: unternehmerische Universität), der politische Verstand (mit immer neuen Universitätsgesetzen zu jeder Legislaturperiode, und das in Deutschland 16 Mal) und der verwaltende Verstand (dazu später) sein Spiel treibt, und mit Blick auf eine außeruniversitäre Forschung, die ihren Respekt gegenüber der Universität weitgehend verloren zu haben scheint, Anwälte eines freien, reflektierten wissenschaftlichen Geistes sein, wenn es darum geht, die Stimme der Wissenschaft unverstellt im gesellschaftlichen Diskurs, darin auch zwischen Wissenschaft und Politik vermittelnd, zur Geltung zu bringen. Und dies ohne jegliche partikularen Interessen, die auch die Universitäten und die außeruniversitären Forschungseinrichtungen vertreten, wenn es um Geld und Einfluss geht.


Das muss angesichts der institutionellen Schwächen und der sich manchmal aufdrängenden Nähe zu akademischen Seniorenheimen nahezu paradox klingen, doch geht es hier um die Idee, nicht um ihre, häufig verwirrende, Realisierung. Die Müdigkeit des Geistes, die wir heute allerorten zu registrieren glauben, ist in den Akademien keine Frage erfahrener Bedeutungslosigkeit oder des Alters, eher schon der Selbstgenügsamkeit gerade auch der wissenschaftlichen Institutionen und des mangelnden Willens, gegen den waltenden Zeitgeist das Neue und die Vernunft in die Welt zu bringen.

Der Schlachtruf der Qualitätssicherung

Mag sein, dass das angesichts der modernen Wissenschaftsentwicklung, die auf große Zahlen und große Einrichtungen setzt, wiederum reichlich weltfremd, eben - dem üblichen Sprachgebrauch folgend - akademisch klingt. Doch was hindert uns daran, in Akademieangelegenheiten alte institutionelle Gewohnheiten und Loyalitäten einmal zu vergessen und wieder für die ganze Wissenschaft zu sprechen? Es ist die Stimme der Wissenschaft, die heute im Getöse von Lissabon, Bologna, Pisa und immer neuen Regelungseinfällen, die sich selbst zu institutionalisieren suchen, unterzugehen droht. Am schmerzlichsten bekommen dies die Universitäten zu spüren. Unter dem Schlachtruf der Qualitätssicherung hat sich hier ein System von Agenturen und Räten entwickelt, dem heute keine Universität, aber auch keine andere forschende Einrichtung mehr entgehen kann. Kennt sich Wissenschaft, kennen sich unsere forschenden und lehrenden Einrichtungen in Dingen, die sie selbst betreffen, nicht mehr aus?

Es ist diese Annahme, die nicht nur irritiert, sondern zunehmend auch beunruhigt. Da wird, ganz gleich ob es um Forschung, Lehre oder Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses geht, begutachtet und evaluiert auf Teufel komm raus. Gleichzeitig wird der "Science Citation Index" zum akademischen Delphi - ist nur viel langweiliger -, der Impact Factor zur magischen Zahl, mit der Pythagoras, der oberste aller akademischen Dunkelmänner, höchst zufrieden gewesen wäre. Ein erheblicher Teil unserer akademischen Kapazitäten, häufig der besten, dürfte bereits jetzt im Evaluierungs- und Gutachterunwesen gebunden sein. Schon sieht es so aus, als sei Qualität nichts, das sich von sich aus zeigt, das sich durch Forschung und Wissenschaft selbst zum Ausdruck bringt, sondern allein das Resultat von auferlegten Prüfungen, Evaluierungen eben. Nicht die Wissenschaft wächst; es wachsen ihre Peiniger.

Hier hat sich zweifellos etwas verselbständigt. Um die so genannte Qualitätssicherung - als sei das für die Wissenschaft etwas Neues! - ist ein wissenschaftlicher Markt entstanden, der eigenen Gesetzen, ertragreichen häufig, seltener den tatsächlichen Bedürfnissen der Wissenschaft folgt. In deren Namen sei gesagt: Der wissenschaftliche Gott schütze uns vor den Qualitätsschützern! Oder anders gesagt: Wir herrschen mit immer neuen institutionellen Einfällen über die Wissenschaft, aber wir bewegen sie nicht mehr. Wieder einmal macht sich der Irrglaube breit, dass es Strukturen sind, die wie von selbst Wissen, Qualität und Innovation erzeugen, dass sich das Neue organisieren lässt wie ein geistiger Einkauf und dass die Erlösung von aller vermeintlicher Unfruchtbarkeit im Management liegt! Strukturen sollen der Wissenschaft dienen, sie nicht beherrschen. Eben dies geschieht, wenn der wissenschaftliche Verstand seine Selbständigkeit an den prüfenden und verwaltenden Verstand verliert.

Dabei geht es nicht, wie manche jetzt meinen werden, um Humboldt ja oder nein, sondern allein darum, dass wir der Wissenschaft und ihren Institutionen nicht die Luft nehmen, sich nach ihren eigenen Maßstäben, ihren eigenen Gesetzen folgend, zu entwickeln. Wir sind auf dem besten Wege, eben dies zu tun. Und das eigentlich Beunruhigende ist, dass die Wissenschaft hier mitzuspielen scheint, auch bei einem sich andeutenden Perspektivenwechsel in der Universität, der allmählichen Ersetzung der akademischen Republik durch den Markt. Zunehmend wird nicht mehr primär von den begründeten Bedürfnissen der Wissenschaft (in Forschung und Lehre) her gedacht, sondern von Verwertungserwartungen her. Bleibt der Platz institutioneller Urteilskraft, wie so oft, leer?

Versperrte Rückkehr

Hier könnten die besonderen Aufgaben einer Akademie liegen, deren traditionelle Wege durch die moderne Wissenschaftsentwicklung ohnehin versperrt sind. Zu diesen Wegen gehören erstens die Rückkehr zu einer humanistischen Bildungsidee, sei es im ursprünglichen Renaissance- oder im späteren, neuhumanistischen Sinne, zweitens die Rückkehr zur Idee der Gelehrtengesellschaft, in der sich im gegebenen Wissenschaftssystem die Wissenschaft eher feiern als in die Forschungsgeschäfte mischen würde, drittens die Rückkehr zur Forschungsakademie im engeren, z.B. Leibnizschen, Sinne.


Gegen die Rückkehr zur humanistischen Bildungsidee steht die Wirklichkeit einer Welt, die sich nicht mehr in vergangenen, sondern nur noch in ihren eigenen Werken spiegelt; gegen die Rückkehr zur reinen Gelehrtengesellschaft die Wirklichkeit einer 'Forschungsindustrie' und die Verwandlung des Gelehrten in einen merkwürdigen Außenseiter; gegen die Rückkehr zur Forschungsakademie der Umstand, dass der wissenschaftliche Alltag unwiderruflich in anderen Häusern stattfindet. Anders, wenn es darum geht, der Urteilskraft in Dingen, die die Wissenschaft in ihren institutionellen Formen selbst betreffen, Geltung zu verschaffen und damit der Okkupation der Wissenschaft durch den verwaltenden Verstand Einhalt zu bieten. Urteilskraft verbindet sich hier mit Formen der Selbstreflexion, die in den wissenschaftlichen Einrichtungen wohl auf eine fachliche bzw. disziplinäre Weise erfolgt, aber auch - in förderlicher Distanz zum Alltag der Wissenschaft - in einem institutionellen Rahmen, und damit selbst in institutioneller Weise, wahrgenommen werden sollte.

Der veränderte Forschungsbegriff

Das hat im Übrigen auch damit etwas zu tun, dass sich der Forschungsbegriff selbst gravierend verändert hat. In seiner ursprünglichen Form war er eng mit dem forschenden Subjekt verbunden - Forscher forschten, nicht Einrichtungen -, doch ist es eben diese Verbindung zwischen Forschen und Forschung, die sich zunehmend auflöst. Aus der Gemeinschaft der Forscher wird die Forschung, aus forschender Wahrheitssuche, die zur Idee der Wissenschaft gehört, von Anfang an Teil des Selbstverständnisses des Wissenschaftlers ist und diesen allererst zum Forscher macht, ist Forschung als Betrieb geworden, als organisierbarer und organisierter Prozess, hinter dem der Wissenschaftler, vermeintlich auswechselbar wie die Subjekte in der ökonomischen Welt, selbst verschwindet.

Die moderne Vorliebe für Schwerpunkte, Zentren, Cluster, Allianzen, Netzwerke in der Forschung ist Ausdruck dieses Wandels. Sie stärkt die industriellen Formen der Wissenschaft und schwächt ihre Selbstreflexionsfähigkeiten, zumal Wissenschaft in ihren alltäglichen Formen, in den Worten Peter Graf Kielmanseggs und bezogen auf die Aufgaben einer Akademie, ohnehin "ein naives Verhältnis zu sich selbst hat". Könnte es sein, dass daher auch wachsende Probleme professioneller und ethischer Art rühren? Wo Forschung, wo Wissenschaft nicht mehr als Idee und Lebensform begriffen wird, sondern nur noch als ein Job wie jeder andere, verschieben sich auch die lebensformrelevanten und die ethischen Gewichte. Das forschende Subjekt, das seine Bedeutung verloren hat, verliert sich selbst und seine Verantwortlichkeiten aus dem Auge.

Selbstreflexion zeichnet sich durch das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz aus. Das gilt auch in institutionellen Dingen und macht, wenn sie gelingt, die Vernunft der Institutionen, hier der wissenschaftlichen Institutionen, aus. Und das gilt auch dort, wo sich die wissenschaftliche Selbstreflexion mit einer gesellschaftlichen Reflexion (in Formen der Politik- und Gesellschaftsberatung) verbindet, einer Verbindung, in der die moderne Gesellschaft zu ihrem eigentlichen 'wissenschaftlichen' Wesen, dem Wesen einer Leonardo-Welt, findet. In der Akademie schaut sich die Wissenschaft selbst an, und in der Akademie reflektiert die Gesellschaft ihr wissenschaftliches Wesen. Die Wissenschaft erkennt sich selbst und die Gesellschaft ihre Zukunft, die ohne Wissenschaft, die nach ihren eigenen Regeln lebt und arbeitet, nicht zu haben ist.

Gekürzte Fassung der Festrede von Jürgen Mittelstraß, Mitglied der Leopoldina, am 26. Februar 2010 anlässlich der Übergabe des Präsidentenamtes der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften. Die ausführliche Fassung kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.


Über den Autor
Professor Jürgen Mittelstraß ist Direktor des Konstanzer Wissenschaftsforums und des Zentrums Philosophie und Wissenschaftstheorie. Er ist Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates und Mitglied der Leopoldina.


Aus Forschung und Lehre :: Juni 2010

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