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Witten/Herdecke - Eine Universität am Limit


Von Martin Spiewak und Jan-Martin Wiarda

Die Hochschule Witten/Herdecke ist vorerst gerettet. Trotzdem droht die Idee zu scheitern, in Deutschland ein konkurrierendes System aus privaten und staatlichen Universitäten zu schaffen.

Witten/Herdecke - Eine Universität am Limit© Universität Witten/HerdeckeUniversität Witten/Herdecke
Als Ralf Hermersdorfer vergangenen Herbst seinen neuen Job antrat, hätte er nicht gedacht, dass er so schnell zur alten Garde gehören würde. Der Uni- Präsident: zurückgetreten. Die beiden jungen Geschäftsführer, die so motiviert zur Tat schritten: weg. Vor Hermersdorfer liegt die Hochglanzbroschüre, die seine erste Großtat als Pressesprecher werden sollte. Die Druckerei hat sie gerade ausgeliefert. 100 Seiten mit schönen Fotos, glücklichen Studenten und schicken Uni-Ansichten. Ganz vorn: ein Grußwort von Ex-Universitätspräsident Birger Priddat. "Was soll man dazu sagen?", fragt Hermersdorfer, der sonst zu allem was zu sagen hat.

Vielen Beobachtern ging es ähnlich, als sie in den Tagen vor Weihnachten mit zunehmender Sprachlosigkeit die rasante Demontage eines Symbols mit ansehen mussten. Oder dessen, was nach Jahren der Finanzlöcher und Führungskrisen noch übrig war von dem Mythos Witten/Herdecke, Deutschlands erster privater Universität, die frei von staatlichen Vorschriften hatte beweisen sollen, dass auch hierzulande möglich ist, was man nur aus dem Ausland kannte.

Den Startschuss gegeben für das Beinahe-Ende hatte Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) mit seiner überraschenden Ankündigung, den Landeszuschuss in Höhe von 4,5 Millionen Euro für 2008 nicht auszuzahlen und weitere drei Millionen zurückzuverlangen. Die Begründung: Trotz wiederholter Aufforderung habe Witten keine ordnungsgemäße Geschäftsführung nachweisen können. Was folgte, waren Rücktritte, Studentendemos und die fieberhafte Suche nach neuen Investoren. Ende vergangener Woche schließlich wurde der Rettungsplan bekannt gegeben, und er überraschte: Die katholische Diözese Rottenburg- Stuttgart hat mit einem Millionenengagement nicht nur die Pleite der kleinen Privat-Uni verhindert, sondern sie zudem auch noch vor dem drohenden Einfluss unternehmerischer Interessen bewahrt.

Fast alle deutschen Studenten sitzen in staatlichen Hörsälen

Die Krise ist vorüber, doch der Überlebenskampf geht nur in die nächste Runde - für Witten/Herdecke ebenso wie für die Idee der Privatuniversitäten in Deutschland. Denn die Hoffnung, die Gründung der Hochschule vor gut 25 Jahren werde den Beginn einer neuen Zeit in der höheren Bildung markieren, hat sich nie erfüllt. Am Ende, so hatten sich das Wittens Unterstützer von Gerd Bucerius (Zeitverlag) bis zu Reinhard Mohn (Bertelsmann) ausgemalt, würde es in Deutschland ein System aus staatlichen und privaten Universitäten geben, die sich gegenseitig befruchten.

Es kam anders: Bis heute lernen 96 Prozent der Studierenden in Deutschland in staatlichen Hörsälen. Nachahmer hat das mutige Wittener Projekt kaum gefunden. Zwar gibt es mittlerweile über 120 akademische Privateinrichtungen in Deutschland. Dabei handelt es sich jedoch fast ausschließlich um winzige Business- Schools oder Ein-Fach-Hochschulen, die meist für Wirtschaft, Verwaltung oder Politik ausbilden.

Nur die Jacobs University versammelt mehrere Disziplinen unter einem Dach und kann sich zu Recht Universität nennen. Doch der anspruchsvolle Titel hat einen hohen Preis: Rund 40 Millionen Euro gibt die Bremer Hochschule jedes Jahr aus, insbesondere für die teuren Ingenieurwissenschaften. Aus Spenden allein lässt sich dies nicht finanzieren. "Mehr als 15 Millionen im Jahr bekommen Sie in Deutschland selbst bei größten Anstrengungen nur schwer zusammen", sagt Fritz Schaumann, langjähriger Präsident der Bremer Hochschule und intimer Kenner der Szene.

Es ist ein Leben am Limit, das die Lenker privater Hochschulen führen: immer auf der Suche nach den Millionen, um den Vorlesungsbetrieb aufrechtzuerhalten, ohne die akademische Freiheit preiszugeben - etwa die Medizinerausbildung in Witten mit der breiten Allgemeinbildung und dem frühzeitigen Kontakt der angehenden Ärzte mit Patienten. Teil dieses Modells ist es, von den Studenten hohe Gebühren zu verlangen. In Witten waren schon
vor den Krisen zwischen 19.000 und 30.000 Euro für ein Studium fällig.

Auch die Jacobs University in Bremen ist noch nicht aus der Gefahrenzone

Doch selbst solche Beträge können die Budgetlücken privater Hochschulen nur zum Teil füllen: Auch in den USA bekommen Volluniversitäten allenfalls ein Drittel ihrer Ausgaben durch die Beiträge ihrer Studenten wieder herein. Zudem geht mindestens die Hälfte des Geldes für Stipendien und Darlehen drauf. "Wenn Sie solche Finanzierungshilfen nicht anbieten, bekommen Sie nur die Kinder der Reichen und sind langfristig nicht konkurrenzfähig", sagt Schaumann. Nur ein Stiftungsvermögen, dessen Zinsen regelmäßig in den laufenden Haushalt fließen, verschafft Sicherheit. In den USA verfügen rund 80 Universities und Colleges jeweils über eine Milliarde Dollar an fest angelegten Geldern. In Deutschland würde rund die Hälfte der Summe reichen, meint Schaumann. Bislang hat jedoch keine Hochschule diesen enormen Betrag zusammengebracht. Dass Witten/Herdecke jahrelang überhaupt kein Geld zurückgelegt hat, gilt als einer der Kardinalfehler der Universität.

In Witten, der kleinen Stadt zwischen Bochum, Dortmund und Hagen, sind die Schneemassen der ersten Januarhälfte weggetaut. Weitab vom kleinen Uni-Campus mit den weiß verputzten Neubauten, in einem Haus an den bewaldeten Höhen des Ruhrtals, versucht Birger Priddat mit dem Leben als Ex-Uni-Präsident zurechtzukommen. Was an sich schon schwierig genug wäre, doch dazu kommen all die Fragen, all die "Hättes", die Priddat durch den Kopf schwirren. "Wir hätten es geschafft", sagt er immer wieder und streicht sich die schütteren Haare. "Wir waren in guten Gesprächen mit einem Teil der Förderer, die jetzt auch auftreten. Durch den Zahlungsstopp konnten die Verhandlungen nicht weitergeführt werden."

Nach dem Rücktritt hatte er geschwiegen, um die Gespräche mit dem Land nicht zu belasten. Umso schneller sprudeln die Worte jetzt, da die Rettung gelungen ist. Priddat hockt im Jugendzimmer seines Sohnes, an der Wand hängen Poster von der Band "Die Ärzte", und der 58-Jährige erzählt von Überbrückungskrediten, von kameralistischer Buchführung einer GmbH und von einem Wissenschaftsminister, der übertrieben formalistisch agiere. "Anders kann ich mir sein Verhalten nicht erklären", sagt Priddat.

Es wäre eine kaum vorstellbare Ironie gewesen, wenn Deutschlands erste Privatuniversität an einem liberalen Wissenschaftsminister gescheitert wäre, der seine viel beachtete Uni-Reform unter der Bezeichnung "Hochschulfreiheitsgesetz" eingebracht hatte. Doch auch abseits aller finanzrechtlichen Auseinandersetzungen bleibt Priddats Bilanz enttäuschend. Wittens Ziel, über die Uni-Stiftung so viel Geld einzuwerben, dass die Unab hängigkeit auf Dauer gesichert ist, wurde auch unter der Regie des gefeierten Vordenkers der Friedrichshafener Zeppelin University nicht erreicht. Stattdessen setzte sich das Glücksspiel, die ständige Jagd nach dem nächsten Rettungspaket, fort.

Auch die vor zwei Jahren nach dem Kaffeebaron umbenannte Jacobs University ist noch längst nicht heraus aus der Gefahrenzone. 200 Millionen Euro spendete der Milliardär den Bremern, wovon 75 Millionen für fünf Jahre in den Haushalt fließen und 125 Millionen später in die Rücklagen - wenn die Hochschule bis dahin aus eigener Kraft neue Finanzgeber findet. Sicher ist dies keinesfalls. Denn anders als in den USA ist der Spendeneifer für Bildung hierzulande kaum ausgeprägt. Bildung gilt als Aufgabe des Staates. Kaum ein Ehemaliger münzt die Dankbarkeit für seine Ausbildung in Großzügigkeit um. Allerdings hat sich die private Idee nirgendwo in Europa durchsetzen können. Auch in Großbritannien, wo die Hochschulen am stärksten dem US-Modell folgen, existiert nur eine private Einrichtung: die University of Buckingham mit 750 Studenten. Selbst die berühmte London Business School, eine der besten Managerschmieden Europas, hängt an der Leine des Staates.

Die Alternative zu einem eigenen Kapitalstock oder staatlicher Gängelung sind private Dauergeldgeber. Es ist kein Zufall, dass gemeinnützige Stiftungen hinter den einzigen solide finanzierten Privathochschulen mit Forschungsambitionen stecken: der Bucerius Law School in Hamburg sowie der Hertie School of Governance in Berlin. Obwohl bei der Law School die Gelder aus Spenden, Gebühren und Weiterbildungskursen sprudeln, trägt ihr Financier, die ZEIT-Stiftung, pro Jahr über die Hälfte des laufenden Haushaltes. "Weniger als 35 Prozent werden es voraussichtlich auch niemals werden", sagt Vorstandsmitglied Markus Baumanns.

Die Schwäche der privaten Unis liegt auch an der Stärke der staatlichen

Private Dauergeldgeber wären auch in Witten nötig, um die Hochschule langfristig aus der Verlustzone zu holen. Der neue Geschäftsführer und Witten-Absolvent Michael Anders, der den Part des Heilsbringers übernommen hat, bastelte seit seinem Amtsantritt vor drei Wochen an dem jetzt vorgestellten Rettungsplan. Er ist kein Visionär wie Ex-Präsident Priddat, kein Motivator wie Uni- Sprecher Hermersdorfer, das nächtelange Arbeiten zeichnet sich in Ringen unter seinen Augen ab. Witten, kündigte er vor zwei Wochen an, werde die Zahl der Studenten und die Studiengebühren erhöhen, Personal entlassen und die Lehre auf die Kernbereiche Gesundheit und Wirtschaft konzentrieren.

Sätze wie diese waren es, die Studenten und Ehemalige auf den Plan riefen. Sie fürchteten, die Universität werde ihre Freiheit und geistige Unabhängigkeit verkaufen, um am Leben zu bleiben. "Das glaube ich nicht", beruhigte sie Anders seit Tagen. "Den potenziellen Spendern ist die akademische Qualität wichtig." Jetzt ist klar, was der neue Geschäftsführer meinte: Der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart, die etliche Krankenhäuser betreibt, ist die ganzheitliche Medizinerausbildung so viel wert, dass sie mehrere Millionen dafür hinblättert und voraussichtlich ein Viertel der Witten-Anteile halten wird. Die Finanzierung der Uni und ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit scheinen damit für die nächsten drei Jahre, den Zeitraum des Rettungsplans, gesichert. Auch Pinkwart will für 2009 und 2010 wieder jährlich mindestens 4,5 Millionen Euro beisteuern. Was danach kommt, ist allerdings ungewiss, auch wenn die Uni-Leitung verspricht, bis dahin sei der Haushalt ausgeglichen. In der Vergangenheit ist das nie gelungen. So könnte der jetzige Verzicht auf einen finanzstarken privaten Mehrheitsgesellschafter im schlimmsten Fall bedeuten, dass die Jagd auf die immer nächste Spendermillion weitergeht.

Die Schwäche der privaten Unis in Deutschland hat auch mit der neuen Stärke der staatlichen zu tun. Die Zeiten, in denen diese als im Kern verrottet galten, sind vorbei. "Die Fähigkeit, sich grundlegend zu wandeln, hätte ich den staatlichen Universitäten nicht zugetraut", sagt Hans Weiler, deutschstämmiger Emeritus der Stanford University. Sie haben gestufte Studienabschlüsse eingeführt, Berufungszeiten der Professoren verkürzt und sich effizientere Leitungsstrukturen verpasst. Wer wissen will, wie man Auswahlgespräche mit Studenten organisiert oder ein Career-Center aufbaut, braucht nicht mehr nach Witten oder Bremen zu fahren. Im Gegenteil: Die interessantesten Ideen - Graduiertenschulen, Forschungsverbünde, internationale Wissenschaftlerkollegs - finden sich dank der Exzellenzinitiative an den staatlichen Universitäten. Sie waren es auch, die in jüngster Zeit die großen Spenden eingeheimst haben: 24 Millionen Euro gingen nach Düsseldorf, 33 Millionen nach Frankfurt, gar 200 Millionen nach Karlsruhe. Auch das akademische Edelprädikat "Elite" haben die staatlichen Unis erobert.

"Die privaten Hochschulen haben auf weniger Feldern einen Innovationsvorsprung als früher", sagt Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung. Die Nischen jedoch werden genutzt: Weiterbildung, Studium neben dem Beruf, Fernschulung. Kommerzielle Ketten wie AKAD oder der Gesundheitsdienstleister SRH expandieren bundesweit. Andere konzentrieren sich auf den regionalen Markt. Die internationale Fachhochschule in Bad Honnef macht Studenten zu Eventmanagern, in Saarbrücken kann man in drei Jahren "Bachelor in Fitnesstraining" werden. In Nordrhein-Westfalen besucht ein Viertel aller FH-Studenten eine private Einrichtung.

Hochpolitische Visionen entfachen solche privaten Lernbetriebe keine mehr. Von ihren Kunden, den Studenten, erhalten sie in allen Rankings jedoch stets Bestnoten. Experten wie Hans Weiler sehen daher durchaus noch Betätigungschancen für private Bildungsangebote, vornehmlich im Schnittfeld der Disziplinen. Studiengänge zwischen Ethik und Recht, Medizin und Wirtschaft, Technik und Medizin, die anwendungsnah und dennoch auf hohem wissenschaftlichem Niveau ausbilden, könnten durchaus eine Lücke füllen. Genau an diesem Punkt, die renommierte Medizinerausbildung mit den Wirtschaftswissenschaften zusammenzuführen, hat Witten jahrelang versagt. Die Hochschule hat damit die Todsünde aller privaten Initiativen begangen: Sie hat verkannt, dass das Neue nicht mehr neu ist, und es versäumt, sich weiterzuentwickeln. Das beschlossene Zukunftskonzept sieht vor, auch hier endlich anzusetzen und neue interdisziplinäre Studiengänge und Forschungsvorhaben einzurichten, etwa Gesundheitsökonomie, Demenzversorgung oder Management, Philosophie und Kultur.

Eine seiner Stärken ist Witten freilich niemals verloren gegangen: die Treue seiner Studenten. Sie haben sich aus Protest ausgezogen, Unterstützerseiten im Internet geschaltet und offene Briefe verfasst. Die Ehemaligen haben Gesellschafteranteile von fast einer Million Euro aufgekauft, um den Einfluss der Unternehmer zu schmälern und den Wittener Geist doch noch zu retten. Ihr Geld hilft jetzt dabei, die Gesellschafteranteile der Nichtunternehmerseite deutlich zu steigern. In Witten kommt es schon mal vor, dass ein Vorstand der Studierendengesellschaft die Grundsätze der Universität feierlich zitiert, um anschließend zu versichern, dass man dafür auch mehr Studiengebühren zahlen werde, wenn nötig doppelt so viel wie bislang.

Auch die Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre verdankt Witten seinem Nachwuchs. Zwei Wittener Studenten konzipierten ein Fortbildungsprogramm für Zahnimplantologie. Mithilfe der GründerWerkstatt der Universität entstand ein florierendes Unternehmen. Fünf solcher Firmengründungen will sie von jetzt an im Jahr ermöglichen. Das Projekt ist so erfolgreich, dass Uni-Sprecher Hermersdorfer Anfang Januar zur Abwechslung eine positive Pressemitteilung formulieren konnte. Denn die GründerWerkstatt hat für das innovative Konzept den Ideenwettbewerb des Bundeswirtschaftsministeriums gewonnen. Ein Lichtblick im Wittener Winter - und eine kleine Erinnerung, warum die erste deutsche Privatuniversität einst entstanden ist.

Aus DIE ZEIT :: 29.01.2009

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