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Wo ist hier der Notausgang?

VON LEONIE SEIFERT, Mitarbeit: Anant Agarwala, Manuel J. Hartung

»Wie geht es euch?« - das haben wir junge Wissenschaftler gefragt. Das Ergebnis ist alarmierend: Vier von fünf Forschern wollen aus dem Hochschulsystem aussteigen. Warum ist das so?

Wo ist hier der Notausgang?© .marqs - photocase.de"Ausstieg aus der Wissenschaft?" - 81% der jungen Wissenschaftler denken über einen Austieg nach
Wer sich für eine Laufbahn in der Wissenschaft entscheidet, muss mutig sein und optimistisch. Der Wettbewerb ist groß, die Zukunftsaussichten sind mies, die Arbeitsverhältnisse oft prekär. Alle paar Monate bekommt man einen neuen Vertrag, oft ist damit ein Umzug verbunden. Und über allem schwebt die große Sorge des Absturzes: Wer mit Mitte 40 feststellt, keine Dauerprofessur zu bekommen, steht auf der Straße. Langfristig planen? Unmöglich. Eine Familie gründen? Schwierig. Die Stimmung? Schlecht. »Die Rahmenbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert«, sagt Manfred Prenzel, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, des wichtigsten wissenschaftspolitischen Beratungsgremiums für Bund und Länder. Die Zahl der Studenten stieg immens, die Zahl der festen Stellen für Wissenschaftler wuchs nicht mit. »Ich habe die große Sorge, dass die besten wegen der schlechten Zukunftsaussichten nicht mehr in der Wissenschaft bleiben«, sagt Prenzel.

Wie groß die Zahl der Frustrierten ist, darüber herrscht in Hochschulen und in der Wissenschaftspolitik Unklarheit. Auch zur Arbeitsbelastung finden sich kaum valide Zahlen. Deshalb baten ZEIT und ZEIT ONLINE im September ihre Leser, an einer großen Umfrage zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses an deutschen Hochschulen teilzunehmen. Gefragt wurden wissenschaftliche Hilfskräfte, Doktoranden, Stipendiaten, Postdocs und Juniorprofessoren. Die Resonanz war enorm: Fast 7000 von ihnen haben sich an der Online-Umfrage beteiligt. Das sogenannte Crowdsourcing ist keine repräsentative Methode, durch die große Zahl an Rückmeldungen sind die Ergebnisse aber sehr aufschlussreich.

Viele junge Wissenschaftler berichteten von Resignation, von Überstunden, von schlaflosen Nächten - und auch von Burn-out. »Ich kann nicht mehr« oder »Keine Ahnung, wie es weitergeht«, schrieben viele. Und wer doch eine positive Geschichte erzählte, von guter Betreuung und genug Zeit für die eigene Forschung, der erwähnte stets: »Ich weiß, ich bin die Ausnahme.« Eine Zahl ist besonders schockierend: 81 Prozent des wissenschaftlichen Nachwuchses spielen mit dem Gedanken auszusteigen. Das heißt: Vier von fünf jungen Wissenschaftlern, die Jahre damit verbringen, zu recherchieren, zu forschen und zu schreiben, sagen: »Ich will hier raus!« Sicher, darunter fallen auch Doktoranden, die vielleicht nie eine Hochschullaufbahn einschlagen wollten, sondern als promovierte Chemiker in die Industrie oder als Ärzte in ein Krankenhaus wechseln wollten. Doch selbst von den Juniorprofessoren, die schon fest verwurzelt in der Wissenschaft sind, denken mehr als die Hälfte an den Ausstieg.

Man kann daher die Ausstiegsgedanken angesichts der geringen Jobchancen in der Wissenschaft »rational und vernünftig« finden, wie der Chef der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler. Man kann die Zahl »bedenklich« nennen, wie Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (siehe Interview »Eine Milliarde bewirkt etwas«). Man kann feststellen, dass »der Beruf des Professors unattraktiver wird«, wie Bernhard Kempen, der Präsident der Professorenvereinigung Deutscher Hochschulverband. Oder man kann die Systemfrage stellen, wie Wissenschaftsratschef Prenzel: »Wenn Zweifel so dramatisch werden, dass sie die jungen Wissenschaftler lähmen, wird es für ein ganzes System schwierig. Wir brauchen uns doch nicht zu wundern, wenn die Besten abwandern!« Sicher ist: Als Indiz für die Stimmung an den Hochschulen und in den Zukunftslaboren unseres Landes ist die große Ausstiegsneigung verheerend.

Wissenschaft lebt vom Wettbewerb. Doch Wettbewerb funktioniert nur gut, wenn auch die Besten die Herausforderung annehmen - und nicht durch zu schlechte Bedingungen abgeschreckt werden. Viele der Teilnehmer unserer Umfrage haben uns ihre Kontaktdaten hinterlassen, einige von ihnen haben wir gefragt, was sie zum Ausstieg bewegt. Fast alle, mit denen wir sprachen, suchen auf Jobportalen nach Alternativen zur Wissenschaft. Da ist zum Beispiel der Wirtschaftsinformatiker Andreas Drechsler, der als Postdoc an der Universität Duisburg-Essen arbeitet. Drechsler ist 34 Jahre alt und hat eine volle Stelle. Die Hälfte der Zeit forscht und lehrt er. In der übrigen Zeit kümmert er sich um die Verwaltung des Lehrstuhls. So sieht es sein Vertrag vor, auch wenn Drechsler nicht immer Lust auf Verwaltung hat. Man könnte meinen: Immerhin hat er einen Job. Drechsler sieht das anders. Er sagt: »Ich habe nicht genug Zeit, mich mit meiner Forschung zu profilieren, da ziehen andere an mir vorbei.« Dieses Jahr hat er sich deshalb auf 30 Stellen beworben - zwei Bewerbungen für Juniorprofessuren schickte er an deutsche Unis. Der Rest ging an Unis im Ausland. Mitte nächsten Jahres zieht er nach Neuseeland. Dort tritt er an einer großen Uni eine unbefristete Stelle an. »Da kann ich forschen - was mir wichtig ist - und bin nicht auf Drittmittel angewiesen«, sagt er. Drechsler verlässt das deutsche Hochschulsystem, weil er hier nicht geboten bekommt, wonach er sucht. Potenzial geht verloren.

»Klarere Zukunftsaussichten« nannten in dem Crowdsourcing-Projekt 34 Prozent als wichtigsten Wunsch. Dahinter kommen bessere Bezahlung und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das überrascht nicht: Rund 90 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter haben befristete Jobs, die Mehrheit der Verträge läuft nicht länger als ein Jahr. Wir fragten unsere Leser deshalb, wie viele Verträge sie in ihrer Laufbahn bereits unterschrieben haben. Unter den Doktoranden, die am Lehrstuhl arbeiten, hatte jeder Dritte schon mehr als vier Verträge. Erwartungsgemäß haben Stipendiaten, externe Doktoranden oder solche, die am Graduiertenkolleg promovieren, weniger Verträge geschlossen. Und auch unter den Postdocs und Juniorprofessoren, die von den Befragten am längsten in der Wissenschaft sind, hat jeder Dritte bislang vier bis sechs Verträge unterzeichnet. 14 Prozent hatten jedoch sogar schon zehn oder mehr Arbeitsverhältnisse.

Denise Dörfel ist erst 37 Jahre alt, sie hatte aber schon 15 Verträge. Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin, seit fünf Jahren promoviert, arbeitet als Postdoc alle paar Monate mit einem neuen Vertrag, manchmal ist sie zwischendrin arbeitslos. Dörfel hat zwei Kinder, zusammen mit ihrer Familie ist sie kürzlich von Berlin nach Dresden gezogen, weil da mal wieder ein Projekt winkte. Das war möglich, weil ihr Mann auch von Dresden aus arbeiten kann. Es setzt sie dennoch unter Druck. Wenn schon ein Umzug, dann sollte es wenigstens auch klappen, denkt sie. Außerdem belaste es sie, dass sie nicht regelmäßig zum Familieneinkommen beitragen könne. Dörfel sagt: »Das System ist mit meiner Familie nicht vereinbar.« Deshalb sucht auch sie eine neue Aufgabe, fernab der Hochschule.

Das Problem ist lange bekannt: Der Anteil der Professoren unter den Wissenschaftlern liegt bei weniger als zehn Prozent, nur knapp acht Prozent haben eine feste Stelle mit vollem Stundendeputat. Für den Rest gibt es keine langfristige Perspektive. Bund und Länder haben sich deshalb in diesem Jahr darauf geeinigt, mit einer Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes dem Nachwuchs verlässlichere Karrierewege zu ermöglichen. Noch im Dezember soll das Gesetz verabschiedet werden. Besonders wichtig: die Bindung von Vertragslaufzeiten an das Qualifikationsziel - Promotion oder Habilitation - oder die Projektdauer. Kurzzeitverträge schließt das neue Gesetz aber weiterhin nicht aus. Eine gesetzliche Mindestlaufzeit etwa, so das Argument der Bundesregierung, laufe der Vielfalt der Karrierewege zuwider.

Parallel verhandelt die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka mit den Ländern über einen Pakt für den Nachwuchs. Eine Milliarde Euro hat Wanka für zehn Jahre versprochen, mit dem Geld sollen neue Tenure-Track-Stellen für junge Wissenschaftler geschaffen werden, eine »Schiene zur Dauerprofessur« für diejenigen, die positiv evaluiert entstehen. »Eine Milliarde sind eine gute Geste, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein«, kritisiert Hochschulrektorenchef Horst Hippler. »Einen großen Schritt nach vorn« sieht darin hingegen Wissenschaftsratschef Manfred Prenzel - er fordert indes 7.500 neue normale Professuren.

In unserem Crowdsourcing-Projekt haben wir außerdem nach der Betreuung durch den Doktorvater gefragt. Die Ergebnisse: Im Schnitt sprechen Doktoranden zehnmal pro Semester mit dem Vorgesetzten über ihre Forschung. Ist das viel? Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sagt: »Wenn es in den Gesprächen wirklich um die Arbeit geht, dann reicht das völlig aus.« 40 Prozent der Teilnehmer bezeichnen die Betreuung als eher intensiv. Dagegen sagt jeder Dritte, die Betreuung sei eher schlecht. Am besten schätzen Postdocs, Doktoranden am Graduiertenkolleg und Stipendiaten die Betreuung durch den Professor ein. Letztere haben auch am meisten Zeit für ihre Forschung. So kommt ein Stipendiat auf 38, ein Doktorand am Kolleg pro Woche auf 37 Stunden, in denen sie für ihre Arbeit forschen. Weit weniger forschen die externen Doktoranden sowie diejenigen, die auch am Lehrstuhl arbeiten. Wer am Lehrstuhl arbeitet, muss mehr lehren - und mehr für seinen Promotionsbetreuer arbeiten.

Als größtes Problem beschreiben die Doktoranden, dass sie ihre Dissertation nicht in der vorgesehenen Zeit schreiben - vielen geht dann das Geld aus. Unter den Teilnehmern der Umfrage war etwa ein 30-jähriger Historiker, der nicht mit seinem Namen erwähnt werden möchte. Er hatte ein Stipendium über zwei Jahre. Mit seiner Dissertation wurde er so schnell nicht fertig. Er erzählte uns, dass er nachts oft nicht schlafen könne und sich ständig frage: »Warum mache ich das eigentlich?« Heute finanziert er sich über einen Nebenjob. Die letzte Autoreparatur mussten seine Eltern zahlen. Kein Einzelfall. »Wir haben hervorragende Habilitanden, die dann Hartz IV bekommen. Es sind viele, und es werden noch mehr«, sagt Hochschulverbandspräsident Kempen. »Es gibt harte menschliche Schicksale und eine große Dunkelziffer.« Die Probleme werden seit Jahrzehnten beschrieben.

Doch jetzt kommt endlich Bewegung ins System. Neben der Milliarde für den Tenure-Track ändern sich nun auch die Stipendienprogramme für Promovierende. Bislang ist es so: Doktoranden mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes oder eines anderen Begabtenförderungswerks bekommen 1.250 Euro im Monat ausgezahlt. Die Promovierenden mit DFG- oder Max-Planck-Stipendien erhalten 213 Euro mehr, teilweise bekommen sie auch Versicherungskosten erstattet. Sind dem Bund, der an der Finanzierung beteiligt ist, nun manche Doktoranden weniger wert als andere? Und ausgerechnet jene, die sich mit exzellenten Noten und gesellschaftlichem Engagement um ein Stipendium bewerben und ein eigenes, frei gewähltes Dissertationsthema bearbeiten? »Dieser Widerspruch war auch vielen in der Politik lange Zeit nicht bewusst, obwohl er offensichtlich war«, sagt Annette Julius, Generalsekretärin der Studienstiftung. Jetzt folgt die Wende: Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat sich entschlossen, die Stipendien der Begabtenförderungswerke von Herbst 2016 an um 200 Euro anzuheben. Ab 2017 wird das den Bund 13,3 Millionen Euro pro Jahr kosten. Es tut sich etwas für den Nachwuchs.

Aus DIE ZEIT :: 03.12.2015

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