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Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?

Von Wolfgang Frühwald

Die Beschleunigung des Erfahrungswandels der vergangenen Jahrzehnte hat unser Verhältnis zur Vergangenheit radikal verändert. Es scheint, dass niemand mehr versucht, Entwicklungen zu verstehen.Vergangenheit, Gedächtnis und Erinnerung entschwinden immer schneller aus dem Horizont unserer Erfahrung. Das hat Folgen für die Gesellschaft und auch für Universität und Wissenschaft.

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1. Wo kommen wir her?

Als ich im November 1954 an der Universität München das Studium der Germanistik begann, gab es dort zwei Ordinarien für dieses Fach. Sie hatten, zusammen mit einigen Dozenten und drei Assistenten, 1 500 Studierende zu betreuen. Als ich im Herbst 2003 emeritiert wurde, gab es am gleichen Institut, an das ich 1974, nach einigen Umwegen, zurückgekehrt war, zwölf Lehrstühle und 8 000 Studierende, allerdings auch eine große Zahl von Nichtordinarien sowie von Mitarbeitern, so dass sich insgesamt die Betreuungsrelationen geringfügig verbessert hatten. Mein erstes Proseminar jedenfalls im Wintersemester 1954/55 besuchte ich zusammen mit rund 600 Kommilitonen. Es fand im Auditorium Maximum der Universität statt. Wir bekamen einen Teilnahmeschein, unterzeichnet mit dem Namensstempel des Professors. Bei meiner Immatrikulation im Wintersemester 1954/55 drängten sich mehr als 1 500 Studienanfänger in der Großen Aula der Universität, die für rund 800 Personen Platz bietet. Obwohl wir dicht an dicht gedrängt standen und saßen, musste jeder und jede von uns vom Rektor, der von vier Pedellen notdürftig gegen die bedrohlich auf ihn eindringende Studentenmenge geschützt war, einen Händedruck erhalten. Er war die Voraussetzung für den anschließend (im Schutz des Rednerpultes) erteilten Stempel, der den Studentenausweis gültig machte - gültig für das Mensaessen, die Bibliotheken, für die Krankenkasse, die Straßenbahn, die Rückmeldung, die Anmeldung zum Examen etc.

Dass wir, das heißt meine Studiengeneration, eine derart überlaufene Universität so schnell wie möglich wieder verlassen wollten, dass wir die kürzest mögliche Studiendauer anstrebten, ist mir noch heute einsichtig. Später habe ich die kurze Studienzeit oft bereut, weil ich alles im Beruf nachholen musste, was im Grunde Stoff des Studiums gewesen wäre. Die Immatrikulationsschlacht allerdings, an der ich teilgenommen hatte, war die letzte ihrer Art. Von da an nämlich nahm die Zahl der Studierenden nochmals sprunghaft zu (von damals 5 Prozent eines Geburtenjahrgangs auf heute 40 Prozent), das heißt: die Rektoren setzten wegen einer Immatrikulation per Handschlag ihr Leben nicht mehr aufs Spiel. Die Immatrikulation wurde ein Verwaltungsakt, technisiert, mechanisiert, heute auf Computer verlagert, aber auch objektiviert. Ich hatte Glück. Als ich 1958, nach acht Semestern Studium, in drei Lehramtsfächern das Examen bestanden hatte, brach über die Universität eine - so schien es jedenfalls - wunderbare Stellenvermehrung herein. Ich ergatterte eine der begehrten Assistentenstellen und wurde so nicht Oberstudienrat in einem bayerischen Kleinstadt-Gymnasium, was ich lange gewünscht und gehofft hatte, sondern Hochschullehrer und nach einer Dienstzeit von 45 Jahren emeritiert.

Sie werden vermutlich denken: Was interessieren uns die Zustände vor einem halben Jahrhundert? Wir leben am Anfang des 21. Jahrhunderts und haben genügend Sorgen um das, was ist und was kommen wird. Was kümmert uns die Vergangenheit? Die Antwort darauf könnte lauten: Eben darum haben wir die Sorgen um das, was ist, weil niemand mehr versucht, Entwicklungen zu verstehen, so dass wir das Rad immer wieder und in immer kürzeren Abständen neu erfinden. Mir jedenfalls scheint die quantitative Aufblähung der Universitäten und Hochschulen, der der Ausbau und die Personalvermehrung (mit Ausnahme weniger Jahre um 1960) stets hinterdreinhinkte, der Basisprozess, der jede Reformanstrengung innerhalb der letzten 50 Jahre im Keim erstickte. Gewiss: wir brauchen eine große Menge gut ausgebildeter junger Menschen, aber die Qualität ihrer Ausbildung hängt vom entschlossenen und dem Entwicklungstempo angepassten, personellen und materiellen Ausbau der Hochschulen unseres Landes ab.

Je mehr sich nämlich das Entwicklungstempo und damit auch der Erfahrungswandel beschleunigt, umso schneller entschwinden Vergangenheit, Gedächtnis und Erinnerung aus dem Horizont unserer Erfahrung. Die (von Reinhart Koselleck als modernisierungstypisch erkannte) Beschleunigung des Erfahrungswandels gleicht inzwischen einer Erfahrungsexplosion und hat unser Verhältnis zur Vergangenheit radikal verändert. Die Geschichte, so meinte Hans Magnus Enzensberger (2008), ist "wahrscheinlich der einzige exotische Ort, der uns geblieben ist. Sie können [sagte er] heute nach Thailand oder Indonesien fahren, aber Sie werden dort wenig entdecken, was Ihnen nicht bekannt vorkäme. Das einzig wahre Ausland ist die Vergangenheit". Der Kontrast, der sich zwischen einer derart fremd gewordenen Vergangenheit und der immer rascher auf uns zukommenden, völlig undurchsichtigen Zukunft herstellt, verweist nicht nur auf die von Hermann Lübbe so genannte "Gegenwartsschrumpfung", das heißt auf die ungemein schnelle Alterung aller Informationen und Erfahrungen, auch und gerade der wissenschaftlich gewonnenen, sondern auch auf Phänomene mit enormen sozialen Folgen, wie etwa die Erfahrungsumkehr, verursacht durch Informationstechnologien, die jungen Menschen heute Erfahrungen schenken, die zu machen den Alten niemals möglich war, mit allen Folgen für Autorität und lebenslange Lernsituationen.

Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman hat "Ungeduld" als das herausragende Kennzeichen unserer Moderne benannt und verdeutlicht, dass der "Aufstieg in der sozialen Hierarchie [...] anhand der gesteigerten Fähigkeit gemessen [werde], das, was man will (was immer es auch sein mag) jetzt gleich zu haben, ohne Verzögerung". Das Motto der Moderne laute: "Warten ist eine Schande." Auf die Wissenschaft übertragen, die längst an der modernen Ungeduld teilhat, bedeutet dies (nach Hans Jonas), dass mit der "Abkürzung der Zeit zu den großen Zielen" keine Zeit mehr zur Korrektur der unvermeidlichen und oftmals keineswegs kleinen Irrtümer bleibt. Die Entschleunigung des notwendig von Irrtümern begleiteten Prozesses der Wissenschaft ist eine Aufgabe geworden, die anderen Weltproblemen (dem Klimaproblem, dem Energieproblem, dem Wasserproblem, der Übervölkerung der Erde) in nichts mehr nachsteht.

2. Wo gehen wir hin?

2.1 Erfahrungsbeschleunigung und Urteilsfähigkeit

Das also ist der erste mächtige Trend, dem wir alle und zumal die Produktionsstätten des neuen Wissens ausgesetzt sind: die rasante Beschleunigung des Erfahrungswandels, der wir Entschleunigung entgegenzusetzen haben. Die Fülle des täglich und stündlich erarbeiteten Wissens und die Form seiner Bändigung sind damit zu Kernproblemen der Zentren geworden, die auch in unserer Zeit das Wissen zu organisieren, seine Gewinnung einzuüben, es verständlich zu machen, es zu bewerten und weiterzugeben haben: der Universitäten. Im Unterschied zu den außeruniversitären Forschungsinstitutionen nämlich begegnen sich in der Universität die unterschiedlichen Forschungskulturen ebenso wie unterschiedliche Lebensalter und Lebensentwürfe, Lehrende und Lernende, Senior- und Juniorforscher, angewandte und grundlagenorientierte Interessen, langsam und rasch expandierende Wissensgebiete, experimentelle und theoretische Fächer - jeweils auf Augenhöhe. Sie alle gruppieren sich um das Ziel, neues Wissen zu erarbeiten, es zu systematisieren und kritisch zu beurteilen. Neues Wissen kritisch und zweifelnd zu beurteilen aber heißt, es einer ersten universitätsinternen Kontrolle zu unterwerfen, nämlich dem Urteil der Kollegen und dem der Studierenden.

Wenn es dabei nicht gelingen will, das Interesse der Studierenden an den vorgetragenen Gegenständen so zu wecken, dass sie aus eigener Neugier selbständig daran weiterdenken, ist dies ein Alarmzeichen. Es zeigt an, dass vermutlich die vorgetragenen Gedanken und Ergebnisse selbst, nicht nur die Form ihrer Darbietung, zu überprüfen sind. Dort, wo heute Naturund Kulturwissenschaften oder ein in sich so komplexer Betrieb wie eine medizinische Klinik mit theoretischen Grundlagenfächern aufeinandertreffen, entsteht ein Organisationsmuster, in dem die Versuchung, Gestaltung durch bloße Verwaltung zu ersetzen, übermächtig wird. Eine menschenfreundliche Wissenschaft aber setzt Gestaltung voraus, setzt voraus, dass wir urteilsfähig bleiben und dem allgegenwärtigen Irrtum eine Grenze setzen.

2.2 Wissensfülle

Die Quantität des täglich und stündlich erarbeiteten Wissens überschreitet inzwischen das Fassungsvermögen auch hoch spezialisierter Forscher bei weitem. Wir zählen derzeit weltweit rund 140 000 wissenschaftliche Zeitschriften; die Zahl der auf der Erde in wissenschaftlichen Berufen tätigen Personen wächst jährlich um etwa 350 000, mehr als 120 000 Dissertationen (auf Ph.D.-Niveau) werden pro Jahr weltweit abgeschlossen. Die Summe der naturwissenschaftlichen Fortschritte, meinte der Oxforder Kulturkritiker George Steiner, übersteige "exponentiell ihre einzelnen Teile, und seien sie auch noch so sehr von persönlichem Genie inspiriert. Dieser Fortschritt [...] ist tatsächlich träge und ozeanisch". Zwar halte ich die Behauptung, dass Experimente, wie sie derzeit am Large Hadron Collider in Genf unter Beteiligung von mehreren tausend Physikern und Technikern durchgeführt werden, also die Simulation urknallähnlicher Zustände, ein kollektives Bewusstsein in einem kollektiven Denkprozess erforderten, nicht für beweisbar. Doch ist deutlich, dass die Figur des einsamen Denkers, die in allen Wissenschaften durchaus noch eine zentrale Funktion hat, "aus den Requisiten der naturwissenschaftlichen Kollektivität" zu entschwinden droht. Wissenschaft ist heute als ein Prozess, nicht so sehr als die Leistung von Einzelnen zu denken, ihre Vermittlungsformen sind entsprechend kompliziert. Allerdings scheint sich auch hier strukturell eine Wende anzubahnen.

Horst Kern hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts "in vielen Wissenschaftssystemen die Zahl der großen Wissenschaftsdurchbrüche pro Zeiteinheit nur noch bescheiden, wenn überhaupt" vorkommt. Das heißt, die Quantität des Wissens wird zwar immer größer, die Innovationsrate aber sinkt. Die Konsequenzen, die heute aus dieser Erkenntnis gezogen werden, sind dramatisch, auch wenn sie zunächst nicht so erscheinen mögen. Die Vorschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Beispiel, bei Neuanträgen statt einer kompletten Publikationsliste nur noch wenige selbst gewählte Veröffentlichungen als Ausweis der wissenschaftlichen Qualifikation eines Antragstellers vorzulegen, entspringt nicht nur dem Wunsch der Gutachter, die sich einen raschen Überblick über sehr viele Anträge verschaffen müssen, sie richtet sich vielmehr gegen einen Krebsschaden des wissenschaftlichen Publikationswesens, bei der Jagd nach hohen Impact-Faktoren, Hirschzahlen und anderen Leistungsindices stets auf die kleinste publizierbare Einheit zu setzen. Wer nur fünf Publikationen angeben darf, wird sich überlegen, ob er Ergebnisse in einer einzigen (dann aber aussagekräftigen) Publikation oder in einer Vielzahl von Publikationssplittern mitteilt. Die Behauptung, "dass eine gewöhnliche Veröffentlichung in einer gewöhnlichen geisteswissenschaftlichen Zeitschrift weniger als zwei Leser finde" (Th. Steinfeld), ist nicht gesichert, aber dem Anschein nach plausibel.

2.3 Personenförderung statt Programmförderung

Die Quantitätsbeschränkung ist nur eine Maßnahme, die versucht, die Innovationsrate der wissenschaftlichen Publikationen zu steigern und die Publikationsflut einzudämmen oder, anders ausgedrückt, aus der schreibenden (vor allem aus der Anträge schreibenden) Universität wieder eine lesende und damit eine lernende Universität zu machen. Eingreifender ist die international zu beobachtende Tendenz, die Forschungsförderung von der Programmförderung auf Personenförderung umzuleiten. Das ist eine sehr weitreichende strukturelle Maßnahme, die vom Dogma der "naturwissenschaftlichen Kollektivität" des Denkens und Arbeitens abweicht und wieder von der Person, von ihrer Phantasie, ihrem Können, ihrem sie von anderen unterscheidenden Zugriff, also von tacit knowledge, das heißt vom spezifisch eigenen Denken jene Innovationen erwartet, die das Programm nicht mehr liefert. Die prominenten Beispiele für diese Änderung des Trends liegen vor aller Augen.

Von Helmut Schwarz weiß ich, dass der britische Wellcome-Trust zum Beispiel, mit einem Stiftungskapital von 13 Milliarden britischen Pfund und einer jährlichen Förderungssumme von über 600 Millionen Pfund für die bio-medizinische Forschung eine der großen Förderorganisationen der Welt, einen Großteil seiner Förderung auf Personenförderung umstellen will. Auch die Europäische Union sucht im 7. Rahmenprogramm (das mit einer Gesamtsumme von 50 Milliarden Euro dotiert ist) die Partnerschaft nationaler Förderorganisationen, um die erfolgreichen europäischen Mobilitäts- und Stipendienprogramme auszubauen. Sie bietet unter bestimmten Auflagen eine Beteiligung von 25 Prozent an den jeweiligen Stipendien. Auf die Universitäten angewandt bedeutet der Trend zur Personenförderung, die Prioritäten so zu setzen, dass im Zentrum ihrer Arbeit die gute, ja die sehr gute Ausbildung der Studierenden steht und der wissenschaftliche Nachwuchs in allen Fächern und Disziplinen mit großer Sorgfalt gefördert wird. Dabei zählt für Jungforscher aus dem Ausland, die bei uns lernen und mit uns zusammenarbeiten wollen, nicht nur eine angemessene Dotierung der Stipendien, sondern insbesondere die Familienbetreuung (Willkommenszentren, Gästehäuser, Kinderbetreuung, Förderung von Doppelkarrieren, Anreize für freundliche Ausländerbehören u.v.a.m.).

Dies jedenfalls ist die Erfahrung der Alexander von Humboldt-Stiftung, die seit mehr als 50 Jahren internationale Forschungskooperationen fördert. Ihre Basis bilden heute 23 000 Stipendiaten aus 134 Ländern der Erde. Noch hat Deutschland - u.a. durch Stiftungen wie die Alexander von Humboldt- Stiftung - im Wettbewerb um Personen die Nase vorn, doch zeigt sich längst, dass es diesen Wettbewerb gegenüber Forschungsriesen, wie den USA oder demnächst Indien und China, nicht gewinnen kann. In der Türkei, einem Land, das sicher nicht im Zentrum der Forschungsstatistiken steht, werden derzeit 15 neue Universitäten gegründet, und aus Indien weiß Hans N. Weiler zu berichten, dass dort ernsthaft ein Vorschlag der National Knowledge Commission geprüft wird, "die Zahl der Universitäten von [derzeit] 350 innerhalb der nächsten 20 Jahre auf 1 500 zu erhöhen - nicht zuletzt, um dem rasant steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Lehrern gerecht zu werden". Wir (in Europa) werden durch Qualität ersetzen müssen, was wir an Quantität nicht gewinnen können. Und deshalb gibt es zu der Priorität für eine sehr gute Ausbildung der Studierenden und des wissenschaftlichen Nachwuchses, auch und gerade in den staatlichen Haushalten, keine Alternative. 2.4 Die "Bluffgesellschaft" Die drei herausragenden Trends der Entwicklung unserer auf Wissen ausgerichteten Gesellschaften sind also (1.) die Beschleunigung des Erfahrungswandels, auf den wir mit Entschleunigung zu antworten haben, (2.) die Quantitätssteigerung des Wissens, der wir die Qualitätssteigerung gegenüberstellen müssen und (3.) die Programmwucherung, welcher heute bereits der Trend zur Personenförderung entgegensteht.

Es gibt aber noch einen anderen, leider mächtigen gesellschaftlichen Trend, der zunehmend auf die Wissenschaft übergreift und dort schwere Schäden anrichtet. Durch den exzessiven Wettbewerb auf den Forschungs- und Bildungsmärkten der Welt nämlich haben die Performanzfaktoren in Forschung und Wissenschaft in einem fast unerträglichen Ausmaß zugenommen. Einfacher ausgedrückt: es geht in vielen Projekten, auch in sogenannten harten Forschungsbereichen, nicht mehr um die Substanz des neuen Wissens, sondern nur noch um dessen Sichtbarkeit. Die propagandistische Verwertung von Forschungsergebnissen überschreitet oftmals deren tatsächlichen Ertrag bei weitem. Großspurige Anwendungsversprechen schon im Stadium der Grundlagenforschung sollen die in ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz gefährdeten Forschungsbereiche befördern, unerfüllbare Vorhersagen werden (zumal in den Wirtschaftswissenschaften) als "Weisheit" verkauft, rasch gefertigte Umfragen bestimmen angebliche Bedürfnisse der Menschen, obwohl diese Bedürfnisse durch die Umfragen erst geweckt werden, von ganzen Fächern geschürte Katastrophenängste treten an die Stelle von Fakten. Der Grazer Soziologe Manfred Prisching hat 2008 eine Skizze dieses gesellschaftlichen Trends entworfen.

Dabei zeichnet sich die von ihm so genannte "Bluffgesellschaft", welche Sichtbarkeit der Substanz überordnet, nicht dadurch aus, dass es viel Blendung, Schein und Täuschung gibt, als vielmehr dadurch, dass der Bluff "in die soziale Wirklichkeit als selbstverständliches Element eingesickert und allgegenwärtig geworden" ist. In einer solchen Gesellschaft kehren sich die Begründungszusammenhänge um: Leistung ist nicht mehr harte (zunächst kaum sichtbare) Arbeit, die zu mitteilbaren Ergebnissen führt, sondern schon im Ansatz nichts als "erfolgreiche Kommunikation, Unterhaltungsproduktion, Einfallsreichtum in Strategien und Umwegen, Argumentationen und Geschichten [...]. Die ganze Gesellschaft funktioniert wie ein Fernsehprogramm: entscheidend ist die Quote, alles andere ist eine ferne Erinnerung an vergangene Zeiten". In einer "Bluffgesellschaft" zählen Eindrücke mehr als Fakten, werden Eindrücke sogar zu Fakten, und den größten Erfolg hat der, dem es gelingt, "Bluff" als eine Leistung darzustellen. An vielen Orten ist die Wissenschaft mehr oder weniger notgedrungen Mitspieler im Spiel von Design und Täuschung geworden, hinter dem die Angst lauert, sonst überhaupt nicht wahrgenommen zu werden.

Die korrumpierende Rückwirkung eines durch Schein und bloße Sichtbarkeit bestimmten sozialen Systems, das an die Stelle der einstmals herrschenden Sinnstiftungssysteme getreten ist, auf die Wissenschaft ist offensichtlich. Schließlich haben es Wissenschaft und Forschung in allen ihren Teilen, trotz Heisenberg, Bohr und Wittgenstein, mit Fakten zu tun, auch wenn solche Fakten zum Beispiel nicht besagen, was die Natur ist, sondern nur, was wir über die Natur sagen können. Die Einübung in die Wissenschaft ist ein hartes und entsagungsvolles Geschäft. Wir sollten der Öffentlichkeit und vor allem den Studierenden nicht vorgaukeln, neues Wissen sei leicht und vielleicht sogar billig zu haben. Mir scheint die verbreitete Minderwertung der Lehre gegenüber der Forschung, die aber mit sehr kurzen Reaktionszeiten auf die Forschung und zumal auf das dafür notwendige qualifizierte Personal zurückschlägt, auch eine Folge der Vernachlässigung der Kompetenz- gegenüber den Performanzfaktoren zu sein. Lehrerfolge bringen keinen kurzfristigen Gewinn und sind in der Bluffgesellschaft deshalb kaum gefragt.

Wissenschaft und Forschung aber dürfen sich nicht in die Falle der Bluffgesellschaft begeben, sie dürfen nicht Mitspieler in dem Sinne werden, dass sie vielleicht Erreichbares vorausentwerfen, als sei es bereits Realität, dass sie Karrieren durch Schein und Selbstinszenierung garantieren, dass sie Forschungsmärkte dulden, auf denen Bedürfnisweckung betrieben wird, nicht die Lebensbedingungen des der Hilfe tatsächlich bedürftigen Menschen erleichtert werden. Dort nämlich, wo der Schein plötzlich durchschaut wird, grinst uns das bare Nichts an. Den Anspruch, Wahrheit, nicht nur Wirklichkeit, zu suchen und jede Position auf dem Weg dahin unter die Autorität des Zweifels zu stellen, kann und darf die Wissenschaft nicht aufgeben. Wenn sie diesen Weg konsequent verfolgt und junge Menschen auf diesen mit Steinen und Barrieren dicht besetzten Weg verlockt, dann handelt sie gegen einen übermächtigen Trend der Zeit. Sie könnte sich aber im Meer des Scheins als eine Insel der Verlässlichkeit behaupten und damit Vertrauen in einer Welt schaffen, in der Vertrauen zu einem raren und kostbaren Gut geworden ist.

Veränderte Fassung eines Vortrages, zuerst gehalten am 16. April 2010 zur Amtseinführung von Babette Simon, der neuen Präsidentin der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg. Eine Fassung des Textes mit Literaturhinweisen kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.


Über den Autor
Wolfgang Frühwald ist Professor (em.) für Neuere Deutsche Literaturgeschichte in München, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1992 bis 1997 und Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung 1999 bis 2007.


Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2010

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