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Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten

Von Frank Donoghue

Immer wieder werden die US-amerikanischen Universitäten als Vorbild für Deutschland genannt. Dabei wird oft Gleichheit behauptet, wo es in Wirklichkeit dramatische Unterschiede gibt. Ein Beitrag zur differenzierten Wahrnehmung.

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten© Cheng Chang - iStockphoto.comImmerhin vierzehn Prozent der Studenten in Yale sind 'legacies': Kinder von ehemaligen Yale-Absolventen
Das Bildungswesen in den USA kann nur verstehen, wer die Vermögensverteilung im Lande bedenkt. In den letzten dreißig Jahren hat sich das private Volksvermögen auf eine immer kleinere Gruppe der Bevölkerung konzentriert. In Zahlen: Die oberen zehn Prozent der Bevölkerung verfügen über 71 Prozent des privaten Volksvermögens. Diese Kluft zwischen den sozioökonomischen Gruppen spiegelt sich im Bildungssystem des Landes. Was hier geschehen ist (und sich vermutlich weiter fortsetzen wird), lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Spitzenuniversitäten ('universities at the top') haben sich so weit von den Universitäten des unteren levels ('universities at the bottom') entfernt, dass man von einem 'Universitätswesen' als einheitlicher sozialer Institution nicht länger sprechen kann. Die Spitzenuniversitäten vertreten andere Werte als die unteren, sie haben einen anderen Bildungsauftrag, anderes Lehrpersonal und eine andere Finanzierung; die Universitäten im Mittelfeld sind zwischen diesen Extremen hin- und hergerissen. Auf diese Unterschiede und ihre Implikationen möchte ich näher eingehen.

Die Spitzenuniversitäten

Zunächst zu den Spitzenuniversitäten. Rasant steigende Studiengebühren haben seit den frühen achtziger Jahren die Eliteuniversitäten des Landes zur Domäne von Kindern aus reichen Familien gemacht, denn nur diese können die Studiengebühren noch bezahlen. Mehr noch, die Kinder der Reichen sehen ein Studium in Harvard, Yale oder Princeton beinahe als ihr Geburtsrecht an, und in mancher Hinsicht haben sie damit recht: Immerhin vierzehn Prozent der Studenten in Yale sind 'legacies': Kinder von ehemaligen Yale-Absolventen.

Wie zum Beispiel George W. Bush: Obgleich man ihm nicht die höchste Intelligenz nachsagt, konnte er dennoch in Yale studieren - wie vor ihm sein Vater und sein Großvater. Das "Committee on University Resources" der Universität Harvard ist solchen Ehemaligen vorbehalten, die der Universität eine Million Dollar oder mehr gespendet haben; von den 340 Mitgliedern des Komitees, die Kinder im College- Alter haben, studieren die Kinder von 336 Mitgliedern wiederum in Harvard (Francis Donoghue: The Last Professors. Fordham University Press 2008, S. 157). Die Eliteuniversitäten sind zu Institutionen geworden, mit deren Hilfe sich die amerikanische Plutokratie repliziert.

In seinem Buch The Chosen: The Hidden History of Admission and Exclusion at Harvard, Yale and Princeton stellt der Soziologe Jeremy Karabell eine Studie vor, in der 146 Colleges und Universitäten mit Aufnahmeprüfungen untersucht wurden. Ergebnis der Studie: Studenten aus dem oberen Viertel der sozioökonomischen Hierarchie haben eine fünfundzwanzigmal höhere Chance, an einer Spitzenhochschule aufgenommen zu werden, als Studenten aus dem unteren Viertel der sozioökonomischen Hierarchie (New York Times, September 24, 2007). Die Eliteuniversitäten sind, wenn man so will, Konsumgüter, und zwar extrem teure Konsumgüter, was ihre Exklusivität verstärkt. Die durchschnittliche Höhe der Studiengebühren für ein einziges Studienjahr an einer amerikanischen Eliteuniversität (USD 35 000) ist höher als das durchschnittliche Jahreseinkommen (USD 29 000; vgl. Chris Hedges, Empire of Illusion. Nation Books 2009, S. 165).

Dabei sind die Studiengebühren ja nur die letzte in einer ganzen Reihe von Zahlungen, die geleistet werden müssen: Die sicherste Art, dem Nachwuchs die Zulassung zu einer Eliteuniversität zu sichern, ist, ihn zuvor auf eine Eliteschule zu schicken. George W. Bush beispielsweise besuchte die "Phillips Andover Academy", wo jährliche Gebühren, Kost und Logis höher sind als das durchschnittliche USJahreseinkommen. Entscheidend für die Universitätszulassung eines Studenten ist sein Abschneiden im sogenannten SAT ("Scholastic Assessment Test"). Von dem Druck auf die Studenten, im SAT gut abzuschneiden, lebt inzwischen eine kleine Industrie, die "test-preparation companies". Princeton Review, die beste unter diesen Agenturen, bietet ein Deluxe-Paket für USD 7 000 an; dem Käufer wird ein exzellentes Resultat im SAT garantiert.


Wenn Studenten in eine Eliteuniversität eintreten, sind sie häufig weniger am Erwerb von höherer Bildung interessiert als am schlussendlichen Erwerb einer exklusiven Ware, einer Ware, auf die ihr ganzer Bildungsweg ausgerichtet war. Seit 1983 erscheint der U.S. News & World Report mit einer Rangliste der besten US-amerikanischen Universitäten; seither betrachten Amerikaner das jährliche Universitätsranking als biblische Wahrheit. Wer Wert darauf legt, eine hochrangig eingestufte Universität zu besuchen, hat sich schon einem System unterworfen, in dem gesellschaftliches Prestige zur Ware geworden und ein Universitätsabschluss mehr oder weniger wert ist - je nachdem, wo im Ranking die Universität steht, an der er erworben wurde. So wird der soziale und berufliche Stellenwert eines Studenten direkt mit der Universität verknüpft, die er besucht hat. Universitäten sind zu Markenartikeln verkommen, von denen die einen mehr, die anderen weniger gelten: Princeton wäre dann der Porsche unter den Universitäten, Ohio State der Honda. Geht es aber den Studenten bei der Wahl ihrer Universität zunächst darum, an einem Markennamen teilzuhaben, wird ihnen Bildung zweitrangig.

Freilich gibt es Ausnahmen: Präsident Barack Obama wuchs in relativ armen Verhältnissen auf, dennoch absolvierte er sein Studium an der Columbia University und der Harvard Law School. Wem es wichtiger ist, etwas zu lernen, als sich um Prestigefragen zu kümmern, der kann in Harvard, Yale, Princeton oder Columbia eine exzellente Ausbildung erhalten. Doch die Regel ist, wie Karabell sagt, die umgekehrte Einstellung, und sie gilt vor allem für die Kinder der Reichen. Diese Entwicklung beruht freilich auf einer Reihe von zweifelhaften Annahmen, besonders was die Rangliste des U.S. News & World Report (oder jedes andere Universitätsranking) betrifft. Die Formel, nach der U.S. News das Ranking einer Universität ermittelt, beruht auf einer ganzen Reihe von Daten, wie Zulassungsquoten, Prozentzahl an Studenten, die zu den besten zehn Prozent der Schulabgänger gehörten, Anzahl der Studenten je Professor, Höhe der Spenden durch Alumni etc.

Da die Rankingformel von U.S. News jeder Universität bekannt ist, lässt sich so manche verleiten, die eigenen Zahlen zu 'optimieren' und dadurch einen besseren Platz zu erobern: Man lässt einfach etwas weniger Studenten zu, reduziert die Klassengröße o.ä. Die Clemson University hat in der Vergangenheit eine Reihe solcher 'Justierungen' vorgenommen. Die Verantwortliche für die Zulassung von Studenten, Catherine E. Watt, gab damals öffentlich zu, dass auf diese Weise die charakteristischen Daten der Universität auf die Kriterien von U.S. News abgestimmt werden sollten. Mit Erfolg: In nur einem Jahr rückte Clemson University von Platz 33 auf Platz 22 der staatlichen Universitäten ('public universities') vor - eine scheinbare 'Verbesserung', die freilich jeder, der ihre Hintergründe kannte, als geschmacklos empfinden musste (Inside Higher Education, June 9, 2009).

Eine weitere Versuchung, das eigene Ranking zu manipulieren, bietet die Umfrage zum Ansehen der einzelnen amerikanischen Universitäten ('reputation survey'), die vom Präsidenten, Kanzler oder Dekan einer Universität abgegeben wird; die Ergebnisse dieser Umfrage werden mit fünfundzwanzig Prozent im Ranking von U.S. News gewichtet. Die Umfrage fordert die Verantwortlichen auf, die eigene Hochschule mit den anderen Hochschulen zu vergleichen. Die Antworten beinhalten zumeist mehr Meinungen als Informationen - und was liegt näher, als die konkurrierenden Hochschulen bei dieser Gelegenheit ein wenig schlechter darzustellen als sie eigentlich sind? Seit Jahren zirkulieren Berichte, wie manche Universitäten das Rankingsystem manipulieren - im Fall Clemson University sind die Methoden bestens dokumentiert. Als Reaktion auf diese Manipulationen forderte Lloyd Thacker, Gründer der 'Education Conservancy' (einer Organisation, die sich für die Entkommerzialisierung der Universitätszulassungen einsetzt), die Hochschulpräsidenten nachdrücklich auf, die U.S. News-Umfrage zu boykottieren - mit großem Erfolg. Vor einigen Jahren beteiligten sich noch 67 Prozent der amerikanischen Universitäten an der Umfrage; im letzten Jahr waren es nur noch 46 Prozent. Man kann sagen, dass damit das wichtigste der amerikanischen Rankings seine Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Es ist schwer vorauszusagen, wo all das enden wird. Thacker und seine unermüdlichen Appelle haben sicherlich den Glauben an das Rankingsystem in der Universitätswelt, ja sogar in der Öffentlichkeit ins Wanken gebracht. Dennoch bleibt Amerika ein Land, das von Konkurrenzdenken - und folglich von Rankings - besessen ist. Robert Oden Jr., Präsident des Carleton College, der sich dem Boykott nicht anschloss, warnt: "Ich glaube, Rankings werden uns immer begleiten, jetzt und in der Zukunft. Den besten Fluss für Fliegenfischer und die beste Universität - die wird es immer geben".


Die anderen Universitäten

Nun zu den anderen Universitäten. Am unteren Ende des US-amerikanischen Bildungssystems finden sich die Hochschulen, die sich nie an dem Kampf um Prestige oder einen guten Platz im nationalen Universitätsranking beteiligt haben. Dennoch sind gerade sie es, die von den steigenden Studiengebühren an den Eliteuniversitäten profitieren. Die Anziehungskraft dieser Hochschulen ('post-secondary schools') - sei es der 'community colleges', der Fachhochschulen ('technical colleges') oder der wachsenden Zahl der 'for-profit universities' - verdankt sich einer Reihe von Pluspunkten, die die traditionellen Universitäten nicht bieten können: Sie sind betont praxis- und berufsorientiert - im Unterschied zu der ziemlich abstrakten Ausbildung an Amerikas Elitehochschulen. Sie sind - aus verschiedenen Gründen - auch viel billiger als diese: Einerseits dauern ihre Studiengänge nur zwei - nicht vier - Jahre; andererseits sind insbesondere die 'for-profit universities' sehr gut darin, ihren Studenten bei der (aller Erfahrung nach äußerst komplizierten) Einwerbung von Stipendien oder sonstigen Studiendarlehen zu helfen.

Das byzantinische Stipendien- und Darlehenssystem gleicht nachgerade einem Krebsgeschwür, das nach und nach die Grundfesten des amerikanischen Hochschulsystems befällt und anfrisst. Während die Subventionen der Regierung immer weiter schrumpfen und das Bildungswesen zunehmend privatisiert wird, sind die Stipendien keineswegs mit den steigenden Studiengebühren gewachsen. So haben die sog. 'PELL Grants', das größte der Stipendienprogramme im Lande, im Jahr 1976 noch 84 Prozent der Gebühren eines vierjährigen Studiums an einer 'public university' abgedeckt; im Jahre 2002 waren es nur noch 39 Prozent, mit weiter sinkender Tendenz (Advisory Committee on Student Financial Assistance, Washington, D.C., 2001). Studiendarlehen haben inzwischen das Stipendiensystem weitgehend ersetzt; zwei Drittel der Studenten finanzieren heute ihr Studium mit Hilfe eines Studiendarlehens (Jeffrey J. Williams, "Student Debt and the Spirit of Indenture" Dissent Magazine, February 5, 2009).

Im Jahr 1984 hatte der durchschnittliche amerikanische Collegeabsolvent bei der Regierung Schulden aus Studiendarlehen in Höhe von USD 2 000, im Jahr 2004 sind diese Schulden durchschnittlich auf USD 19 200 angewachsen. Unterdessen haben sich private Firmen, die Studiendarlehen vergeben, auf dem Markt etabliert: Die Zahl der privaten Studiendarlehen hat sich seit 1996 verfünffacht. Das Besondere an diesen privaten Darlehen ist, dass sie von der Regierung garantiert sind: Können die Absolventen sie später nicht zurückzahlen, weil sie etwa arbeitslos sind, muss die Regierung zahlen. Die Geldgeber tragen also kein Risiko, selbst wenn sie Darlehen an schlecht qualifizierte Studenten geben. Sich in den USA um ein Studiendarlehen zu bewerben, ist ein mühsames und verwirrendes Unterfangen. Die 'forprofit universities' haben es aber verstanden, ihren Studenten dabei zu helfen und sich selbst damit ein risikoloses, konstantes Einkommen zu sichern.

Sowohl die 'community colleges' als auch die 'for-profit universities' arbeiten beinahe ausschließlich mit Lehrbeauftragten ('adjunct labor'), die für den einzelnen Kurs bezahlt und - je nach Studentenzahlen - weiterbeschäftigt oder gekündigt werden. Diese Hochschulen erwarten von ihrem Personal keine Forschung, und sie stellen auch keine Forschungsgelder zur Verfügung. Sie sparen all die Kosten ein, die üblicherweise mit einer Professur auf Lebenszeit ('tenured professoriate') verbunden waren; sie geben ihrem Personal keine Zeit für die Forschung und zahlen weder in die Altersvorsorge noch die Krankenversicherung ein. Man könnte hier - mit Recht - zu bedenken geben, dass diese Arbeitsbedingungen sich nachteilig auf die Qualität des Unterrichts auf der unteren Stufe auswirken müssen, zumal die Dozenten oft an drei oder mehr solcher Hochschulen gleichzeitig unterrichten. Dies gilt umso mehr, als die Studenten an diesen Institutionen oft nur schlecht auf ein Studium vorbereitet sind. Gleichwohl werden diese Institutionen weiter florieren.

Zum einen sind also die Hochschulen auf der unteren Stufe billiger als die traditionellen Universitäten; zum anderen bieten sie ihren Studenten auch bequemere Studienbedingungen: Üblicherweise haben sie Abend- und Wochenendkurse im Programm, und - was noch wichtiger ist - sie sind Pioniere auf dem neuen Gebiet des 'online learning', wo die traditionellen Universitäten weit zurückgeblieben sind. Das 'online learning' eignet sich bestens für den heutzutage typischen US-Studenten. Das ist keineswegs mehr der Achtzehnbis Zweiundzwanzigjährige, der gerade die höhere Schule verlassen hat. Die steigenden Studiengebühren sind dafür verantwortlich, dass Studenten älter sind, wenn sie mit dem Studium beginnen, ihr Studium häufiger unterbrechen (um Geld fürs Studium zu verdienen) und auf diese Weise länger brauchen, bis sie ihr Studium abschließen. Der typische Student ist heute sechsundzwanzig Jahre alt, lebt in einer festen Beziehung und arbeitet dreißig Stunden in der Woche. Für viele dieser Studenten ist die Aussicht auf ein Studium, das vier Jahre dauert, alles andere als ermutigend. Daher die wachsende Zahl 'alternativer' Hochschulen mit ihrem attraktiven Angebot von kürzeren Studienzeiten, online-Kursen etc.

Da nur relativ wenige Studenten sich den Besuch einer Eliteuniversität leisten können, werden vermutlich die neuen, berufsorientierten Hochschulen (seien sie nun öffentlich oder privat) das US-Bildungssystem des 21. Jahrhunderts prägen. Auch die Eliteuniversitäten wird es weiterhin geben, und die intellektuelle Oberschicht des Landes - Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren und seriöse Journalisten - werden hier ihre Ausbildung erhalten. Doch davon abgesehen wird wohl der traditionelle B.A. ('Bachelor of Arts') und B.S. ('Bachelor of Science') nach und nach ersetzt werden durch eine Art 'Ausbildungspass', der alle hier und dort von einem Studenten erworbenen Zertifikate und Qualifikationen verzeichnet. Da ein rein berufsorientiertes Studium kein komplettes Baccalaureat umfassen muss, sondern auch in kürzerer Zeit absolviert werden kann, wird wohl die Zweijahres-Hochschule - oft als gewinnorientiertes Geschäftsunternehmen - die Institution der Massenausbildung werden.


Die Universitäten im Mittelfeld

Zuletzt noch ein Wort zu den Universitäten im Mittelfeld zwischen den Spitzen- und den unteren Universitäten. Ihre Zahl nimmt nicht nur ab, sondern ihre Lage ist auch äußerst kritisch. Amerikas wichtige staatliche Universitäten, die früher durch öffentliche Mittel subventioniert wurden und das Herzstück des amerikanischen Bildungssystems bildeten, sehen sich in einem gefährlichen Dilemma. Sie beteiligen sich zwar an dem herrschenden Wettbewerb um das universitäre Prestige, aber die stark schrumpfenden staatlichen Subventionen verschlechtern ihre Chancen in diesem Wettbewerb. Es ist ihnen fast unmöglich, mit dem Kapital zu konkurrieren, das Harvard, Yale oder Princeton zur Verfügung steht.

Allein der Versuch der staatlichen Universitäten, im Kampf ums Prestige mitzuhalten, ist daher zum Scheitern verurteilt. Freilich wollen die staatlichen Universitäten den Studenten auch eine berufspraktische Ausbildung anbieten; tatsächlich wurden viele staatliche Hochschulen gerade zu diesem Zweck gegründet. Es hat sich aber gezeigt, dass sie, was Praxisnähe des Studiums betrifft, hinter den 'community colleges' und den 'for-profit universities' zurückbleiben. So stehen die staatlichen Universitäten in der Mitte zwischen den Spitzenuniversitäten einerseits, den 'community colleges' und 'forprofit universities' andererseits und gehören so recht zu keiner. Gelingt es ihnen in den nächsten Jahren nicht, ihre eigenen Ziele klar zu formulieren, dann werden sie wohl überflüssig werden. Welche Implikationen hat diese Zweiteilung des US-Bildungssystems in der Zukunft?

Der Trend zu einem kürzeren, rein berufsorientierten Studium schlägt sich natürlich in dem Ausbildungs- und Kenntnisstand von Amerikas arbeitender Bevölkerung nieder. Sieht man sich die untere Stufe des Bildungssektors an, die bald dominieren wird, so darf man wohl sagen, dass dort andere Ziele als an den Eliteuniversitäten verfolgt werden: Hier werden nicht Anwälte sondern Anwaltsgehilfen, nicht Radiologen sondern radiologische Assistenten - mit anderen Worten: Arbeitnehmer mit untergeordneter Qualifikation und Verantwortung ausgebildet werden. Sie lassen sich nach Robert Reich als "service workers" bezeichnen. Die USA sind in zunehmenden Maße eine Dienstleistungsgesellschaft geworden. Sollten sich die Entwicklungen im US-Bildungswesen fortsetzen, die ich hier aufgezeichnet habe, so wird diese Dienstleistungsökonomie weiter wachsen. Das Berufsfeld für amerikanische Hochschulabsolventen wird sich verengen, weil dann ein Hochschulzeugnis nur ein zweijähriges Studium bedeutet. Diese Rückentwicklung des US-amerikanischen Bildungswesens war nicht unvermeidlich, aber durchaus vorhersehbar. Sie ist das Ergebnis einer Kehrtwende in der Einstellung zur höheren Bildung und folglich in der Bildungspolitik seit Anfang der achtziger Jahre. Die Jahre zwischen 1946 und 1976 werden als 'Goldenes Zeitalter' in die Geschichte amerikanischer Bildung eingehen. Der 'Serviceman's Readjustment Act' (bekannt als 'G.I. Bill') verschaffte Hunderttausenden von Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Koreakrieg freien Zugang zu den Universitäten.

Die Folge davon war eine ehrgeizige Expansion der amerikanischen Universitäten, die durch das 'space race' mit der Sowjetunion noch beschleunigt wurde. Um 1980, wenn nicht früher, hatten sich die Zeiten geändert, und die Amerikaner zogen sich auf ihre traditionelle Position zurück, derzufolge Bildung kein staatsbürgerliches Grundrecht ist. Die lange Geschichte dieser Ansicht hat Richard Hofstadter in seinem Buch Anti-intellectualism in America (1962) aufgerollt. Was folgte, waren Kürzungen in der öffentlichen Finanzierung der Hochschulen und bei den Unterstützungen für Studenten - und schließlich eine Explosion der Studiengebühren, die ich als die Wurzel des Dilemmas ansehe, in der sich das US-amerikanische Universitätssystem heute befindet. Beides hat letzten Endes zu einer Verminderung der Ausbildungsstandards und der Reichweite intellektueller Interessen geführt. Die jüngste Entwicklung verheißt nichts Gutes für die USA. Da Indien und China jetzt ihr Bildungswesen rapide ausbauen, kann es für Amerikaner kaum von Vorteil sein, schlecht ausgebildet zu werden.

Übersetzung: Sabine Rossbach


Über den Autor
Frank Donoghue ist Associate Professor of English an der Ohio State University. Von ihm erschien 2008 das Buch "The Last Professors" in der Fordham University Press.


Aus Forschung und Lehre :: September 2010

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