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Wollen die auch arbeiten?

VON KERSTIN BUND, UWE JEAN HEUSER UND ANNE KUNZE

Junge Beschäftigte verlangen eine neue Arbeitswelt. Sonst ziehen sie weiter zum nächsten Job. Ihre Ansprüche verändern die gesamte Wirtschaft.

Wollen die auch arbeiten?© olly - Fotolia.comDie Generation Y will die Arbeitswelt verändern und neben der Karriere auch ausreichend Zeit für Familie und Freunde haben
Für viele ist Pippi Langstrumpf die Heldin der Kindheit. Sie können ihre Vornamen herunterbeten (Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter) und ihre Streiche nacherzählen. Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren hat diese autonome Göre erfunden, die in der Welt der Obrigkeiten und Autoritäten, der Polizisten und Lehrerinnen gar nicht gut ankommt. Denn Pippi macht, was sie will. Und sie will Spaß. Die Generation der Umdiedreißigjährigen, die jetzt voll Selbstbewusstsein auf den deutschen Arbeitsmarkt schlendert, könnte man durchaus als Generation Pippi bezeichnen. Denn diese Generation macht sich die Welt, widdewidde wie sie ihr gefällt. Es ist, als sei Pippi tausendfach erwachsen geworden und im Berufsleben angekommen: Die Neuen wollen Spaß haben, schnell vorwärtskommen und dabei weniger Zeit in ihrem Job verbringen. Und nebenbei wollen sie auch noch die Welt retten.

Da ist zum Beispiel Ingo Kucz. Seine vierjährige Tochter schläft nur mit einem Kirschkernkissen auf dem Bauch, und ihre Kindergartenliebe heißt Simon. Ingo Kucz, 32, ist das alles sehr wichtig. Dabei ist er kein Kindergärtner, kein Pädagoge oder Arzt. Kucz arbeitet in der Konzernstrategie der Deutschen Bahn, seine Abteilung ist so etwas wie das ausgelagerte Gehirn des Firmenchefs Rüdiger Grube. Von Montag bis Freitag beschäftigt er sich mit den großen Fragen von morgen. Am Samstag baut er ein Klettergerüst. Morgens vor der Arbeit bringt Kucz seine Tochter in den Kindergarten und ihren einjährigen Bruder zur Tagesmutter. Seine Frau, eine Sonderschulpädagogin, ist da schon bei der Arbeit. Nachmittags um fünf Uhr geht Kucz heim: Er will mit seinen Kindern noch zwei Stunden spielen, sie baden, ihnen vorlesen, bevor er sie zu Bett bringt. Erst in der Nacht setzt er sich noch mal an den Schreibtisch. Ingo Kucz arbeitet Vollzeit, etwa 40 Stunden die Woche, manchmal mehr. »Wenn ich bei der Deutschen Bahn nicht so flexibel arbeiten könnte«, sagt er, »würde ich mir einen anderen Job suchen.«

Sind die Kinder einmal krank, arbeitet er von zu Hause aus. Kucz besucht die Elternabende im Kindergarten, und wenn die Erzieher Teamsitzung haben, nimmt er sich einen halben Tag frei, um mit den Kleinen zum Schwimmen zu fahren. Nicht dass Kucz keine Lust auf Karriere hätte, er promoviert sogar noch nebenher in Soziologie. »Ich bin bloß nicht bereit, für Job und Status mein Leben zu opfern.«

Der junge Familienvater gehört zu einer neuen Generation von Berufstätigen. Einer Generation, die etwas anderes will: anders arbeiten, anders leben, anders sein. »Die nächste große Generation« haben die amerikanischen Historiker Neil Howe und William Strauss sie getauft. Wenn es nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler geht, könnten diese zwischen 1980 und 2000 Geborenen die Welt tatsächlich verbessern. Selbstbewusste Optimisten sind dabei, die Unternehmen zu erobern, und sie stellen Bedingungen.

Diese Generation hat erfahren: Alles ist möglich, nichts bleibt

Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann spricht von der dritten Generation nach 1945, die Deutschland verändert: Zuerst waren da die Skeptiker der Nachkriegsjahre, ernste, von Trauma und Entbehrung gezeichnete Trümmermenschen. In der von ihnen wieder aufgebauten Welt wuchs die Generation Golf heran, in der Blütezeit der Republik. Ihre Vertreter sind kämpferisch und konsumorientiert, repräsentabel und busy. Und nun also die Generation Y. Die hat erfahren: Alles ist möglich. Und alles ist ständig im Fluss, nichts bleibt, wie es einmal war. Die Y-Vertreter sind mit unzähligen Optionen groß geworden, im Alltag und im Internet. Von Anfang an mussten sie »biografisches Selbstmanagement« betreiben, wie Hurrelmann es nennt, und sich stark um sich selbst kümmern. Ihr Problem sind nicht die Grenzen, sondern es ist die Grenzenlosigkeit. Sie wollen alles und alles auf einmal: Familie plus Feierabend. Beruf plus Freude plus Sinn. Und das verfolgen sie kompromisslos. Von den Unternehmen erwartet die Generation Y, dass sie umdenken und sich auf ihre Ansprüche einstellen. Selbstbestimmt und flexibel wollen sie arbeiten, das fand die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC heraus. Autoritäten zweifeln sie erst einmal an, es sei denn, der Chef beeindruckt sie. Kollegialität und persönliche Entwicklung rangieren bei ihnen ganz oben, und erst am Schluss von insgesamt 19 Kategorien stehen bei ihnen - laut einer Studie des Berliner Instituts trendence - Status und Prestige.

Y wird im Englischen ausgesprochen wie why, das englische Wort für warum. Und tatsächlich hinterfragen die »Millennials« so ziemlich alles: Muss das Unternehmen der Umwelt schaden? Ist das, was der Chef sagt, immer richtig und gut für alle? Und: Warum sollten Familie und Karriere nicht vereinbar sein? Die Generation Y/Why ist auch die Generation »Warum nicht?«.

Sie hatten immer schon die Wahl. Von Geburt an wurden sie von der Generation X ihrer Eltern gefördert und gefeiert. Die volle Aufmerksamkeit ihrer »Helikopter-Eltern« war ihnen gewiss. Schon als Hosenmatze durften sie mitentscheiden, wohin die Familie in Urlaub fährt oder welches Auto angeschafft wird. Sie sind daran gewöhnt, sich entfalten und verwirklichen zu dürfen. Und all das, was sie in der Kindheit erfahren haben, erwarten die Neuen nun auch vom Arbeitgeber: Aufmerksamkeit, Fürsorge, Mitsprache. Ständiges Feedback. Sie wollen Chefs, die wie Eltern sind und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Es könnte sein, dass sie ihre Erwartungen auch durchsetzen. Denn diese Generation hat eine Macht, die ihren Eltern und Großeltern vorenthalten war. Es ist die Macht der Demografie, die Macht der Knappheit in einem hochgebildeten und wirtschaftlich florierenden Land. Vielen Branchen gehen die Fachkräfte aus. Und sie werden noch weniger, wenn die starken Geburtsjahrgänge 1960 bis 1970 erst einmal in Rente sind. Zwar dürfte sich bis 2050 auch die Zahl der Pflegefälle im alternden Deutschland verdoppeln, und diese Aufgabe muss die Generation Y schultern. Doch das ändert nichts daran: »Die Mitglieder der Generation Y können ihre Vorstellungen in die Berufswelt retten, weil sie davon profitieren, dass es nur wenige von ihnen gibt«, sagt Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen.

Und Gerhard Rübling, der Personalchef des schwäbischen Maschinenbau-Unternehmens Trumpf, fügt hinzu: »Solange die Ansprüche erfüllt werden, sind die neuen Arbeitnehmer 150-prozentig loyal. Genügt der Arbeitgeber ihren Anforderungen nicht mehr, gehen sie ohne Schmerz.« Im Schnitt blieben die Jungen nur noch 18 Monate, sagen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Währte die durchschnittliche Beschäftigung der unter 30-Jährigen in den achtziger Jahren noch 814 Tage, sank sie demnach in zwei Jahrzehnten auf 536 Tage. Auch Ingo Kucz wollte keine Kompromisse machen. Bevor er zur Bahn ging, arbeitete er für einen Industriekonzern. Die Perspektive war gut, die Bezahlung auch, aber der Führungsstil passte Kucz nicht. Es gab viele Hierarchien und wenige Freiräume. Anweisungen statt Erklärungen. Von seinen Kollegen hörte er den Satz: »Gehalt ist bei uns Schmerzensgeld.« Mit dieser Kultur von Befehl und Gehorsam sind Konzerne in Deutschland lange gut gefahren, manche tun es heute noch. Doch Leute wie Kucz verweigern sich: Der Mann für die Strategie wollte nicht länger für etwas entschädigt werden, das ihm doch Freude machen sollte. Er kündigte. Als Chefin müsse man heute viel mehr kommunizieren, einbinden und überzeugen als früher, sagt Meike Niedbal, Kuczs Vorgesetzte bei der Bahn. Sie ist selbst erst 35 und hat drei kleine Kinder. »Die Mitarbeiter erwarten, dass ich mich in sie hineinversetze. Ich verstehe auch, wenn Ingo mal früher wegmuss, um seine Tochter abzuholen.« Nicht jeder Chef hat so viel Verständnis für diese Berufseinsteiger, die sich schon im Bewerbungsgespräch nach Sabbaticals, Eltern-, Teil- und Auszeiten erkundigen. Personalchefs halten sie oft für Luxusgeschöpfe, die sich aufs Erbe freuen, statt selbst anzupacken. Auch Medien lästern über die »Generation Weichei«, der es keine Firma mehr recht machen könne.

Dass die Generation Y weniger leistet, geben Untersuchungen allerdings nicht her: In der Shell-Jugendstudie von 2010 standen die Tugenden Fleiß und Ehrgeiz bei den Jungen besonders hoch im Kurs. Mehr junge Leute denn je machen Abitur oder einen mittleren Abschluss, und sie studieren kürzer, zielgerichteter und effizienter. Die Uni-Gammler, die sich nach 20 Semestern zum ersten Mal eine Prüfungsordnung ansehen, scheinen ausgestorben wie der Archaeopteryx. »Null Bock« ist heute ein Fremdwort. Die Lebensläufe der Nachwuchskräfte sind prall voll von Praktika, Kursen, Auslandsaufenthalten und sozialen Engagements. Die Ys fordern nicht nur ihre Arbeitgeber, sie verlangen auch sich selbst einiges ab.

Wollen die auch arbeiten?

Die Inder und Chinesen sind ganz anders, sagt der Personalchef: »Viel ehrgeiziger!«

Das führt zu einer Mischung aus Engagement und Selbstoptimierung, aus Verspieltheit und Ernst. Dieser Trend entfaltet sich in der Hamburger ABC-Straße aufs Eindrucksvollste. Am Haus Nummer 19 leuchten sechs knallbunte Buchstaben: Google. Hinter der Fassade verbirgt sich die Deutschland-Zentrale der weltgrößten Suchmaschine. 350 Leute arbeiten hier, im Schnitt sind sie 35 Jahre alt. Google, das ist der obere Rand der Generation Y. Hier hat sie sich ihr eigenes Biotop erschaffen, eine Mischung aus Disneyland und Management. In Riesenstrandkörben finden Videokonferenzen statt. In nachgebauten Flugzeugkabinen Besprechungen. Es gibt Gänge, die sehen aus wie U-Bahnhöfe. Und im Pool kann man in Schaumstoffwürfeln baden. Dreimal die Woche kommt ein Masseur, im Fitnessstudio findet Yoga, Hip-Hop oder Boxen statt. Alles während der Arbeitszeit. Alles kostenlos. Zum vierten Mal in Folge wählten internationale Hochschulabsolventen Google zum beliebtesten Arbeitgeber der Welt.

»Wenn ich mich wohlfühle, profitiert davon die Firma«, sagt Eva Krüger. Die 27-Jährige hat Medien- und Kommunikationswirtschaft studiert und anschließend im Online-Marketing beim Hamburger Verlag Gruner + Jahr gearbeitet. Heute hilft sie Kunden aus der Modebranche, ihre Werbeanzeigen bei Google zu platzieren. Sie selbst sieht aus wie ein Modestatement: Kastenbrille, orangefarbene Fingernägel, Bluse über löchriger Jeans. Und doch: »Wir sind hier kein Vergnügungspark. Wir alle haben unsere Ziele, die wir uns quartalsweise stecken und die wir auch erreichen wollen«, sagt Krüger. »Aber ich werde hier nicht fürs Sitzen bezahlt, sondern für meine Kreativität.« Alle bei Google entfalten großen Ehrgeiz, denn wer seine Ziele verfehlt, ist auch wieder schnell raus aus der bunten Leistungsidylle. Deshalb tanzt und boxt wohl auch niemand im Fitnessraum, als an diesem Freitagnachmittag die ZEIT vorbeischaut. Auch Eva Krüger ist immer im Dienst. »Work is not a job«, sagt sie und schwärmt vom »Google-Spirit« und dieser erfreulichen »Ja-Mentalität« um sie herum. Ihr Job ist für sie Teil ihrer Persönlichkeit. Deshalb kann Krüger auch nicht sagen, wie viele Stunden pro Woche sie arbeitet oder wo genau die Grenze zwischen Arbeit und Leben verläuft. Im Büro führt sie private Gespräche, und im Privatleben beantwortet sie Mails von Kunden. Bleibt die Frage, ob einer mit 40 oder 50 auch noch in Schaumstoffwürfeln sitzen möchte und ob die knallbunte Spielewelt des knallharten Weltkonzerns nicht ein geschicktes System der Selbstausbeutung darstellt, das den ewigen Kindern der Generation Y ein ewiges Kinderzimmer vorgaukelt - während ihnen gleichzeitig die Kreativität literweise abgezapft wird.

Ingo Kucz, der Familienvater, könnte so nicht leben. Doch mit Eva Krüger hat er eines gemeinsam: Kommt man diesen Arbeitnehmern entgegen, strengen sie sich weit über das verlangte Maß an. Gerade ist Krüger für einen Monat in Indien und arbeitet im Google-Büro in Hyderabad. Anschließend opfert sie eine Woche ihres Jahresurlaubs, um ein persönliches Projekt voranzubringen. Sie will das mobile Google-Betriebssystem Android so konfigurieren, dass es auch Blinde benutzen können. »Ich möchte die Chance, die ich bei Google bekommen habe, nutzen und was verändern«, sagt sie.

Auch in klassischen Industriebetrieben denken die Neuen oft so. »Früher wurde Leistung über Aufstieg honoriert«, sagt Wilfried Porth, der Personalvorstand von Daimler. Heute wird auch mit Sinnstiftung bezahlt. Die Jungen kämen nur, wenn sie etwas gestalten und die Welt verbessern könnten. Zum Glück hat Daimler das Elektroauto. Häufig erkundigten sich die Bewerber danach - sie wollen an der Umweltverträglichkeit des Automobils von morgen mitbasteln. Sie wollen die Welt doch noch vor dem Klimakollaps bewahren.

Man merkt Porth an, dass die Y-Generation ihm nicht geheuer ist. Die seien gar nicht mehr richtig mobil, findet er, oft schlügen sie einen Karrieresprung aus, weil der Partner nicht mitkommen mag oder weil sie an Aufstieg und Macht nicht richtig interessiert sind. Die jungen Chinesen und Inder, die er trifft, sind da ganz anders, »viel ehrgeiziger!«. Er könnte, sagt er, jedes Mal, wenn er in diesen Ländern sei, ganze Flugzeuge chartern, »so viele bestürmen mich, mitfliegen und mitarbeiten zu dürfen«. Wie viele Asiaten mit Führungstalent dann tatsächlich bei Daimler anfangen, möchte das Unternehmen aber nicht verraten. Fest steht in jedem Fall: So viele junge Ausländer können gar nicht einwandern, dass die gut ausgebildeten Mitglieder der Generation Y ihre Knappheit und damit ihre Macht verlieren könnten. In der Unternehmensberatung McKinsey herrschte immer eine Kultur der 16-Stunden-Tage. Doch inzwischen denkt man auch bei diesem begehrten Arbeitgeber um. »Oft wollen die Kandidaten wissen: Was ist für mich drin, was bringt mir das persönlich?«, sagt der für Neueinstellungen verantwortliche Recruiting-Chef Thomas Fritz - und dann kommen Fragen wie diese: Kann ich statt eines Dienstwagens auch ein Firmenfahrrad kriegen? Darf ich mit der Bahn fahren, statt zu fliegen? Die Berater sind im Schnitt um die 30 Jahre alt. Um an die Besten zu kommen, reichen sechsstellige Einstiegsgehälter nicht aus. Also zahlt McKinsey Zeit aus statt Geld. Die Firma wirbt mit dreimonatigen Auszeiten vom Job, und jeder sechste Berater hat das Angebot im vergangenen Jahr angenommen. Auch die alten Firmenriesen müssen sich für diese neue Generation aufrüschen.

Das erste Wort, das dem Personalscout Jörg Leuninger zur Generation Y einfällt, ist: »selbstbestimmt«. Das erste Gefühl: »ein Schock«. Leuninger ist 41 Jahre alt, seine Firma noch mal gut hundert Jahre älter. Als er vor zwölf Jahren beim Chemiekonzern BASF anfing, erwartete man von ihm, dass er sich glücklich schätze, bei einem so tollen Arbeitgeber untergekommen zu sein. Vor drei Jahren kehrte der brave Soldat Leuninger von einer Dienstreise aus Shanghai zurück und geriet mitten hinein in eine Talentveranstaltung für Hochschulabsolventen. Da herrschte ein anderer Ton: »Die Studenten haben die Unternehmensstrategie offen und kritisch vor den anwesenden Vorständen und Bereichsleitern hinterfragt. Sie wollten wissen, wie nachhaltig die Chemie- Industrie wirklich ist.«

Heute ist es Leuningers Aufgabe, für das Unternehmen europaweit die besten Leute zu finden. Für sie baut der Saurier BASF vor den Konzerntoren nun ein Work-Life-Management-Zentrum: vier Häuser auf 5.500 Quadratmetern. Eine Kinderkrippe mit 250 Plätzen wird es darin geben, eine Beratung für soziale Fragen und die Pflege alter Eltern und - natürlich! - ein Fitnessstudio. Bleiben die jungen Talente der Firma treu, hat sich die Investition »im hohen zweistelligen Millionenbereich« rentiert.

Auch Katharina Mick soll gehalten werden. Die 26-Jährige sagt von sich selbst, sie habe in ihrem Leben noch nie gebummelt: »Ich wollte immer, dass es vorangeht. Ich kann mir nicht vorstellen, keine Aufgabe zu haben.« Mick war sehr gut in der Schule, spielte obendrein Volleyball in der Verbandsliga, tanzte Ballett und übte Klavier. Jeden Tag stand etwas anderes auf der Freizeitagenda. Zum Schüleraustausch fuhr sie nach Holland, Frankreich, Russland und Amerika. »Meine Eltern haben mich in dieser Hinsicht immer unterstützt«, sagt sie. Das ist typisch für die Generation Y, sie übererfüllt die Wünsche ihrer Eltern und denkt nicht daran zu rebellieren. Protest sei dieser höchst konstruktiven Generation sowieso fremd, sagt der Soziologe Hurrelmann. Dass sie auch als Erwachsene zu den Umworbenen gehört, hat Katharina Mick gemerkt, als sie in Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen studierte. Sie bekam viele Angebote aus der Wirtschaft und entschied sich für ein Traineeprogramm bei BASF: Ihr gefallen die Werte des Unternehmens, sie kann früh gehen und Sport treiben, und außerdem arbeitet ihr Freund in der Nähe. Nun sitzt die High-Potential-Frau in der ältesten Kneipe Ludwigshafens an einem dunklen Holztisch vor gebratenen Serviettenknödeln. Hat sie sich ihr Leben so vorgestellt? »Ja«, sagt sie. Sie kann genau beschreiben, wie die ideale Firma für sie aussieht: »Vertrauen führt. Mitarbeiter arbeiten ohne Druck besser.« Mick glaubt nicht, dass sich »meine generelle Einstellung zu Arbeit und Freizeit einmal ändern wird. Auch wenn ich 40 oder 50 Jahre alt sein werde, sollte beides in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.«

Wer so gefragt ist wie die Wirtschaftsingenieurin, kann sich solche Gedanken leisten. Reden wir also nur von Hochschulabsolventen, von Stipendiaten und Erben, also einer Elite, die erst von den Eltern verhätschelt wurde und jetzt von den Unternehmen gepampert wird? Nein. Zwar hat etwa ein Fünftel der Generation Y heute keinen Schulabschluss und - laut Hurrelmann - sehr schlechte Berufsperspektiven. Unter den Verlierern sind auffällig viele junge Männer. Früher hätten die einen Job als Hilfsarbeiter gefunden, heute sitzen sie vor dem Fernseher oder Computer, weil niemand mehr Ungelernte brauchen kann. Da sieht der Soziologe ein Problem auf die Gesellschaft zukommen. Für alle anderen aber gilt: Sie wollen arbeiten - bloß anders.

Verspielen die Jungen den Wohlstand, den die Älteren aufgebaut haben?

Auch Azubis werden umworben. Die Zahl der Schulabgänger ohne Abitur ist in den vergangenen sechs Jahren von über 700.000 auf rund 550.000 geschmolzen. Firmen in der Provinz fangen damit an, herausragenden Lehrlingen kleine Dienstwagen zu offerieren. Selbst die Auszubildenden haben jetzt ganz andere Erwartungen als früher, hat man auch beim Maschinenbauer Trumpf gelernt: Am ersten Arbeitstag bekommen sie jetzt Metallwürfel, 30 mal 30 Zentimeter, aus denen sie im Team etwas herstellen. Eine Currywurst- Schneidemaschine zum Beispiel, samt Marketingkonzept und Produktionsplan. Vor fünf Jahren noch hätten die Azubis an der Werkbank sitzen und fräsen wollen - jeder für sich allein. Heute wollen sie in der Gruppe arbeiten. Die Jungen haben die Durchlässigkeit des Bildungssystems kapiert. Im Vorstellungsgespräch fragen die angehenden Azubis nach ihren Karrieremöglichkeiten. Früher wurden sie technischer Meister, wenn es gut lief, heute wollen sie wissen, ob sie auch promovieren können, wenn sie als Mechaniker hier anfangen. Sie können.

Die Haltung des »Ich achte darauf, dass ich bekomme, was mir guttut« ist nicht nur auf eine Elite beschränkt. Die Y-Generation ringt den Unternehmen die eigene Lebensqualität ab, auch weil die Arbeitgeber ihrerseits keine lebenslange Sicherheit mehr versprechen können und wollen. Früher war der Pakt: Ich stelle mich in euren Dienst, und ihr garantiert mir Stabilität und Aufstieg. Die Generation Y kündigt das Versprechen, weil sie das Prekäre der globalisierten Wirtschaft erkennt. Deshalb will sie jetzt auf ihre Kosten kommen. Und sie hat recht. Glücksstudien relativieren die herkömmliche Überzeugung, dass Status und Besitz selig machen. Der Nobelpreisträger für Ökonomie Daniel Kahneman formuliert das so: »Glück erlebt man in Momenten, in denen man seine Aufmerksamkeit auf etwas Angenehmes richtet. Ich kann mir zwar ein tolles Auto kaufen, aber ich kann mich nicht über lange Zeit darauf konzentrieren.« Erleben erzeugt demnach mehr Zufriedenheit als Haben. Enge soziale Kontakte und eine Balance im Leben sind wichtiger als ein etwas besser bezahlter Job, der keine Freude macht.

Unter dem Strich lautet das Fazit für die Jungen: Möglichst alles vermeiden, was mir keinen Spaß macht und für mich keinen Sinn erkennen lässt. Aber was heißt es für die Volkswirtschaft? Verspielen die Jungen im globalen Wettbewerb den Wohlstand, den die Älteren aufgebaut haben? Oder können sie eine nachhaltigere Wirtschaft mit qualitativem Wachstum schaffen, die die Umwelt schont und die Lebensqualität erhöht? Die Wirtschaft müsste sich gewaltig wandeln, damit die Revolution der Jungen gelingt und aus ihnen wirklich eine »große Generation« wird. Unternehmen müssten sich sehr flexibel organisieren, um ihren Mitarbeitern eine echte Balance zwischen Beruf und Freizeit, zwischen der Entfaltung des Egos und dem Anspruch auf Moralität zu bieten. Erste Firmen tun dies bereits. Beim Maschinenbauer Trumpf zum Beispiel dürfen die Mitarbeiter alle zwei Jahre ihre wöchentliche Arbeitszeit neu bestimmen, je nach Lebensphase und Lust.

Der Umbau könnte sich lohnen. Denn die Jungen haben einiges zu bieten, um Indern und Chinesen Paroli zu bieten. Für sie ist die Gleichstellung der Geschlechter selbstverständlich, sodass die vielen gut ausgebildeten Frauen leichter dorthin gelangen können, wo sie gebraucht werden: in die Führung der Wirtschaft. Neue Zahlen aus den Vereinigten Staaten zeigen, dass junge Frauen die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern bereits schließen und in den Städten im Mittel sogar etwas mehr verdienen als die Männer. Kämen nun tatsächlich die besten Frauen und Männer nach oben, dann wachse auch der Wohlstand, sagen Ökonomen fast einstimmig. Außerdem benehmen sich die Mitglieder der Generation Y zwar manchmal wie Gören, die nicht erwachsen werden wollen. Aber sie sind auch weltoffen, engagiert und auf eine spielerische Art kreativ. In einer Weltwirtschaft, in der Ideen oft mehr zählen als Produkte und das Neue zunehmend in Sozialen Netzwerken entsteht, sind das keine schlechten Voraussetzungen.

Aus DIE ZEIT :: 07.03.2013

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