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Wollen wir mehr Elite wagen?

Von Helmut J. Schmidt und Bernd Scholz-Reiter

Die Bildungsrepublik diskutiert über die nächste Exzellenzinitiative. Zwei Uni-Präsidenten streiten sich, ob es weitergehen soll wie bisher.

Wollen wir mehr Elite wagen?© TU KaiserslauternHelmut J. Schmidt schlägt für die Exzellenzinitiative zwei Änderungen vor

Pro

Mehr Elite, mehr Allianzen!

Der Präsident der TU Kaiserslautern, Helmut J. Schmidt, fordert Änderungen bei der Exzellenzinitiative

Ja, die bisherigen Durchläufe der Exzellenzinitiative waren durchaus ein Erfolg. Sie haben Bewegung in die Hochschullandschaft gebracht und eine Reformdynamik hervorgerufen, von der alle Universitäten in Deutschland profitiert haben. Insbesondere traditionsreiche, große Universitäten mit ihren Konzepten, vor allem in der dritten Säule, der Zukunftskonzept-Förderung, aber auch einige junge Universitäten. Das hat diesen Standorten auf internationaler Ebene mehr Sichtbarkeit gebracht. Dies lässt sich heute in den internationalen Rankings sehr gut ablesen. Trotzdem wäre eine Neuauflage mit der gleichen Systematik für das deutsche Hochschulsystem nicht optimal. Deutschland steht für starke Fachbereiche mit einer breit gefächerten, exzellenten Forschung, auch in Kooperation mit den universitätsnahen Forschungsinstituten. Aus meiner Sicht braucht es größere Modifikationen in der Initiative, um den traditionellen Stärken unserer Hochschullandschaft gerecht zu werden. Deshalb schlage ich für die Exzellenzinitiative 3.0 zwei zentrale Änderungen vor:

Mehr Elite: Aus der dritten Förderlinie sollte eine Handvoll Eliteuniversitäten gekürt werden, die dieses Etikett verliehen bekommen - aber langfristig verbunden mit Evaluationskriterien. Gekoppelt damit wäre eine gute Finanzierung, eventuell als »Bundesuniversitäten«. So würde Augenhöhe mit internationalen Spitzen-Universitäten, wie zum Beispiel der ETH Zürich oder Cambridge, wenigstens eingeleitet werden. Bewerben dürften sich alle Universitäten, die bisher in der dritten Förderlinie schon einmal erfolgreich waren, auch die, die nach der ersten Runde wieder »zurückgestuft« wurden. Das wären insgesamt 14 Standorte. An vielen deutschen Universitäten gibt es exzellente Gruppen. Dies wird durch die breite Verteilung von Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgesellschaft, aktuell an 56 Universitäten, eindrucksvoll belegt. Diese breit gefächerte Forschungsexzellenz macht die Stärke des deutschen Hochschulsystems aus und muss möglich bleiben. Auf keinen Fall sollte deshalb neben der Handvoll Eliten ein Ligasystem angedacht werden, in dem etwa zusätzlich weitere 20 forschungsstarke Standorte identifiziert werden. Der Effekt für die verbleibenden Universitäten wäre fatal. Sie würden so ihre lokalen Exzellenzen nach und nach verlieren und weniger Forschungsnachwuchs an sich binden können. Das deutsche Universitätssystem würde qualitativ verarmen und die Schere zwischen den »Klassen« immer größer werden. Deshalb schlage ich auch Änderungen an den ersten beiden Förderlinien vor.

Regionale Allianzen: Die Förderung der Exzellenzcluster-Linie soll fortgesetzt werden, allerdings mit zwei gleichwertigen Ausrichtungen, einer mit dem Fokus auf der Grundlagenforschung und einer mit dem Fokus auf angewandter Forschung. Die Graduiertenschulen könnten hier mit einfließen. Man bliebe, wie bisher, bei den befristeten Förderzeiträumen. Bei der Ausrichtung mit Schwerpunkten in der angewandten Forschung könnten Verbünde mit Forschungsinstitutionen wie zum Beispiel Fraunhofer, Leibniz und Helmholtz gezielt förderfähig werden. Generell sollten im Rahmen der nationalen Initiative stärkere Anreize für eine institutionenübergreifende Zusammenarbeit geboten werden. Dabei könnten auch regionale Verbünde von Hochschulen, Instituten und Unternehmen mit ins Spiel kommen.

Ein Beispiel für eine solche Vernetzung ist die Science Alliance Kaiserslautern als Verbund von aktuell insgesamt 16 Mitgliedern, darunter unter anderem Institute wie Fraunhofer oder Max-Planck sowie die Hochschule Kaiserslautern und das Westpfalzklinikum. Weitere namhafte Industrieunternehmen sollen hier in Kürze hinzukommen. Solche regionalen Verbünde bergen die Vorteile, dass Stärken der teilnehmenden Universitäten, Hochschulen und Institute weiterentwickelt, Synergien geschaffen und die Lehre und Forschung der Standorte und Regionen attraktiver gemacht werden für Studierende und Unternehmen. Die Innovationskette von der Grundlagenforschung bis hin zur Produktentwicklung in ausgewählten Themenbereichen befindet sich damit an einem Standort. Dies ist eine Dimension von Exzellenz, die wir in Deutschland brauchen. Verbünde sollten auch standortübergreifend sein können. Zusammen mit der Johannes Gutenberg Universität Mainz betreibt meine Universität beispielsweise erfolgreich eine Graduiertenschule, die von der Bundesexzellenzinitiative in beiden Runden gefördert wurde. Wie oben dargelegt, plädiere ich zwar nicht für eine Fortsetzung der Graduiertenschulen als eigene Förderlinie. Ich hielte es aber für durchaus sinnvoll, dass die vorgeschlagene erweiterte Linie der Exzellenzcluster auch solche standortübergreifende Zusammenarbeit - wie bei uns praktizert - erlauben würde. Insgesamt erhielten wir damit eine Initiative, die dem gerecht würde, was das deutsche Universitäts und Hochschulsystem ausmacht - Exzellenz in mehreren Dimensionen, örtlich und inhaltlich.

Wollen wir mehr Elite wagen? © Harald Rehling/Universität Bremen Bernd Scholz-Reiter fordert an der Exzellenzinitiative festzuhalten

Contra

Viel Veränderung würde schaden!

Die Exzellenzinitiative sei ein voller Erfolg gewesen, findet Bernd Scholz-Reiter, Rektor der Universität Bremen. Warum sollte man sie umkrempeln?

Wenn 2018 die Exzellenzinitiative fortgeschrieben wird, geht eine Förderung in die nächste Runde, die bisher große Schlagkraft entfaltet hat, die international Aufmerksamkeit gefunden hat, die die Universitäten motiviert und beschleunigt hat. Wie soll es weitergehen? Die Vorschläge dazu sind so widersprüchlich, dass der Bezug zur laufenden Exzellenzinitiative kaum noch zu erkennen ist. Ist es notwendig, die Exzellenzinitiative vollständig umzukrempeln? Das hieße doch: Die deutsche Wissenschaftspolitik und die Institutionen hätten in der Zeit von 2005 bis 2017 alles falsch gemacht. Wenn man die Diskussion so verfolgt, könnte man das fast annehmen.

Aber welche Gründe könnte es geben, die bisherigen Formate und Auswahlverfahren infrage zu stellen? Ich sehe drei: Wenn erstens die Förderziele nicht erreicht werden, es also an Effektivität mangelt. Wenn zweitens die Förderziele zwar erreicht werden, aber Kosten und Aufwand dafür zu hoch sind, es also an Effizienz mangelt. Oder wenn drittens die Förderzwecke an sich falsch waren. Ist dem so? Effektivität: Die Graduiertenschulen, die erste Förderlinie, waren so erfolgreich, dass sie sich als Format in der Exzellenzinitiative selbst abgeschafft haben. Sie haben hohe Standards der Graduiertenausbildung im deutschen Wissenschaftssystem verankert, sie werden von den Universitäten selbst eingerichtet und auf Dauer betrieben, und sie werden in große Forschungsverbünde eingebaut. Die Exzellenzcluster, die zweite Förderlinie, haben fachübergreifendes Arbeiten und die Kooperation mit der außeruniversitären Forschung enorm intensiviert. Den Universitäten wurde so ermöglicht, Forschungsgebiete mit großem Umfang auszubauen und somit die Spitze international zu stärken. In der dritten Förderlinie, den Zukunftskonzepten, ging es um die Profilbildung der Universität, um die Entwicklung der großen Potenziale. Diese Bretter sind sicherlich die dicksten - und müssen deshalb weiter gebohrt werden.

Effizienz: Wenn man die Mittel der Exzellenzinitiative vergleicht mit den Gesamtausgaben von Bund und Ländern für die Hochschulen und diese in Beziehung setzt zu dem erreichten internationalen Reputationsgewinn, der gestiegenen Forschungsleistung und der neuen Dynamik an den Hochschulen, kann man kaum davon sprechen, dass sie ineffizient war. Die Exzellenzinitiative war ein großer Hebel für wenig Geld - denn der Anreiz sind ja nicht nur die Euro, sondern auch die Reputation. Zugegeben: Die Auswahlverfahren sind langwierig und aufwendig. Der große Aufwand für die Begutachtungen mit internationalem Peer Review ist aber auch ein Garant für richtige Auswahlentscheidungen.

Förderzweck: Wenn die Exzellenzinitiative dabei ist, ihre Ziele zu erreichen, und das mit vertretbarem Mitteleinsatz, dann muss die Gretchenfrage unweigerlich lauten, ob bisher das Falsche gefördert wurde. Aber wer würde die große Bedeutung der Spitzenforschung an Universitäten bestreiten oder in Abrede stellen, dass wir mit international bekannten Forschungsstandorten eher in der Lage sind, die weltweit besten Köpfe nach Deutschland zu holen? So bleibt nur die Frage, ob wir in der Exzellenzinitiative neben der Spitzenforschung auch anderes fördern sollen. Bund und Länder engagieren sich ja nicht nur in der Exzellenzinitiative, sondern unterstützen mit einem Vielfachen der Exzellenzmittel die Lehre an den Universitäten, fördern die Forschung an Fachhochschulen, finanzieren regionale Innovationskonzepte. Wir haben keinen Mangel an passgenauen Förderungen. Wer aber all diese Ziele auch mit der Exzellenzinitiative fördern will, fördert am Ende nichts richtig.

Ich schlage deshalb vor, an den erfolgreichen Förderlinien Exzellenzcluster und Zukunftskonzepte festzuhalten und nur graduelle Verbesserungen vorzunehmen. Um es konkret zu machen: Bei 400 Millionen Euro Gesamtvolumen Bundesmittel pro Jahr ließen sich mit 300 Millionen Euro rund 40 breit aufgestellte Exzellenzcluster finanzieren. Rund 100 Millionen Euro Bundesmittel pro Jahr sollten weiterhin zur Förderung ganzer Universitäten eingesetzt werden. Rechnet man dazu noch den Länderanteil, wären leicht 12 Universitäten förderbar. Zudem sollten auch Universitäten wie Cluster eine institutionelle Förderung erreichen können, allerdings erst, wenn sie sich in drei Phasen der Projektförderung bewährt haben. Mit einem solchen gestuften System für Cluster und Zukunftskonzepte bleibt der Wettbewerb offen für neue Bewerber, wird die Chance und Pflicht zur Bewährung organisiert und wird es möglich, nach harten Evaluationen eine gewisse Anzahl von Projekten und Universitäten auch in die institutionelle Förderung des Bundes zu überführen. Mit diesen kleinen Veränderungen am Grundkonzept der Exzellenzinitiative könnte also ein international bewundertes und erfolgreiches Förderprogramm die wenigen Aufpolierungen erfahren, die nötig sind. Die deutsche Wissenschaftspolitik insgesamt sollte an der laufenden Exzellenzinitiative aber keine Zweifel säen, damit nicht das Erreichte ohne Not infrage gestellt werden könnte. Das wäre zum Schaden Deutschlands.

Aus Forschung & Lehre :: November 2015

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