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"Zu Hause war ich diese Woche gar nicht" - Working Moms

Das Gespräch führten MARGARETE MOULIN und JEANNETTE OTTO

Gleichzeitig Chefin und gute Mutter sein - geht das? Klar, sagen vier Frauen aus dem Netzwerk »Working Moms«. Ein Gespräch über Selbstverwirklichung, geschmuggelte Muttermilch und unzuverlässige Au-pair-Mädchen.

Working Moms: "Zu Hause war ich diese Woche gar nicht"© Jonicore - photocase.deDen "Working Moms" gelingt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf
DIE ZEIT: Es ist Freitagnachmittag, einige von Ihnen sind mit dem Rollkoffer direkt vom Flughafen aus zu diesem Gespräch gekommen. Wie viel Zeit haben Sie in dieser Woche mit Ihren Kindern verbracht?

Birgit Härle: Viel weniger als mit Arbeit. Ich bringe meine Tochter morgens um acht Uhr in den Kindergarten, und abends sehe ich sie selten vor sieben, halb acht.

Nicole Voigt: Also, in Gedanken war ich zu 100 Prozent bei meinen Kindern. Aber zu Hause war ich diese Woche gar nicht. Ich bin seit Montagfrüh unterwegs. Das ist aber die Ausnahme. Normalerweise bin ich nur an drei Tagen in der Woche nicht zu Hause.

Julia Fitzner: Ich arbeite 80 Prozent und versuche, die Kinder so gegen 16 Uhr aus der Kita und dem Hort abzuholen. Zweimal in der Woche arbeite ich länger, da unterstützen uns die Großeltern.

Phoebe Kebbel: Ich arbeite Vollzeit, genau wie mein Mann. Wir sehen zu, dass einer von uns um 19 Uhr zu Hause ist. Und dann haben wir so eine Art heilige Zeit, von sieben bis neun, da isst die Familie gemeinsam, man redet darüber, wie der Tag war, übt mit einem Kind noch mal Cello und hört ein paar Vokabeln ab.

Das Netzwerk Working Moms

ZEIT: Frau Kebbel, Sie haben 2007 das Netzwerk Working Moms gegründet. Zutritt zu diesem Club erhält nicht jede Mutter. Welche nehmen Sie auf?

Kebbel: Die meisten unserer Mitglieder arbeiten Vollzeit oder vollzeitnah. Das ist ein ganz gutes Kriterium, weil die Probleme einfach andere sind, als wenn man halbtags arbeitet.

ZEIT: Wie kam es zur Gründung der Working Moms?

Working Moms

Das Netzwerk wurde 2007 gegründet, bundesweit hat es über 300 Mitglieder. Der Eintritt ist nur über persönliche Empfehlungen möglich, die Frauen sollten die Devise »Pro Kind, Pro Karriere« teilen.

Die »Working Moms« sind:

Phoebe Kebbel, 41, Partner bei Hering Schuppener, Kommunikationsberatung in Frankfurt am Main, zwei Söhne, 9 und 11 Jahre.

Nicole Voigt, 39, Principal bei der Boston Consulting Group in Düsseldorf, drei Kinder, 3, 12 und 16 Jahre.

Julia Fitzner, 36, Referentin bei einer Bundesbehörde in München, zwei Kinder, 2 und 6 Jahre.

Birgit Härle, 46, Leitung des Bereichs Sponsoring, Events und Kultur bei einer Münchner Bank, eine Tochter, 5 Jahre.


Kebbel: Als meine Kinder ein und drei Jahre alt waren, sprach mich eine befreundete Investmentbankerin an und sagte: Phoebe, du bist die einzige Mutter, die ich hier in Frankfurt kenne, die gleich wieder eingestiegen ist und Vollzeit arbeitet. Wie macht man das? Da hab ich mich so zwischen den Bankentürmen umgesehen und mir gesagt: Das kann doch nicht wahr sein, dass ich hier wirklich die Einzige bin! Gemeinsam mit einer Freundin habe ich das Netzwerk dann gegründet, heute hat es 300 Mitglieder bundesweit.

ZEIT: Es geht Ihnen nicht nur um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie nehmen nur Frauen auf, die Karriere machen wollen. Ist das nicht ziemlich elitär?

Härle: Also elitär? Wenn die Working Moms das wären, würde ich schon mal gar nicht hingehen.

Kebbel: Wir wollen nicht nur ein privates, sondern vor allem ein berufliches Netzwerk sein. Vielen Frauen fällt es leicht, nach einem Tipp für einen Babysitter zu fragen, aber sie tun sich schwer damit, klar zu formulieren: »Ich brauche einen beruflichen Draht zu dem oder dem Vorstand.« Ich selbst habe über einen Kontakt aus den Working Moms einen großen Kunden kennengelernt. Dass ich den mit in die Firma bringen konnte, hat mir schließlich auch dabei geholfen, in den Partner-Status aufzusteigen. Wir sehen uns als Mutmacherinnen. Oft fehlen ja die Vorbilder am Arbeitsplatz. Und wenn man dann in ein Forum kommt, in dem lauter Frauen sitzen, die zwar Augenringe haben, aber sagen: »Wir sind trotzdem fröhlich und machen das, weil es uns Spaß macht«, dann kann das hilfreich sein. Ich glaube, das hätten wir uns alle früher sehr gewünscht.

ZEIT: Was hat Ihnen damals gefehlt?

Voigt: Die Bestätigung zum Beispiel, dass man nicht völlig irre ist, wenn man seinem Kind Gummibärchen zuschiebt, damit man sich auf die Telefonkonferenz konzentrieren kann. Da erzählt dann eine, dass sie es genauso macht, und schon fühlt man sich weniger schlecht.

Fitzner: Man empfindet die eigene Situation ja längst nicht als normal. Und gerade in den männerdominierten Branchen kann man bestimmte Fragen einfach überhaupt nicht stellen.

Kebbel: Wie man die abgepumpte Milch durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen Heathrow schmuggelt zum Beispiel ...

Fitzner: ... oder wie man das Kind auf die Toilette setzt, während man am Telefon irgendwelche Rechtsfragen klärt.

Kebbel: Es gibt Phasen, in denen die Arbeitsbelastung höher ist, als man möchte, weshalb man seinem Anspruch als Mutter nicht immer gerecht wird. Da tut es gut, wenn man sieht: Die anderen sind auch nicht perfekt, die haben den Kuchen auch nicht selbst gebacken und die Schultüte nicht selbst gebastelt. Davon geht die Welt nicht unter.

Fitzner: Also ich habe die Schultüte selbst gebastelt, und ich backe auch gern!

ZEIT: Ein Netzwerk gegen das schlechte Gewissen?

Härle: Ein schlechtes Gewissen hatte ich nie. Ich war überzeugt von meiner Wahl. Ich habe immer gewusst: Für mich ist es richtig, mit Kind Karriere zu machen. Aber natürlich ist es unglaublich schwer, das durchzuziehen. Dafür braucht man ein gewisses Selbstbewusstsein.

ZEIT: Weil eine Mutter, die in Kostüm und Pumps in die Krippe kommt, um ihr drei Monate altes Baby abzugeben, immer noch alles andere als selbstverständlich ist?

Härle: Wir Frauen machen es doch niemandem recht. Wenn wir zu früh in den Job zurückkehren, ist es nicht richtig. Wenn wir zu spät zurückkommen, ist es auch schlecht. Wenn wir viel arbeiten, sind wir Rabenmütter, wenn wir wenig arbeiten, werden wir nicht ernst genommen.

ZEIT: Sie haben Ihre Tochter mit Anfang 40 bekommen und früh in die Krippe gegeben.

Härle: Ja, sie kam mit zehn Wochen in die Krippe. Und was wurde ich angefeindet dafür! Das ging bis zu dem Vorwurf: Dein Kind wächst ohne Eltern auf! Aber ich wollte zu dieser Zeit unbedingt wieder ran.

Wie viel Planung bedarf die Vereinbarkeit von Familie und Karriere?

ZEIT: Dieses Lebensmodell, nicht nur Kinder haben zu wollen, sondern die Karriere in vollem Umfang noch dazu - wie akribisch haben Sie das geplant?

Voigt: Ich glaube nicht, dass man das planen kann. Mir war immer klar, dass ich beides will, das schon. Ich wusste, dass ich nicht studieren oder einen MBA machen würde, um dann irgendwann zu sagen: Jetzt steige ich wegen der Kinder aus. Aber solche Vorstellungen umzusetzen, das hat ja mit viel mehr Faktoren zu tun. Ganz entscheidend: Finde ich einen Mann, der meine Lebensplanung teilt? Wir haben mit 23 unser erstes Kind bekommen, während des Studiums. Dann sind wir zum Arbeiten in die USA gegangen, dort kam das zweite. Und dann waren die beiden schon so groß, und wir dachten, ein drittes Kind wäre schön.

Härle: Ich hatte lange Zeit keinen Mann, mit dem ich ein Kind hätte bekommen können. Ich dachte: »Gut, wenn du kein Kind kriegst, ist es auch nicht schlimm«, und habe einfach mit Vollgas Karriere gemacht. Dann traf ich meinen Mann. Wir haben erst mal die Zweisamkeit genossen, und dann kam das Kind.

Fitzner: Für mich war es nie eine Frage, ob ich berufstätig bin oder nicht. Man geht in die Schule, macht ein Studium, erlernt einen Beruf, ist eine eigenständige Person. Und dann kriegt man ein Kind und soll plötzlich nichts anderes mehr machen, als sich darum zu kümmern? Das war für mich nie im Entferntesten eine Option! Dann habe ich in einer Kanzlei gearbeitet und war in meinem Büro irgendwann die einzige angestellte Anwältin mit Kindern.

ZEIT: Wo waren die anderen?

Fitzner: Nicht mehr da. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber im Ergebnis sind bei den zehn größten Kanzleien in Deutschland auf Partner-Ebene weniger als zehn Prozent Frauen - in manchen Kanzleien sogar sehr viel weniger. In einem solchen Umfeld haben Sie als junge Mutter keinen Ansprechpartner. Im Gegenteil: Sie stehen überwiegend Männern gegenüber, die sich in Ihre Lage nicht hineinversetzen können. Diese Männer mussten sich ja meist nicht zwischen Kind und Job entscheiden, weil bei ihnen im Hintergrund die Frau alles abdeckt, die Kinder, den Haushalt. Und dann denken diese Chefs, das Problem sei nur die Vereinbarkeit, und bieten Teilzeit an.

ZEIT: Das ist es aber nicht?

Fitzner: Es geht doch auch um Inhalte! Wenn die Frauen nach dem Wiedereinstieg das Gefühl haben, man setzt sie einfach irgendwohin, obwohl sie schon einiges an Berufserfahrung haben, dann fühlen sie sich entwertet. Aber wenn sie merken, der Chef hat sich was überlegt, bietet ihnen trotz reduzierter Arbeitszeit Aufstiegschancen an, dann sind sie motiviert. Es geht darum, weiterhin Verantwortung zu übernehmen. Die will man sich nicht aus der Hand nehmen lassen.

Kebbel: Deshalb glaube ich schon, dass man planen sollte. Viele Frauen lassen die Dinge einfach auf sich zukommen. Sie werden schwanger und sagen: »Ich bin dann erst einmal weg.« Viel klarer wäre die Ansage: Zählt auf mich, ich komme dann und dann wieder zurück. Extrem wichtig ist es, von Anfang an den Partner einzubeziehen. Denn in der Tat ist das, was wir hier machen, ohne Partner oder Netz und doppelten Boden kaum zu schaffen.

ZEIT: Ihre Männer packen also mit an?

Härle: Mein Mann ist in der Regel unter der Woche unterwegs. Natürlich übernimmt er Aufgaben, wenn er da ist, aber das ist nicht planbar. Aber es geht auch so. Denn ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass, wenn die Frau arbeitet, der Mann zurückstecken muss.

Voigt: Bei uns ist mein Mann derjenige, der die Familienfäden zusammenhält. Er arbeitet genauso viel wie ich, ist aber etwas flexibler. Die Terminabsprache ist ein wichtiger Bestandteil unseres Sonntagabendgesprächs. Wer ist wann wo?

Kebbel: Sonntagabends ist das bei uns auch so. Mein Mann macht alles, was mit Küche, Einkaufen und Fußballverein zu tun hat. Ich koordiniere die Kinderbetreuung und die Schulsachen. Konflikte gibt es bei Themen, die außerhalb der Alltagsroutine liegen: Auf einmal ist Karneval, und die Kinder haben wieder kein Kostüm!

Voigt: Wenn Mütter bei mir anrufen, weil es um irgendwelche Verabredungen für Spielenachmittage oder sonstige Kinderaktivitäten geht, dann rufen die genau einmal an ... (alle lachen)

Voigt: ... weil ich ihnen sage: Wenden Sie sich bitte an meinen Mann! Er kümmert sich um die Schule, das Nachmittagsprogramm, den Schwimmverein. Ich bin für unser soziales Leben zuständig. Wer kommt am Samstagabend zu uns, wann gehen wir ins Kino, wo gibt's eine Party?

Härle: Unter der Woche übernimmt auch unser Aupair-Mädchen viel. Nur ist das auch nicht immer stressfrei. Wir haben derzeit das achte Au-pair für meine fünfeinhalb Jahre alte Tochter. Länger als ein Jahr dürfen sie ja nicht bleiben, und wenn eine plötzlich und unerwartet abreist, dann ist der Stressfaktor natürlich entsprechend hoch.

Voigt: Dann bricht kurzzeitig alles zusammen.

Kebbel: Wenn es zum dritten Mal passiert, hat man allerdings schon eine gewisse Routine.

Härle: Aber es ist für mich toll, zu sehen, wie sich mein Kind ganz offen auf neue Leute einstellt. Wenn wir ein neues Au-pair vom Flughafen abholen, sitzt das Mädchen noch nicht im Auto, da sagt meine Tochter schon: Meine Freundin! Und will, dass sie neben ihr sitzt. Für mich ist das auch eine Erziehungssache, zu sagen: Sei offen für neue Leute. Gerade weil meine Tochter ohne Geschwister aufwächst, ist das ein schönes Modell für sie.

Kebbel: Zum Glück hat sich ja auch in der institutionellen Kinderbetreuung eine Menge getan. Als ich für mein erstes Kind vor elf Jahren einen Krippenplatz in Frankfurt gesucht habe, standen auf den Wartelisten hundertmal mehr Kinder, als die Einrichtung Plätze zur Verfügung hatte. Aber inzwischen gibt es Betreuungszeiten bis abends um sechs und Ferienangebote.

Flexibilität bieten, aber auch einfordern

ZEIT: Angebote, die vor allem für die Eltern gemacht werden. Bis abends um sechs in der Kita zu sein, wünschen sich ja die wenigsten Kinder. Denken Sie manchmal darüber nach, ob das, was Sie gut finden, mit dem übereinstimmt, was für die Kinder gut ist?

Härle: Natürlich suchen wir uns Betreuungsmodelle aus, die zu unserem Erziehungsanspruch und zu unseren Arbeitszeiten passen. Für uns war nicht wichtig, dass es die besonders teure Privat-Kita mit Kronleuchter im Eingangsbereich ist, sondern dass sie in der Nähe ist und eine gute Betreuung bietet.

Fitzner: Mit dem ersten Kind waren wir in einer Elterninitiative, jetzt sind wir in einer privaten bilingualen Einrichtung, da zahlen wir wesentlich mehr, aber die Kinder werden zum Teil eben auch von Muttersprachlern betreut. Wenn ich mir dagegen den städtischen Hort anschaue, auf den wir mit einem Schulkind nun ebenso angewiesen sind, weil die Schule um 11.15 Uhr einfach aus ist: Der ähnelt eher einer Aufbewahrungslösung, wenn sich acht Betreuer um hundert Kinder kümmern. Die Wahlmöglichkeiten werden leider immer geringer, wenn die Kinder größer werden.

ZEIT: Noch mal - wie gehen Sie mit der Frage um: Ist das überhaupt gut für mein Kind?

Härle: Ich hinterfrage das durchaus. Die Entscheidung, Vollzeit zu arbeiten und mein Kind mit zehn Wochen in die Krippe zu geben, entspricht natürlich zunächst mal meinem persönlichen Bedürfnis. Das mögen viele egoistisch finden. Aber ich versuche gleichzeitig auch, das Beste für das Kind zu machen. Ich weiß, dass meine Tochter sich wünscht, dass ich manchmal mehr Zeit für sie hätte. Also versuche ich das zu kompensieren. Wenn wir zusammen sind, bin ich vielleicht intensiver Mutter als viele andere, die sehr viel mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen. Wichtig ist, es mit sich selbst vereinbaren zu können. Und ich bin davon überzeugt: Ich bin die beste Mutter für mein Kind!

Kebbel: Ich würde das nicht egoistisch nennen. Wenn ein Vater die Entscheidung trifft, Vollzeit zu arbeiten, würde ihm niemand Egoismus unterstellen. Jeder würde sagen: »Der sorgt für die Familie.« Ich wehre mich dagegen, dass das Arbeiten von Müttern allein der Selbstverwirklichung dient. Es trägt genauso zum Familieneinkommen bei, und ich kenne nicht wenige Fälle, in denen die Frauen die Hauptverdiener in der Familie sind.

Voigt: Und ich möchte mich dagegen wehren, dass arbeitende Mütter ein Nachteil für ihre Kinder sind! Als ich mit meinem jüngsten Sohn schwanger war, war die größte Sorge der beiden Großen: Wenn das Baby dann da ist, bist du dann immer zu Hause, Mama? Aus ihrer Perspektive heraus war das keine tolle Vorstellung.

ZEIT: Bei den arbeitenden Vätern war früher aber immer noch einer zu Hause, bei Ihrem Modell ist kein Elternteil mehr bei den Kindern. Was passiert, wenn in diesem komplizierten Gefüge, das Sie sich geschaffen haben, einer nicht mehr funktioniert - das Kind, die Kita, das Au-pair oder Sie selbst?

Voigt: Bei uns ist nach Ostern das Au-pair nicht mehr aufgetaucht. Am Ostersonntag hat sie gesagt, dass sie Dienstag nicht mehr da ist. Ich habe meinem Chef gesagt: Bei uns zu Hause ist die Logistik zusammengebrochen, und wir haben kurzfristig einen lokalen Einsatzort für mich gefunden. Es ging. Aber das muss man einfordern.

Kebbel: Wir standen auch schon mal plötzlich ohne Kinderfrau da. Von einem Tag auf den anderen musste ich vier Wochen lang Homeoffice machen. Aber da zeigt sich die Flexibilität auf beiden Seiten: In meinem Job muss ich gelegentlich auch mal ein Wochenende durcharbeiten oder eine echte Abend- oder sogar Nachtschicht einlegen. Da biete ich Flexibilität. Aber ich fordere sie auch ein. Ein guter Arbeitgeber beharrt nicht auf starren Anwesenheiten.

ZEIT: Beschweren sich die Kinder denn nie, dass Sie so wenig zu Hause sind?

Kebbel: Wir haben eine Vereinbarung, dass ich nicht mehr als zwei Abendtermine pro Woche habe. Wenn es mehr sind, beschweren sie sich. Dann gleiche ich das in der nächsten Woche wieder aus.

Voigt: Man darf Versprochenes nicht brechen. Ich darf nicht sagen: »Ich bin zum Abendessen da«, und dann nicht kommen. Das enttäuscht die Kinder maßlos. Aber wenn ich sage: »Ich bin jetzt drei Tage nicht da, aber am Donnerstag komme ich zurück«, dann können sie damit gut umgehen.

Vollzeitbeschäftigung vs. Mutter-Kind-Beziehung?

ZEIT: Kennen Sie das Gefühl, dass sich vor lauter Arbeit und Geschäftsreisen eine Art emotionale Distanz zwischen Ihnen und Ihren Kindern einschleicht? Dieses Gefühl, nicht mehr an die Kinder heranzukommen? (längeres Schweigen)

Voigt: Ich glaube, es kommt nicht auf die Anzahl der Stunden an, sondern darauf, dann auch wirklich anwesend zu sein.

ZEIT: Das beantwortet die Frage noch nicht. Außerdem zweifeln Erziehungswissenschaftler längst am Konzept der quality time. Also, haben Sie das schon erlebt? (wieder Schweigen)

Kebbel: Wenn es solche Situationen gibt, muss man sich zusammensetzen und sehen, wie man da gegensteuert. Ich habe zum Beispiel vor einigen Jahren einen »Mama-Nachmittag« unter der Woche eingeführt. Weil ich damals gemerkt habe, ich kannte den Trompetenlehrer oder die Cellolehrerin meiner Kinder gar nicht. Da hatte ich den Eindruck, ich verpasse wirklich zu viel von ihrem Alltag. Den kriegt man ja tatsächlich nur mit, wenn man auch mal mit hingeht. Dann kann man das alles auch wieder besser einordnen.

Härle: Ich versuche, zu den wichtigsten Veranstaltungen da zu sein. Zu Aufführungen im Kindergarten oder beim Vorspielen. Selbst wenn es um zwei Uhr nachmittags ist. Dann lasse ich alles stehen und liegen.

ZEIT: Und das ist mit Ihrem Job vereinbar?

Härle: Das ist ja das Gute daran, wenn man Karriere macht: Die Freiheiten nehmen zu! Viele denken, wir rennen immer nur mit dem Köfferchen unterm Arm hierhin und dorthin und sind nur im Stress. Dabei wird es einfacher. Man muss sich nicht rechtfertigen, warum man mal kurz weg muss.

Kebbel: Als ich noch keine Sekretärin hatte, habe ich an den freien Nachmittagen die Anrufe aus dem Büro immer auf mein Handy umgeleitet. Dann entstanden so Situationen wie die, dass ich auf dem Flur der Musikschule stand, mit einem Einjährigen auf dem Arm, der eigentlich Mittagsschlaf machen sollte, und einem Conference Call am Ohr, weil der Kunde etwas besprechen wollte. Dazu all die anderen Mütter, die mich sowieso komisch angeguckt haben, schon weil ich ganz anders gekleidet war. Solche Situationen würde ich mir heute nicht mehr geben. Da ist es besser, klare Grenzen zu ziehen.

Familie und Vollzeitbeschäftigung - nicht jedermanns Sache

ZEIT: Sie vier scheinen alle besonders viel Kraft zu haben. Doch es gibt viele Frauen, denen die Luft ausgeht beim Experiment, Familie und Karriere zu vereinbaren. Lassen Sie solche Frauen dann ziehen, oder versuchen Sie, sie im Netzwerk und in Ihren Firmen zu halten?

Kebbel: Ich kenne solche Fälle aus dem Netzwerk genauso wie aus dem Unternehmen. Als Vorgesetzte würde ich vorschlagen, das Ganze erst einmal in Ruhe zu analysieren. Man kann zum Beispiel ein Sabbatical machen, um einmal durchzuatmen und Abstand zu gewinnen. Das machen Männer übrigens genauso.

Härle: Wenn ich mit solchen Fällen zu tun habe, hinterfrage ich erst mal, wo die Probleme wirklich liegen. Oft kommt heraus, dass die Frau schon immer Zweifel am gewählten Lebensmodell hatte. Dann folgen aus dieser Mischung aus schlechtem Gewissen und Unzufriedenheit eine seelische Überlastung und der Zusammenbruch.

Voigt: Wir selbst sind doch auch nicht frei davon. Man muss sich entscheiden. Ich kann nicht einerseits rumjammern, dass ich mittwochs nicht um 15.30 Uhr bei der Schulaufführung dabei sein kann, andererseits aber unzufrieden sein, dass ich ein wichtiges Meeting verpasse, wenn ich dort bin. Viele versuchen, sich zu zerreißen und alles zu machen. Das geht nicht. Ich gehe auch Kompromisse ein, mache viel weniger Sport als früher. Ich muss aber mit der Wahl, die ich getroffen habe, zufrieden sein.

Fitzner: Früher konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, zum Staat zu gehen, ich wollte in die freie Wirtschaft. Ich habe viele Jahre in Großkanzleien gearbeitet, aber da irgendwann auf lange Sicht keine Zukunft mehr für mich gesehen. Mir war die Taktung zu hoch, dazu diese geforderte Vollverfügbarkeit. Jetzt bin ich bei einer Bundesbehörde, habe flexible Arbeitszeiten, und es ist völlig normal, in Teilzeit zu arbeiten. Es gibt dort sogar Führungspositionen im Jobsharing.

ZEIT: Es heißt, die Arbeitswelt würde frauen- und familienfreundlicher, wenn mehr Mütter in Führungspositionen säßen. Was tun Sie in Ihren Positionen konkret dafür?

Kebbel: Wir sind in unserer Firma 50 Prozent Frauen im Partner-Kreis. Und fast alle von ihnen haben Kinder. Es ist kein Tabu mehr, die Familien als Grund anzuführen, um pünktlich nach Hause zu gehen. Wir helfen damit aber auch den jungen Vätern. Kürzlich sagte einer zu mir: »Immer diese Telefonkonferenz morgens um 8.30 Uhr, muss das sein? Da bringe ich gerade die Kinder weg.« Je mehr Männer den Mund aufmachen, desto akzeptierter wird das, weil es nicht nur ein Frauenthema ist.

ZEIT: Was macht man in der Unternehmensberatung mit Müttern, die plötzlich nicht mehr reisen wollen?

Voigt: Dann wird versucht, eine lokale Arbeitslösung zu finden, mit Kunden in der Region.

ZEIT: Wie schnell und wie hart fällt man dann als Mutter von der Karriereleiter?

Voigt: Ich selbst habe mit zwei Kindern bei Boston Consulting angefangen und bin kontinuierlich meinen Weg nach oben gegangen. Es ist ja nicht so, dass man den ganzen Tag nur die Ellenbogen ausfährt und denkt: Los jetzt, da will ich hin. Und wenn ich für ein neues Projekt ein Team zusammenstelle, dann versuche ich, da eine gute Mischung hinzubekommen und auch die jungen neuen Mitarbeiterinnen vorwärtszubringen.

Härle: Ich frage meine Mitarbeiterinnen: Was wollt ihr denn genau? Und wenn ich das Gefühl habe, die haben sich das richtig gut überlegt und sind davon überzeugt, dann unterstütze ich sie in ihren Plänen. Egal, ob sie nach der Geburt des Kindes schnell wiederkommen wollen oder später oder in Teilzeit. Ich habe auch eine Mitarbeiterin, die arbeitet nur zwölf Stunden pro Woche. Das ist okay. Ich würde nie sagen: Du solltest aber mehr arbeiten! Das ginge wirklich gegen meine Überzeugung. Was ich aber auffällig finde: Für viele Frauen ist es absolut selbstverständlich, ein ganzes Jahr wegzubleiben. Das ist wie ein Automatismus. Da frage ich schon mal: Muss es denn ein ganzes Jahr sein? Wie wäre es mit vier oder sechs oder neun Monaten?

ZEIT: Wären Ihre Jobs denn weg gewesen, wenn Sie eine so lange Auszeit genommen hätten?

Kebbel: Ich wurde eingestellt, da war ich mit meinem ersten Kind schwanger. Ich habe meinem Chef damals versichert, dass ich vier Monate nach der Geburt wieder einsteigen würde. Das hat er mir geglaubt, und ich habe es auch gemacht.

Voigt: Mir ist aber auch aufgefallen: Es gibt da durchaus einen Ost-West-Unterschied. Von all den Freundinnen, die mit mir in Leipzig studiert haben, blieb fast keine ein ganzes Jahr zu Hause.

ZEIT: In den Diskussionen um den Spagat zwischen Beruf und Familie mehren sich die Stimmen, die von einer »Vereinbarkeitslüge« sprechen. Es jedem recht zu machen funktioniere einfach nicht. Einer leidet, zerbricht, geht unter. Warum haben Sie selbst so gar keine Zweifel an Ihrem Modell?

Voigt: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es wäre einfach. Es ist nicht einfach. Aber ich habe diese Wahl bewusst getroffen und bin damit zufrieden. Wenn ich nicht mehr zufrieden bin, muss ich etwas ändern.

Kebbel: Ich denke auch, dass es möglich ist. Aber dazu gehören einige sehr bewusste Entscheidungen. Wenn eine Frau Karriere machen und irgendwo in einer Vorstandsetage sitzen will, dann sollte sie das entsprechende Fach studieren und sich bei der Berufswahl vor Männerdomänen nicht scheuen. Es geht um Klarheit. Gegenüber dem Partner, gegenüber den Kindern. Der Partner sollte wissen: Ich erwarte, dass wir uns die Verantwortung für die Kinder teilen. Den Kindern sollte klar sein: Mama und Papa arbeiten, das bedeutet, dass ihr Verantwortung übernehmt, eure Schulsachen selber packt. Und natürlich Klarheit gegenüber dem Chef: Da muss man als Frau auch mal den Blinker setzen und die Lichthupe verwenden, damit überhaupt einer merkt, dass sie weiter vorankommen will.

Härle: Ich bin der tiefen Überzeugung, dass es machbar ist für jeden, der das wirklich will.

ZEIT: Ohne einen Preis dafür bezahlen zu müssen?

Härle: Für mich gibt es keinen Preis.

Aus DIE ZEIT :: 16.10.2014

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