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Worum geht es im Exzellenzwettbewerb?

Von Hans Joachim Meyer

Die Exzellenzinitiative hat die deutschen Universitäten in den vergangenen Jahren in Atem gehalten. Endlich habe ein echter Wettbewerb die Fiktion der Gleichheit aller Universitäten vertrieben. Doch geht es nur um den Wettbewerb um die besten Konzepte? Oder gibt es noch eine andere leitende Idee?

Worum geht es im Exzellenzwettbewerb?© kallejipp - Photocase.comDie Exzellenzinitiative soll Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen fördern
Beginnen wir mit dem Lob: Eine Initiative wie der Exzellenzwettbewerb war überfällig und wirkte in vielem wie eine Befreiungsschritt, nicht zuletzt im Kontrast zu der seit Jahrzehnten erduldeten Unterfinanzierung der Hochschulen. Die neue Chance zum Erfolg durch wissenschaftliche Leistung löste eine große Dynamik aus und motivierte zu einem unübersehbaren Mobilisierungsschwung. Zu lange herrschte in der öffentlichen Meinung der Bundesrepublik das realitätsferne Postulat der Gleichheit aller Universitäten. Diese Vorstellung erhielt durch den Exzellenzwettbewerb einen kräftigen Stoß.

Positiv war dabei überdies, dass der Exzellenzwettbewerb an der bewährten deutschen Praxis festhielt, der Wissenschaft keine politisch oder wirtschaftlich motivierten thematischen Vorgaben zu machen und die Ergebnisse des Wettbewerbs in einem wissenschaftlichen Gutachterverfahren zu beurteilen. Es ist zu hoffen, dass die Aufmerksamkeit, welche der Exzellenzwettbewerb in der internationalen Öffentlichkeit gefunden hat, auch die europäische Akzeptanz solcher Wettbewerbsprinzipien befördern wird. Vor allem aber hat der Exzellenzwettbewerb vielfach zu einer die wissenschaftliche Zusammenarbeit befördernden institutionellen Flexibilisierung geführt, sowohl innerhalb der einzelnen Universitäten als auch in der Beziehung zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung. Das ist eine gewiss nicht erschöpfende, aber eindrucksvolle Liste von Vorzügen dieses Wettbewerbs. Wie jeder Wettbewerb, so legte auch der Exzellenzwettbewerb Stärken und Schwächen offen und verstärkte Disproportionen.

Der Abstand zwischen Spitzenforschung und dem gleichsam normalen universitären Forschungsbetrieb ist größer geworden, auch durch strukturelle und finanzielle Schwerpunktsetzungen, um Chancen im Exzellenzwettbewerb zu haben. Die ohnehin gravierende Frage, was aus leistungsstarken jungen Wissenschaftlern werden kann, die keine realistische Aussicht auf eine Berufung haben, wurde durch die personelle Konzentration auf Spitzenprojekte noch verschärft. Das Erfolgsrisiko, das in jedem Wettbewerb liegt, wurde durch das Missverhältnis zwischen der Chance kurzzeitiger Förderung und dem Zwang zu langfristiger Strukturveränderung zugespitzt. Und in einem wahrhaft dramatischen Ausmaß wuchs der Abstand zwischen Forschung und Lehre in Bezug auf deren qualitativen Rang und praktischen Stellenwert. All das spricht zwar nicht gegen einen Exzellenzwettbewerb in der Forschung. Die Frage stellt sich jedoch, ob es der Deutschen Forschungsgemeinschaft bei diesem Wettbewerb tatsächlich allein um die Förderung von Forschung ging.

Neben den mit einem Wettbewerb fast unvermeidlich verbundenen Nachteilen gab es auch konkrete Kritikpunkte, die abzustellen oder abzumildern durchaus möglich wäre, so der Wunsch, die Ablehnung von Projekten präzise und nachvollziehbar zu begründen. Wichtiger ist die mehrfach geäußerte Kritik am Gewicht quantitativer Indikatoren sowie die mangelnde Berücksichtigung des ungleichen Ressourcenbedarfs der verschiedenen Wissenschaftsgebiete. Wird die Leistung institutionellen Handelns bewertet, so besteht überdies die Gefahr, aus dem Modell von New Public Management ein Konzept von public value zu übernehmen, das sich an einem primär quantitativen Effizienzkriterium orientiert. Schließlich ist in der öffentlichen Debatte wiederholt die fächerblinde Pauschalität des Verfahrens kritisiert worden, genauer gesagt: Die unzureichende Berücksichtigung jener charakteristischen Eigenheiten, welche die Natur-, Technik-, Sozial-, Wirtschafts-, Geistesund Kulturwissenschaften in einer für eine faire Forschungsförderung relevanten Weise unterscheiden. Diese Unterschiede bestehen bekanntlich nicht nur im Ressourcenbedarf und im realen Ausmaß möglicher Drittmitteleinwerbung, sondern auch in der Notwendigkeit und in der Bereitschaft zur Teamarbeit sowie in der Bedeutung konkurrierender Denkrichtungen.

Die leitende Idee des Exzellenzwettbewerbs

Meine eigentliche, weil grundsätzliche Kritik macht sich denn auch nicht an in der Natur von Wettbewerb liegenden Nachteilen oder an einzelnen zwar kritikwürdigen, aber durchaus korrigierbaren Wettbewerbselementen fest, sondern an jener leitenden Idee des Exzellenzwettbewerbs, welche die dafür Verantwortlichen selbst als dessen Vorzug betrachten und für welche die dritte Förderlinie steht. In dieser ging es bekanntlich um Zukunftskonzepte, die zwar mit thematischen Absichten zu begründen waren, sich aber primär durch institutionelle Entscheidungen auszuweisen hatten. Der Nachweis wirkungsvollen universitären Führungshandelns galt als Garantie für künftige wissenschaftliche Erfolge. Auf dieser Grundlage wurde zwischen normalen Universitäten und Exzellenzuniversitäten unterschieden. Ging es also dem Exzellenzwettbewerb primär darum, ein bestimmtes hochschul- und wissenschaftspolitisches Konzept durchzusetzen?


Zweifellos wäre es auch auf einem anderen Wege möglich gewesen, einige Universitäten als Stätten exzellenter Forschung herauszustellen. Wäre z.B. die gesamte Wettbewerbssumme für die Förderlinien 1 und 2 eingesetzt worden, so hätte sich daraus, zusammen mit den jeweils schon eingeworbenen Sonderforschungsbereichen und Graduierungskollegs, eine Gruppe von neun bis zwölf besonders erfolgreichen Universitäten ergeben, die man - informell, aber öffentlich nicht weniger wirkungsvoll - als Exzellenzuniversitäten hätte charakterisieren können. Dann hätte das Wettbewerbsergebnis das unterschiedliche Leistungsvermögen der Universitäten realistischer abgebildet. Es wäre ein zutreffenderes Gesamtbild der deutschen Universitäten entstanden, ohne die Lebenslüge der qualitativen Gleichheit aller Universitäten zu verlängern. Doch dass diese sich angemessen in zwei Gruppen aufteilen lassen, kann niemand im Ernst behaupten. Auch hätte man jene Verhärtungen vermieden, die sich aus der offiziellen Verkündigung eines solchen Statusunterschiedes ergeben und den zweiten Exzellenzwettbewerb erwartbar belasten werden. Der Zweck der dritten Linie war jedenfalls ein völlig anderer als jener der ersten beiden Förderlinien. In den ersten beiden Linien ging es um die Förderung von Forschung. Bei der dritten Linie ging es darum, strategische Handlungsfähigkeit zu prämieren und so die institutionelle Differenzierung zu befördern.

Tatsächlich scheint denn auch die dritte Linie in einem gewissen Maße ein Wettbewerb der Universitätsleitungen gewesen zu sein, deren Ergebnis auch von der Gunst oder Ungunst des Standortes und anderer nichtakademischer Umstände beeinflusst wurde. Zweifellos ist es ein richtiges Ziel, die deutschen Universitäten zu eigenständigen, handlungs- und entscheidungsfähigen kollektiven Akteuren zu entwickeln. Und selbstverständlich gilt es, auf die dafür erforderlichen strukturellen wie mentalen Bedingungen hinzuwirken. Das kann aber nicht unabhängig vom Status deutscher Universitäten als Einrichtungen öffentlicher Verantwortung geschehen. Und ebenso wenig scheint dies realistisch, ohne den föderalen Charakter unserer Verfassungsordnung zu berücksichtigen und die dauerhaft unterschiedliche Finanzkraft der Länder. Zu beiden Bedingungsgefügen stehen aber die neuen Exzellenzuniversitäten - zumindest potentiell - in einem nicht zu unterschätzenden Spannungsverhältnis. Die Frage ist also, ob mit einem Wettbewerb um überzeugende "Zukunftskonzepte" nicht ein unrealistischer Nebenweg gewählt wurde, gleichsam an der bundesdeutschen Wirklichkeit vorbei. Zu hinterfragen sind auch die Konsequenzen innerhalb der Universitäten, und zwar nicht nur die gesteigerte Inkongruenz in der Wahrnehmung der beiden universitären Kernaufgaben, nämlich von Forschung und Lehre, sondern auch Störungen in den akademischen Entscheidungsstrukturen.

Zwar sind es die Universitätsleitungen, welche ein institutionelles Gesamtinteresse definieren und durchsetzen müssen, das die divergierenden Individual- und Partikularinteressen nicht nur integriert, sondern auch nach Prioritäten und Posterioritäten sortiert. Aber daraus folgt keine Rechtfertigung einer Kommandouniversität, weil nur diese Wettbewerbserfolge möglich mache. Jede Zentralisierung führt unvermeidlich zur Intransparenz von Leitungsentscheidungen und zur Privilegierung einzelner. Gewiss ist es im europäischen Vergleich imponierend, dass sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat mit diesem Wettbewerb gleichsam zu Hauptakteuren der Hochschul- und Wissenschaftspolitik aufgeschwungen haben. Dann stellt sich aber die Frage nach dem politischen und ideologischen Konzept, das hinter diesem Handeln steht.

Das ideologische Konzept der Exzellenzinitiative

Dieses ideologische Konzept ist überdeutlich: Sein Ideal und sein Orientierungsmaßstab sind das, was man im bundesdeutschen Bewusstsein von den amerikanischen Universitäten zu wissen glaubt und auch nur wissen will. Es ist der leuchtende Blick auf die USA, welcher nicht nur deren Realität vergoldet, sondern der auch nicht gewillt ist, deren Eigenart innerhalb der westlichen Welt zur Kenntnis zu nehmen. Das verführt zu der Meinung, man könne deren Erfolg imitieren, ohne dessen Kontext zu analysieren. Vor allem will man das Agieren amerikanischer Universitäten auf dem Bildungs- und Forschungsmarkt kopieren und hofft so, etwas von deren Glanz abbekommen zu können. Man träumt vom Mythos der Ivy League und will eine deutsche Ivy League konstituieren, und zwar mit deutscher Gründlichkeit auch ganz offiziell, was immer die Folgen sein mögen. Offenbar hatte man übersehen, dass die real existierende Ivy League nur ein Sportverband der acht ältesten Universitäten der USA ist. Vor allem aber dominiert die Vorstellung, die Globalisierung führe zu einer weltweiten Gesellschaft, die englisch spricht und amerikanisch denkt.


Und deren treibender Motor müsse ein möglichst unbehinderter Wettbewerb sein, dessen Ergebnisse quantitativ und kurzfristig gemessen werden. Für diese globale Gesellschaft müsste Deutschland fit gemacht werden. In der Wirtschaft hat diese Zukunftsvorstellung zu wahrhaft desaströsen Konsequenzen geführt. In der deutschen Wissenschaft wird seit langem die gleiche Strategie verfolgt, ohne dies kritisch zu reflektieren. In Wahrheit geht es bei den gegenwärtigen Reformprozessen um die Amerikanisierung der deutschen Hochschulen und um die Ersetzung des Deutschen durch das Englische als Hochschul- und Wissenschaftssprache. Insofern ist die Dominanz der dritten Linie im Exzellenzwettbewerb Teil einer Gesamtstrategie. Der eine wichtige Schritt war die Einführung des angeblich existierenden und angeblich sogar international anerkannten angloamerikanischen Graduierungssystems im deutschen Hochschulwesen - unter missbräuchlicher Berufung auf die europäische Bologna-Erklärung. Wie zu erwarten und sicherlich auch gewollt, wirken Bachelor und Master als symbolische Türöffner für den Gebrauch des Englischen im Studium. Der andere Schritt ist die Orientierung an einem diffusen Idealbild der amerikanischen Universität als Zielvorstellung im Exzellenzwettbewerb, verbunden mit der strikten Vorgabe des Englischen als Sprache für die Bewertung aller zur Förderung eingereichten Projekte und Konzepte, also auch in den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften. Als Argument hört man, die ausschließliche Verwendung des Englischen sei die Konsequenz aus der Internationalität der Begutachtung. Und nur diese garantiere die Objektivität des Verfahrens.

Ich bestreite, dass die Objektivität des Verfahrens dadurch erreicht wird, dass 90 Prozent der Gutachter aus dem Ausland kommen. Denn je mehr man von der zu beurteilenden Institution räumlich entfernt ist, um so gewichtiger wird das diffuse Kriterium ihrer internationalen Sichtbarkeit. Diese wird nämlich nicht nur durch vorgeblich objektive quantitative Parameter ermittelt. Sie besteht nicht weniger im Kopf von Leuten, denen man Autorität und Kompetenz zuspricht. Wer von der Spitzenstellung einer Universität überzeugt ist, der wird sein Bild auf Grund weniger konkreter Daten auch nicht korrigieren. Mit Recht würde das ja auch jeder als weltfremd auffassen. Und was man über das konkrete Bewertungsgeschehen hört und liest, entspricht doch der allgemeinen Erfahrung: Alle bemühen sich redlich um möglichst gerechte Beurteilungen und betten gerade darum den konkreten Fall in das ein, was sie bisher auch schon gewusst und gedacht haben. Wer von fern kommt, wird überdies oft auch nur ein undeutliches Bild haben. Da fragt man sich doch, ob die hoch gepriesene Internationalität nicht die Rolle subjektiver Sichtbarkeit noch erhöht und also die Objektivität der Bewertung verringert.

Was die dem Exzellenzwettbewerb zugrunde liegende Agenda ist, das war der Rede Ernst-Ludwig Winnackers, früher Präsident der DFG und dann Generalsekretär des European Research Council, auf der Jahresversammlung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am 27. Juni 2009 unmissverständlich zu entnehmen: Er will einen englischsprachigen Europäischen Wissenschaftsraum. Und so gilt für den Exzellenzwettbewerb im Wesentlichen das Gleiche wie für die deutsche Version des Bologna- Prozesses: Zwar waren beide wichtige Schritte, und positive Ergebnisse sind unbestreitbar. Aber ihre eigentliche Stoßrichtung ist es, die deutschen Universitäten als Bewerber zu einer englisch sprechenden und amerikanisch dominierten Wissenschaftswelt zu behandeln. Längerfristig wird das für das geistige Selbstverständnis Deutschlands und für seine Kultur einschneidende und verhängnisvolle Folgen haben.

Gekürzte Fassung eines Vortrages, der bei einer Tagung der Konrad Adenauer-Stiftung am 19. Juni in Cadenabbia gehalten wurde. Eine Langfassung kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre» angefordert werden.


Über den Autor
Hans Joachim Meyer ist emeritierter Professor für Angewandte Sprachwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war von 1990 bis 2002 Minister für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen.


Aus Forschung und Lehre :: August 2010

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