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Wozu bedarf es ärztlicher Tugenden?

Von Urban Wiesing

Die ärztliche Tätigkeit ist durch eine grundsätzliche Unsicherheit gekennzeichnet, weil ihr Erfolg nicht garantiert werden kann. Wie soll man als Arzt darauf reagieren? Was können die Patienten von Ärzten erwarten?

Wozu bedarf es ärztlicher Tugenden?© Carlo Dapino - 123rf.comSind Tugenden in einer praktischen Wissenschaft wie der Medizin unverzichtbar?
In der gegenwärtigen wissenschaftstheoretischen Diskussion wird der besondere Status von praktischen Wissenschaften gerne übersehen. Diese Wissenschaften besitzen primär das Ziel, begründete Handlungen zu realisieren. Die Medizin gehört - neben Disziplinen wie der Pädagogik u.a. - zu den praktischen Wissenschaften, sofern man sie von der biomedizinischen Forschung unterscheidet. Allein aufgrund der Besonderheiten gebietet es sich, die Frage nach Tugenden in einer praktischen Wissenschaft zu erörtern. Dabei dürfte diese Frage unbesehen aller wissenschaftstheoretischen Überlegungen zumindest bei einigen Lesern auf Skepsis stoßen. Den Tugenden haftet ein altmodischer Geruch an, der so gar nicht in unsere Zeit passen will. Doch jenseits aller nostalgischen Verklärung lassen sich sachliche Argumente dafür anführen, dass Tugenden in einer praktischen Wissenschaft wie der Medizin unverzichtbar sind. Um dies zu erläutern, seien zunächst die Eigenschaften der ärztlichen Tätigkeit dargestellt. Danach sei gefragt, wie man darauf antworten sollte, um auf diese Weise zu klären, warum es ärztlicher Tugenden bedarf.

Die ärztliche Tätigkeit

Die ärztliche Tätigkeit ist mehrfach mit Ungewissheit behaftet. Ein Arzt kann selbst bei optimalen äußeren Bedingungen und einem Handeln nach den Regeln der Kunst den Erfolg seines Handelns nicht garantieren. Ob eintritt, was er mit seinem Handeln anstrebt, kann grundsätzlich nicht mit Gewissheit zugesagt werden. Umgekehrt kann ein Arzt das Eintreten unerwünschter Wirkungen nicht sicher ausschließen. Richard Toellner pflegt das wie folgt zu beschreiben: "Wenn das Ergebnis der 'Heilkunst' so sicher 'Heilung' wäre, wie das Ergebnis der 'Backkunst' sicher 'Brot' ist (gelegentliches Mißlingen zugestanden), stünde es freilich um die Gesundheit der Menschen besser." (Richard Toellner 1983)

Zudem können ärztliche Entscheidungen nicht mit mathematischer Gewissheit getroffen werden. Es gibt immer Grenzfälle und schwierig zu treffende Entscheidungen. Allein deshalb hat der Computer im ärztlichen Handeln nur bedingt Einzug gehalten. Computer können mittlerweile besser Schach spielen als die Menschen, die eigentliche ärztliche Tätigkeit können sie nur unzureichend simulieren. Überdies kann ein Arzt die Heilung im Nachhinein nicht immer seiner Einflussnahme zugute schreiben, denn viele Erkrankungen heilen auch ohne Zutun. Will der Arzt jedoch aus einer Heilung auf sein Vorgehen bei zukünftigen Patienten schließen, dann muss er klären, ob der Patient von selbst genesen ist oder die ärztliche Therapie einen Anteil hatte. Dies zu beantworten gelingt nur durch den kontrollierten klinischen Versuch. Hier hat die Notwendigkeit der klinischen Forschung ihren Ursprung. Ferner trägt Nutzen und Schaden der ärztlichen Handlung nicht der Arzt, sondern der Patient. Anders als ein Pilot oder ein Busfahrer, die aufgrund eines physikalischen Sachzusammenhangs bei einem Fehler auch um sich fürchten müssen, wird einzig der Patient die Ergebnisse ärztlicher Tätigkeit spüren. Kurzum: Die ärztliche Handlung ist so, wie es der erste Hippokratische Aphorismus trotz seines Alters von gut 2500 Jahren prägnant zu formulieren weiß: "Das Leben ist kurz, die Kunst weit, der günstige Augenblick flüchtig, der Versuch trügerisch, die Entscheidung schwierig." (nach Walter Müri 1986)

Durch den Einzug der modernen Naturwissenschaften in die Medizin hat sich dies graduell, nicht jedoch prinzipiell geändert. Die moderne Medizin verfügt über eine breite Palette bewährter und nachgewiesen zuverlässiger Maßnahmen. Die grundsätzliche Unsicherheit ärztlichen Tuns ist freilich geblieben. Damit stellt sich aber die Frage: Wie soll man als Arzt auf diese Eigenschaften reagieren? Was können die Patienten von Ärzten erwarten? Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten: Zum einen die Unsicherheit verringern, zum anderen auf die verbleibende Unsicherheit angemessen reagieren.

Antworten auf die Ungewissheit ärztlichen Handelns

Die Ungewissheit ärztlichen Handelns lässt sich verringern, indem ein Arzt nach den Regeln der Kunst handelt, also fachlich korrekt handelt. Doch damit dürfte sich das Problem verringern, aber nicht lösen. Denn die Ungewissheit ärztlichen Handelns lässt sich durch die Regeln der Kunst nicht vollständig eliminieren. Auch der beste Arzt kann bei angemessener Handlung lege artis keine Gewissheit in seiner Tätigkeit erlangen. Also bleibt die Frage, wie darauf zu reagieren ist. Diese Überlegungen führen zur ärztlichen Haltung. Der Arzt kann zwar nicht für den Erfolg seiner Handlung garantieren, wohl aber "für die Sorgfalt und die Gewissenhaftigkeit, mit der er seine Handlungen plant und ausführt, für sein Engagement, kurz für seine eigene Person. Dafür zu garantieren ist er freilich verpflichtet." (Wolfgang Wieland 1986) Nur mit einer Haltung seiner Person kann der Arzt auf die unvermeidliche Unsicherheit seines Tuns reagieren. Was ist unter einer Haltung zu verstehen? Indem eine Person eine Haltung einnimmt, versucht sie, sich bestimmte Reaktionsweisen dauerhaft anzueignen, um so eine angemessene, beständige und gewohnheitsmäßige Verhaltensbereitschaft zu erlernen. Haltungen sind immer an eine Person gebunden und sollen eine angemessene Reaktion der Person wahrscheinlicher werden lassen. Sie sind nur durch fortgesetzte praktische Übung zu erlernen und anzueignen. Internalisierte Haltungen sind seit Aristoteles auch als Tugenden bekannt. Insofern gehören zur ärztlichen Tätigkeit aufgrund ihrer Eigenschaften immer auch Tugenden. Aus durchaus sachlichem Grund sollte man auf die vermeintlich altmodischen Tugenden nicht verzichten, ja man kann gar nicht darauf verzichten. Eine Person vollzieht jede Tätigkeit mit einer bestimmten Haltung. Man kann gar nicht haltungslos handeln, sondern allenfalls die Frage nach der angemessenen Haltung ignorieren. Damit wäre dem ärztlichen Handeln jedoch nicht gedient.


Über den Autor
Professor Urban Wiesing ist promovierter Philosoph und habilitierter Mediziner. Er leitet das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Eberhard Karls- Universität Tübingen.


Aus Forschung und Lehre :: 26.05.2011

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