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Würzburger Doktorfabrik

VON DANIEL MÜLLER

Ein Professor für Medizingeschichte soll über Jahre hinweg Dissertationen gegen Spenden selbst verfasst haben.

Würzburger Doktorfabrik© Zhang Xiangyang - 123rf.deDie Universität Würzburg muss sich mit einem mutmaßlich großen Promotionsbetrug auseinandersetzen
Das Büchlein umfasst 35 Seiten, schnörkellos eingebunden in weißen Karton. Drei Exemplare dieser Arbeit über Heilpflanzen aufeinandergestapelt, sind gerade einmal so dick wie ein iPhone. Und zieht man Inhaltsverzeichnis, Danksagung und all den Text ab, der nicht originär vom Autor selbst stammt, bleiben sieben Seiten übrig. Das wäre nicht weiter berichtenswert, wenn es sich um die Festschrift einer Kleingartenkolonie handeln würde. Es geht aber um eine Dissertation der Universität Würzburg, noch dazu eine, die mit magna cum laude bewertet wurde und die im doppelten Sinne als flach bezeichnet werden muss. Sie ist nicht die einzige Doktorarbeit dieser Art an der Hochschule.

Rund 20 Arbeiten, für die zwischen 1998 und 2005 am Institut für Geschichte der Medizin ein Doktortitel vergeben wurde, genügen nicht einmal wissenschaftlichen Mindeststandards. Das haben externe Fachgutachter bestätigt, die von der Universität beauftragt worden waren, nachdem erste Zweifel an der Qualität der Dissertationen aufgekommen waren. All diese Arbeiten wurden von demselben Professor betreut, bei fünf von ihnen prüft der Promotionsausschuss der Medizinischen Fakultät nun schon seit mehr als einem Jahr sogar, ob sie plagiiert sein könnten.

Dieser Würzburger Fall hat nichts mit dem Plagiat Guttenbergs zu tun und nichts mit dem Streit um die Doktorarbeit von Annette Schavan. Es geht hier nicht um die Täuschungen Einzelner, sondern um den Vorwurf, dass ein Professor im großen Stil gegen Spenden Doktorarbeiten selbst verfasst haben soll.

Am Dienstag vergangener Woche tauchte auf der Homepage der Universität Würzburg eine lapidar formulierte Pressemitteilung auf: »Der Promotionsausschuss der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg hat in seiner Sitzung am 5. November beschlossen, zwei Doktortitel zu entziehen.« Und zwar, so heißt es weiter, da »erhebliche Teile aus anderen Arbeiten entnommen waren, ohne dies korrekt zu kennzeichnen«. Es klang, als sei das ein alltäglicher Vorgang. »Diese 20 Arbeiten sind eine Schande für die Universität«, sagt ein emeritierter Würzburger Medizinprofessor. »Dass für diese armseligen Heftchen Titel vergeben wurden, ist geradezu lächerlich«, sagt ein Professor für Medizingeschichte. »Das ist eine Katastrophe für die ansonsten so blendend dastehende Fakultät«, sagt ein Ehrensenator der Universität. »Dieser Fall hat unser gesamtes Fach sehr mitgenommen«, sagt der Vorsitzende des Fachverbands Medizingeschichte.

Was ist da bloß los in Würzburg?

Wer sich mit diesem Fall befasst, dem begegnet eine grotesk verkommene Wissenschaftswelt. Es gibt dort Eitelkeit und Missgunst, Ruhmsucht und Denunziation. Es geht um den Verdacht auf gekaufte Doktortitel, um einen windigen Promotionsvermittler und merkwürdige Spenden, um angeblich gefälschte Beweise und anonyme Hinweisgeber. Und es geht um einen Mann, der sein Leben der Wissenschaft gewidmet hat und am Ende an ihr zerbrochen ist.

Wer den Fall verstehen will, muss zurückgehen ins Jahr 2005. Der ehemalige Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Gundolf Keil, der 25 Sprachen sprechen soll, ein »Mann von lexikalischem Wissen«, wie unabhängig voneinander gleich drei Kollegen sagen, ist seit 18 Monaten emeritiert. In dem Institut für Geschichte der Medizin, einem Flachbau in bester Lage am Würzburger Neuberg, geht er ehemaligen Mitarbeitern zufolge dennoch ein und aus, sein Büro darf er weiterhin nutzen. Jetzt, wo er sich nicht mehr mit administrativen Dingen herumplagen muss, kommt er sogar noch häufiger, auch am Wochenende, um sich endlich mit voller Kraft seiner Leidenschaft zu widmen: der Wissenschaft im Allgemeinen und mittelalterlichen Schriften über Heilpflanzen- und Kräuterkunde im Besonderen. Gundolf Keil gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet. Er ist ein viel beschäftigter Festredner, Träger zahlreicher Preise und Mitglied im päpstlichen Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem, für den laut Satzung nur »Persönlichkeiten katholischen Glaubens sowie einwandfreier sittlicher Lebensführung« auserwählt werden. Ein Jahr zuvor wurde ihm sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen.

In jenem Sommer 2005, Keil ist 71, wähnt sich der einflussreiche Mann auf dem Zenit seiner Karriere. Erst kürzlich hat er seine 250. Dissertation betreut, eine unglaubliche Zahl. »Er ist damit überall hausieren gegangen«, sagt ein emeritierter Professor der Fakultät. Für Keil habe in dieser Zeit nur noch der Ruhm gezählt, der Eintrag in die Geschichtsbücher.

Doch dann entdeckt sein Nachfolger, Professor Michael Stolberg, eine ganze Reihe von Dissertationen, die ihm ungewöhnlich vorkommen. Er vermutet, dass Keil sie selbst verfasst hat, »weil sie nach dem Wortlaut des Textes weitgehend der Diktion und dem Stil von Prof. Keil entsprächen«, wie es in einem universitären Sitzungsprotokoll heißt, das der ZEIT vorliegt. Die Doktoranden, allesamt Ärzte und Zahnärzte, die zum Teil schon seit Jahrzehnten im Beruf stehen und von denen die wenigsten bis zur Promotion eine Verbindung zur Uni Würzburg, geschweige denn zur Medizingeschichte hatten, sollen sich internen Schreiben zufolge mit Spenden an von Professor Keil betriebene gemeinnützige Vereine revanchiert haben.

Stolberg strengt eine universitätsinterne Prüfung der Arbeiten an, im Herbst 2006 nimmt sich die Ständige Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens der Sache an. Es stellt sich heraus, dass ein »Promotionsberater« die Doktoranden an Keil vermittelt hat, was dieser teilweise auch einräumt. Allerdings nur insoweit, als der betreffende Herr M. ihm »fachlich versierte Doktoranden und Doktorandinnen gebracht« habe, wie es in einem Besprechungsprotokoll heißt. Die »Interessenlage von Herrn M. sei ihm dabei nicht bekannt gewesen«. Dieser habe sich schließlich schon lange vorher an das Institut gewandt und sich als »Industrieller vorgestellt, der großes Interesse an medizinhistorischen Themen zeigte«. Auch die seit 1994 vom Promotionsberater regelmäßig getätigten Zahlungen an die von Keil gegründete Würzburger Medizinhistorische Gesellschaft hätten »nichts mit den Dissertationen zu tun«, wie Keil laut einem Protokoll der Ständigen Kommission sagt.

Mehrmals hat Herr M., wie der Abschlussbericht der Kommission vermerkt, Beträge von 7500 oder 15.000 Mark gespendet. Auch Doktoranden und Doktorandinnen haben an den Verein gespendet, jeweils 8000 Mark, »und zwar in zeitlicher Nähe zu ihrem jeweiligen Promotionsverfahren«. Und da soll kein Zusammenhang bestehen? Die Untersuchungskommission jedenfalls »hat (...) vor dem Hintergrund der allgemeinen Lebenserfahrung Zweifel, ob diese Darstellung glaubwürdig ist«. Der Kommission liegen damals, wie ein ehemaliges Mitglied heute bestätigt, zudem gleich mehrere unterschiedliche, nachweislich von Professor Keil handschriftlich verfasste Texte vor, die in mindestens vier Dissertationen zwischen 1998 und 2002 Wort für Wort abgedruckt wurden.

Dass es sich dabei um vorgefertigte Dissertationen handelt, bestreitet Gundolf Keil. Auf Nachfrage lässt er seinen Anwalt ausrichten, hierbei habe es sich lediglich um Mitschriften gehandelt, die in Zusammenarbeit mit den Doktoranden in Arbeitsgesprächen entstanden seien.

Diese und zwölf weitere Arbeiten, die sich allesamt mit einem mittelalterlichen Arzneihandbuch beschäftigen, kommen selbst einem Laien so vor, als seien sie am Reißbrett entworfen worden. Die Struktur ist fast identisch, bei vielen ähneln sich die Einleitungstexte auf frappierende Weise. Mindestens neun Promovenden nennen ein Kapitel »Editorische Vorbemerkung«, darin stimmen Sätze zur Methodik Wort für Wort überein. Es gibt sogar Danksagungen, die sich über vier Absätze hinweg fast komplett decken. Da heißt es bei zwei Zahnärzten: »Dank zu sagen habe ich zunächst Prof. Keil, der (...) mich mit der spätmittelalterlichen Bastarda vertraut machte und die Entstehung meiner Arbeit in all deren Stadien begleitete. « Spricht man die Doktoranden darauf an, erntet man nur ein uneinsichtiges: »Ach, in solchen Danksagungen steht doch eh immer das Gleiche.« Man könnte auch den Verdacht haben, der Professor habe sich sogar selbst gedankt.

»Würzburg am Tag des Heiligen Abtes Romanus« - Wer schreibt so ein Datum?

Ebenso auffällig - und auf die Urheberschaft des erzkatholischen Professors Keil hindeutend - sind die Datumsangaben in einigen Dissertationen. Da heißt es zum Beispiel »Würzburg am Tage des Heiligen Abtes Romanus 2002« oder »Würzburg am Tag vor Lichtmeß 2003« und »Würzburg am Timotheus- und Symphorianus-Tag 2003«. Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein Frauenarzt aus Eisenach, ein Zahnarzt aus einer sächsischen Kleinstadt und ein Nürnberger Internist unabhängig voneinander derartig ausgefallene Angaben in ihren Arbeiten machen. »Für mich steht fest«, sagt ein hochrangiger ehemaliger Mitarbeiter der Universität, »dass all diese Ärzte für ein bisschen Bares ihre Klingelschilder aufgehübscht haben.«

Auch die Ständige Kommission kommt in ihrem 22-seitigen Abschlussbericht vom 8. Juni 2007 zu der Erkenntnis, dass »die gesamten Umstände (...) den Verdacht nahe(legen), dass hier Zahlungen zum Vorteil jedenfalls der Medizinhistorischen Gesellschaft als Gegenleistung für die Ausgabe von Dissertationen und für wesentliche Hilfestellungen bei ihrer Erstellung erbracht wurden«. Sie empfiehlt, den Vorgang der Staatsanwaltschaft zu übergeben, was der Präsident der Universität auch tut. 2009 erhält Professor Keil einen Strafbefehl. Er muss 14.400 Euro zahlen, in sechs Fällen konnte ihm nachgewiesen werden, dass er Geld von Promotionsvermittler M. bekommen hatte. In dem Strafbefehl heißt es: »Ihnen war bei Entgegennahme der genannten Geldbeträge bewusst, dass der Zeuge M. Ihnen die Geldbeträge auch vor dem Hintergrund überließ, dass über ihn ein erster Kontakt zu verschiedenen zukünftigen Doktoranden zustande kam (...)«. Keil zahlt. Damit war das Thema für ihn und die Universität Würzburg erledigt, die Geschichte könnte hier enden. Tut sie aber nicht. Eigentlich fängt sie hier erst richtig an.

Im März 2011 schickt eine anonyme Gruppe, die sich »Freunde des Instituts für Geschichte der Medizin« nennt und offenbar wütend darüber ist, dass der Fall keine weiteren Konsequenzen nach sich zieht, ein 40-seitiges Dossier zu den Vorfällen an einige Redaktionen und Justizbehörden im ganzen Land. Ein paar Medien berichten, die Staatsanwaltschaft Würzburg nimmt erneut Ermittlungen gegen Keil auf, die aber fruchtlos bleiben. Die Universität eröffnet das Verfahren wieder und findet die eingangs erwähnten rund 20, zum Teil aberwitzig dünnen Arbeiten, allesamt betreut von Professor Keil. Sein Ruf gilt als zerstört. Menschen, die ihn gut kennen, nennen ihn heute »einen gebrochenen Mann«. Dem Ausschluss aus dem Fachverband für Medizingeschichte kommt er durch eigenen Austritt zuvor.

Als Festredner will ihn kaum noch jemand, viele Kollegen wechseln die Straßenseite, wenn sie ihm in Würzburg begegnen. Einer sagt: »Er hat ja nicht bloß seinen Ruf zerstört, sondern den einer renommierten Fakultät!« Und die »Freunde« legen noch einmal nach. Vor Kurzem landet auch in der Post der ZEIT ein diesmal mehr als 100 Seiten starkes Konvolut, randvoll mit Quittungen, Notizzetteln und Kontoauszügen, die angeblich beweisen sollen, dass Professor Keil gegen Spenden nicht nur Dutzende Doktorarbeiten, sondern auch einige Habilitationsschriften verfasst haben soll. Auf einem Postit etwa stehen drei Namen von aktuell tätigen Professoren, darunter der Kommentar: »Je 33.000,-«.

Auf einer Quittung aus dem Jahr 2004, die sich Professor Keil selbst ausgestellt haben soll, steht der Vermerk: »20.000 € von XX (Name der Redaktion bekannt) für: Gundolf Keil«, der Verwendungszweck: »Dissertation erstellen«.

Der Anwalt hält die Beweise gegen seinen Mandanten für Fälschungen

»Diese Unterlagen müssen eine Fälschung sein«, sagt Johannes Mierau, Keils Anwalt. »Mein Mandant bestreitet, jemals derartige Belege verfasst zu haben. Da spielt jemand ein böses Spiel und will das Ansehen meines Mandanten herabsetzen. Mir liegen eidesstattliche Versicherungen vor, dass die Doktoranden ihre Arbeiten selbst geschrieben haben.« Die Staatsanwaltschaft Würzburg hat vor einer Woche ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen des Verdachts der Urkundenfälschung eingeleitet.

Die Schrift von Gundolf Keil ist überaus charakteristisch, sie mutet fast zwanghaft exakt an, in Fachkreisen nennt man ihn ob dieser grundschülerhaften Art auch »Gundolf, das Kind«. Zeigt man ehemaligen Kollegen des Emeritus die vermeintlichen Beweise, sagen sie unisono: »Das ist auf jeden Fall von ihm.« Doch ob es sich um Fälschungen oder Kopien von echten Dokumenten handelt, ist in Ermangelung von Originalen nicht festzustellen. Ein Argument für die Echtheit zumindest eines Belegs aus dem Jahr 1996 könnte sein, dass der Quittungsvordruck, auf dem die Summe »20.000 DM« und der Name eines Habilitanden eingetragen sind, von der Firma Zweckform nur bis Ende der neunziger Jahre hergestellt wurde. Er ist seither nicht mehr im Handel erhältlich.

Die ZEIT hat den Berliner Schriftsachverständigen Reinhard Zschach mit einer Analyse des Materials beauftragt. Der Kriminalist stellt bei der vergleichenden »Gegenüberstellung der umstrittenen Schreibleistungen mit den Vergleichsschriften (...) das Vorhandensein deutlicher Ähnlichkeiten, die sich nicht mit Zufall erklären lassen« fest. Allerdings, so konstatiert er, »ist über die Ursachen dieser Ähnlichkeiten anhand der vorliegenden Abbildungen keine Schlussfolgerung möglich«. Weder aus den ersten 40 Seiten noch aus dem zweiten Paket ist ersichtlich, aus wessen Hand das Material stammen könnte. Die Interessenlage ist alles andere als eindeutig. Zwar betreffen viele Vorwürfe Professor Keil, es gibt aber auch scheinbar inkriminierendes Material gegen seinen Lehrstuhlnachfolger.

Der soll, ausweislich eines in der Handschrift von Keil angefertigten Eigenbelegs, 16.000 Euro an Keil gezahlt haben für das »Betreiben meiner Nachfolge«. Im Gespräch mit der ZEIT bezeichnet Stolberg den »angeblichen Beleg« als »eine höchst perfide Fälschung und Verleumdung«. Am 12. November hat er bei der Staatsanwaltschaft Würzburg Strafanzeige wegen des Verdachts auf Fälschung erstattet. In der Tat ist es nur schwer vorstellbar, warum Professor Keil schriftlich die Annahme von Bestechungsgeld festhalten sollte. Auch gegen wissenschaftliche Mitarbeiter aus dem Institut und Professoren an medizinischen Fakultäten in ganz Deutschland finden sich Anschuldigungen. Es wirkt fast so, als befinde sich da einer auf dem Kreuzzug. Einem erfolgreichen Kreuzzug, wenn man so will.

Zwei Doktortitel wurden ja bereits entzogen, und dabei wird es wohl nicht bleiben. Im Gespräch mit der ZEIT sagte der Würzburger Universitätspräsident Alfred Forchel: »Wir sind noch längst nicht am Ende angekommen.« Einige der rund 20 Arbeiten werden derzeit erneut von externen Gutachtern geprüft, mindestens ein Jahr werden sie in Würzburg noch mit dem Thema beschäftigt sein, prophezeit Forchel. Sieben Jahre nach den ersten Ermittlungen ist die Universität fest entschlossen, die Doktorfabrik aufzuarbeiten.

Und der angebliche Fabrikant, inzwischen 78 Jahre alt? Der bestreitet weiter jegliches wissenschaftliche Fehlverhalten. Und da es gegen ihn bislang auch kein disziplinarrechtliches Verfahren gegeben hat, macht er von einem Recht Gebrauch, das ihm als ordentlich emeritierter Ordinarius zusteht: Im aktuellen Vorlesungsverzeichnis des Instituts für Geschichte der Medizin bietet er zwei Seminare an. In dem einen geht es um: Heilpflanzen.

Aus DIE ZEIT :: 19.11.2012

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