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Zornige Studenten, verhaltene Professoren


Von Christopher Metcalf

Die durch gravierende Budgetkürzungen getriebenen Veränderungen an den britischen Hochschulen hatten zunächst heftige britannienweite Proteste vor allem bei den Studenten ausgelöst. Mittlerweile scheint sich der Schauplatz der Auseinandersetzungen von der großen politischen Bühne an die einzelnen Hochschulen verlagert zu haben. Ein Bericht.

Zornige Studenten, verhaltene Professoren© ***jojo - Photocase.comSelbst an den Universitäten Oxford und Cambridge, deren akademisches Personal weitgehende Mitspracherechte hat, ist kein größerer Widerstand zu verzeichnen
Die englischen Studenten haben heftig gegen die Erhöhung der Studiengebühren auf künftig sechs- bis neuntausend Pfund pro Jahr reagiert. Die Vorgeschichte ihres Protests, ein Lehrstück politischer Fehlkalkulation, reicht mindestens bis zur letzten Unterhauswahl im vergangenen Mai zurück. Kandidaten verschiedener Parteien - vor allem aber der Liberaldemokraten unter Parteichef Nick Clegg - versprachen damals ausdrücklich, gegen jede Erhöhung der Gebühren zu stimmen. Der Studentenverband NUS hatte die Kampagne organisiert. Die Liberaldemokraten gingen sogar noch weiter, indem sie die Abschaffung der schon bestehenden, "ungerechten" Studiengebühren von damals, etwas über dreitausend Pfund pro Jahr, verlangten. Allerdings war jedem klar, dass die unabhängige Browne-Kommission nicht nur keine Abschaffung, sondern eine weitgehende Liberalisierung vorschlagen würde.

Bekanntlich erbrachte die Parlamentswahl nicht das gewohnte Ergebnis: Keine Partei konnte allein regieren, es kam zu einer völlig unerwarteten Koalition der Konservativen und der Liberaldemokraten. Seine populäre Ankündigung, die Studiengebühren abzuschaffen, musste Clegg nicht erfüllen - schließlich hatte er die Wahl nicht gewonnen. Leider hatten aber alle liberaldemokratischen Abgeordneten im Unterhaus jenes ausgesprochen scharf formulierte Versprechen unterschrieben, gegen jede Erhöhung zu stimmen. Trotz eines kleineren Aufstands auf den Hinterbänken musste auch diese Linie aufgegeben werden, als die Regierung ihre Hochschulreform auf der Grundlage der Browne-Kommission zur Abstimmung brachte. Der Zorn der Studenten, die an jenem Dezembertag in London protestierten, ist angesichts ihrer Enttäuschung verständlich - egal, wie (un)realistisch ihre Forderungen erscheinen mögen.

Studentenproteste ohne Erfolg

Die Studenten hatten statt Gebühren eine Sondersteuer für Hochschulabsolventen (graduate tax) vorgeschlagen. Auch der liberaldemokratische Wirtschaftsminister Cable, dessen Ministerium in England für die Universitäten verantwortlich ist, hatte sich noch im vergangenen Sommer in diese Richtung bewegt. Eine neue Steuer wäre aber spätestens am Widerstand der Konservativen gescheitert. Da viele Studenten aus dem Ausland kommen und sich nicht unbedingt in England niederlassen und dort Steuern zahlen, mussten schließlich auch die Liberaldemokraten diese Alternative verwerfen. Wieder eine Niederlage für die Studenten, deren nun auch von internen Flügelkämpfen zermürbter Verbandspräsident soeben abgetreten ist.

Mittlerweile hat sich der Schauplatz der Auseinandersetzungen von der großen politischen Bühne verlegt. Die Studenten versuchen nun, möglichst niedrige Gebühren an ihren jeweiligen Universitäten durchzusetzen. Die gewählten Vertreter verhandeln, es hat in vielen Städten - ob in Oxford, London oder Nottingham - weiterhin Kundgebungen und Blockaden gegeben. Bis jetzt ohne Erfolg: Es wird immer deutlicher, dass die meisten Universitäten schon aus Prestigegründen die maximale Gebührengrenze von neuntausend Pfund im Jahr voll ausschöpfen wollen. Dass Gebühren ärmere Bewerber abschrecken könnten, ist ein beliebtes, von Studenten schon seit Jahren vorgetragenes Gegenargument. Allerdings lässt es sich nicht belegen, wie die Browne-Kommission noch einmal klargestellt hat. Entscheidend ist, dass der Staat auch in Zukunft großzügige Studienkredite gewähren wird.

Gebühren als Existenzfrage für die Professoren

Die Gebühren bedeuten für die Universitäten eine Finanz- und für die Professoren eine Existenzfrage. Den traditionellen Forschungsuniversitäten können die Gebühren gar nicht hoch genug sein. Sie klagen schon lange darüber, viel mehr für die Lehre aufwenden zu müssen, als sie durch Gebühren und staatliche Subventionen einnehmen. In Cambridge liegen die jährlichen Durchschnittskosten nach Angaben von Rektor Leszek Borysiewicz bei über siebzehntausend Pfund pro Student. Da die Regierung nun einer Erhöhung der Gebühren zugestimmt hat, andererseits aber die Subventionen für die Lehre sehr stark kürzt, wird sich die Lage nicht unbedingt verbessern. Andere Universitäten, die vor allem praxisorientierte Berufsausbildungen anbieten, lehnen höhere Gebühren eher ab. Professor David Green, Rektor und Chief Executive der Universität Worcester, die zu dieser Gruppe zu zählen ist, wurde kürzlich mit der Bemerkung zitiert, er empfinde durchaus Sympathie mit den protestierenden Studenten. Die radikale Kürzung der Direktsubventionen lässt aber kaum eine Wahl: Selbst die ebenfalls berufsnahe Leeds Metropolitan University, die unter dem alten System noch mit niedrigen Gebühren geworben hatte, wird nun ebenfalls fast an die Höchstgrenze von neuntausend Pfund gehen. Dass Wirtschaftsminister Cable die Universitäten davor warnen muss, die Studiengebühren als "Versicherungspolice" angesichts der unsicheren Finanzlage zu missbrauchen, spricht Bände über das Misstrauen zwischen der Politik und dem akademischen Betrieb.

Kein größerer Widerstand

Der Biologe Tim Horder, der von Oxford aus die aktuellen Entwicklungen in der Perspektive des Hochschullehrers kommentiert, hat vor kurzem auf die insgesamt verhaltene Reaktion der englischen Professoren hingewiesen. Selbst an den Universitäten Oxford und Cambridge, deren akademisches Personal weitgehende Mitspracherechte hat, ist kein größerer Widerstand aufgekommen. Dies gilt auch für eine weitreichende Reform der Forschungsevaluierung, in der künftig auch nicht-akademischer impact berücksichtigt werden soll. Trotz einiger Bemühungen, die Regierung umzustimmen - der Londoner Honorarprofessor Don Braben hatte mit Unterstützung namhafter in- und ausländischer Naturwissenschaftler ein kritisches Dossier verfasst - scheinen die meisten die Politik der Regierung zu akzeptieren oder sich zumindest mit ihr abzufinden.

Der Kern der Universitätsreform - die Verschiebung der Finanzierung von der Allgemeinheit auf den einzelnen Studenten - wird durchaus kontrovers debattiert, wie einzelne Kampagnen und Petitionen zeigen. Indem die Regierung gleichzeitig die direkten Subventionen für die Lehre massiv kürzt, nimmt sie den Universitäten und ihren Professoren aber jeden Spielraum. Analog verhält sich die Reform der Forschungsevaluierung. Die wichtigsten staatlichen Budgets für Forschungsausgaben werden erhalten bleiben, im Gegenzug müssen die Professoren den nicht-akademischen impact-Faktor akzeptieren. Die verhaltene Reaktion des akademischen Personals verdeutlicht den dirigistischen Zug des englischen Hochschulwesens: ein kleiner Kreis von Politikern und Regierungsbürokraten schafft Fakten, die Universitäten müssen nachziehen. Und nach einer Wahl sind die Proteste von enttäuschten Studenten nicht viel wert.


Über den Autor
Christopher Metcalf ist Doktorand in Altphilologie am Balliol College, Oxford.


Aus Forschung und Lehre :: Mai 2011

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