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Zu platt für den Aufstand

VON JOHANNA SCHOENER

Gleichberechtigt arbeiten und Kinder aufziehen? Eltern wünschen sich das, aber es funktioniert nicht. Zeit für eine völlig neue Arbeitskultur.

Zu platt für den Aufstand© diego cervo - Fotolia.comEs ist genau der richtige Zeitpunkt für einen Umbruch zu einer neuen Arbeitskultur
Junge Familien sind heute schrecklich empfindlich. Dieses Lamento über zu wenig Schlaf. Diese Sorge, ob man Babys nun verwöhnen kann oder nicht. Dieses Getue um die optimale Ernährung, um zwiespältige Muttergefühle und neue Vaterbilder. Das ganze Vereinbarkeits-Trara. So viel Aufhebens, könnte man meinen, kann sich nur leisten, wer unter dem üppigen Einfluss von Elterngeld, Kindergeld, Krippenplatz-Anspruch und haufenweise Fruchtquetschies steht. Muss da wirklich noch ein Familiengeld her, wie es die Familienministerin jüngst (mal wieder) angeregt hat? Ihre Idee: Eltern sollen zwei Jahre lang mit 300 Euro unterstützt werden, wenn sie die Berufstätigkeit beide zugunsten der Betreuung eines kleinen Kindes auf 28 bis 36 Wochenstunden reduzieren. Manuela Schwesig hat den Blick damit auf ein Problem gelenkt, das zwar längst bekannt, aber noch lange nicht behoben ist: Wenn es um die Gestaltung des Familienlebens geht, tut sich in Deutschland eine Kluft auf zwischen Wunsch und Wirklichkeit. 60 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren würden familiäre und berufliche Aufgaben gern zu gleichen Teilen übernehmen, aber bloß 14 Prozent tun es. Jedes dritte Paar fände es ideal, wenn beide Partner 30 Stunden arbeiten würden, doch nicht mal jedes zehnte lebt so.

Statt ihre Wünsche umzusetzen, gehen viele Mütter und Väter im Klein-Klein ihrer Alltagsorganisation unter. Wer bringt wann das Kind wohin? Wer besorgt auf dem Rückweg vom Büro noch Brot? Welcher Abendtermin ist unvermeidbar? Wessen Arbeit ist wichtiger, wenn das Kind Fieber hat? Bei welchen Großeltern steht der nächste Besuch an? Ist es okay, auf dem Spielplatz Arbeitsmails zu lesen? Und wie viele Stunden Schlaf sind eigentlich genug? Der ganz normale Familienwahnsinn eben, so der gängige Kommentar. Diese routinierte Selbstironie ist nicht nur wirkungslos, sondern kaschiert das wahre Problem: Der eigentliche Wahnsinn ist ja, wie miserabel Familie und Arbeit zusammenpassen, immer noch. Das ist eben nicht normal! So zimperlich Eltern in Detailfragen sein mögen, so tapfer arrangieren sie sich meist mit dem Gesamtzustand. Als müssten sie ewig dankbar dafür sein, überhaupt Karriere und Kinder machen zu dürfen. Anders ist kaum zu erklären, warum sie sich nicht stärker empören und endlich eine neue Arbeitskultur verlangen.

Egalitäre Gesellschaft?

73 Prozent der berufstätigen Mütter mit einem Kind unter sechs Jahren arbeiten in Teilzeit, 27 Prozent in Vollzeit. Bei den Vätern ist das Bild umgekehrt: Nur 6 Prozent haben eine Teilzeitstelle, 94 Prozent arbeiten Vollzeit.

66 Prozent aller Familien, die 2014 ein Kind bekamen, nahmen nur für die Mutter Elternzeit in Anspruch, bei 34 Prozent nahm auch der Vater Elternzeit. Väter beziehen im Schnitt 3 Monate Elterngeld, Mütter fast 12.

92 Prozent der 20- bis 39-Jährigen finden, dass sich Mütter und Väter gemeinsam um die Kinder kümmern sollten. 54 Prozent aller Väter haben das Gefühl, zu wenig Zeit für ihre Kinder zu haben.
Ein Anfang wäre, sich bewusst zu machen, wie rasant sich die Bedingungen für Familien in den vergangenen 20 Jahren verändert haben. Noch 1996 galten als »Normalfamilie« Ehepaare mit Kindern, sie waren in Deutschland die am weitesten verbreitete Lebensform unter Erwachsenen. Heute rangieren sie auf dem dritten Platz hinter kinderlosen Ehepaaren und Alleinstehenden. Die Lebensweise mit Kind ist seltener und vielfältiger geworden. Leitbilder, Werte und Geschlechterrollen verblassen, Arbeit und Freizeit sind, getrieben durch technische Neuerungen, kaum mehr zu trennen. Das einstige »Normalarbeitsverhältnis« - männlich, kontinuierlich, Vollzeit - ist prekären oder befristeten Beschäftigungen gewichen. Diese Entgrenzungen führen häufig zum Rückfall in alte Rollenklischees, Haupternährer und Hausfrau harmonierten ja prima. Zu dumm, dass ein Gehalt heute kaum mehr ausreicht, um eine Familie durchzubringen. Also improvisieren sich Elternpaare weiterhin durch ihren Alltag. Ein Spiel, dessen Verlauf die Familiensoziologin Karin Jurczyk so beschreibt: »Das Puzzle alltäglicher Lebensführung, gerade in Familien, wird immer komplizierter und erzeugt immer höhere Reibungsverluste.« Die vorgefundenen gesellschaftlichen Puzzleteile, sagt sie, passten nicht mehr zueinander. Ein wenig halbherziger Kita-Ausbau hier und ein bisschen Gleitzeit dort bringen uns nicht weiter. Damit Arbeits- und Betreuungsaufgaben partnerschaftlich verteilt werden können, muss man endlich ran an die gesellschaftlichen Strukturen.

Manuela Schwesigs Modell geht zwar in die richtige Richtung, ist aber zu unflexibel, um progressiv zu sein. Was, wenn jemand für seinen pubertierenden Teenager kürzertreten möchte und nicht, wie vorgesehen, für ein Kind bis zum Alter von acht Jahren? Oder wenn jemand sich die Arbeitszeit anders einteilen möchte? Familienpolitik steht schnell im Verdacht, sich zu stark ins Privatleben einzumischen. Warum verknüpft man sie nicht mit maximaler Wahlfreiheit und ermöglicht so völlig unterschiedliche Lebensweisen? Kluge Vorschläge gibt es bereits. Besonders populär ist die Idee der Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger, die eine neue Vollzeit von 32 Stunden in der Woche vorschlägt - allerdings als Durchschnittswert über das gesamte Erwerbsleben. Ob man in der gewonnenen Zeit mit einem Baby kuschelt, einen Elternteil pflegt, Lateinvokabeln abhört, mit dem Partner verreist, Museen besucht, faulenzt oder Schildkröten rettet, bliebe jedem selbst überlassen. Männer könnten ihr Arbeitspensum wie gewünscht reduzieren und Frauen ihres wie gewünscht steigern. Die gesamte Arbeitsleistung würde nicht sinken, sondern anders im Lebenslauf und zwischen den Geschlechtern verteilt. Falls jemand die Dringlichkeit einer solchen Maßnahme anzweifelt, helfen Zahlen des Statistischen Bundesamts: Erwachsene arbeiten im Schnitt 45 Stunden in der Woche, davon entfallen 20,5 Stunden auf berufliche Tätigkeiten und 24,5 Stunden auf unbezahlte Tätigkeiten wie Kinderbetreuung und das bisschen Haushalt. Letztere machen bei Frauen rund zwei Drittel des Gesamtpensums aus, bei Männern weniger als die Hälfte. Eltern leisten im Schnitt 58 Wochenstunden, davon knapp 31 unbezahlt - und die geschlechtsspezifische Unwucht verschärft sich noch.

Sogar in unserer Hochleistungsgesellschaft muss und möchte jeder Mensch zwischendurch mal für sich selbst und meistens noch für andere sorgen. Auf dieser so banalen wie oftmals verdrängten Einsicht fußt auch das Konzept der »atmenden Lebensverläufe«, für das sich Karin Jurczyk gemeinsam mit dem Arbeitsrechtler Ulrich Mückenberger starkmacht. Ihr Vorschlag: Jeder erhält eine Art Guthaben, etwa als Zeitkonto von fünf bis acht Jahren, das er einsetzen kann, um die Erwerbsarbeit zu verkürzen oder zu unterbrechen. Durch ein solches »Care-Zeit-Budget« hätte man in bestimmten Lebensphasen mehr Zeit und Energie für andere Tätigkeiten. Finanziert würden diese Phasen abhängig davon, wie relevant sie für die Gesellschaft sind. Die Betreuung von Kindern und Alten etwa sollte aus öffentlichen Mitteln bestritten werden, für Weiterbildungen könnte der Arbeitgeber eintreten, und persönliche Auszeiten müsste jeder selbst stemmen. Reizvoll an solchen Konzepten ist: Sie betreffen jeden und provozieren ein echtes Umdenken. Aus dem bislang typischen Dreischritt der Lebensarbeitszeit - Sozialisation, Erwerbsphase, Rente - würden nicht mehr nur Mütter und Burn-out-Patienten ausscheren. Niemand würde in Verdacht geraten, unambitioniert oder anderweitig suspekt zu sein, bloß weil er nicht artig eine lineare Erwerbsbiografie absolviert.

Der Zeitpunkt ist ideal, um neue Muster zu prägen, denn das gegenwärtige Lebenslaufregime bröckelt durch demografische Veränderungen, neue Rollenbilder und Stresserkrankungen ohnehin. Wer das nicht glaubt, der besuche eine Kantine dieses Landes und lausche den Gesprächen über Familienwochenenden, Ayurveda-Kuren und Umschulungsfantasien. Doch selbst die mutigsten Vorreiter und die beste Familienpolitik können allein kaum einen Umbruch bewirken. Solange sich die Arbeitskultur nicht ändert, werden zeitliche Zugeständnisse und neue Leitbilder nur wenig bringen. Nun könnte man einwenden, dass Familienfreundlichkeit doch das große Thema in den Personal- und Presseabteilungen von Unternehmen sei. Das Wort offenbart ja schon die wahre Haltung: Familiäre Bedürfnisse zu berücksichtigen ist in Deutschland keine Selbstverständlichkeit, sondern eine besondere Freundlichkeit, pure PR - Hauptsache, betriebliche Interessen werden nicht merklich tangiert.

All das Gerede über Work-Life-Balance, den Kampf um Fachkräfte und die Generation Y täuscht viel zu oft darüber hinweg, dass unsere Arbeitswelt nach wie vor dominiert wird von einem unerschütterlichen Glauben an Präsenzkultur, dass sie mehr denn je nach dauerhafter Verfügbarkeit schreit, sich in Feierabende und Beziehungen drängt. Diese Auswirkungen haben sich verstärkt, seit gezielt Frauen für den Arbeitsmarkt aktiviert werden, denn groteskerweise scheint in den Chefetagen niemand bedacht zu haben, dass Männer entsprechend kürzertreten müssen. Oder woher soll der Nachwuchs kommen, wenn keiner mehr die Zeit und die Nerven hat, Kinder aufzuziehen? In den meisten Firmen findet man es süß, wenn der Kollege morgens das Kind in die Zwergengruppe bringt, den Rest des Tages möge er aber bitte vergessen, dass er einen Zwerg hat.

Wenn es Vorgesetzten ernst wäre mit der Vereinbarkeit, würden sie nicht nur Frauen, sondern auch Männer zu anderen Lebensweisen ermuntern. Wer ein Jahr Elternzeit nimmt, sollte keinen Karriereknick fürchten müssen. Wer seine Arbeitszeit reduziert, muss trotzdem verantwortungsvolle Aufgaben bekommen. Und dass die Einheit von Zeit und Ort der Arbeit in unserer hyperflexibilisierten Welt immer noch so bedeutsam ist, ist kaum zu fassen. Wieso werden Homeoffice, Jobsharing und Führung in Teilzeit so wenig praktiziert? Weshalb wird das Leben mit Kindern, das sich oftmals anfühlt, als befinde man sich auf einem anderen Stern, weniger gewürdigt als ein Jahr im Ausland? Warum wird so selten anerkannt, dass es ein sinnvolles Ansinnen ist, weniger zu arbeiten, solange die Elternschaft auf Hochtouren läuft? Die Nöte und Zeitkonflikte von Familien sind bestens belegt. Dennoch mogeln sich Politiker und Arbeitgeber seit vielen Jahren um ernsthafte Antworten herum. Dass sie damit durchkommen, liegt auch an den Eltern. Was man Müttern und Vätern vorwerfen kann, ist die in dieser Lebensphase zwar verständliche, aber nachteilige Verkleinerung ihrer Welt, in der viel zu oft über bekömmliches Essen, banale Erziehungsfragen und andere Befindlichkeiten diskutiert wird. Würden sie doch bloß viel lauter für die großen Dinge streiten.

Aus DIE ZEIT :: 11.08.2016