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Zu viel Bürokratie, zu wenig Ärzte - Mediziner starten Imagekampagne

VON BÄRBEL BROER

Sie lieben ihren Beruf. Sie wissen aber auch um seine Schattenseiten. Knapp 40 Ärzte aus den unterschiedlichsten Fachbereichen haben der bundesweiten Kampagne der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Gesicht und Stimme geliehen. Unter dem Motto "Wir arbeiten für Ihr Leben gern" wollen sie stellvertretend für die über 150.000 niedergelassenen Haus- und Fachärzte dazu beitragen, die Attraktivität des Arztberufs zu steigern. Dr. Martin Schwarz, niedergelassener Internist in Nordrhein-Westfalen, ist einer von ihnen.

Zu viel Bürokratie, zu wenig Ärzte - Mediziner starten Imagekampagne© Bärbel BroerDer Internist Dr. Martin Schwarz unterstützt die aktuelle Imagekampagne "Ich arbeite für Ihr Leben gern"
"Ich stehe zu 100 Prozent hinter dieser Kampagne", so Schwarz, seit 2007 Hausarzt in Vorst im Rhein-Kreis Neuss. Zuvor war er kommissarischer Direktor der Klinik für Stoffwechselkrankheiten und Ernährung sowie Oberarzt in der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie an der Uniklinik Düsseldorf. Denn die Kampagne sei keine klassische Werbung, so Schwarz. "Sie hat vielmehr das Ziel, sowohl die schönen als auch die kritischen Seiten unseres Berufs zu zeigen."

"Ich habe den schönsten Beruf der Welt"

Zu den negativen Aspekten zählt beispielsweise der grassierende Ärztemangel insbesondere in ländlichen Regionen. Aber auch die steigende Bürokratie, immens viele Überstunden sowie Meldungen über korrupte oder pfuschende Mediziner, die einen ganzen Berufsstand diskreditierten, halten zu viele junge Menschen davon ab, ein Medizinstudium aufzunehmen. Um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen, aber auch um zu zeigen, "dass ich den schönsten Beruf der Welt habe", so Schwarz, habe er nicht gezögert, der großangelegten Imagekampagne sein Gesicht zu geben.

Die Kampagne der KBV ist auf fünf Jahre angelegt. 15 Millionen Euro lassen KBV und die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen sich die Imagewerbung kosten. Bei 155.000 niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten seien das umgerechnet 1,66 Euro monatlich pro Praxis, so die KBV. Neben TV-Spots in der ARD und im ZDF gibt es klassische Werbung in Print- und Onlinemedien sowie Kinos. Zudem prangen Gesichter und Statements von Ärzten auf Plakaten und Großflächenleinwänden in fast 250 Städten.

Warum Ärzte bei den Spots mitgemacht haben

Die Spots sind sehr professionell, ästhetisch und emotional - aber eben auch verwirrend, weil Ärzte mit einer Imagekampagne für sich werben. Warum sie an der Produktion teilgenommen haben, erklären einige der Mediziner auf der Internet-Seite zur Kampagne unter www.ihre-aerzte.de. "Ich wollte nie ein Werbegesicht sein. Aber das Thema ist so wichtig", erklärt beispielsweise der Orthopäde Dipl.-Med. Michael Kirsch. Und die Kinder- und Jugendärztin Dr. Ina Metag sagt: "Wenn ich als Ärztin darauf hinweise, dass ich oft mehr Zeit mit Formularen verbringe als mit meinen Patienten - dann stößt das eine Diskussion an, die letztlich allen hilft." Die Motivation von Hausarzt Reinhold Schrambke ist folgende: "Schlagzeilen über Ärztepfusch und Abzocke ärgern mich. Denn so bestimmen die schwarzen Schafe das Bild von uns in den Medien. Deshalb finde ich die Kampagne richtig und wichtig."

Auch für Dr. Martin Schwarz waren diese Aspekte wichtig. Normalerweise sucht der 49-Jährige nicht die große Bühne. Sein Alltag sieht ganz anders aus: Von frühmorgens bis spätabends ist er in seiner Praxis. Das Wartezimmer ist immer voll. Ob Diabetes oder Herzerkrankungen, Krebsnachsorge, oder grippale Infekte, Entzündungen oder Magenschmerzen - die Patienten kommen mit unterschiedlichsten Krankheiten zu ihm. Oder er zu ihnen: Fast täglich sucht er Schwerkranke zu Hause auf.

"Ich sehe den Menschen als Ganzes"

In vielen Fällen genügen Diagnose und Therapie nicht. Schwarz hat auch häufig seelsorgerische Arbeit zu leisten. Einsame, alte, todkranke, psychisch oder physisch überlastete Menschen suchen Beistand bei ihm. "Diese Arbeit mache ich auch gerne. Denn als Arzt bin ich nicht nur für körperliche Leiden zuständig, sondern sehe den Menschen als Ganzes", sagt Schwarz.

60 bis 70 Wochenstunden sind keine Seltenheit für den Allgemeinmediziner. Die Sprechzeiten nehmen circa 65 Prozent seiner Arbeitszeit in Anspruch. Hinzukommen regelmäßige Bereitschafts- und Wochenenddienste. Darüberhinaus sind Fortbildungen unerlässlich. "Gerade im Bereich der Medizin und der Pharmakologie gibt es so viele neue Erkenntnisse innerhalb kürzester Zeit", so Schwarz. "Als Internist muss ich stets auf dem Laufenden bleiben." Der gebürtige Koblenzer macht all das gern, sagt aber auch: "Für meinen eigentlichen Job bleibt immer weniger Zeit." Den Ärzten werde zu viel Bürokratie abverlangt.

14 Prozent der Arbeitszeit für Verwaltung

Nach Angaben der KBV ergab ein Ärztemonitor aus dem Jahr 2012, dass niedergelassene Mediziner im Schnitt 54,7 Wochenstunden arbeiten. Rund 14 Prozent der Arbeitszeit gehe für Verwaltungsaufgaben drauf. Hausarzt Schwarz zählt auf: "Ich muss Behandlungen dokumentieren, genehmigungspflichtige Leistungen beantragen oder Anfragen von Krankenkassen bearbeiten." Insbesondere letztere sorgen nach Angaben der KBV für erheblichen Verwaltungsaufwand, beispielsweise wenn es um die Berufsunfähigkeit eines Patienten geht. Rentenversicherungen übermittelten ganze Fragenkataloge, um die Ansprüche von Versicherten zu klären. Auch Anfragen zu Schwerbehindertenausweisen oder Kuranträgen müssen von den Ärzten bearbeitet werden.

All das kostet extrem viel Zeit. Zeit, die Ärzte wie Martin Schwarz lieber für die Behandlung ihrer Patienten hätten. "Ich bin mit Leib und Seele Arzt", sagt er, "aber mittlerweile nimmt die Bürokratie Ausmaße an, die in der normalen Arbeitszeit nicht mehr zu bewältigen sind."


Kampagne auch gegen korrupte oder pfuschende Mediziner

Politische Forderungen formuliert die Ärzte-Kampagne nicht. "Das Kernanliegen ist ein gesellschaftliches", erklärt die KBV auf ihrer Internetseite zur Kampagne. Der Ärztemangel werde dabei als gesamtgesellschaftliches Problem deklariert. Die Kampagne solle aber auch negativen Schlagzeilen über korrupte oder pfuschende Mediziner entgegenwirken. "Das Fehlverhalten Einzelner, das streng geahndet wird und werden muss, darf nicht stellvertretend für einen ganzen Berufsstand stehen", so die KBV.

Martin Schwarz will auch den schwarzen Schafen unter den Medizinern die Stirn bieten und zeigt deshalb im TV sein Gesicht: In einem Videoausschnitt zum Making-Off der Spots erklärt er: "Ich habe Spaß und Freude daran, meinen Beruf, den ich sehr mag, darzustellen."


Mehr zum Thema:
Die Kampagne der niedergelassenen Mediziner und Psychotherapeuten im Netz: www.ihre-aerzte.de/home.html»

academics :: Mai 2013

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