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Zu viel, zu teuer, zu spät

VON CHRISTOPHER PILTZ UND MARION SCHMIDT

Forschen und lehren wollte die private Jacobs University Bremen als »Harvard an der Weser«. Jetzt kämpft sie ums Überleben. Ist das Modell damit gescheitert?

Zu viel, zu teuer, zu spät© Jacobs University BremenDie Jacobs University Bremen grenzt sich durch eine einzigartige Kombination aus Forschung und interdisziplinär angelegter Lehre ab
Auf dem Campus sollte es »Parkplätze für Nobelpreisträger« geben, verkündete Joachim Treusch Mitte 2006, als die Jacobs University noch International University Bremen hieß und Treusch noch ihr Präsident war. Die besten Studenten und Professoren aus aller Welt wollte man anwerben, Forschung auf Augenhöhe mit den Eliteuniversitäten in den USA betreiben. Einen weitläufigen Campus mit gepflegtem Rasen und roten Backsteingebäuden hat die Uni schon, ganz so wie Harvard und Yale. Die Jacobs-Uni wollte so sein wie sie. Sie baute Colleges und feierte pompöse Graduierungszeremonien mit Talaren und Hüten. Jetzt muss die Universität Studiengänge streichen, Professoren entlassen und bei der regionalen Wirtschaft um Stipendien und Forschungsaufträge bitten. Abends und am Wochenende wird in den Büros die Heizung ausgeschaltet, um Geld zu sparen. Es ist das Ende eines Traums vom »Harvard an der Weser«, und es ist das Ende eines Traums von einer privat finanzierten Volluniversität in Deutschland.
Wie konnte das passieren? Katja Windt sitzt in ihrem Büro auf dem Campus. Die neu gewählte Präsidentin der JUB wirkt fahrig, sie hat nicht viel geschlafen in den vergangenen Wochen. Sie musste ein Konzept ausarbeiten, um die Hochschule vor dem Aus zu bewahren. Auf Fragen nach Fehlern in der Vergangenheit antwortet sie mit Aussichten auf die Zukunft. Sie sagt: »So breit, wie wir jetzt fachlich aufgestellt sind, können wir nicht bleiben.« Aber, und das schiebt sie fast etwas trotzig hinterher: »Wir sind und bleiben eine forschungsorientierte Universität.« Katja Windt ist eine bekannte Logistik-Professorin, sie sitzt in zwei Aufsichtsräten, sie ist überzeugt, dass man eine Uni wie ein Unternehmen führen muss. Sie spricht von einem »Businessplan«, der Perspektiven biete. Von dem Markt, dem man sich anpassen müsse. Von einem wettbewerbsfähigen Profil, von Kostenmaßnahmen und »Finanztools«. Sie redet wie eine Managerin. Nun hat Windt die undankbare Aufgabe, die Jacobs-Uni so umzubauen, dass möglichst viel von dem, wofür die Uni steht, erhalten bleibt. Und gleichzeitig die Kosten deutlich sinken. Ein schwieriger Spagat.

Die Jacobs University ist bundesweit eine einzigartige Einrichtung: eine private Hochschule, die eine Vielzahl verschiedener, für die Uni teurer Fächer anbietet, Natur- und Ingenieurwissenschaften, Geistes- und Sozialwissenschaften, die alle interdisziplinär angelegt sind, international ausgerichtet und forschungsstark. Sie unterscheidet sich damit deutlich von allen anderen Privathochschulen in Deutschland, die ganz auf Lehre setzen, wenig Forschung betreiben und sich auf einzelne Fächer wie Ökonomie oder Gesundheit konzentrieren, die am Arbeitsmarkt stark nachgefragt werden und die sich preiswert aus Büchern lernen lassen. An der Jacobs University ist das alles anders - und genau deshalb hat die Uni seit Jahren finanzielle Probleme. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 2001 stand die Hochschule bereits mehrfach vor der Pleite und konnte nur durch Millionenzuwendungen des Landes Bremen und der Stiftung der Kaffeedynastie Jacobs überleben, deren Namen sie seit 2006 trägt. Viel staatliches Geld ist in die private Uni geflossen. Das hoch verschuldete Land Bremen hat die Gründung mit 110 Millionen Euro unterstützt, es bürgt für 50 Millionen und zahlt obendrein für die nächsten fünf Jahre jährlich drei Millionen Euro. Im vergangenen Jahr war die Situation so bedrohlich, dass die Linken in der Bremer Bürgerschaft schon eine geordnete Abwicklung des akademischen Projekts forderten. Die jetzt anstehende Sanierung und Neuausrichtung der Uni ist ihre letzte Chance. »Für den Standort Bremen wäre eine Pleite katastrophal«, heißt es aus dem Umfeld der Uni. Zu viel Geld wurde bereits ausgegeben. Immerhin: Die Uni hat damit eine Menge erreicht. Sie genießt in der Wissenschaftslandschaft hohes Renommee und hat es geschafft, begabte junge Leute aus vielen Ländern anzuziehen. An der JUB studieren Studenten aus 112 Nationen, aus Indien und Kirgisistan, aus der Schweiz und Myanmar. Die Uni konnte, als einzige deutsche Privathochschule, aus Mitteln der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern zusammen mit der Uni Bremen eine Graduiertenschule aufbauen. Bekannte Wissenschaftler wie der Strahlenforscher Alexander Lerchl lehren an der JUB. »Die Jacobs Uni ist ein wissenschaftliches Kleinod für Deutschland, die einzige ernst zu nehmende Privatuniversität«, sagt Jürgen Zöllner, langjähriger Wissenschaftsminister in Berlin und Rheinland-Pfalz und Mitglied im Aufsichtsrat der JUB.

Forschung ist teuer: Im Haushalt der Uni fehlten zuletzt 32 Millionen Euro

Trotzdem, oder wohl eher deswegen, fehlt der Uni Geld, viel Geld. Im Jahr 2012 lag das Defizit bei 32 Millionen Euro. Eine private Forschungsuniversität zu betreiben ist enorm teuer. Labore, Experimente, Exkursionen, all das, was der Wissenschaft Erkenntnisse bringt, lässt sich allein aus Studiengebühren nicht finanzieren, sondern muss entweder aus Drittmitteln oder aus Stiftungskapital bestritten werden. Doch es ist nicht allein die teure Forschung, welche die Jacobs Uni immer wieder in die Krise gestürzt hat. Die Uni ist auch an ihren hohen Ambitionen gescheitert, die nicht in Einklang zu bringen sind mit den Realitäten in Deutschland: Es gibt hierzulande ein starkes staatliches Wissenschaftssystem und, anders als in den USA, keine Tradition, für ein Studium zu bezahlen, weder als Student noch als Alumni.

An der Jacobs Uni haben sie das unterschätzt. Jahrelang haben sie über ihre Verhältnisse gelebt und sich immer schlimmer in die Krise manövriert. Die jetzt verkündete Wende - sie hätte schon vor sieben Jahren kommen müssen, als der damalige Vorsitzende der Jacobs-Stiftung, Klaus Jacobs, mit seiner 200-Millionen-Euro-Spende einsprang. Über Jahre wurden Fehlentwicklungen nicht erkannt oder nicht korrigiert. Der Sohn von Klaus Jacobs, Christian, jetzt Vorsitzender der Stiftung, sieht »Managementfehler« als eine Ursache der Probleme. Der letzte Präsident flüchtete, mit 800.000 Euro Abfindung, nach nicht einmal einem Jahr aus seinem Amt. An der Spitze der JUB haben sie sich sehr um die Forschungsreputation, die Internationalität gekümmert, aber wenig um die Bilanz. Es ist in Deutschland zweifellos schwer, privates Geld für Bildung zu mobilisieren, ohne die akademische Freiheit zu gefährden und ohne nur Reiche aufzunehmen. »Wir hatten auf mehr private Spender gehofft, die uns folgen«, sagt Jacobs. »Das ist leider nicht passiert.«

Nur jeder zehnte Student zahlt überhaupt die vollen Studiengebühren

Doch an der JUB haben sie sich lange gar nicht bemüht, ausbleibende Spenden durch andere Einnahmen auszugleichen. Wie kann es etwa sein, dass nur zehn Prozent der Studenten die vollen Studiengebühren zahlen? Alle anderen bekommen Stipendien, Ermäßigungen und Darlehen. An der JUB wird jeder gute Bewerber genommen, der das Auswahlverfahren besteht, egal, ob er oder sie die Gebühren von derzeit 20.000 Euro im Jahr für ein Bachelorstudium zahlen kann. Das Verfahren nennt sich needblind admission. Im Foyer des Hauptgebäudes prangt der Slogan: »Jung oder alt, reich oder arm, Frau oder Mann - jeder hat das Recht auf eine gute Bildung.« Doch zahlen wollen oder können dafür nur wenige. Die JUB muss sich die begabten Studenten kaufen. Hinzu kommt: Von denen, die ein Darlehen bekommen, gibt es einige, die nach ihrem Abschluss ins Ausland verschwinden - ohne ihre Schulden zu begleichen. Die Forderungen beliefen sich 2012 auf 13,4 Millionen Euro, im Jahr davor waren es sogar 18 Millionen. Auch das Betreuungsverhältnis ist über die Maßen komfortabel und damit teuer: An der JUB kümmern sich 130 Professoren um 1357 Studenten - das gibt es so an keiner anderen deutschen Uni. Für Controller ist das ein Albtraum, für Studenten wie Amos Mushumbusi ist es ein Traum. Der 21-Jährige studiert Electoral Engineering and Computer Science. Er stammt aus Mwanza im Nordwesten Tansanias. Er wollte eigentlich in den USA studieren, bis er auf eine Anzeige der Jacobs University stieß. Er hatte während der Schule viele Jahre Deutsch gelernt, ihm gefiel die Sprache und die Vorstellung, auf Englisch zu studieren, aber in Deutschland zu leben. Jetzt sorgt er sich um sein Studium. »Es wäre einfach eine Schande«, sagt Mushumbusi, »wenn die Universität meinen Studiengang streichen würde.« Und unverzeihlich wäre es, wenn es die Universität in einigen Jahren gar nicht mehr geben würde. »Denn was bringt mir der Abschluss einer Uni, die pleitegegangen ist?«, fragt er. »Das macht doch bei keiner Bewerbung einen guten Eindruck.«

Die Uni-Präsidentin Katja Windt beruhigt, alle Studenten würden ihr Studium ordentlich abschließen können. Das mag auch der Grund sein, weshalb am Tag, nachdem Windt die Einschnitte bekannt gegeben hat, auf dem Campus Ruhe herrscht: keine Proteste, keine Plakate, keine aufgeregten Studenten. Doch von Harvard, von Nobelpreisen spricht heute keiner mehr. Der finanziell angeschlagenen Uni steht eine harte Sanierung bevor. Sie soll sich zukünftig auf drei Schwerpunkte fokussieren: Ernährung, Logistik und Sozialwissenschaften. Siebzehn Studiengänge sollen eingestellt werden, jeder dritte Professor muss gehen. »Das wird ein Hauen und Stechen geben«, sagt einer, der mit dem Plan befasst ist. Im Gegenzug sollen mehr Studenten aufgenommen werden, und die Uni soll sich insgesamt stärker an den Wünschen der Wirtschaft ausrichten: mehr Industrieforschung machen, Firmen maßgeschneiderte Weiterbildungsstudiengänge anbieten. Wird die Jacobs Uni also zu einer Fachhochschule zurechtgestutzt? Christian Jacobs lacht laut auf, als er die Frage hört, und weist sie dann sofort zurück. »Wir stehen für Tiefe, wir wollen junge Menschen zu Problemlösern heranbilden«, sagt er, »das soll so bleiben, dafür stehen wir mit unserem Namen.«

Wenn der Sanierungsplan so umgesetzt wird, wie ihn der Aufsichtsrat am 10. Februar verabschiedet hat, wird jedoch nicht mehr viel von den Wünschen und Ansprüchen übrig bleiben, mit denen die Jacobs University einmal gestartet ist. Es ist eine Abkehr von der Forschungsuniversität. Und der letzte Beweis dafür, dass das Modell einer privaten Volluniversität in Deutschland gescheitert ist. Für die Jacobs Uni ist es jedoch der dringend notwendige Befreiungsschlag. Der Schritt sei alternativlos, heißt es in der Bremer Wissenschaftsbehörde. Aber er ist ein großes Risiko. Niemand kann sagen, ob die Fokussierung auf die drei Schwerpunkte genügend interessierte und auch zahlungskräftige Studenten anziehen wird. Ob die Wirtschaft tatsächlich in diese Bereiche Forschungsmittel steckt oder Stipendien vergibt. Für Mobilität etwa gibt es zwei große Konkurrenten in der Region: die ebenfalls private Kühne Logistics University in Hamburg und auch die Uni Bremen, von der die Logistikerin Katja Windt an die JUB wechselte. Und niemand weiß, ob Studenten, die kein Stipendium bekommen oder eine schlechtere Betreuung, dann nicht doch nach Harvard, Oxford oder Stanford gehen. Dort, wo die Nobelpreisträger heute schon parken.

Aus DIE ZEIT :: 20.02.2014

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