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Zu viele Akademiker in Deutschland? - KONTRA


von Joachim Möller

Immer wieder gibt es Diskussionen um die Frage, ob Deutschland zu viele Akademiker ausbildet. Zwei Hochschulprofessoren wägen das Für und Wider dieser Frage ab.

Zu viele Akademiker in Deutschland? - KONTRA© DBPics - Fotolia.comEine Akademikerschwemme muss nicht befürchtet werden, denn die Nachfrage nach Hochqualifizierten ist gestiegen
Schon seit Jahrzehnten ist immer mal wieder von einer drohenden Akademikerschwemme die Rede. Zu viele junge Menschen würden studieren. Die Klage ist also alt - und sie hat sich nie bewahrheitet.

Die Arbeitslosenquote der Hochschulabsolventen ist mit 2,5 Prozent exakt halb so hoch wie die der Absolventen einer Berufsausbildung. Nur der Vollständigkeit halber: Die Arbeitslosenquote der Ungelernten beträgt sogar 19 Prozent, die Arbeitslosigkeit für alle Qualifikationsgruppen zusammengenommen 6,8 Prozent. Auch bei den Einkommen stehen Akademiker in der Regel klar auf der Gewinnerseite - und das, obwohl die Zahl der Hochschulabsolventen deutlich zugenommen hat.

Die Entwicklung ist leicht zu erklären: Die Nachfrage nach Hochqualifizierten ist deutlich gestiegen. Ein Ende des Trends zur Höherqualifizierung am Arbeitsmarkt ist nicht in Sicht. Vieles spricht dafür, dass er sich sogar noch verstärken könnte - wir bewegen uns unter vollen Segeln in Richtung Wissensgesellschaft. Es gibt also gute Gründe, die akademische Bildung weiter zu fördern und auszubauen. Dies gilt übrigens auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Absolventen dieser Fächer benötigen zwar im Durchschnitt mehr Zeit für die Stellensuche als beispielsweise Absolventen technischer Studiengänge. Über kurz oder lang finden aber auch die Geistes- und Sozialwissenschaftler ihren Weg in den Arbeitsmarkt. Obwohl sie oft weniger verdienen als andere Akademiker, sind sie deswegen nicht automatisch unzufriedener mit ihrer beruflichen Tätigkeit.

Verschiedentlich hört man zudem Bedenken, ob der Bedarf der Betriebe nach Facharbeitern noch gedeckt werden kann, wenn sich immer mehr Jugendliche für ein Studium statt für eine Berufsausbildung entscheiden. Die Frage liegt auf der Hand: Ist das nicht gerade für eine exportorientierte Wirtschaft, in der hochwertige Industriegüter wie Maschinen und Kraftfahrzeuge eine entscheidende Rolle spielen, besonders kritisch? Südwestmetall, der Verband der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg, erklärt dazu: Die Firmen brauchen beides - akademisch und betrieblich ausgebildete Fachkräfte.

Prognosen zur langfristigen Arbeitsmarktentwicklung deuten tatsächlich darauf hin, dass es zukünftig nicht nur bei Akademikern vermehrt zu Fachkräfteengpässen kommen könnte, sondern auch bei den mittleren Qualifikationen. Daraus kann aber nur folgen: Es ist grundsätzlich falsch, Studium und betriebliche oder schulische Ausbildung gegeneinander auszuspielen. Stattdessen geht es darum, das Bildungspotenzial insgesamt besser auszuschöpfen. Wichtig wäre beispielsweise, möglichst viele der 1,5 Millionen jungen Erwachsenen, die bislang keine Berufsausbildung haben, doch noch zu qualifizieren. Nicht wenige von ihnen verfügen nicht einmal über einen Schulabschluss. Ohne bildungspolitische Phantasie wird man da allerdings nicht allzu weit kommen. Ein Weg könnte sein, durch besonders praxisnahe Ausbildungsangebote Menschen zu erreichen, die im Bildungssystem bislang gescheitert sind.

Da auch bei einigen Gruppen von Migranten Bildungsdefizite bestehen, würden sich außerdem verstärkte Integrationsbemühungen lohnen. Das alles gibt es nicht zum Nulltarif. Wenn wir für die Anforderungen der Zukunft gut gerüstet sein wollen, müssen wir eindeutig mehr in Bildung investieren. Das heißt aber nicht, dass ich die Meinung der OECD teile, wonach nun jede Krankenschwester ein Bachelor-Studium machen soll. Unsere schulischen und betrieblichen Ausbildungen haben ein sehr hohes Niveau. Wünschenswert wäre jedoch mehr Durchlässigkeit zwischen Ausbildung und Studium - und das durchaus in beide Richtungen. Sehr bewährt hat sich beispielsweise die Verzahnung von Theorie und Praxis in den dualen Studiengängen, die ein Hochschulstudium mit einer Ausbildung kombinieren. Absolventen dieser Studiengänge haben in aller Regel beste Berufsperspektiven.

Statt um Scheinprobleme wie einen angeblichen Akademisierungswahn sollten wir uns um die echten Probleme kümmern: Wie können wir Schulabbrechern und Ungelernten zu Abschlüssen verhelfen? Und nicht zu vergessen die Frage der sozialen Durchlässigkeit: Wer schafft es in Deutschland bis zum Universitätsabschluss?


Über den Autor
Joachim Möller ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg und Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit.

Aus Forschung & Lehre :: November 2013

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