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Zu viele Akademiker in Deutschland? - PRO

von Stefan Sell

Immer wieder gibt es Diskussionen um die Frage, ob Deutschland zu viele Akademiker ausbildet. Zwei Hochschulprofessoren wägen das Für und Wider dieser Frage ab.

Zu viele Akademiker in Deutschland? - PRO© DBPics - Fotolia.comDie Akademisierungswelle führt zu einem Qualitätsverlust universitärer Ausbildung
Die Aussage, dass wir "zu viele" Studierende haben, kann immer nur eine relative sein. Um es gleich voran zu stellen: Es kann gute Argumente dafür geben, dass wir unterm Strich "zu wenige" haben, wenn der Maßstab beispielsweise der Vergleich mit anderen Staaten ist, was die OECD gerne macht.

Die hier vertretene Perspektive stellt aber explizit auf das System in Deutschland ab und das unterscheidet sich in einem Punkt ganz maßgeblich z.B. von den angelsächsischen Ländern: Bei uns (und auch in Österreich, der Schweiz oder Dänemark) gibt es eine starkes Fundament der Berufsausbildung im dualen System außerhalb des Hochschulsystems und eigentlich - wenn auch immer mehr zerfasernd - eine Schwerpunktsetzung der Hochschulen auf den gehobenen und höheren Bedarf.

Im dualen und fachschulischen System wurde das breite Fundament der mittleren Qualifikationen ausgebildet und es kommt immer stärker von zwei Seiten unter Druck: "Von oben" im Sinne einer um sich greifenden Akademisierung - so haben beispielsweise 52 Prozent des Absolventenjahrgangs des Landes Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr eine Hochschulzugangsberechtigung erhalten und immer mehr gehen auch an die Hochschulen, darunter viele, die früher eine duale Ausbildung gemacht hätten. Aber auch "von unten" gibt es Druck, denn das Ausweichen auf die "leistungsschwächeren" Jugendlichen funktioniert eben nicht so einfach, weil auch viele Ausbildungsberufe aufgrund der Entwicklung in den Berufen kognitiv aufgeladen worden sind.

Diese komplexe Entwicklung führt nach meiner Auffassung zu einer fundamentalen Infragestellung des deutschen Erfolgsmodells, denn bei allem Respekt vor Ingenieuren und anderen Akademikern - das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft sind die vielen Facharbeiter in der Industrie und die gerade im internationalen Vergleich sehr gut qualifizierten Handwerker. Konkret zum beliebten Thema Fachkräftemangel, der bei uns primär mit Blick auf bestimmte Akademiker geführt wird: Neuere empirischen Arbeiten (BIBB und IAB) kommen zu einem zentralen Befund, den man zur Kenntnis nehmen sollte: Die Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen gehen von einem leicht konstanten Überangebot an akademisch Ausgebildeten bei zeitgleich zunehmenden Engpässen von Fachkräften mit mittleren Bildungsabschlüssen aus.

Massive Mangelprobleme haben wir schon in den fachschulisch ausgebildeten Gesundheitsberufen. Können wir die Nachfrage nach diesen Berufen in Zukunft bei weiterem Wegbrechen des bisherigen dualen und fachschulischen Systems über Hochschulen decken oder sogar - so müsste es kommen - über verstaatlichte Ausbildungsprogramme an Einrichtungen, die auf das Niveau schlechter Berufsschulen abgesenkt werden?

Hier ist der Link zu meiner These, dass die quasi ungesteuerte Akademisierungswelle auch einen großen Teil der Hochschulen massiv verändern wird - und das aus heutiger Sicht im Sinne einer Abwärtsspirale. Wenn die Hälfte eines Jahrgangs (und demnächst mehr) irgendein "Studium" absolvieren will, dann stoßen die jungen Menschen auf ein System, dass dafür konzeptionell-didaktisch, aber auch rein von der Ausstattung her gar nicht aufgestellt ist. Wir haben doch heute schon das Phänomen, dass die Strukturqualität an den meisten Hochschulen deutlich schlechter ist als an jeder Berufsschule, wenn man z.B. den Personalschlüssel heranzieht.

Den Hochschulen werden Daumenschrauben angelegt: Ihr wissenschaftlicher Anspruch wird immer stärker zurückgedrängt zugunsten einer falsch verstandenen, weil auf punktuelle Qualifikationshäppchen reduzierte "Employability" in hoch spezialisierten (akademischen?) Studiengängen und zugleich auch durch objektiv kognitive Grenzen bei immer mehr Studierenden, wenn es immer mehr von ihnen gibt. Gleichzeitig aber sind die Hochschulen aufgrund der fehlenden Praxiskompetenz doch gar nicht in der Lage, diese an Bedeutung gewinnende Seite wirklich abzubilden, das ist ja auch nicht ihre eigentliche Kernkompetenz. Glauben wir wirklich, die für Hochschulen primär zuständigen Länder werden unter dem Damoklesschwert der Schuldenbremse die Hochschulen adäquat ausstatten (können)?

Fazit: Wenn die Akademisierungsentwicklung ohne strukturelle Steuerung so weitergeht, dann wird ein bislang erfolgreiches System der Berufsausbildung substituiert durch ein fragiles, unterausgestattetes und für alle Beteiligten irgendwie unbefriedigendes System an "Hochschulen" bzw. "Berufsschulen plus" neben einigen wenigen Exzellenz- und sonstigen Leuchttürmen. Ich habe große Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Weges.


Über den Autor
Stefan Sell ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz, Campus Remagen.

Aus Forschung & Lehre :: November 2013

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