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Zur ungerechten Verteilung der Studiengebühren


Von Sebastian Mahner

Von Studiengebühren profitieren nicht alle Fächer in gleichem Maße. Das ärgert Studenten und Professoren.

Zur ungerechten Verteilung der StudiengebührenHans-Peter Burghof, Bankenexperte der Universität Hohenheim
Eigentlich ist Hans-Peter Burghof ein praxisnaher Professor. Doch wenn es um Studiengebühren geht, dürfte der Bankenexperte der Universität Hohenheim froh sein, dass seine Studenten nicht alles in die Tat umsetzen, was sie über Rendite lernen. "Warum soll ich nach Hohenheim gehen, wenn ich dort für meine 500 Euro nur 450 zurückbekomme?", fragt der Prodekan der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät aufgebracht. In Rage bringt ihn, dass seine Studenten einen Teil ihrer Gebühren für die Natur- und Agrarwissenschaften bezahlen. So kommen von den 1000 Euro Gebühren, die jeder pro Jahr zahlt, laut Burghof bei einem seiner Studenten weniger als 900 Euro in Form besserer Betreuung oder zusätzlicher Tutorien an, bei einem Naturwissenschaftler jedoch mehr als 1200 Euro. Burghof und einige Kollegen ärgerte das so, dass sie mit einer Klage gegen die Verteilung drohten. Dabei treibt sie nicht Futterneid an - sondern die Konkurrenz.

Je teurer das Fach ist, umso mehr Geld gibt es

"Das ist im Wettbewerb tödlich", sagt Burghof, da zum Beispiel an der Universität Mannheim keine anderen Fächern den Wirtschaftswissenschaftlern etwas wegnähmen. "Wer für sein Studium zahlt, möchte das Geld für sein Studium haben und nicht, dass es für Studierende anderer Studiengänge eingesetzt wird." In Zeiten, in denen Gebührenpolitiker vom Studenten als Kunden sprechen, der in seine Zukunft investiert, klingt das logisch. Doch Hohenheim ist kein Einzelfall. Eine Reihe Unis, besonders in Nordrhein-Westfalen und Baden- Württemberg, verteilt Gebühren zugunsten von Fächern mit höheren Kosten um. Wobei oft die Studenten überfüllter Massenstudiengänge Fächer mitfinanzieren, in denen Studienbedingungen und Berufsaussichten ohnehin besser sind. "Arm subventioniert Reich" statt "Der Kunde ist König" - das könnte die ohnehin mäßige Akzeptanz der Gebühren bei den Studenten weiter untergraben.

Dennoch werden in Hohenheim 15 Prozent der Einnahmen nicht nach der üblichen Regel "Mehr Studenten, mehr Geld", sondern nach der Formel "Je teurer das Fach, desto mehr Geld" verteilt. "Alles, was wir brauchen, ist teurer", rechtfertigt Ute Mackenstedt, Prorektorin für Lehre in Hohenheim und selbst Zoologin, die Sicht der Naturwissenschaften. In den Wirtschaftswissenschaften lasse sich das Studium mit viel weniger Geld verbessern als zum Beispiel in der Biologie, wo eine bessere Ausstattung wie Mikroskope für Laborübungen deutlich mehr koste. Mit dem gleichen Argument werden in Bonn, Münster, Siegen, Tübingen oder Wuppertal teure Studiengänge unterstützt. Einen ähnlichen Effekt gibt es unbeabsichtigt an Unis, die Gebühren im Wettbewerb zwischen den Fakultäten verteilen: Wer Geld will, muss Anträge schreiben und braucht dafür Zeit und Personal - doch in überfüllten Fächern fehlt beides. Zudem sind Geistes- und Sozialwissenschaftler im Kampf um Drittmittel meist nicht so geübt wie wirtschaftsnahe Ingenieure oder Naturwissenschaftler. Das rächt sich bei der Vergabe der Gebühren: Wer nicht mithalten kann, wird mit weniger Geld bestraft - und hat künftig noch weniger Chancen. Denn die Starken bauen so ihren Vorsprung aus. An der Universität Bielefeld protestierten die Studentenvertreter der Sozialwissenschaftler, Historiker, Sportler und Mathematiker gegen die ungerechte Verteilung der Gebühren. Nach ihren Angaben haben Chemie, Physik und die technischen Fächer im Wintersemester 2007/2008 40 Prozent der Gelder, die im Wettbewerb verteilt werden, kassiert, obwohl sie nur ein Zehntel aller Studenten stellen.

Dass umverteilt wird, versteht keiner, zumal Studiengebühren schon schwer genug aufzu bringen sind", ärgert sich Philipp Stiel von der Fachschaft Wirtschaftswissenschaften in Tübingen. Dort gibt es umso mehr Geld, je teurer der Studienplatz ist. Das trägt dazu bei, dass 2008 von den Gebühren, die direkt an die Fachbereiche gehen, pro Hauptfachstudent in der Rechtswissenschaft rund 430 Euro ankommen sollen, in der Chemie und Pharmazie jedoch etwa 660 Euro.

Die Ergebnisse eines Standortwechsels zweier Fachhochschulkanzler
Volker Ronge, Rektor der Universität Wuppertal
Volker Ronge, Rektor der Uni Wuppertal und als Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz Vertreter der nordrhein-westfälischen Unis, hält vom Aufrechnen der Gegenleistungen pro Student wenig. Der Student als Kunde ist für ihn "eine politische Unsinnssicht". Gebühren würden nur fünf bis zehn Prozent der Kosten eines Studiums decken.

"Die Vorstellung, dass man durch einen kleinen Anteil, den man zahlt, die volle Kundenrolle erhält, ist absurd", sagt Ronge - dabei hatte NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) mit seiner "Geld-zurück-Garantie" für Studiengebühren genau diesen Eindruck erweckt. Natürlich will auch Volker Ronge mit den Gebühren möglichst viel verbessern, aber für die "Studenten als Ganzes".

Wo mehr Geld gebraucht wird, gibt es eine Art Gebühren-Soli - im Sommersemester 2007 zum Beispiel circa 120.000 Euro für Ingenieure und Naturwissenschaftler. Ronges Kollege Alfons Labisch, Rektor der Uni Düsseldorf, spitzt das Prinzip zu: "Wir investieren da, wo es am nötigsten ist." Für ihn Grund genug, im Sommersemester 2007 den Mathematikern und Naturwissenschaftlern eine Finanzspritze von 1,3 Millionen Euro für Laborgeräte und andere Ausstattung zukommen zu lassen. Dadurch wurden etwa 40 Prozent der Einnahmen an ein gutes Viertel aller Studenten verteilt. Die bisher weniger bedachten Fächer würden in "Zukunft auf jeden Fall" auch einbezogen, verspricht Labisch. Wer Gebühren zahlt, muss also hoffen, dass in seiner Studienzeit viel in sein Fach investiert wird.
Doch nicht nur das NRW-Wissenschaftsministerium hat damit kein Problem - schließlich sei die Verteilung Sache der Unis. Auch ein Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf gibt den Rektoren Recht. Es wies die Klage einer Studentin der Universität Düsseldorf ab, die der Argumentation von Ludwig Kronthaler, Exverwaltungschef der TU München, folgte. In einem Gutachten für den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft kam er zu dem Ergebnis, dass die Hochschulen in Nordrhein- Westfalen mit den Studenten für jeden Studiengang einzeln absprechen müssten, was verbessert wird, um danach die Gebührenhöhe festzulegen. Die Richter hielten die Einheitsgebühr aber für einwandfrei: Studenten zahlten nur einen kleinen Beitrag zu den Studienkosten, daher müsse die Uni nicht für jeden Studiengang aufwendig die Kosten berechnen. Von ihrer Uni musste sich die Klägerin außerdem sagen lassen, dass die Studentenvertreter ja beim Verteilen der Gebühren mitbestimmten. Ein Seitenhieb, der sitzt. Tatsächlich reden in den Gebührengremien der Unis stets Studentenvertreter mit. Allerdings hat meistens die Uni-Spitze das letzte Wort. "Zudem sind sich die Studierenden untereinander nicht ganz grün", sagt Philipp Stiel. Schließlich profitiere etwa ein Mediziner davon, wenn Gebühren nach Fachkosten verteilt würden. Manchmal dürften die Studenten die Sprengkraft der komplizierten Formeln zur Verteilung auch schlicht nicht bemerkt haben. "Unter einem riesigen Zahlenwust ist es schwierig, das zu erkennen", nimmt Sylvia Barkholz, bis vor Kurzem Vorsitzende des Unabhängigen Studierendenausschusses (Usta) der Uni Karlsruhe und nun in deren Gebührenkommission, die Studenten in Schutz. Die Elite-Uni hatte zunächst ebenfalls Teile der Gebühren nach Fächerkosten verteilt. Doch den Geistes- und Sozialwissenschaftlern gelang es mit dem Usta, die Uni-Spitze zu überzeugen, dass jeder Student gleich viel wert ist.

So viel Engagement der Studenten ist allerdings die Ausnahme. Gerade die breite Masse regt sich bisher kaum. "Die meisten haben keine Ahnung", sagt Philipp Stiel trocken. Vielerorts ist die Gebührenverteilung eine Wissenschaft für sich. Wenn Stiel Tübinger Erstsemestern das Wichtigste erklärt, braucht er eine kleinteilige Tortengrafik und mindestens 15 Minuten. Auch deshalb sagt Ulrich Müller vom Thinktank Centrum für Hochschulentwicklung: "Ich fände es besser, nach Fächern differenzierte Gebühren zu erheben." Das hieße zum Beispiel: Medizin kostet 1000 Euro pro Jahr, Jura nur 600. In Nordrhein-Westfalen und Bayern ist das erlaubt, in den USA oder Australien ohnehin gang und gäbe.

Jeder Studiengang müsste seine eigene Gebühr erheben

Doch hierzulande nutzt es bisher keine Hochschule. Auch die Universität Wuppertal nicht, obwohl ihr Rektor dafür offen ist. "Der Aufwand ist riesengroß", sagt Volker Ronge. Für jeden Studiengang müsste er jedes Semester exakt ausrechnen, was er in Wuppertal kostet. Bei 500 Euro Gebühren lohne sich das nicht. Doch in einigen Jahren, wenn an allen NRW-Universitäten die Kosten- Leistungs-Rechnung eingeführt sei, könnten gestaffelte Gebühren wahr werden. Experten warnen aber vor den Folgen. "Dann drängt alles stärker in die BWL", prophezeit Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie. Wenn die Gebühren sich danach richteten, wie viel ein Studium koste, würden zum Beispiel die Ingenieurwissenschaften noch teurer und damit noch unattraktiver - obwohl es jetzt schon zu wenige Ingenieure gebe. Kein Wunder, dass Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankberg versichert, keine Gebühren nach Fächern zu planen.

Der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Peter Burg hof hat trotzdem eine Idee, wie seine Studenten mehr von ihren Gebühren sehen: das Hohenheimer Wirtschaftsstudium teurer machen. "Ich könnte ja sagen, dass einmal Börse live zum Studium gehört, also eine Exkursion nach New York", sagt er sarkastisch.


Autor: Sebastian Mahner
Sebastian Mahner ist Autor für DIE ZEIT

Aus DIE ZEIT :: 26.06.2008

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