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Zurück in die Gelehrtenrepublik?

Von Christoph Meyer

Was man von englischen Universitäten lernen kann. Eine Replik auf Sandra Richters Artikel "Wie deutsche und englische Universitäten voneinander lernen können".

Zurück in die Gelehrtenrepublik?© King's College LondonDer Haupteingang des King's College London
Glaubt man Sandra Richter (siehe Artikel aus DIE ZEIT Nr. 26/08), sind alle globalen Universitätsrankings einem großen Irrtum aufgesessen.

Die englischen Unis "verscherbeln ihr akademisches Tafelsilber, um sich auf den ersten Plätzen des akademischen Weltmarktes zu positionieren". Die Universitäten sind "unterfinanziert" und werden "kaputtgespart". Das Studium ist "verschult" und fördert den "akademischen Durchschnitt", da die Studenten zur intellektuellen "Unselbstständigkeit" erzogen werden.

Frau Richters Fazit: Vom "angloamerikanischen" System ist nichts zu lernen. Deutsche Universitäten mögen sich bitte im Sinne einer europäischen Vielfalt auf ihre Stärken besinnen.

Zu den deutschen "Stärken" fällt mir aus eigener Anschauung Folgendes ein: hohe Abbrecherquoten oder universitäres Versagen durch zahlensenkendes Herausprüfen; überlange Studiengänge, die an den Bedürfnissen der Mehrzahl der Studenten vorbeigehen; mangelnde Lehrdidaktik; unnahbare und frustrierte Professoren; an Max-Planck-Institute ausgelagerte Spitzenforschung; Gängelung und Ausbeutung des akademischen Mittelbaus und unsichere Karriereperspektiven für Nachwuchswissenschaftler.

Die britischen Universitäten sind ein wachsender Wirtschaftssektor

Frau Richter hat recht, wenn sie schreibt, dass man vom englischen Universitätssystem auch lernen kann, was man lieber nicht machen sollte, etwa das Übermaß an Bürokratisierung oder die jüngste Tendenz, geisteswissenschaftliche Forschung am economic benefit für die Gesellschaft messen zu wollen. Aber bleiben wir doch erst einmal bei den positiven Fakten.

Es gibt außer der City of London keinen anderen Wirtschaftssektor, der international ähnlich erfolgreich ist und ähnlich stark expandiert hat wie die englischen Universitäten, allein in den letzten sechs Jahren um 65 Prozent auf 25 Milliarden Euro. Der Mehrzahl der Hochschulen geht es finanziell wie personell gut. Auch die Forschungsleistung kann sich sehen lassen. Der britische Anteil an weltweiten Zitierungen hat sich von 1981 bis 2002 von 10,5 auf 12 Prozent verbessert - trotz deutlich gestiegener globaler Konkurrenz, besonders aus Asien.

Dass außereuropäische Studenten hohe Gebühren zahlen müssen, ist zwar richtig, aber reflektiert die tatsächlichen Kosten der Lehre. Problematisch ist die Werbung von "cashcows" dann, wenn aus finanziellen Gründen Zulassungskriterien aufgeweicht werden. Aber Studenten werden nicht nur als finanzielle, sondern vor allem als intellektuelle Bereicherung gesehen. Tatsache ist, dass sich einige der Besten entscheiden zu bleiben - im Land oder sogar in der Wissenschaft.

Im deutschen System gelten Ausländer eher als Last denn als Bereicherung. Zahlende Studenten haben ein gutes Recht, auch dementsprechende Leistungen zu erwarten. In Deutschland zahlt eine Mehrheit für das freie Studium einer im Durchschnitt besser situierten Minderheit. Studiengebühren heißen auch nicht, dass in England lascher benotet wird. Das Gegenteil ist der Fall.

Gerade weil es in England Zweitkorrektoren und externe Prüfer gibt, sind die Noten zwischen Fächern und Universitäten in Großbritannien deutlich besser vergleichbar als in Deutschland und Noteninflation weniger stark ausgeprägt. Ich halte auch geringere Durchfallquoten nicht für ein Indiz für Förderung von "akademischer Mittelmäßigkeit", sondern eher Ausweis einer sorgfältigeren Auswahl und Förderung der Studenten.

England bietet die Aussicht auf eine unbefristete Stelle mit Anfang 30

Englische Universitäten schaffen es im Vergleich zu den deutschen Pendants, weltweit erfolgreich Wissenschaftler zu rekrutieren. Auch und gerade deutsche. Bei dem jüngsten Wettbewerb des Europäischen Forschungsrats um etwa 300 hoch dotierte Forschungsstipendien für Nachwuchswissenschaftler schnitten deutsche Wissenschaftler mit 13 Prozent am besten ab. Aber das Land mit den meisten Gastinstitutionen für Wissenschaftler war mit 19 Prozent Großbritannien. Deutschland kam erst auf Rang 3 mit gerade 11 Prozent der Gastinstitutionen, und viele davon waren Max-Planck-Institute, nicht Universitäten. Ein Grund für die Attraktivität des Standorts UK für Nachwuchswissenschaftler ist sicher die Aussicht, mit Anfang 30 eine unbefristete Stelle zu bekommen - weiterer Aufstieg abhängig von Leistung. In Deutschland dagegen liegt das Erstberufungsalter bei über 40 Jahren.

Frau Richter hat recht, dass es für "Bildung" kein englisches Äquivalent gibt. Education ist eher als "Ausbildung" zu übersetzen und die englischen A-Levels (Abitur) ermöglichen die frühe Spezialisierung und Abwahl von Naturwissenschaften und Fremdsprachen. Das heißt aber nicht, dass an den Universitäten nicht auch "Bildung" betrieben wird, obwohl es keine vergleichbare gesellschaftliche Wertschätzung für eine breit angelegte humanistische Bildung gibt. Es ist auch richtig, dass die auf vier oder fünf Jahre angelegten Diplom- oder Magisterstudiengänge fachlich bessere und wissenschaftlich eigenständigere Absolventen hervorbringen als ein Bachelor plus Master. Wie könnte es anders sein? Aber deshalb muss man doch nicht alle Studenten durch einen Abschluss schleusen, den sie weder wollen noch auf dem Arbeitsmarkt brauchen! Die richtige Frage ist, ob es möglich ist, die Vier- oder Fünfjahresprogramme für eine Minderheit zu erhalten oder Bachelor-Master-Kombinationen zu entwickeln, die vielfältige Vertiefungsmöglichkeiten bieten. Umgekehrt sehe ich auch nicht, warum selbstständiges Denken nur in Diplom- oder Magisterstudiengängen möglich sein soll. Das Gegenteil kann auch der Fall sein: Viele Studenten, die von einer deutschen Uni aus nach England wechseln, sind sehr überrascht, wenn von ihnen im Rahmen eines Essays oder eines Tutoriums erwartet wird, eine eigene kritische Antwort auf die Kernfragen einer Disziplin zu formulieren, anstatt reihenweise Literatur zu Spezialfragen zu zitieren und den Forschungsstand in überlangen Hausarbeiten zusammenzufassen. Selbstständiges Denken lehrt man auch nicht dadurch, dass man Studenten didaktisch allein, unzureichend betreut und in unstrukturierten Programmen schwimmen lässt, ohne ausreichende Auseinandersetzung über Lernziele, Methoden und studentisches Vorwissen. Wenn man Anstrengungen unternimmt, dass Studenten das Gelernte auch verstehen und nicht reihenweise durchfallen, ist das kein "pampering", sondern "student-centered learning". "Verschulung" ist keine zwangsläufige Folge von Bachelor und Master.

Englische Hochschulen haben begriffen, dass sie sich im Wettbewerb auf einem wachsenden globalen Bildungsmarkt bewegen. Geschätzte 2,8 Millionen Studenten sind heute international mobil. Natürlich profitieren sie auch von der Etablierung des Englischen als globaler Wissenschaftssprache, aber sie haben auch viele richtige Weichenstellungen vorgenommen: bei der Rekrutierung von Wissenschaftlern und Studenten, bei der didaktischen Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern, bei der Kooperation mit ausländischen Universitäten in Forschung und Lehre, bei der Erschließung neuer Finanzquellen und bei der Forschungsevaluation.

Ohne Zweifel: eine kritiklose Kopie dieser Lösungen wäre der falsche Weg, nicht zuletzt weil es in Deutschland an den rechtlichen und finanziellen Voraussetzungen für erfolgreiche Reformen fehlt, Universitäten also weniger Freiheiten beispielsweise bei der Studentenauswahl und den Studiengebühren haben. Genauso falsch wäre es jedoch, dem Tenor von Frau Richter folgend, England als "das falsche Vorbild" abzutun. Zumindest ist England in Bezug auf seine Finanzierung dem deutschen System näher als die unvergleichlich reicheren amerikanischen Privatuniversitäten. Und es hält trotzdem mit den Besten mit. Das kann man von kaum einer deutschen Universität behaupten.


Autor: Christoph Meyer
Der Autor lehrt Europapolitik am King's College in London, wo auch Sandra Richter bis 2007 als Professorin für Germanistik arbeitete, bevor sie an die Universität Stuttgart wechselte.

academics.de :: 17.07.2008

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