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Zwei Brüder, zwei Visionen

Das Interview führten LEONIE SEIFERT und SILKE WEBER

Die Brüder Ijad und Ahmed Madisch haben beide Medizin studiert. Der eine gründete das Wissenschaftler-Facebook ResearchGate, der andere wurde Chefarzt. Was waren die Gründe für Ausstieg und Aufstieg? Ein Gespräch über Karriere, Klinikjobs und einen künftigen Nobelpreis.

Zwei Brüder, zwei Visionen© Thomas K. - photocase.deWährend sein Bruder Ahmed Chefarzt wurde, gründete der Mediziner Ijad Madisch ResearchGate
DIE ZEIT: Ahmed Madisch, Ihr Vater stellt Sie auf Feiern wahrscheinlich als seinen Sohn Ahmed vor, der als Chefarzt erfolgreich ist. Richtig?

Ahmed Madisch: Mein Vater ist schon sehr stolz darauf, was ich erreicht habe.

ZEIT: Wie ist es bei Ihnen, Ijad Madisch?

Ijad Madisch: Ich werde einfach als Sohn vorgestellt.

ZEIT: Sie beide haben Medizin studiert. Sie, Ijad Madisch, haben sich aber entschieden, eine Firma zu gründen und nicht weiter als Arzt zu arbeiten. Waren Ihre Eltern einverstanden?

Ijad Madisch: Mein Vater sagte nur: Wenn dein Herz dafür schlägt, mach das. Das hätte ich nicht erwartet, weil er ja selbst 40 Jahre lang eine Praxis hatte in Celle und Arzt ein guter, sicherer Job ist.

ZEIT: Ahmed Madisch, stand es für Sie je infrage, aus der Medizin auszusteigen?

Ahmed Madisch: Nein, ich wollte schon mit sechs Arzt werden. Wenn Patienten bei uns zu Hause anriefen und mein Vater nicht da war, habe ich sie beraten, welche Tropfen sie nehmen sollen.

Ijad Madisch: Ich weiß noch, als wir unseren ersten Computer für die Praxis bekamen, bin ich heimlich an den Rechner, das Passwort kannte ich, und habe alles ausprobiert. Uh, da hat mein Vater mich angeschrien! Die ganzen Patientendaten!

ZEIT: Sollte denn nicht einer von Ihnen die Praxis übernehmen?

Ahmed Madisch: Ich wollte das erst, habe mich dann aber doch für die Laufbahn an der Universitätsklinik entschieden.

Ijad Madisch: Darüber war ich ganz froh, so war ich aus dem Schneider. Ich wollte immer lieber in die Forschung. In der achten Klasse haben wir mal mit der Lehrerin in der Bibliothek übernachtet. Da habe ich mir Bücher über Krebsforschung aus dem Regal genommen, das hat mich interessiert. Aber genauso spannend fand ich die Informatik. Als ich sechs Einsen im Zeugnis hatte, schenkten mir meine Eltern meinen ersten Computer.

ZEIT: Was fanden Sie spannend an Informatik?

Ijad Madisch: Ich habe gemerkt, dass es viele Parallelen gibt zwischen Mensch und Maschine. Im Körper gibt es eine endliche Menge an Atomen, die miteinander interagieren, beim Computer ist es eine endliche Menge an Bits.

ZEIT: Warum haben Sie dann mit einem Medizinstudium begonnen? Weil Ihr großer Bruder das machte?

Ijad Madisch: Ja, das hat mich beeinflusst. Auch mein Vater meinte, mach mal Medizin, dann kriegst du einen Job. Nach dem zweiten Semester fiel mir auf, dass ich neben dem Studium noch viel Zeit hatte. Ich kann mir Dinge gut merken, das ist wichtig in der Medizin, und wenn einem das leichtfällt, verkürzt sich die Lernphase. Also nahm ich Informatik dazu. Und weil mein Bruder immer schon erreicht hatte, wo ich gerade hinkam, war mein Ziel: Das muss ich auch schaffen. Ich wollte immer etwas Großes erreichen, etwas Grundlegendes verändern - und nicht Dinge, die schon existieren, verbessern.

ZEIT: Vor knapp zehn Jahren haben Sie ResearchGate gegründet, eine Art Facebook für Wissenschaftler. Einer Ihrer Investoren ist Bill Gates. Haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Ijad Madisch: ResearchGate ist groß. Wir haben das geschafft, was niemand vor uns geschafft hat: dass sich Wissenschaftler vernetzen und ihre Daten miteinander teilen. Das ist nötig, damit die Welt weiterkommt und Forschung nicht doppelt und dreifach gemacht wird. Heute hat ResearchGate 200 Mitarbeiter und mehr als acht Millionen Mitglieder.

ZEIT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ijad Madisch: Ich war für ein Auslandssemester in den USA, stand im Labor und forschte an Viren. Ein Experiment klappte nicht, und ich suchte im Netz, ob ein anderer Forscher das gleiche Problem hatte. Ich fand nichts. Das nervte mich: Dinge zu machen, die andere schon vor mir gemacht hatten, aber nicht zum Nachlesen dokumentiert und vernetzt hatten. Als Tim Berners-Lee das World Wide Web erfand, war seine ursprüngliche Idee, Wissenschaftler zu verbinden. Jetzt konnte man Schuhe online kaufen, aber die Wissenschaft war gleich geblieben. Das hat mich geärgert.

Ahmed Madisch: Für die klassische Karriere in der Medizin muss man viel Disziplin und Geduld mitbringen, um etwas zu erreichen - die hast du nicht.

Ijad Madisch: Geduld schon.

Ahmed Madisch: Ja, hast du, aber nicht für diesen Weg. Ich selbst habe 13 Jahre gebraucht, um Chefarzt zu werden, und das war schon schnell. Du warst gerade zwei Wochen als Arzt hier an der Klinik Hannover und riefst mich an ...

Ijad Madisch: Nach einer Woche ...

Ahmed Madisch: ... riefst du mich an und fragtest, wie schnell man denn Oberarzt wird. Da wusste ich, du wirst den Job nicht lange machen.

ZEIT: Wann war klar, dass Sie kündigen, um ResearchGate zu gründen?

Ijad Madisch: Ich habe das eine Zeit lang parallel gemacht, habe tagsüber hier in der Klinik gearbeitet und bin abends nach England geflogen, um über ResearchGate einen Vortrag zu halten. Am nächsten Tag auf der Station war ich aber so müde, dass mich die aufsehende Ärztin nach Hause schickte. Es hilft ja auch den Patienten nicht, wenn ich die Nadel in die falsche Richtung stecke. Da wurde mir klar: Ich muss mich für eine Sache entscheiden!

Ahmed Madisch: Erst mal hast du deinen Professor gefragt, ob du eine halbe Stelle haben kannst ...

Ijad Madisch: Stimmt. Ich dachte, mit einer halben Stelle schaffe ich es nebenbei, meine Firma aufzubauen. Da war ich 27. Mein Chef fand das nicht so gut. »Kriegen Sie den Firlefanz aus dem Kopf!«, sagte er. Und: »Konzentrieren Sie sich auf Ihre akademische Karriere.« Ich habe kurz nachgedacht und noch am selben Tag gekündigt.

ZEIT: Wie fanden Sie das, Ahmed?

Ahmed Madisch: Ich wusste das natürlich schon vorher. Ich hatte ihn gedrängt, seine Vision zwar weiterzuentwickeln, aber doch erst mal hier weiterzumachen und sich das Arztsein anzugucken. Seine Doktorarbeit war wissenschaftlich top. Es wäre konsequent gewesen weiterzumachen.

Ijad Madisch: Er hat nicht verstanden, warum ich das Risiko eingehen will.

ZEIT: Wie ging es weiter?

Ijad Madisch: Ich bin dann zurück in die USA, um an der Uni ein bisschen Geld zu verdienen. In Wirklichkeit habe ich aber fast meine ganze Zeit in ResearchGate gesteckt. Noch heute liegen drei, vier Papers von mir in Harvard, die nicht fertig sind. Werden sie auch nicht mehr, ich bin da nicht mehr drin.

ZEIT: ResearchGate ermittelt für Wissenschaftler einen Score, der anzeigt, wie gut sie sind. Wir haben uns Ihre beiden Scores einmal angeschaut.

Ijad Madisch: Meiner ist höher, oder?

ZEIT: Ja. Ihr Score liegt bei 42,01. Der Ihres Bruders bei 39,84.

Ijad Madisch: Yes!

ZEIT: Wie kann das sein?

Ahmed: Ijad hat viel Grundlagenforschung betrieben, das wird mehr verwendet als die klinische Forschung, die ich mache.

Ijad Madisch: Mein Paper über Humane Adenoviren wird heute noch zitiert. Aber der beste Score liegt bei über 90 von maximal 100 Punkten. Er ist abhängig davon, wie oft und von wem das eigene Paper zitiert wird. Außerdem werden die Zitate unterschiedlich gewichtet. Das ist bislang in der Wissenschaft nicht so, da zählen alle Zitate gleich.

ZEIT: Ahmed Madisch, Sodbrennen ist eines Ihrer Spezialgebiete. Sie gehören zu den ersten Medizinern, die einen Reflux-Schrittmacher im Magen gegen Sodbrennen einsetzen können. Nutzen Sie für Ihre Arbeit auch ResearchGate?

Ahmed Madisch: Alle meine Publikationen, die ich schon in einem anderen Magazin veröffentlicht habe, finden Sie auch auf der Plattform. Und ich bekomme Nachrichten, wenn jemand anders in meinem Feld arbeitet.

Ijad Madisch: Man kann auch Ergebnisse hochladen, ohne dass sie vorher schon in Nature und Co. erschienen sind.

ZEIT: Bisher galt: Wer in der Wissenschaft bestehen will, muss in wichtige Fachzeitschriften.

Ijad Madisch: Wir wollen verändern, was publiziert wird. Nicht nur die großen Studien, sondern auch Zwischenschritte.

ZEIT: Werden Sie auf Kongressen von Kollegen auf ResearchGate angesprochen, Ahmed Madisch?

Ahmed Madisch: Ja, schon. Es hat sich ja rumgesprochen, dass mein Bruder dahintersteckt. Viele meiner Kollegen nutzen das inzwischen, aber ich mache keine Werbung, das ist nicht mehr nötig.

ZEIT: Vermissen Sie die Klinik, Ijad?

Ijad Madisch: Nein, habe ich noch nie vermisst. Wenn, dann die Forschung. Und ich will mit ResearchGate gerne richtige Forschung betreiben. Innerhalb der ersten zwei Jahre haben unsere Nutzer zwei Millionen Publikationen hochgeladen. Inzwischen erreichen wir diese Anzahl pro Monat. Nehmen wir eine Krankheit wie Alzheimer. Mit unserer Datenbank können wir dazu alle Studien vergleichen, und wir können sie auch mit anderen Krankheiten vergleichen. Ich bin sicher, wir können so mit relativ wenig Aufwand sehr schnell viel herausfinden - das kann kein anderer!

ZEIT: Muss man dafür eine Ahnung von Medizin haben?

Ijad Madisch: Nein. Dadurch können unsere Mitarbeiter das Problem aus einer ganz anderen Perspektive sehen als jemand, der im Labor arbeitet.

ZEIT: Und wie finden das andere Mediziner?

Ahmed Madisch: Denen fehlt die Vision.

Ijad Madisch: Die Ausbildung ist auch nicht so angelegt. Wenn ich hier im Labor arbeiten würde, würde ich für jeden Mitarbeiter einen Data-Analytics-Kurs machen, damit sie mit Daten umgehen können. Die Anforderungen haben sich in den vergangenen zehn Jahren stark verändert, aber die Forschung ist nicht hinterhergekommen. In Amerika forschen die Leute heute schon anders, sie kommen aus dem Corporate-Umfeld, nicht von der Akademie in Stanford oder Harvard. Das sind keine Mediziner.

ZEIT: Ihr Bruder prophezeit gerade das Ende der Medizinausbildung ...

Ahmed Madisch: Noch sind wir ja nicht so weit. Und ich glaube auch nicht an das Ende.

Ijad Madisch: Was ich sagen will: Der nächste Nobelpreis geht wahrscheinlich an jemanden, der sich mit Datensätzen befasst. Und nicht an jemanden, der im Labor sitzt.

ZEIT: Wer ist denn der Erfolgreichere von Ihnen?

Ijad Madisch: Erfolg, gemessen woran? An Geld, Einfluss, Menschenleben retten?

ZEIT: Sind Sie reich?

Ijad Madisch: Ich? Nein, ich will auch nicht reich sein, Reichsein ist eine Bürde.

ZEIT: Wann müssen Sie Ihren Investoren die Millionen zurückzahlen?

Ijad Madisch: Da gibt es keine Deadline.

ZEIT: Was für einen Umsatz machen Sie?

Ijad Madisch: Sag ich nicht, aber er ist gut.

Ahmed Madisch: Ich würde denken, dass jeder mit dem, was er tut, erfolgreich ist.

Ijad Madisch: Und wenn wir über das Privatleben sprechen: verheiratet sein, Kinder kriegen, das ist auch ein Erfolg. So weit bin ich noch nicht. Ahmed hat das schon erreicht.

Ahmed Madisch: Genau. Gerade in der Medizin und bei meiner 80-Stunden-Woche brauche ich ein stabiles Umfeld. Meine Frau hält mir den Rücken frei.

ZEIT: Ijad Madisch, Sie haben einmal gesagt: »Ich will den Nobelpreis gewinnen.« Ahmed, ist Ihr Bruder größenwahnsinnig?

Ahmed Madisch: Das ist natürlich schon ein großes Ziel. Aber wenn man Visionen hat, dann ist so eine Aussage durchaus reell.

ZEIT: Angenommen, Sie wären Jurymitglied, was würden Sie in die Begründung schreiben?

Ahmed Madisch: Ijad Madisch ist eine grundlegende Veränderung der wissenschaftlichen Publikationspraxis gelungen. Vernetzung und Transparenz, so würde ich das mal sagen, darum geht's.

Ijad Madisch: Würd ich so nehmen. Wenn wir die Wissenschaft besser machen, dann verändern wir nicht nur einen Lebensbereich, sondern sämtliche. Dafür haben wir den Nobelpreis verdient. Aber ich weiß jetzt gar nicht, welchen. Für Informatik gibt es so was ja noch nicht.

Ahmed: Vielleicht ist das ein Medizinnobelpreis.

Ijad: Frieden würde auch gehen.

Aus DIE ZEIT :: 25.02.2016

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