Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Zwei Großdenker

VON THOMAS FISCHERMANN

Der Nobelpreis geht an ein Volkswirte-Duo, dessen mathematische Modelle vielen als weltfremd gelten.

Zwei Großdenker© Princeton University - Denise ApplewhiteChristopher A. Sims
Für Ökonomen, die sich mit dem großen Auf und Ab der Weltwirtschaft beschäftigen, gilt seit 2008 der Queen-Elizabeth-Test. Als die Finanzkrise ausgebrochen war, ließ die Monarchin sich in Ruhe an der London School of Economics (LSE) darüber aufklären, und hinterher fragte sie: »Warum war es keinem aufgefallen?«

Gut, ein paar Ökonomen hatten gewarnt. Aber es waren nur wenige, und um den Ruf der Disziplin ist es seither nicht gut bestellt. Leider ist nicht ganz klar, wie der Wirtschaftsnobelpreis, der am Montag an Thomas J. Sargent von der New York University und Christopher A. Sims aus Princeton verliehen wurde, zu ihrer Rehabilitierung beitragen sollte. Die beiden sind Makroökonomen, Erforscher der großen Dinge: der Konjunktur, der Geldversorgung, der Wirtschaftspolitik, des boom and bust. Sargent und Sims haben die gängigen Modelle beeinflusst, die Ökonomen zur Analyse der Zusammenhänge, von Ursache und Wirkung benutzen. Sie haben eine Unzahl raffinierter mathematischer Verfahren entdeckt. Geholfen hat es aber offenbar wenig.

Besonders Sargent wird sogar heute als Vertreter einer Ökonomengattung kritisiert, die vor lauter mathematischer Eleganz völlig den Kontakt zur Realität verloren habe. Ein Grund ist, dass er in seinen Arbeiten eine Annahme übernahm, die man als rational expectations bezeichnet: Demnach wägen Menschen ihre Entscheidungen strikt nach Kosten und Nutzen ab, und zwar auf der Basis realistischer Erwartungen an die Zukunft. Sie seien immer rundum über die wirtschaftliche und politische Lage informiert. Die Kritik daran, wie sie heutzutage geradezu herablassend vorgetragen wird, ist nicht ganz fair. Sargent und andere rational expectations-Fans sind nicht so weltfremd, dass sie glauben, ihre Modellannahme beschreibe tatsächlich den Menschen. Sie sagen bloß: Im statistischen Mittel verhalten sich die Wirtschaftsteilnehmer schon mehr oder weniger rational. Individuelle Fehler und Fehleinschätzungen höben sich bei Massen von Menschen gegenseitig auf. Und Makroökonomen befassen sich ja wirklich mit riesigen Massen.

Zwei Großdenker © New York University Thomas J. Sargent
Auf dieser Grundlage geht Sargent davon aus, dass man die Menschen nicht so leicht austricksen kann. Insbesondere dann nicht, wenn man ein Wirtschaftspolitiker oder ein Zentralbanker ist. In den Augen von Thomas Sargent kann es einer Notenbank beispielsweise nicht gelingen, durch das Drucken von immer mehr Geld die Wirtschaft anzuheizen: Die Menschen als Gruppe durchschauten das ganz schnell. Sie wüssten, dass irgendwann Inflation käme und den Geldsegen wieder zunichtemachen würde. So sei es in den siebziger Jahren geschehen. Sargents Nachdenken über solche Ursachen und Wirkungen in der Wirtschaft, und vor allem seine unglaublich komplexen, mathematischen Analysemethoden, wurden zu wichtigen Grundlagen einer ganzen Richtung in der Wirtschaftspolitik.

Sargent hat die Verfechter der Stabilitätspolitik in ihren Ansichten gestärkt, die es für die vordringliche Aufgabe halten, langfristige Erwartungen an eine solide Zukunft zu wecken und das Eingreifen und Steuern auf ein Minimum zu beschränken. So kommen Stabilitätspolitiker meistens mit der Empfehlung daher, die Inflationsrate stets unter strenger Kontrolle zu halten. Unter Ökonomen ist all das umstritten. Manche lehnen Sargents Einschätzung rundheraus ab, dass die eher keynesianisch geprägte Wirtschaftspolitik der siebziger Jahre die Ursache für die damalige Inflation gewesen sein soll. Der steigende Ölpreis sei viel wichtiger gewesen. Und diese merkwürdigen Grundannahmen! Wenn die Menschenmassen stets rational und wohlinformiert waren, wie erklärten sich dann Börsenpaniken und kollektive Euphorien? Sargent hat seine Methoden gegen diesen Vorwurf stets verteidigt. So einfach seien sie ja nicht. »Makroökonomen haben viel kreative Arbeit geleistet, um die Theorie der rationalen Erwartungen zu erweitern, sodass man auch Blasen und Crashs verstehen kann«, sagte er 2010 in einem Interview.

Für den anderen Preisträger, Christopher Sims, sind die Menschen komplizierter gestrickt. Rational und eigennützig, so stellt sich auch Sims den durchschnittlichen Wirtschaftsteilnehmer vor - aber nicht immer gut informiert. Die Menschen, so Sims, könnten sich gar nicht laufend Informationen beschaffen, das sei viel zu aufwendig, und sie wollten es nicht einmal. Es reiche ihnen, ungefähr Bescheid zu wissen und hin und wieder ihren Informationsstand aufzufrischen. Sims hat das resultierende Verhalten des Menschen einmal als »Trägheit, eine Neigung zu zufälligen Entscheidungen und Verzögerungen« beschrieben. Mit einem Seitenhieb auf die »rationalen Erwartungen« seiner Kollegen sprach er von »rationaler Unaufmerksamkeit«.

Sims interessiert sich sehr dafür, was passiert, wenn einem solchen nicht ganz optimal informierten Menschen etwas Unerwartetes widerfährt. Eine wirtschaftliche Entwicklung, mit der niemand gerechnet hat: ein Ölschock zum Beispiel oder eine unerwartete Veränderung der Leitzinsen durch die Notenbank. Und: Was lehrt das Geld- und Wirtschaftspolitiker? Wie sein Mitpreisträger Sargent wurde auch Sims zum akribischen Sammler historischer Wirtschaftsdaten und zum Errichter gewaltiger Formelgebäude. Und auch auf Sims' Erkenntnisse stützt sich ein großer Teil der heutigen Wirtschaftspolitik. Geldpolitiker bei den Notenbanken etwa wissen dank der Simschen Methoden die Wirkung ihres Handelns besser einzuschätzen: Wenn sie die Zinsen ändern, dann folgt die Wirkung in der Wirtschaft nicht sofort.

Höhere Zinsen bedeuten nicht, dass alle gleich mehr sparen; niedrigere Zinsen bedeuten nicht, dass sie sich umgehend mehr Geld leihen. Die angestrebte Veränderung kann bis zu zwei Jahre dauern. All das sind wertvolle Erkenntnisse. Doch es bleibt der Queen-Elizabeth-Test. Beide Preisträger sind für die Modellwelten mitverantwortlich, in denen sie selbst und große Teile der Ökonomenzunft sich sicher bewegten, während sie die Weltfinanzkrise übersahen. Lösungen für eine schnelle Bereinigung des Durcheinanders haben sie nach eigenem Bekunden nicht zu bieten. »Wenn ich eine einfachere Lösung hätte, würde ich sie in die Welt hinausposaunen«, sagte Sims in einer ersten Reaktion, und Sargent murmelte etwas von »Gelehrtentypen, die sich die Zahlen anschauen und herausfinden wollen, was eigentlich los ist«. Trotzdem: herzlichen Glückwunsch!

Aus DIE ZEIT :: 13.10.2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote