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Zwei Naturwissenschaftler - angekommen in ihren Berufen

VON BÄRBEL BROER

Eine Feld-, Wald- und Wiesenbiologin war sie nie. Ulla Schmitt wollte immer im anwendungsorientierten Bereich arbeiten. Die Diplom-Biologin arbeitet für ein amerikanisches mittelständisches Unternehmen als Key-Account-Managerin im technischen Verkauf. Ihr Arbeitsort: Home-office in einer kleinen Stadt im Rheinland. Ganz anders dagegen die Arbeitsumgebung von Dr. Ioannis Simiantonakis. High-Tech-Produkte aus dem Bereich der Strahlentherapie sind tägliches Handwerkszeug des Medizinphysikers an der Uniklinik Düsseldorf. Unterschiedlicher könnten die Karrieren der beiden Naturwissenschaftler kaum sein. Wichtig für sie: Beide sind angekommen.

Zwei Naturwissenschaftler - angekommen in ihren Berufen@ Israel Hervás - iStockphoto.comZiel erreicht: Karrieren von Naturwissenschaftlern nach dem Berufseinstieg
Telefon, Laptop, Computer - viel mehr braucht Ulla Schmitt für ihren Job nicht. Dabei ist es "Biologie pur", was sie verkauft: Membranen. Sie dienen der sterilen Filtration in den unterschiedlichsten Bereichen. Infusionslösungen auf den Frühchen-Stationen oder in der Anästhesie, Produkte der Pharma- oder Chemieindustrie, Belüftungs-, Getränke- oder Beatmungsfilter - alles muss keim-, staub-, bakterienfrei sein. "Ohne mein Fachwissen könnte ich diesen Beruf nicht ausüben", sagt Schmitt. Ihr Biologie-Studium, aber auch ihre Grundkenntnisse in Physik, Mathe und Chemie seien wesentlich für ihre tägliche Arbeit. "Sonst würde ich manches Anliegen unserer Kunden nicht verstehen", erklärt die 46-Jährige.

Antrag auf Stipendium abgelehnt

Die gebürtige Frankfurterin hat Biologie an der Universität Gießen studiert. Für die praktische Forschung im Rahmen ihrer Diplomarbeit lebte sie knapp zehn Monate in Athen und experimentierte am dortigen Institut für Pflanzenschutz im Bereich der biologischen Schädlingsbekämpfung. "Nach dem Diplom wollte ich eigentlich in England promovieren", so Ulla Schmitt. Doch dann wurde ihr Stipendiums-Antrag abgelehnt. "Ich musste meine Pläne ändern, denn den Auslandsaufenthalt hätte ich mir nicht leisten können - ohne Stipendium."

Als Mutterschutzvertretung arbeitete sie zunächst beim Pflanzenschutzdienst in Frankfurt. Karriere war hier nicht möglich: "Dafür hätte ich ein Agrarstudium in der Tasche haben müssen." 1993 ging sie nach Halle an der Saale auf eine Doktorandenstelle an der Uni. Doch ihre Forschungsarbeiten erwiesen sich als "Fass ohne Boden". "Da hätte ich nach sechs Jahren noch nicht promoviert." Auch kamen ihr langsam Zweifel, ob sie in der Wissenschaft richtig sei. Zeit zu handeln. "Denn ich wollte nicht für die Wirtschaft uninteressant werden, weil ich zu lange im universitären Bereich tätig war", sagt Schmitt. Nach drei Jahren Uni wechselte sie in die Wirtschaft, ging zunächst nach Frankfurt, der deutschen Niederlassung ihres Arbeitgebers, später nach Düsseldorf.

Zwei Naturwissenschaftler - angekommen in ihren Berufen Ulla Schmitt

Verkauf vom Home-office aus

Nach der Geburt ihres Sohnes 2001 arbeitete sie zunächst in Teilzeit, mittlerweile ist sie bei 90 Prozent der Arbeitszeit. Klassischen Außendienst hat sie recht selten. Die meisten Arbeitsprozesse gehen per Mail oder Telefon. "Ich muss aber auch mal bei einem Kunden vor Ort sein", erzählt sie. Ab und zu fliegt sie in die USA zu ihrem Arbeitgeber. Schmitt ist zufrieden mit ihrem Job, ist angekommen: "Meine Arbeit ist unglaublich vielfältig. Ich habe viel Kontakt mit Menschen und auch der verkäuferische Teil meiner Arbeit macht mir Spaß." Hinzu kommt: "Im Home-office sind Familie und Job gut zu vereinbaren", sagt Schmitt.

Perfekte Kombination aus Physik und Technik

Auch Ioannis Simiantonakis ist glücklich in seinem Job als stellvertretender Leitender Medizinphysiker an der Uniklinik Düsseldorf. "Auf der einen Seite habe ich die perfekte Kombination aus Physik und Technik", erzählt der gebürtige Grieche, der gerade ein gutes Jahr alt war, als seine Eltern mit ihm von Kreta nach Ludwigshafen zogen. "Auf der anderen Seite wird mir die Sinnhaftigkeit meines Tuns jeden Tag vor Augen geführt." Große Worte - doch nicht übertrieben. Denn als Medizinphysiker plant er gemeinsam mit den Ärzten die optimalen strahlentherapeutischen Behandlungsmethoden für zum Teil schwerstkranke Patienten. "Wir haben eine ähnliche Funktion wie die Apotheker", erklärt sein Chef Burkhardt Bannach, Leitender Medizinphysiker. "Der Arzt verordnet und wir setzen dies hinsichtlich der Dosisspezifikation um."

Das Qualifikationsniveau für Medizinphysik-Experten ist genau geregelt in der "Richtlinie Strahlenschutz in der Medizin 2011": Neben Grundkenntnissen unter anderem in der Anatomie, Biochemie, Strahlenbiologie und Röntgendiagnostik müssen sie über "vertieftes Fachwissen" im Anwendungsgebiet Nuklearmedizin und Strahlentherapie verfügen. Dazu zählt beispielsweise die Biokinetik radioaktiv markierter Stoffe, die Emissionstomographie mit Gammastrahlen (SPECT), die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und die Strahlungsmesstechnik sowie Dosimetrie, aber auch die Verfahren zur Tumorlokalisation sowie die Planung und Einrichtung von Strahlentherapie-Abteilungen. Alles in allem viel Physik und Technik.

Zwei Naturwissenschaftler - angekommen in ihren Berufen Dr. Ioannis Simiantonakis

"Kranke Menschen nicht vergessen"

"Als Medizinphysiker darf man über diese ganze Technik hinaus aber nicht vergessen, dass wir für kranke Menschen mit Ängsten und Schmerzen arbeiten", sagt Simiantonakis. Bannach pflichtet ihm bei: "Die beste Technik nützt nichts, wenn wir das Wohl des Patienten nicht berücksichtigen." Denn viele der Behandlungsbedürftigen sind unruhig, haben Schmerz- oder Druckgefühl, wenn sie während der Strahlentherapie zu lange ruhig liegen bleiben müssen. "Das müssen wir alles berücksichtigen", sagt Bannach.

Die direkte Arbeit mit Patienten hat Simiantonakis erst als Postdoc kennengelernt. Zuvor hatte er Physik an der Uni Heidelberg studiert. Am Deutschen Krebsforschungszentrum promovierte er zum Thema "Hochenergetischer Ultraschall zur Zerstörung von Mamma-Karzinomen". Dann folgten zwei Jahre in der Strahlentherapie der Uniklinik Heidelberg. "Hier habe ich erst die eigentliche klinische Tätigkeit kennengelernt", so Simiantonakis. Trotz seiner Qualifikationen musste Simiantonakis die Klinik verlassen. "Nach fünf Jahren gab es keine Vertragsverlängerung."

Befristete Stelle als MPE nicht sinnvoll

Zwei Jahre am städtischen Krankenhaus in Heilbronn folgten. In dieser Zeit erwarb er auch den MPE, den Medizinphysik-Experten. Sie bestätigt die erforderliche Fachkunde nach der Nomenklatur der erneuerten Strahlenschutzverordnung (StrSchV) und bezeichnet damit den physikalisch-technischen Strahlenschutzbeauftragten. Dieses Zertifikat ist wichtig. Denn gesetzliche Vorschriften fordern, dass mindestens ein Medizinphysik-Experte mitwirken muss, wenn strahlentherapeutische oder nuklearmedizinische Behandlungen geplant und vorgenommen werden - egal, ob an Kliniken oder privaten Strahlentherapien.

Doch der gebürtige Grieche wollte noch weiter lernen. "Ich ging ans Hahn-Meitner-Institut in Berlin, um mich in der Protonentherapie bei Augentumoren weiterzubilden." Als dann in Düsseldorf eine MPE-Stelle ausgeschrieben war, wechselte er erneut - erstmals eine unbefristete Stelle. In solchen Positionen seien befristete Verträge auch nicht sinnvoll, so sein Chef. "Manche Großgeräte, deren Genehmigung wir bei Behörden beantragen müssen, sind an den Namen des Antragstellers gekoppelt", erklärt Bannach. Und noch etwas ist ihm wichtig: In fünf Jahren wird der heute 60-Jährige die Strahlentherapie verlassen. "Deshalb habe ich großes Interesse daran, meinen Stellvertreter so einzuarbeiten, dass er die gleichen Qualifikationen hat."

Simiantonakis fühlt sich wohl in Düsseldorf, schätzt die Teamarbeit in der Strahlentherapie und freut sich über die Symbiose von Technik und Arbeit am Patienten. Seine vielen Weiterbildungen haben sich gelohnt. Der Physiker ist angekommen - so wie die Biologin.


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academics :: März 2013

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